1. Umzug in die Burg
Spoilerfrei nach Kapitel 2
Früh am Morgen betrat Elias den Kerker seines Herren. Noch immer hing Finya gefesselt in ihren Ketten. Auch wenn das Mädchen selber Schuld an ihrer aktuellen Lage trug, tat sie ihm fast schon Leid. Sie hatte eindeutig starke Schmerzen. Wenn sie erst einmal den Trank zu sich genommen hätte, würde es ihr besser gehen. Elias stellte den Becher zur Seite und trat auf das zitternde Mädchen zu. Sanft griff er an ihre Hüfte und half ihr, sich aufzurichten. Bis jetzt hatte er geschwiegen, gab es doch keinen Grund für große Worte. Es würde nicht leicht werden, dem Mädchen den Trank einzuflößen. Elias wusste selbst, wie bitter der Trank schmeckte. Sanft hob er Finyas Kopf an und führte den Becher an ihre Lippen. Elias stöhnte genervt, als Finya sich auch nach wiederholter Aufforderung weigerte, den Trank zu trinken, schließlich sogar panisch wirkte. Gut, er konnte sie verstehen. Er selbst würde sich wohl auch dagegen sträuben. Er seufzte leise. Vielleicht konnte er sie ja doch etwas beruhigen. „Du bist für den Bruder des Fürsten bestimmt. Der Trank wird dich also wohl kaum umbringen.“ richtete er schließlich das Wort an sie. Zufrieden registrierte er, wie Finyas Widerstand bröckelte und sie gehorsam den Becher leerte. Jetzt musste er nur noch abwarten. Elias stellte den Becher zur Seite. Er musste nicht lange warten, da begannen Finyas Augen bereits zu flackern. Sofort umschlang er mit dem einen Arm ihren Körper, während er mit der anderen Hand ihre Fesseln löste und das Mädchen sanft auf den Boden legte. Er wartete noch einen Moment, bis er sicher war, dass Finya tief schlief. Er lächelte. Finya würde es in Zukunft besser gehen. Dessen war er sich sicher. Langsam nahm er das schlafende Mädchen auf seine Arme und trug es aus dem Kerker heraus. In der Eingangshalle des Herrenhauses warteten bereits Fürst Silas und Dimitri, der Gardehauptmann des Königs. „Hast du ihr den ganzen Trank gegeben?“ fragte Silas nach. Elias nickte. „Nach anfänglicher Gegenwehr, hat sie den ganzen Becher bereitwillig geleert.“ Dimitri nickte zufrieden. „Dann sollte sie bis morgen durchschlafen.“ Er wandte sich an Silas. „Im Namen Eures Bruders, dem König, spreche ich meinen Dank für die Überlassung der Sklavin aus.“ Silas neigte den Kopf. „Vielleicht kommt er besser mit ihr klar. Wenn sie ihre Situation akzeptiert, wird sie mit Sicherheit eine gute und treue Sklavin.“ Dimitri verneigte sich. Gemeinsam verließen die drei Männer das Herrenhaus. Dimitri stieg auf sein Pferd, ließ sich von Elias das Mädchen reichen, und nahm sie vor sich auf den Sattel. „Falls mein Bruder fragt…Ich hätte Finya natürlich nicht zu Tode prügeln lassen. Aber ich hätte ihr einen ordentlichen Denkzettel verpasst.“ Dimitri schmunzelte. „Ich denke, das weiß Euer Bruder.“ Er neigte ein letztes Mal grüßend den Kopf und machte sich auf den Heimweg. Nachdenklich blickte er auf die junge Frau vor sich. Spät am Abend hatte Aaron ihn nach dem Besuch bei seinem Bruder noch einmal zu sich gerufen. Viel konnte Aaron ihm jedoch nicht über die junge Frau sagen, die diesem fortan als persönliche Sklavin dienen sollte. Er wusste nur, dass das Mädchen in den vier Wochen bei dem Fürsten bereits mehrere Fluchtversuche unternommen hatte. Aaron hatte, wie so oft bei neuen Sklaven, die junge Frau ihm unterstellt und somit oblag es ihm, sie in ihr neues Schicksal einzuführen. Dimitri seufzte. Normalerweise hatte er kein Problem damit, sich um neue Sklaven zu kümmern, doch für gewöhnlich hatten diese ihr Schicksal bereits akzeptiert. Er hatte wirklich besseres zu tun, als für Finya das Kindermädchen zu spielen und sie von sinnlosen Fluchtversuchen abzuhalten. Doch irgendwie tat ihm das Mädchen auch Leid. Er konnte ihren verstriemten Rücken deutlich durch ihren Kittel hindurch sehen. Wer wusste schon, was sie alles durchgemacht hatte. Die nächsten Tage konnte er sie mit Noxanum ruhig stellen und die Dosis dann langsam verringern. Ihrem gepeinigten Rücken würde es auch nicht schaden. Vielleicht sollte er ihr eine Chance geben. Doch für den Anfang würde er erst einmal streng zu ihr sein. Nach einem längeren Ritt kam er schließlich auf der Burg an. Arvid und Kjell erwarteten ihn bereits ungeduldig im Innenhof. Am liebsten hätten sie ihn zu Silas begleitet, doch Aaron hatte nicht zugestimmt. Kjell nahm Dimitri das schlafende Mädchen ab. „Sie schläft ja…“ wandte er dich dabei enttäuscht an Dimitri. „Natürlich tut sie das…anders wäre der Ritt hierher anstrengend geworden.“ Dimitri war inzwischen ebenfalls abgestiegen und übergab die Zügel an einen herbei eilenden Stallknecht. „Lasst uns Finya in ihr Zimmer bringen. Ich nehme an, es ist fertig?“ Kjell nickte. „Wir haben eine Kammer im ersten Stock gerichtet.“ Wenige Minuten später legte Dimitri die neue Sklavin seines Herren auf das Bett. Prüfend sah er sie an und nickte dann zufrieden. „Sie schläft noch tief und fest. Ich sag Aaron Bescheid, dass ich zurück bin.“ Wenige Minuten später kehrte Dimitri bereits mit Aaron zurück. „Gab es irgend welche Probleme?“ Dimitri schüttelte den Kopf. „Nein. Elias hat sie mir schon schlafend gebracht. Sie hat sich zwar wohl erst gesträubt, das Mittel zu nehmen, aber den Becher dann doch ausgetrunken. Sie wird also bis morgen schlafen.“ Aaron nickte leicht. „Auch wenn ich darauf brenne, mit ihr zu reden, ist es wohl besser so. Stell ihr morgen früh Brot und Wasser bereit und misch etwas Noxanum in das Wasser. Das sollte sie für den Tag ruhig stellen.“ Früh am nächsten Morgen, noch vor der Dämmerung, betrat Dimitri leise Finyas Kammer und stellte ihr Brot und Wasser auf den Tisch. Erneut beobachtete er sie. Bald würde sie aufwachen, das zeigte ihm ihr Atem und ihr unruhiger werdender Schlaf. Sein Gefühl sagte ihm, dass Finya etwas Besonderes war. Auch wenn er ahnte, dass sie ihm bestimmt Schwierigkeiten machen würde, mochte er sie dennoch bereits jetzt. So, wie sie auf dem Bett lag, wirkte sie unschuldig und friedlich. Leise verließ er die Kammer, schloss sie sorgfältig ab und machte sich auf den Weg zu seinem König. Auf dem Weg ging er noch im Wachraum vorbei. „Victor…“ sprach er eine der Wachen an. „Die neue Sklavin unseres Königs wird bald erwachen. Ich möchte, dass du die Kammer etwas im Blick behältst.“ Schließlich betrat er Aaron’s Büro. „Guten Morgen, mein Freund. Was macht meine neue Sklavin?“ Dimitri schmunzelte. Schon lange war sein König nicht mehr derart interessiert an neuen Sklaven gewesen. „Noch schläft sie, wird aber bald erwachen. In ihrem Wasser ist zwar genug Noxanum, um sie bis heute Abend schlafen zu lassen, ich habe Victor aber dennoch angewiesen, ein Auge auf ihre Kammer zu haben.“ Aaron nickte. „Bring ihr heute Abend etwas stärkendes zu Essen. Morgen Vormittag möchte ich sie dann in meinem Büro sehen.“ „Ich werde sie dir bringen.“ bestätigte er. Die Sonne näherte sich bereits dem Horizont, als Dimitri eine Schale mit Eintopf in Finyas Kammer stellte. Der Tag war anstrengend und arbeitsreich gewesen, weshalb er sich verspätet hatte. Eilig verließ er den Raum, als Finya begann, die Augen zu öffnen. Glücklicherweise hatte sie ihn nicht bemerkt. Dimitri blieb vor der Türe stehen. Wenige Minuten später kam auch schon Taro um die Ecke. In der Hand hielt er den Becher mit dem Schlaftrank, nach dem Dimitri ihn geschickt hatte. Während er selbst sich an die Wand lehnte, reichte er Taro den Schlüssel. „Bring du ihr den Trank, Taro. Aber sorg dafür, dass sie ihn auch trinkt.“ Vom Gang aus verfolgte er genau Finyas Reaktion. Ihm missfiel sichtlich, dass Taro sie erst überreden musste, den Becher zu trinken. Damit stand für ihn fest, dass er Finya vorerst wirklich mit aller Strenge behandeln würde. Zumindest so lange, bis sie ihren Widerstand aufgeben würde. Sein König war eindeutig gewesen. Er wollte Finya nicht gebrochen haben. Das hieß jedoch, er musste ihren Kampfgeist auf ein akzeptables Maß reduzieren. Er warf einen letzten Blick auf Finya, die bereits wieder tief schlief. Morgen würde er sie erstmals ihrem neuen Herren vorstellen.





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