Vorwort
Es ist fast 10 Jahre her, dass ich diese Story geschrieben habe. Wer hätte gedacht, dass ich so vorrausschauend bin? Ich bin gespannt was ihr dazu sagt und wünsche euch einen schönen 1. Advent und hoffe mein "Geschenk" an Euch gefällt euch. LG Romy
Pazifischer Ozean - Insel
Der Dschungel war dicht und ließ kein Licht durch. Für die Jahreszeit war es nachts schon sehr frisch. Jeden Tag rieselte der Tau von den Blättern der großen Gewächse, als würde man unter einer riesigen Dusche stehen. Zwischen den Farnen und Orchideen raschelte es von allerlei Kriechtieren. Vereinzelt konnte man das Gebrüll von Raubtieren wahrnehmen, nur übertönt von dem Gekreische der Affen und Vögel. Die Luft war warm und feucht.
Von all dem bekam Dr. Miller nichts mit. Der kleine, schnell gealterte Mann war über seine Aufzeichnungen vertieft. Die Sorgen der letzten Jahre hatten ihn frühzeitig ergrauen lassen. Die Geräusche des Dschungels gehörten seit Monaten zu seinen ständigen Begleitern. Das Rufen der Vögel, das Wispern der Blätter. All das kannte er nur zu gut. Plötzlich schnellte sein Kopf hoch, er hatte etwas gehört. Er lauschte nur noch einen Moment, dann war er sich sicher.
Schnell ließ er das Buch verschwinden, in dem er kurz vorher noch geschrieben hatte. Seine Brille hing schief auf der knollförmigen Nase, die grauen Haare waren zerzaust. Hastig blickte er sich mit seinen braunen wachen Augen um. Die Baracke bot keine Möglichkeit zur Flucht. Die kleinen Fenster waren vergittert, und die Dachluke zu weit oben. Er könnte nur durch die einzige Tür an der Vorderseite verschwinden, doch die würden die unerwünschten Besucher sicher nehmen.
Er wusste, dass sie kommen würden. Dr. Miller hatte ihre Ankunft seit Tagen gefürchtet. Nun war es so weit. Seine Hände zitterten, als die Tür aufsprang. Er hielt reflexartig die Hände vor den Kopf. In der einen Hand hielt er zwei Reagenzgläser, beide waren mit seiner kleinen, sauberen Schrift gekennzeichnet.
„Wo ist das Gegenmittel?”
Unwillkürlich huschten Dr. Millers Augen zu den Kanistern am anderen Ende der Baracke, die in dicken Kunststoffbehältern verstaut waren und mit Warnhinweisen für den Umgang mit gefährlichen Chemikalien versehen waren. Diese Sicherheitseinrichtungen waren ein notwendiges Übel in dem unterirdischen Labor, in dem er jahrelang geforscht hatte. Hier, im Verborgenen, hatte er an einem bahnbrechenden Projekt gearbeitet, das nun in den Händen skrupelloser Männer lag.
„Bitte, Sie hatten mir versprochen, ich dürfte zu meinem Sohn zurück, wenn ich alles mache!” versuchte der Professor, die Männer zu überreden. Eigentlich war ihm klar, dass er seinen Sohn nie wieder sehen würde.
„Alterchen, du wirst deinen Sohn schon wiedersehen. Im Jenseits!” lachte der militärisch korrekt bekleidete Mann, der in einem weißen Seuchenschutzanzug stand. Die Schutzmasken verdeckten seine Gesichtszüge, doch Dr. Miller spürte den Hohn in dessen Stimme.
„Bitte, bitte nicht!” jammerte der Professor. Er schien, nachdem sich alle Hoffnung in Luft aufgelöst hatte, geschrumpft und gealtert zu sein. Klein, verängstigt und zitternd stand er da, noch immer die Ampullen mit dem tödlichen Gift in der Hand.
Kurz darauf spürte er, wie ihm die Gläser aus der Hand gerissen wurden. Dann hörte er wie durch einen Schleier einen Knall. Danach spürte er nichts mehr.
„Lass uns verschwinden, den findet hier keiner! Und vergiss die Kanister nicht!”
Der schlaksige Mann wandte sich schon wieder zur offenen Tür. Doch der andere widersprach ihm.
„Erst müssen wir den hier verschwinden lassen!”
Gemeinsam packten sie den toten Mann an den Beinen und schleiften ihn ein Stück weit in den Dschungel hinein. Die wilden Tiere würden sich um dessen Beseitigung schon kümmern. Er packte die zwei Röhrchen vorsichtig in einen silbernen Aktenkoffer, der innen mit Schaumstoff ausgekleidet war. Im Schaumstoff waren zwei Vertiefungen, in die der größere Mann die Röhrchen legte. Er verschloss den Koffer und achtete darauf, das Zahlenschloss umzustellen, so dass sicher niemand an den Inhalt herankommen konnte.
„Wir können!”
Zusammen verließen sie den Ort des Verbrechens, während im Hintergrund das unterirdische Labor in Stille zurückblieb. Die Sicherheitseinrichtungen hatten versagt, und niemand würde je erfahren, was dort geschehen war.