Kapitel 1
Der Schnee fällt langsam, aber beständig an diesem ersten Abend im Dezember. Die Landschaft vor dem Fenster, der Bibliothek verschwindet allmählich unter der Schneeschicht.
Ich stehe am besagten Fenster und mache eine Pause. Hinter mir am brennenden Kamin steht auf einem kleinen Tischchen, neben einem bequemen Sessel, der Laptop, mit dem ich arbeite.
Mit seiner Hilfe notiere ich meine Gedanken und Pläne, wie ich das Rudel umstrukturiert bekomme. Gar keine einfache Aufgabe, da die Rangordnung ein fester Bestandteil des täglichen Lebens hier ist.
Mein Plan bis jetzt ist es, erst mal die Arbeiten anders zu verteilen, gerechter. Bis jetzt erledigen die Omegas die anstrengendsten Arbeiten. Die Gammas sind überwiegend für die Organisation zuständig und die Betas für die Sicherheit.
Außerdem möchte ich erlauben, dass auch Gammas oder Omegas sich als Anwärter bewerben können. Noch so eine Ungerechtigkeit. Bis jetzt dürfen nämlich nur die Betas sich an die wenigen Frauen ran machen.
Da meine Freundin Lizzi, aber seit längerem Interesse an einem Gamma hat, Sie aber nicht zusammen sein können, aufgrund dieser Regel, ist es mir besonders wichtig, dies zu ändern.
Lizzi ist seit zwei Monaten fünfundzwanzig, was bedeutet, dass Sie jetzt das alter erreicht hat, an dem die Männer Sie umwerben dürfen. Bis jetzt hat es Lizzi erfolgreich geschafft alle potenziellen Bewerber zu verschrecken, um mir die Zeit zu lassen, diese neue Regel durchzusetzen.
Ich kann das allerdings erst, wenn Eric, unser Alpha, wieder zurück ist. Zwar habe ich es geschafft, mir den Respekt vom Rudel zu erarbeiten, aber nur Eric kann mit seiner Dominanten Art, das Rudel zu so einer drastischen Änderung bringen.
Es sind nun zwei Monate, die wir erneut voneinander getrennt sind. Eric ist mit seinem Halbbruder Noah und zehn anderen Betas aufgebrochen, um das Schattensteppen Rudel ausfindig zu machen.
Das Rudel von Ihrem gewalttätigen Vater. Henk, so heißt er, hat erst Eric und seine Mutter gequält, bis diese zum Schutz Ihres Sohnes gestorben ist. Danach hat Henk wahrscheinlich dafür gesorgt, dass meine und Bens Eltern bei einem Autounfall verunglückt sind. Und schließlich hat er Noah seine ganzen sechsundzwanzig Jahre misshandelt.
Mir ist bis heute unerklärlich, wie Noah trotzdem so ein guter Mensch sein kann. Ich bewundere beide Männer, Eric wie Noah für Ihre Stärke.
Ich habe mich nach dem Tod unserer Eltern vor vier Jahren, um meinen zwölfjährigen kleinen Bruder Ben gekümmert. Das Rudel hat uns dann aufgespürt und uns genau genommen, nach hier in den Dunkelwald entführt. Zum Glück, wie sich herausstellte.
Ben und ich sind Wandler Halbblüter, was bedeutet, dass wir uns irgendwann in Wölfe verwandeln können. Meine erste Wandlung war erst vor ein paar Monaten. Für Ben ist es noch zu früh, da sich Wandler Kinder erst ab sechzehn beginnen zu wandeln.
Ich habe es mittlerweile geschafft den Schmerz, den ich bei jeder Wandlung am Anfang gespürt habe, so weit unter Kontrolle zu haben, dass ich mich direkt bewegen kann. Am Anfang war es schon unmöglich, auch nur bei Bewusstsein zu bleiben.
Ich bin Anfang Juli in diese Neue Welt gekommen und jetzt haben wir schon Dezember. Die Zeit vergeht so schnell, beziehungsweise viel zu langsam, wenn Eric, mein Gefährte, nicht bei mir ist. Und das war bis jetzt die meiste Zeit, wie mir auffällt.
Nach meiner Entscheidung für ihn, hat er mich stehen gelassen und war ganze sechs Wochen verschwunden. Jetzt ist er schon seit zwei Monaten weg. Aufgebrochen diesen schrecklichen Mann zu finden und zu bestrafen. Allerdings sieht es nicht so aus, als ob diese Mission von Erfolg gewesen ist.
Eric hat mir geschrieben, dass Sie auf dem Rückweg sind, und das ohne Henk. Mir tut es leid, dass Sie ihn nicht gefunden haben, was mich verängstigt und wütend macht, denn es bedeutet nämlich immer noch, dass ein Angriff auf unser Rudel möglich ist.
Während unseres Aufenthalts beim Nebelwiesen Rudel, wurde eben dieses in Henks Auftrag angegriffen. Dabei sind drei Wandler umgekommen. Unter anderem Anna, die Tochter der Alpha Claire.
Ich hatte mit angesehen, wie Claire Ihre tote Tochter im Arm hielt, während diese aus der zerfetzten Kehle verblutete. Dieser Anblick hat mich bis ins Mark getroffen und ich mache mir Vorwürfe, dass ich meinen Spaß mit Eric hatte, während Anna Ihre letzten Stunden lebend verbracht hat.
Es ist natürlich idiotisch mir die Schuld dafür zu geben, aber ich kann Ihren leeren Gesichtsausdruck nicht abschütteln. Diese Gedanken haben auch dazu geführt, dass ich mich nach unserer Rückkehr in den Dunkelwald, von Eric distanziert habe.
Seine Nähe war mir so unangenehm und ich verbinde unsere gemeinsame Nacht mit Annas Tod. Ich bin ihm aus dem Weg gegangen, weil ich dachte, ich würde ihn damit weniger quälen. Jedoch war das die falsche Entscheidung und Eric ist losgezogen, ohne dass wir die Situation richtig klären konnten.
Ich freue mich, wenn Eric bald zurück ist, bin aber auch sehr nervös. Wie wird er reagieren, wenn wir uns wieder sehen? Wie werde ich mich verhalten?
Ich seufze und gehe zurück zum Sessel, nehme den Laptop auf meinen Schoß und versuche weiterzukommen.
***
Eric:
Eric sitzt auf einem, mit hohem Gras bewachsenen, Hügel und schaut zum Himmel hinauf. Der Himmel ist dunkel, abgesehen von den vielen Sternen, die man hier im nirgendwo gut sehen kann.
Noah, die anderen Betas und er befindet sich auf den Weg zu einem geheimen Unterschlupf von Henk. Paul ist auch bei Ihnen.
Vom Dunkelwald aus sind Sie noch mal zur Nebelwiese, dem nördlichen Rudel gefahren und haben Viviane, die im Moment eben dieses anführt, um seine Unterstützung gebeten.
Eric hätte zwar eigentlich lieber Viktor mitgenommen, da seine Fährtensuche noch besser ist, wie die von Paul, allerdings war ihm wichtiger, dass Viktor bei seinem Rudel ist.
Niemand anderem wollte er die Sicherheit des Rudels im Moment anvertrauen. Komisch. Vor den Spielen hätte Eric so was niemals gedacht. Er hat Viktor gehasst und auch schon mindestens einmal versucht ihn umzubringen.
Die Spiele haben so viel verändert. Eric vertraut Viktor, jetzt wo dieser auch eine Gefährtin hat. Sie sind als Gruppe zusammengewachsen.
Eric ist froh, dass Viviane und auch Paul, eingewilligt haben, dass er sich mit auf die Suche nach Henk macht. Paul ist der zweit beste Fährtensucher, den Eric nun mal kennt.
Es sind jetzt fast zwei Monate vergangen, seit Eric sich von Marie verabschiedet hat, um seinen Vater zur Rechenschaft zu ziehen.
Erst haben Sie noch tagelang das Gebiet um die Nebelwiese abgesucht, allerdings ohne Erfolg. Deswegen hat Noah sie in das Gebiet der Schatten Steppe, im Osten geführt.
Angefangen bei dem Hauptlager des Rudels. Es war jedoch offensichtlich, dass das kleine Rudel nur bestehend aus Männern, hier schon lange nicht mehr war. Eric hatte das zwar erwartet, aber es war dennoch eine Enttäuschung. Sein Vater würde es ihm nicht so leicht machen.
Eric hatte jedoch unter Henks wenigen persönlichen Sachen, einen einzigen brauchbaren Hinweis gefunden. Henk hat eine Lagerhalle am Stadtrand einer größeren Stadt gemietet, wovon sein Rudel wohl nichts wusste.
Noah hat erzählt, dass sein Vater öfters mal einige Tage weg war. Das war aber nicht außergewöhnlich, da das Rudel sich öfter mal trennte und dann wieder zusammengekommen ist.
Jetzt sind Sie in der Nähe dieser Stadt, jedoch sind Sie auf dem Weg bis hier hin, an einigen Spots des Östlichen Rudel vorbeigekommen. Da dieses ein Nomadenleben geführt haben, waren Sie nie lange an einem Ort. Jedes Lager war immer ohne Erfolg. Sein Erzeuger ist nicht das Risiko eingegangen, an eine Stelle zurückzukehren, die Noah kennt und Eric somit dort hinführen würde.
In dem Kampf gegen seinen Vater beim nördlichen Rudel hatte Eric deutlich bewiesen, dass er Henk überlegen ist und ihn töten kann, wenn er denn möchte.
Trotzdem frustriert diese ganze erfolglose Suche Eric unendlich. Es bereitetet ihm Sorgen, dass er Henk einfach nicht schnappen kann. Aber sein Vater war seinem Rudel, schließlich auch schon die letzten fünfundzwanzig Jahre immer wieder durch die Finger geschlüpft. Er ist kein Wolf, sondern ein widerlicher Wurm.
Eric lässt sich auf seinen Rücken zurückgleiten. Was Marie jetzt wohl macht? Es ist schon ziemlich kalt geworden und er kann sich vorstellen, dass es bei Ihnen in den Bergen schon langsam schneit.
Wie wird es, wenn er wieder zurück nach Hause kommt? Ob Marie sich freut, ihn wieder zu sehen? Ihr Abschied lässt ihn zwar hoffen, aber sicher ist er sich nicht.
Noch bis zum vor Abend seines Aufbruchs, ist Marie ihm aus dem Weg gegangen, da Sie seine Berührungen, seine Nähe nicht ertragen konnte. Vielleicht hat die vergangene Zeit ja etwas daran geändert, aber sicher kann er sich erst sein, wenn er zurück ist.
Wenn die Lagerhalle keine neue Spur bringt, kehren Sie erst mal wieder zurück. Vorerst.