Der Spaziergang

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Summary

Was passiert nach dem Tod? Wohin geht diese letzte Reise, und wer begleitet uns?

Status
Complete
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
13+

Der Spaziergang

Eines Tages war ein Mann gestorben. Die Krankheit hatte ihn dahingerafft, viel zu schnell, viel zu jung. Es war ihm gleichgültig, wie es allen anderen auch gleichgültig war: Einmal im Jahr würden sie sich an ihn erinnern, daran dass er viel zu früh und viel zu schnell von ihnen gegangen sei, dass er doch ein guter gewesen war. Und sie würden weiterleben. Als er endlich aus dem Leben getreten war, sah er sich einer Gestalt gegenüber. Groß, hell, dürr. Nicht etwa in einem schwarzen Mantel und mit Sense, eher wie Lichtspender. Ein leuchtender Wegweiser. „Wer bist du?“. Eine redundante Frage, wirklich. Aber eine Frage, die die Stille unterbrach. „Dein Wegweiser“. Er nickte. Die Gestalt machte eine einladende Geste. Endlich konnte er sich aufraffen. Ein weites Stück gingen sie still. „Darf ich Fragen stellen?“ Wollte er wissen. „Natürlich“. „Warst du… etwas? Bevor du zu dir wurdest?“ „Ob ich auch gelebt habe?“ „Ja“. Die Lichtgestalt überlegte kurz. „Das war ich. Ich war ein Bauer. Ein einsamer Bauer. Ich lebte unendlich weit weg von der Stadt, nur manchmal kam jemand vorbei um mir Lebensmittel abzukaufen und in die Stadt zu bringen. Als ich starb…“ Er schien zu überlegen „Gab es keinen Wegweiser. Ich irrte herum, ohne ein Licht zu sehen. Deshalb beschloss ich, dieses Licht für andere zu werden“ Wieder gab es einen kurzen Moment der Stille „Eine beeindruckende Geschichte“ Die Lichtgestalt gab ein Geräusch von sich, welches entfernt an ein Lachen erinnerte. „Und erfüllt dich deine Aufgabe? Ich meine, haben die Menschen nicht… Angst?“ Die Gestalt schien ihn zu betrachten „Hast du Angst vor mir?“. Darüber musste er nachdenken „Ich denke nicht“ Wieder das Lach-Geräusch. „Du bist ein seltener Fall. Viele Haben Angst. Aber keine Wahl - früher oder später werden sie mich treffen müssen. Egal wie sehr sie sich sträuben“ Diesen Satz sprach es mit einer Endgültigkeit in der hallenden Stimme, dass es fast gleichgültig wirkte. „Was werde ich vorfinden?“ „Du meinst im Tod?“ „Ja“. Die Gestalt schien ihn anzublicken. „Woran hast du geglaubt?“ „I-Ich weiß es nicht“ Die dürre Figur aus Licht gab eine Art Brummen von sich „Du wirst vorfinden, was du im Leben geglaubt hast vorzufinden“ „Ist das nicht unfair?“. Wieder das Lachen. „Wieso sollte das der Fall sein?“ Er musste kurz nachdenken „Ein Gläubiger stirbt und kommt in den Himmel, während ein Atheist stirbt und nichts vorfindet? Ist das nicht unfair?“ Das Lichtwesen schien zu seufzen. „Das ist vielleicht so. Vielleicht auch nicht. Wer will schon ewig bei Bewusstsein sein?“ Der letzte Teil war leise, als wäre er nicht für fremde Ohren bestimmt. Also tat er, als hätte er nicht verstanden, denn das gehörte sich so. Nach einem langen Stück der Stille kam ihm erneut eine Frage in den Kopf „Stirbt man immer zum richtigen Zeitpunkt?“ Die Gestalt hielt kurz inne „Nein, ich denke nicht.Manche sterben zu früh, manche sterben zu spät. Aber das ist egal. Denn am Ende sterben alle. Und alle sterben am Ende.“ Darüber musste er wohl eine weile nachdenken. Also dachte er nach, und kam zu dem Schluss, dass die Gestalt wohl recht hatte. Also gab er sich schließlich mit der Antwort zufrieden. „Und glaubst du, dass du einen guten Tod hattest?“ Diesmal war es an der Lichtgestalt ihm eine Frage zu stellen. Eine Frage, über die er erst einmal nachdenken musste, bevor er mit den Schultern zucken konnte. „Ich weiss es nicht. Ich habe für die letzten Monate nur im Bett gelegen und um mein Leben gekämpft, nur um dann doch zu verlieren. Am Ende war es mir doch gleichgültig“ Sein Wegweiser blieb kurz still „Und glaubst du, dass du einen guten Tod hattest?“ Wiederholte es seine Frage. „Wie meinen?“ „Du sprachst über dein Leben davor. Kein mal über deinen Tod. Denkst du, dass du einen guten Tod hattest?“ Wieder musste er nachdenken „Nun ja.. Am Ende war es mir gleichgültig“ Die Gestalt aus Licht drehte sich, ohne aber dabei ihre Richtung oder Geschwindigkeit zu ändern „Du bist dir also nicht sicher, ob dein Tod gut oder schlecht war?“ Er atmete tief durch. Sofern er das noch konnte. „Genau. Es macht keinen Unterschied ob ich lebend tot bin oder ob ich tot lebendig bin. Es ist mir vollkommen und unendlich gleich“. „Du bist interessant“ Fügte sein Wegweiser nach einer Weiteren Strecke der Stille hinzu. Verdutzt sah er die Gestalt an. „In welcher Weise genau?“ „Ich habe noch nie mit jemandem wie dir geredet. In all den Jahren“. Wieder zuckte er nur mit den Schulter. „Vielleicht liegt das nur daran, dass ich neugierig bin. Ich bin mir sicher es gibt noch mehr neugierige Menschen auf der Welt. Und sie müssen alle eines Tages sterben“ „Das müssen sie“ pflichtete ihm die Gestalt aus Licht bei. Irgendwann nahm die Figur das Gespräch wieder auf „Wir sind angekommen“ „Oh. Interessant“ Die Gestalt schien wieder zu lachen. „Hier werden sich unsere Wege wohl trennen“ sagte er „Das werden sie. Aber bevor muss ich noch anmerken: Du hast dir einen wundervollen Tag zu sterben ausgesucht“. Und mit diesen Worten verschwand sie in die dunkle Ferne, bis ihr Licht nicht mehr zu sehen war