Kapitel 1
BIRMINGHAM, 1920
XAVIER HILL
Hier sitze ich nun. In dieser trostlosen Zelle, umgeben von dicken Mauern und rostigen Gittern, die mich in der Fortress gefangen halten - einem Hochsicherheitsgefängnis für die Verlorenen. Für die Wahnsinnigen. Für die Mörder. Und ich... ich bin der Schlächter von Birmingham. So nennen sie mich jedenfalls.
Ein Mörder, der seine Opfer mit chirurgischer Präzision verstümmelte. Kaltblütig und grausam. Ich habe Frauen und Kinder gequält, wie es nur ein erfahrener Chirurg kann. Der schlimmste Albtraum der Stadt, während im Hintergrund der Krieg tobt.
Hier sitzend male ich mir aus, wie das Leben hätte sein können, während mich die Erinnerungen einholen.
«Du bist ein verdammter Mörder, Xavier!» Rubys Stimme bebt zwischen Verzweiflung und Wut. «N-Nie hätte ich das von dir erwartet, weißt du eigentlich, wie viele Menschen du umgebracht hast?! Verdammt, und ich dachte, wir hätten eine gemeinsame Zukunft!» Ihr Gesicht ist von Tränen verzerrt, ihre grünen Augen voller Entsetzen, während sie mich anstarrt. Sie scheint nicht zu verstehen, was hier gerade passiert - aber ich verstehe es auch nicht.
Ich verstehe es absolut nicht, denn das Letzte, woran ich mich erinnere, ist, dass ich aus der Tür gegangen bin, um Andrew zu treffen.
Ich sehe das Blut an meinen Händen, das rote, klebrige Zeug, das sich nicht abwischen lässt. Es fühlt sich an wie ein Traum. Ein Alptraum, aus dem ich nicht aufwachen kann. Alles um mich herum verschwimmt, als würde mir die Realität entgleiten. Aber hier bin ich. Ich bin es wirklich. Neben mir liegt ein toter Mann, in einer riesigen Blutlache, sein Körper verdreht und leblos. In meiner Hand - ein Skalpell.
Ich starre auf das dünne, scharfe Metall. Wie zum Teufel konnte so etwas passieren? Das war doch nicht ich, oder?
«Das ... das war ich nicht, das schwöre ich bei Gott!» Meine Stimme bricht, voller Panik und Angst. «Du musst mir glauben, Ruby, ich weiß nicht, wie zum Teufel ich hierhergekommen bin und was ich hier mache! Bitte, du musst mir glauben, Ruby... Ich wäre niemals zu so etwas fähig, das muss der Mörder inszeniert haben!»
Doch während ich diese Worte ausspreche, spüre ich, wie Zweifel in mir aufsteigen. Stimmt das wirklich? War ich es wirklich nicht? Oder hat mich der Wahnsinn, der mich seit dem Krieg verfolgt, endlich eingeholt? Was, wenn ich es wirklich war? Wenn ich all diese Menschen getötet habe und es einfach nicht begreife? Wenn ich es nicht verstehe und meine Realität getrübt ist?
«Ich dachte die ganze Zeit, dass du mich betrügst, Xavier... dass ich nicht gut genug für dich bin», ihre Stimme bricht langsam, der Zweifel steht ihr ins Gesicht geschrieben. Ruby glaubt mir nicht. Nicht mehr. Alles deutet darauf hin, dass ich es war, der diesen Mann getötet hat. Der saubere Schnitt, der doppelte Instrumentenknoten, der drei fingerdicke Restfaden, den ich immer hängen ließ. All die Dinge, die ich früher als Chirurg gemacht habe, aus dem Kopf heraus, und die Schwestern mich immer fragten, ob ich den Faden nicht noch abschneiden wolle.
Die Brust des Mannes ist sauber aufgeschnitten und ich habe sie wieder zugenäht und daneben... daneben ist sein Herz.
«Ich bin dir gefolgt, um zu sehen, mit wem du die Nacht verbringst, aber damit... damit habe ich nicht gerechnet.» Ruby bricht in Tränen aus, als sie plötzlich von mir wegläuft, und ich verzweifelt auf die Knie falle.
Der Schock sitzt tief in mir und ich kann mich nicht mehr bewegen. Mein gesunder Menschenverstand setzt aus, während der Regen auf mich niederprasselt und die Dunkelheit mich verschlingt.
Ich bin der Schlächter von Birmingham. Der gefürchtete Killer.
BIRMINGHAM, 1918
"Guten Morgen Mrs. Hill, ich suche Xavier Hill... Ist er zu sprechen?", höre ich eine männliche Stimme an der Haustür, als ich stirnrunzelnd aufblicke und meine Arbeit in der Küche liegen lasse. Die Spüle hat ein Leck, ich habe mich daran gemacht, es zu reparieren, aber es scheint, als müsse es warten. Ich lege den rostigen Schraubenzieher in meiner Hand beiseite und wische mir die Hände an der Hose ab, als ich zur Tür gehe und meine Frau Ruby ansehe, die mir einen besorgten Blick zuwirft.
Ich bin überrascht, den Sheriff am frühen Morgen vor der Tür zu sehen, und frage mich, was es damit auf sich hat. Er trägt seine Uniform, die Polizeimarke ist auf der linken Brustseite zu sehen und der Hut hängt ihm ins Gesicht. Krane ist ein langjähriger Polizist hier in Birmingham, und wenn er auftaucht, bedeutet das meistens nichts Gutes.
"Mr. Hill", sagt er, als ich ihm leicht zunicke "Guten Morgen, Sheriff, was verschafft mir die Ehre?", frage ich ihn, während meine Mundwinkel zu einem Lächeln zucken.
"Nun, es tut mir wirklich leid, sie so früh am Morgen zu stören, aber wir sind hier, weil wir ihr Wissen in einem Fall benötigen", spricht Krane mich an, als ich die Stirn runzle.
"Kommen sie rein", biete ich ihm an, trete zur Seite und lasse Krane eintreten.
"Nennen sie mich Johannes, das erleichtert uns die Arbeit", bietet er mir an, als ich leicht nicke und ihn ins Wohnzimmer führe, während Rubys Blick immer noch misstrauisch ist.
"Es geht um mehrere Morde, die sich in letzter Zeit ereignet haben ... die nichts mit dem Weltkrieg zu tun haben, sondern passieren, weil jemand Menschen auf schreckliche Art und Weise sterben lassen will... Man will die Stadt verunsichern und ich muss gestehen, dass wir mit unserem Latein am Ende sind." er macht eine kurze Pause, als er schliesslich fortfährt.
"Wir kommen nicht weiter und die beste Idee, die wir hatten, war, dich zu fragen, ob du uns bei den Ermittlungen helfen kannst. Ein Profil des Täters erstellen und vielleicht auch mal einen Blick auf die Leichen werden könntest?...", Johannes zieht die Augenbrauen hoch und hält inne.
"Es sieht so aus, als hätte sich der Mörder auf Thoraxchirurgie spezialisiert", er befeuchtet seine Lippen mit der Zunge und schließt für einen kurzen Moment die Augen. Als er diese Worte ausspricht, muss ich kurz innehalten, denn er trifft fast ins Schwarze, denn ich war ein verdammter Chirurg gewesen.
"Du musst es dir wirklich selbst ansehen, damit du meinen Worten überhaupt Glauben schenken kannst", wiederholt er.
Ich höre ihm zu und muss innehalten, denn diese Arbeit habe ich vor drei Jahren aufgegeben, als ich mich entschloss, in die Armee einzutreten und für England im Krieg zu kämpfen. Ich war bis vor drei Monaten an der Front, als ich nach Hause zurückkehren konnte.
"Ich arbeite nicht mehr seit...", seit ich einen großen Fehler bei einer Patientin gemacht habe, die während der Operation buchstäblich verblutete und daran starb. Ich kann meine Worte nicht beenden und verstumme, weil es mir auch heute noch schwerfällt, darüber zu sprechen.
Natürlich können Fehler passieren, aber dieser Fehler ist einer jungen Frau von zwanzig Jahren passiert, die noch ein Leben vor sich hatte. Ich war ein berühmter Chirurg und forensischer Psychiater. Man brauchte mich überall, und doch hatte ich nicht mehr das Herz für die Fortsetzung meiner Arbeit in diesem Bereich. Albträume verfolgen mich bis heute. All das Blut, all das Chaos.
"Xavier?", Johannes holt mich in die Realität zurück, ich war mit meinen Gedanken wieder bei der Situation von damals und muss jetzt hart schlucken.
"Tut mir leid", antworte ich und räuspere mich leise. Diese Operation werde ich nie vergessen. Sie hat mich meine Seele gekostet und nicht einmal der Krieg in den Schützengräben war so grausam. Zumindest für mich.
"Nun... Willst du mitkommen und dir das alles ansehen?", fragt er mich wieder, als ich leicht mit dem Kopf schüttle.
"Hör mal Johannes... Ich weiß wirklich nicht, ob ich das kann, nach dem Vorfall damals habe ich mir geschworen, diese Arbeit sein zu lassen - ich kann das wirklich nicht", antworte ich, als ein besorgter Blick über Johannes Gesicht huscht.
"Viele Menschen sterben, Xavier... Ich weiß, dass man nicht ungeschehen machen kann, was passiert ist, aber für alle Menschen in Birmingham ist es wichtig... Frauen und Kinder sterben, und die Folgen werden verheerend sein, wenn der Mörder nicht gefasst wird... Niemand sagt dir, dass du irgendetwas operieren sollst - sieh es dir einfach an und mach uns ein Bild von allem... Ich bitte dich, Xavier", antwortet Johannes, während seine Stimme immer leiser wird und mir ein schlechtes Gewissen macht.
Ich starre für einen Moment aus dem Fenster und habe das Gefühl, die ganze Welt steht still.
"Er hat recht, Liebling... Wenn du ihnen helfen kannst, dann solltest du es tun", höre ich Ruby plötzlich sagen, während sie mir ein verzweifeltes Lächeln schenkt. Ruby, mein Herz und meine Seele. Keine Frage, für sie war es immer eine Herausforderung, meine Aufmerksamkeit zu bekommen. Früher war ich immer sehr mit meiner Arbeit beschäftigt, dann bin ich in den Krieg gezogen und jetzt habe ich endlich Zeit für meine Familie gefunden, aber es scheint, dass die Arbeit mich nicht loslässt - nicht loslassen will. Auf eine gewisse Art und Weise tut es mir für sie leid, denn sie zu vernachlässigen macht mir ein schlechtes Gewissen.
"Bist du sicher?", frage ich sie leise, als sie leicht nickt.
"Natürlich... Ich meine, es werden immer wieder Menschen getötet und wer weiß schon, wann wir die nächsten sein werden? Ich bin dafür, dass du der Polizei hilfst, so gut du kannst", antwortet sie, während sich Hoffnung auf Johannes Gesicht ausbreitet.
"Na gut... Aber wie gesagt. Ich werde ein Täterprofil erstellen und die Leichen untersuchen - das ist alles."
Johannes sieht mich lächelnd an, als er schließlich zustimmend nickt und aufsteht. "Das war’s", sagt er, als ich ihn schließlich zur Tür hinausbegleite.
Ein mulmiges Gefühl beschleicht mich und ich bin mir nicht sicher, ob ich das nach all dem noch schaffen werde. Das Gewissen, das mich plagt, all die Erinnerungen - sie machen mich fertig.
"Gut, dann kannst du um 14 Uhr auf die Wache kommen, ich begleite dich in die Leichenhalle und wir besprechen noch ein paar Beweisstücke, die wir gefunden haben", Johannes winkt ein letztes Mal, als er sich schließlich zum Gehen wendet und wir vor der Tür stehen bleiben.
Ich schaue hinaus und betrachte den Himmel, an dem sich bereits dunkle Regenwolken zusammengebraut haben. Das Wetter in Birmingham war noch nie wirklich schön, es wurde meistens von Gewittern heimgesucht.
Ich höre Ruby leise seufzen, als ich sie ansehe und einen Moment lang ihr Gesicht betrachte. Ihre grünen Augen funkeln wie zwei Smaragde, ihr braunes Haar ist schulterlang. Sie trägt ein Kleid mit Rüschen an den Ärmeln und einem fließenden, geraden Schnitt bis zu den Knien.
"Was bedrückt dich, Xav?", fragt sie mich leise, während sie auf mich zukommt und mein Hemd zurechtrückt. Sie schaut mir in die Augen, während ihre Hände nun auf meinen Schultern ruhen und ich sanft ihre Taille greife und sie näher zu mir ziehe.
"Weißt du Ruby, ich habe schon viel gesehen, aber nichts war schlimmer als das, was ich damals erlebt habe... all das Blut, die hitzigen Diskussionen in der Not, als wir die Blutung nicht stoppen konnten... Ich konnte sehen, wie das Herz der jungen Frau auf meinem Operationstisch aufhörte zu schlagen, und ich wusste, dass es meine Schuld war...", ich halte inne und ziehe leicht die Luft ein, denn es fällt mir schwer, darüber zu sprechen. Um genau zu sein, habe ich nie wirklich mit Ruby darüber gesprochen. Ich habe mich immer davor gedrückt, ihr alles zu erzählen, obwohl sie mich immer wieder dazu gedrängt hat. Aber es war unmöglich für mich.
Sie schaut mich besorgt an und verzieht leicht das Gesicht. Sie legt ihre Hand an meine Wange und schüttelt den Kopf: "Xavier... Wir alle wissen, dass Fehler passieren können und dass Fehler menschlich sind. Du darfst dich von einem Fehler nicht entmutigen lassen - betrachte diesen Auftrag des Sheriffs als einen Neuanfang... Es ist vielleicht deine Chance, es wieder gutzumachen, indem du andere Menschen rettest...», sagt sie leise und drückt mir einen sanften Kuss auf die Lippen, den ich erwidere.
"Vielleicht hast du Recht", flüstere ich leise an ihre Lippen, als ich mich wieder von ihr löse und ihr in die Augen sehe.
"Man kann nicht jeden retten", ihre Stimme versagt, als sie meine Hand ergreift und mir wieder in die Augen sieht, "und nicht jeder ist dazu bestimmt gerettet zu werden."
Ich nehme ihre Hand, als wäre sie meine Rettung, mein Anker in meinem Leben, der alles zusammenhält.
Der Wind fängt an zu wehen, der Donner ist leise im Hintergrund zu hören und lässt die Stimmung des Tages erahnen. Ein dunkler Tag für die ganze Welt. Für all die Menschen, all die Krieger, die im Kampf gefallen sind und all die, die hier und jetzt von einem Mörder getötet werden, der das Spiel genießt.
Ich atme die frische Luft ein und denke über Rubys Worte nach. Nicht jeder ist dazu bestimmt gerettet zu werden. Vielleicht hat sie Recht. Vielleicht war es ihr Schicksal, an diesem Tag auf meinem Operationstisch zu sterben. Obwohl ich alles getan habe, um sie zu retten, ist es mir nicht gelungen, und vielleicht ist manchmal alles nicht genug.
"Lass uns wieder reingehen", fordere ich Ruby auf, während ich mich wieder an besagtem Spülbecken niederlasse und mich frage, was dieser Tag heute bringen wird. Worauf ich mich wieder einlassen werde und was mich in dieser Leichenhalle erwartet?
Wenn der Sheriff selbst vor der Matte steht, dann muss das schon etwas bedeuten. Meine Arbeit als Psychologe wurde immer geschätzt, ich wurde praktisch zu jedem Fall hinzugezogen, bis ich eines Tages alles hinwarf.
Der Krieg machte es nicht besser, auch da hatte ich mit Blut zu tun, aber es war anders. Man funktionierte, man dachte nicht nach, man kämpfte für sein Land.
Ruby hat Recht. Es ist Zeit, ein neues Kapitel im Leben aufzuschlagen.