Parker - Zum Mitnehmen, bitte
Ein kaum erkennbares, lässiges Lächeln auf vollkommenen Lippen. Kalte grau-blaue Augen. Dunkelbraunes, kurz geschorenes Haar. Die wohlgeformteste Armmuskulatur, die ich jemals gesehen hatte.
»Das ist Alex, er ist vor ein paar Wochen nach Mapleville gezogen.« Eine flüchtige Geste meines Bruders, als er mir Alex Whitaker vorstellte.
»Hi, ich bin Parker. Averys Schwester.« Ein dümmlich schüchternes Lächeln, das meine Mundwinkel nach oben quälte.
»Freut mich, dich kennenzulernen, Parker.« Eine ruhige, bodenständige, beeindruckend tiefe Stimme. Ein warmer, zugleich sanfter und fester Händedruck.
»Ja, mich auch.« Der Moment, in dem es um mich geschehen war.
Auch wenn ich ihn nicht hören konnte, genoss ich die Vibration des schrillen Schreis, den ich in mein Kopfkissen presste. Diese Erinnerung war im wahrsten Sinne eine Hassliebe, wie sie im Buche stand. Es war der Augenblick gewesen, in dem ich mich auf den ersten Blick in einen Menschen verliebt hatte, den ich bis heute kaum wirklich kannte.
Und es sollte das erste sowie letzte Mal gewesen sein, dass ich seine wundervolle, angenehme Stimme hatte hören dürfen, bevor mir die Meningitis kurz nach unserer ersten Begegnung das Gehör geraubt hatte.
Ich schob mich quälend langsam unter meiner Bettdecke hervor und schlüpfte in meine plüschigen Lamahausschuhe. Mit einem Blick auf mein Smartphone stellte ich stöhnend fest, dass ich viel zu spät dran war und es schonwieder einer dieser unerträglich heißen Julitage werden würde. Schlürfend schleppte ich mich zu meinem Kleiderschrank und zog mir eines meiner üblichen Bürooutfits heraus.
Eine kurze Dusche, ein schnelles Mittagessen und einige Stunden später, lümmelte ich demotiviert an meinem Schreibtisch, warf einen Blick auf meine Armbanduhr und seufzte. Ich musste mich konzentrieren, wenn ich den Zug nach Hause rechtzeitig bekommen wollte. Meine Chefin Susan tippte mir auf die Schulter und verabschiedete sich, wie immer, mit einem Lächeln auf den Lippen. Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, richtete ich schnaufend meine Aufmerksamkeit wieder auf die Buchstaben und Zahlen vor meiner Nase.
Kurz vor 20 Uhr verließ ich schließlich die kleine Buchhandlung und verriegelte die Tür hinter mir. Ich beschloss, noch einen Abstecher zu meinem Lieblingsdiner zu machen. Und nur wenige Minuten später hatte ich das kleine Diner auch schon erreicht. Ich trat durch die altbackene Tür und sofort stieg mir der herrliche Duft von frisch gebackenem Auflauf und geschmolzenem Käse in die Nase.
Kyla, die einzige Kellnerin, die meist um diese Zeit noch arbeitete, winkte mir freudig zu und schrieb hastig etwas auf eine Serviette, um sie mir kurz darauf zu zeigen.
Du hast gerade einen absolut scharfen Typen verpasst. Ich hoffe, er kommt nochmal zurück, er hat seine Karte hier vergessen.
»Ach ja?« Nervös lächelte ich sie an. »Dann hoffe ich für dich, du siehst ihn schon bald wieder.« Es war mir noch immer unangenehm, laut zu sprechen. Doch die Reaktionen auf meine Worte waren meist sehr neutral, als wäre absolut nichts falsch mit meiner Aussprache, was mich jedes Mal wieder erleichterte. »Gibst du mir ein Stück von dem Nudel-Brokkoli-Auflauf? Aber heute zum Mitnehmen, bitte. Ich muss mich beeilen, sonst erwische ich den Zug nicht mehr.«
Kyla antwortete mir langsam und deutlich, damit ich ihre Lippen lesen konnte. »Klar, Süße. Kein Problem.«
Ich wartete, bis Kyla mein Essen eingepackt hatte, dann bezahlte ich und wollte gerade mein Essen entgegennehmen, als sie plötzlich in ihrer Bewegung innehielt und über meinen Kopf hinweg zur Tür starrte. Nur Augenblicke später zog sich das süßeste Lächeln auf ihr Gesicht, das ich jemals gesehen hatte. Kyla drückte mir die Packung mit meinem Auflauf in die Hand und zwinkerte mir zu. »Das ist er«, formten ihre Lippen, bevor sie sich von mir abwandte.
Ich konnte ein Grinsen über ihr Verhalten nicht verkneifen, als ich mich umdrehte, um zu gehen.
Genau in diesem Moment lief ein großer Typ an mir vorbei, dessen Duft mir so bekannt vorkam, dass ich innehielt. Ein orientalisch-holziger Duft, den ich überall auf dieser Welt wiedererkennen würde. Ich hob den Blick und folgte dem Mann mit den Augen, als mir kurz darauf Erkenntnis in die Adern floss. Der Ansatz eines komplexen Tattoos in seinem stämmigen Nacken und eine breite silberne Kette, die im grellen Licht über der Ausgabe schimmerte, hielten meinen Blick fest.
»Alex?« Meine Augen hafteten an seinem Hinterkopf, bis dieser sich in dem Moment verwirrt drehte, als ich seinen Namen aussprach. Sofort schob sich ein schüchternes Lächeln auf seine verführerisch geschwungenen Lippen, das seine grau-blauen Augen, wie so oft kaum erreichte. Sein Adamsapfel hüpfte sanft auf und ab, als er meinen Namen aussprach. Ich konnte nur an seinem fragenden Gesichtsausdruck erkennen, dass er genauso überrascht schien, hier auf mich zu treffen, wie ich.
»Ich warte vor der Tür.« Sagte ich schnell und winkte Kyla zum Abschied, die mich hinter dem Tresen verdattert anstarrte.
»Was machst du hier?«, fragte ich Alex, als er kurz darauf ebenfalls durch die Tür trat. Er überlegte kurz, dann zog er sein Handy heraus und tippte darauf herum, bevor er es mir reichte. Er hatte etwas in seine Notizen geschrieben.
Ich musste ein paar Einkäufe erledigen. Und du?
Ich nahm ihm das Telefon ab und antwortete ihm.
Ich arbeite hier um die Ecke in einer Buchhandlung. Ich war gerade auf dem Heimweg.
Alex' Lippen formten sich zu einem »Oh«, bevor er mir das Handy wieder abnahm und sich unsere Finger für einen Moment berührten. Augenblicklich schlug mein Herz schneller. Ich schluckte schwer und schaute ihm wieder auf die Lippen.
»Willst du mit mir fahren?« Sofort nickte ich, vielleicht ein klein wenig zu enthusiastisch, denn Alex rieb sich plötzlich nervös über den Hinterkopf und deutete auf seinen blauen Nissan, der ein paar Meter von uns entfernt geparkt war.
Zu meiner Überraschung öffnete Alex mir nicht nur die Tür, sondern er wartete auch, bis ich eingestiegen war, und schloss sie wieder hinter mir.
Kurz darauf ließ mich eine sanfte Berührung an meinem Arm zusammenzucken. Ich schaute zu Alex auf, der mich fragend musterte. Als ich nicht zu tun schien, was er von mir erwartete, lehnte er sich plötzlich über mich und ich hielt für den Bruchteil einer Sekunde die Luft an, bis ich realisierte, dass er nach meinem Gurt griff. Kurz wusste ich nicht, was mir peinlicher sein sollte. Die Tatsache, dass ich vergessen hatte, mich anzuschnallen, oder dass ich für eine Millisekunde gedacht hatte, Alex würde mich küssen. Warum auch immer er das tun sollte.
»Oh, ja. Tut mir leid.« Murmelte ich und nahm ihm den Gurt ab, um mich anzuschnallen.
Alex lächelte mich nur an und startete den Wagen. Ich hatte Kyla definitiv einiges zu erklären, wenn ich das nächste Mal ins Diner ging.
Die gesamte Fahrt über schwiegen wir beide. Man konnte sich schließlich schlecht mit jemandem unterhalten, der nichts hören konnte.
Zu meiner Überraschung fuhr Alex mich nicht direkt nach Hause, sondern blieb vor der Werkstatt „Mike's AutoFix" stehen, in der er arbeitete. Auf meinen fragenden Blick hin meinte er nur, ich solle kurz warten.
Einige Minuten später kam er mit einem Kanister, gefolgt von Mike, wieder heraus. Ich winkte ihm zu und Alex schien ihm zu erklären, warum er mich dabeihatte. Zumindest vermutete ich das, weil Mike überrascht in meine Richtung deutete, als er mich sah. Leider standen beide seitlich zu mir, weshalb ich ihre Worte nicht genau deuten konnte.
»Tut mir leid«, las ich auf Alex' Lippen ab, als er sich wieder zu mir in den Wagen setzte.
»Kein Problem.« Ich erwiderte sein Lächeln und in dem Moment, in dem er den Zündschlüssel drehen wollte, stoppte ich ihn. Ich straffte die Schultern und legte meine Hand auf seine, noch bevor er den Wagen starten konnte. Ich hatte bemerkt, dass er noch etwas hatte sagen wollen, doch ich musste unbedingt zuerst sprechen. Nur dieses eine Mal.