Chapter 1
Kapitel 1: TRIGGERWARNUNG: SUIZID, SUIZIDVERSUCH
NADIA
When will the snow fall for me?
Christmas night, oh love...
We were the ones sat by the Christmas bar...
You are all I need tonight...
Here above the Christmas Lights...
Die Musik dröhnt durch meine AirPods, während der kalte Wind durch mein Haar fährt. Die eisige Kälte zieht durch meinen Körper, wie ein ständiges Echo der Leere, die mich in diesen Monaten begleitet.
Weihnachten.
Für viele ein Fest der Freude, für mich nur ein weiterer trostloser Monat in einem Leben, das sich Jahr für Jahr wiederholt. Aufgewachsen als Waisenkind, hin- und hergeschoben von Pflegefamilie zu Pflegefamilie, bin ich nun eine erwachsene Frau, die auf eigenen Beinen steht. Aber ist das alles? Ist das wirklich alles, was das Leben für mich bereithält?
Von der großen, wahren Liebe rede ich gar nicht erst. Single, trostlos und allein – das beschreibt mein Leben wohl am besten. Egal wie sehr meine “Freunde” versuchen, mich aufzuheitern, ihre Bemühungen prallen jedes Mal an meiner inneren Leere ab.
Sie in ihrem Glück zu beobachten, wie sie gemütlich feiern und so tun, als wäre alles in bester Ordnung, bringt mich jedes Mal um den Verstand. Bei jedem dieser Anblicke sterbe ich ein kleines bisschen und frage mich, was ich falsch mache. Vielleicht mache ich gar nichts falsch. Vielleicht ist das Leben einfach so. Trostlos, kalt, leer.
Eine Kollegin hat mir einmal gesagt: “Sieh es positiv! Es gibt Leute, die wären froh, dem ganzen Weihnachtsstress zu entkommen.” Ironischerweise endet es für mich immer gleich – in einer trostlosen Bar, wo ich versuche, den Abend mit einem Glas Alkohol zu vergessen.
Als ich das Lokal betrete, schlägt mir der Duft von Whisky entgegen, so stark, dass er fast betäubend wirkt. Gedämpftes Licht, ein halbherzig geschmückter Weihnachtsbaum in der Ecke – alles schreit nach Resignation.
“Na, alle Jahre wieder, was?” Der Barmann, Billy, grinst, als er mich sieht.
Ich nicke schwach und lasse mich auf einem der Barhocker nieder. “Du weißt, Billy, es wird nicht besser.” Mein Lächeln ist genauso schwach wie meine Worte.
“Nun, als Frau zur Whiskyflasche zu greifen, ist schon mutig – Bourbon?”
“Alle Jahre wieder,” erwidere ich trocken. Während Billy zwei Gläser füllt, beobachte ich ihn.
“Cheers,” sagt er und hebt sein Glas. “Auf die verdammte Lüge, dass es Hoffnung gibt.”
“Cheers,” wiederhole ich leise und trinke einen großen Schluck.
Mein Blick wandert durch das Lokal. In einer Ecke lacht eine Männergruppe laut, während andere Paare an ihren Tischen leise Gespräche führen. Dann fällt mein Blick auf einen Mann, der alleine am Tresen sitzt. Er trägt ein weißes Hemd, die Ärmel hochgekrempelt, die obersten Knöpfe offen. Seine Krawatte ist locker gebunden, und er sieht aus, als hätte das Leben ihn überfahren.
“Der sieht aus, als hätte man ihn überfahren,” murmle ich zu Billy, der nur ein kurzes Grinsen unterdrückt. “Das könnte man tatsächlich meinen. Fünf Whiskys hat er schon – ich bin der Spaßverderber, der nichts mehr einschenkt.”
Ich seufze. “Wirst du mir wenigstens ein sechstes gewähren?”
Billy schüttelt den Kopf. “Vielleicht solltet ihr euch eine Flasche teilen,” schlägt er vor.
Ich denke kurz nach und nicke dann langsam. “Vielleicht sollte ich wirklich... aber erst mal ein Glas Wasser.”
Billy runzelt die Stirn, füllt mir aber ein Glas. Mit dem Glas in der Hand gehe ich hinüber zu dem Mann, setze mich neben ihn und schiebe ihm das Wasser hin.
“Scheint, als wäre Weihnachten nichts für uns, was?”
Für einen Moment sieht er mich verwirrt an, dann wandert sein Blick zu dem Glas Wasser. “Nein... nicht wirklich,” murmelt er und fährt sich müde durch sein Haar.
“Darf ich?” frage ich leise und deute auf den Platz neben ihm.
Er nickt langsam und betrachtet mich einen Moment.
“Elijah Blake,” stellt er sich schließlich vor und reicht mir seine Hand.
“Nadia Evans,” antworte ich und schüttele seine Hand. Sie fühlt sich kalt an, fast so wie meine eigene.
“Also, Elijah,” sage ich, während ich mein Glas anhebe, “was verschlägt dich an Weihnachten in eine Bar, die nach billigem Bourbon und verlorenen Träumen riecht?”
Er lacht bitter, ein Klang ohne jede Freude. “Man könnte sagen, das ist meine Art, Weihnachten zu feiern. Oder... mich davor zu verstecken.”
Ich nicke, mein Blick bleibt an seinem Gesicht hängen. Es ist ein schönes Gesicht, gezeichnet von Trauer und Erschöpfung. “Verstecken klingt vertraut. Hast du dir wenigstens einen guten Versteckplatz ausgesucht?”
“Nicht wirklich,” gibt er zu. “Du?”
“Ich komme jedes Jahr hierher,” sage ich und lache leise. “Man könnte sagen, es ist mein Weihnachtsritual.”
“Das klingt traurig,” murmelt er und nimmt einen Schluck Wasser.
“Vielleicht. Aber hey, besser traurig als gar nichts, oder?”
Er sieht mich an, und für einen Moment ist da etwas in seinem Blick, das ich nicht deuten kann. “Oder beides,” murmelt er, kaum hörbar.
Ich beobachte, wie Elijah das Glas Wasser vor sich anstarrt, als würde er überlegen, ob es ihn retten oder ertränken könnte. Ein Schatten liegt auf seinem Gesicht, und ich kann nicht anders, als ihn genauer zu betrachten. Sein Bart ist leicht unrasiert, seine dunklen Augen wirken müde, fast leer. Irgendetwas an ihm fühlt sich vertraut an – diese gebrochene Stille, die mehr sagt als Worte.
„Also,“ sage ich schließlich, um die Stille zu durchbrechen, „was ist deine Geschichte?“
Er hebt den Blick und sieht mich an, als hätte er nicht erwartet, dass ich frage. „Meine Geschichte?“ Er lacht bitter und lehnt sich zurück. „Es ist keine Geschichte, die man in einer Weihnachtsnacht erzählen sollte.“
„Vielleicht ist es genau die richtige Nacht dafür,“ erwidere ich leise. „Manchmal hilft es, mit jemandem zu reden, der keine Erwartungen an dich hat.“
Er mustert mich, seine Augen suchend, fast skeptisch. „Warum sollte ich dir das erzählen?“ fragt er. „Wir kennen uns nicht einmal.“
Ich zucke mit den Schultern. „Eben deshalb. Ich bin nur eine Fremde in einer Bar. Keine Verpflichtungen, keine Urteile.“
Er nickt langsam, nimmt einen tiefen Atemzug und fährt sich mit der Hand durch sein zerzaustes Haar. „Meine Frau...“ beginnt er, seine Stimme bricht. Er setzt erneut an, diesmal fester. „Meine Frau und meine zwei Kinder sind vor zwei Jahren gestorben. Ein Unfall. Weihnachten.“
Meine Kehle schnürt sich zu, und ich spüre, wie mein Herz schwer wird. „Oh Gott, Elijah... das tut mir so leid.“
„Es war ein Lastwagenfahrer,“ fährt er fort, als hätte er mich nicht gehört. „Zu schnell unterwegs, auf Glatteis. Hat die Kontrolle verloren. Sie waren auf dem Weg, um mich von der Arbeit abzuholen. Ich wollte ihnen sagen, dass ich Überstunden machen muss, dass sie besser zu Hause bleiben sollen.“ Seine Stimme ist rau, gebrochen. „Aber sie wollten mich überraschen. Stattdessen... hat der Unfall sie mir genommen.“
Ich schweige, nicht sicher, was ich sagen soll. Mein eigener Schmerz fühlt sich plötzlich so klein an im Vergleich zu dem, was er durchgemacht hat.
„Seitdem,“ sagt er und hebt sein Glas Wasser, als wäre es ein Toast, „hat Weihnachten für mich keine Bedeutung mehr. Kein Licht, keine Freude. Nur ein leerer Stuhl und Erinnerungen, die mich nachts wachhalten.“
Ich schlucke schwer, bevor ich spreche. „Ich... ich weiß nicht, wie es ist, so etwas zu verlieren. Aber ich kenne das Gefühl, allein zu sein. Meine Eltern haben mich verlassen, als ich klein war. Ich bin in Heimen aufgewachsen, von einer Familie zur nächsten weitergereicht. Irgendwann habe ich aufgehört, darauf zu hoffen, dass jemand bleibt.“
Elijah sieht mich an, seine dunklen Augen durchdringen mich. „Wie alt warst du?“
„Fünf,“ antworte ich, und meine Stimme zittert leicht. „Zu jung, um zu verstehen, warum sie gegangen sind. Alt genug, um es nie zu vergessen.“
„Das tut mir leid,“ sagt er, und es klingt ehrlich.
„Man gewöhnt sich daran,“ lüge ich, obwohl wir beide wissen, dass das nicht stimmt. „Aber ich glaube, das macht Weihnachten für mich genauso schwer. Jedes Jahr werde ich daran erinnert, dass ich keinen Platz habe, an den ich gehöre.“
Eine Weile schweigen wir, jeder in Gedanken verloren. Es fühlt sich nicht unangenehm an, eher wie eine geteilte Traurigkeit, die uns verbindet.
„Weißt du, was das Schlimmste ist?“ fragt Elijah plötzlich und sieht mich direkt an. „Die Welt dreht sich weiter. Es spielt keine Rolle, wie sehr du leidest – die Menschen feiern weiter, als wäre nichts passiert.“
„Ich weiß,“ antworte ich leise. „Das ist das Härteste. Zu sehen, wie das Leben der anderen weitergeht, während deins stillsteht.“
Er nickt, und ich sehe, wie sich ein winziges Stück der Mauer um ihn löst. „Vielleicht ist das der Grund, warum ich heute hier bin,“ sagt er schließlich. „Weil ich nicht allein sein wollte. Aber auch nicht mit Menschen, die glücklich sind.“
Ich hebe mein Glas und lächle schwach. „Dann bist du hier genau richtig. Willkommen im Club der gescheiterten Weihnachtsgeschichten.“
Elijah lächelt zum ersten Mal, und obwohl es nur ein schwaches, trauriges Lächeln ist, gibt es mir das Gefühl, dass ich ihn einen Moment lang erreicht habe.
„Auf den Club,“ murmelt er und hebt sein Glas. „Und auf die Tatsache, dass wir zumindest nicht allein trinken müssen.“
„Cheers,“ sage ich, und wir stoßen an. Zwei gebrochene Seelen in einer dunklen Bar, verloren in der Kälte der Weihnachtsnacht.









Was ein emotionaler Einstieg.....sehr gut geschrieben
Sehr schön geschrieben das Kapitel... sehr emotional zum Einstieg..🙈🙈 😔😔