Kapitel 1: Ruf des Waldes
Der Vollmond hing wie ein silbernes Auge am Nachthimmel, und sein kühles Licht fiel auf den dichten Wald, der sich wie ein endloses Meer aus Schatten und Geheimnissen ausbreitete. Zwischen den alten, knorrigen Bäumen, deren Äste im Wind knarrten, huschte eine Gestalt lautlos dahin. Ihr Atem ging schnell, die Sinne geschärft, das Herz pochte in einem wilden Takt.
Elena wusste, dass sie verfolgt wurde. Sie konnte es spüren – ein unheimliches Kribbeln im Nacken, das Gefühl von Augen, die sie aus der Dunkelheit heraus beobachteten. Sie wagte es nicht, sich umzusehen, denn sie wusste, dass ihr Verfolger schnell war. Schneller, als es ein Mensch je sein könnte.
Mit einem letzten Satz sprang sie über eine moosbewachsene Wurzel und fand sich an einem kleinen Bach wieder. Das leise Plätschern des Wassers beruhigte sie für einen Moment, doch dann ertönte ein tiefes, bedrohliches Knurren aus der Dunkelheit hinter ihr. Ihre Kehle schnürte sich zu, als sie langsam den Kopf drehte.
Aus den Schatten trat eine gewaltige Gestalt. Ein Wolf – doch nicht irgendein Wolf. Sein Fell war tiefschwarz, so dunkel, dass es das Mondlicht zu verschlucken schien, und seine Augen glühten in einem unheilvollen Gelb. Er war viel größer als ein gewöhnlicher Wolf, mit Muskeln, die sich unter dem dichten Fell abzeichneten, und Zähnen, die im Licht blitzten. Ein Werwolf.
Elena schluckte. Sie war auf der Flucht vor ihm, seitdem sie das erste Mal dieses unmenschliche Heulen gehört hatte, doch jetzt war die Flucht vorbei. Der Wolf senkte seinen Kopf leicht, als wolle er ihr Zeit geben, sich zu verabschieden, doch Elena wusste, dass sie kämpfen musste. Sie griff nach dem Dolch an ihrer Hüfte, den sie immer bei sich trug – ein Erbstück ihrer Familie, verziert mit alten Runen, die Schutz und Kraft versprachen.
Doch bevor sie den Dolch ziehen konnte, verwandelte sich die Situation. Der Wolf hielt inne, als hätte er etwas gespürt. Seine Ohren zuckten, und dann geschah etwas, das Elena niemals erwartet hätte: Er sprach.
„Lauf nicht“, grollte eine tiefe Stimme, die direkt in ihren Geist zu dringen schien. „Ich werde dir nichts tun.“
Elena stockte der Atem. Der Wolf sprach! Panik ergriff sie, doch zugleich war da eine seltsame Faszination. Seine Stimme war rau und kraftvoll, aber sie spürte keine Bedrohung darin – eher etwas anderes, etwas Unerwartetes, das sie nicht benennen konnte.
„Wer bist du?“ Ihre Stimme zitterte, doch sie versuchte, ruhig zu bleiben. „Was willst du von mir?“
Der Wolf trat einen Schritt vor und senkte den Kopf, sodass seine leuchtenden Augen direkt in ihre blickten. „Mein Name ist Kieran“, antwortete er. „Und ich bin dein Gefährte.“