Unsterbliches Gift

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Summary

Jakob ist ein junger Hafenarbeiter, doch eines Nachts begegnet er einer schwankenden Frau, die sein Leben komplett auf den Kopf stellt und ihn in die Welt der Unsterblichen führt.

Status
Ongoing
Chapters
68
Rating
n/a
Age Rating
18+
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Kapitel 1 – Die taumelnde Gestalt

Jeder hatte mich gewarnt. Sie alle sprachen voller Ehrfurcht von den taumelnden Gestalten, denen man in der Nacht begegnen konnte. Wenn man ihren Weg kreuzte, dann sollte man die Straßenseite wechseln.

Komme ihnen nicht zu nahe.

Lasse dich von ihnen nicht täuschen.

Sie wirken schwach, aber sie werden dir alles aus den Händen reißen.

Traue ihnen nicht. Sie sind tödlich.

Schwachsinn. Jedes einzelne Wort. Was sollten diese Kreaturen denn schaffen? Warum sollte ich mich vor ihnen fürchten? Ich war jung und stand in der Blüte meines Lebens. Ein drahtiger Mann, den man seine Kraft im ersten Moment nicht ansah.

Auch an diesem Abend lauschte ich ihren irren Geschichten von den taumelnden Gestalten, die einen ansprangen und mit unbändiger Kraft niederrissen. Dem alten Seebär Hannes sollte es so ergangen sein. Seine Leiche fand man blutleer in einer Seitengasse bei den Docks.

Ich lachte ihre Angst aus und winkte ihre Warnungen ab. Sie wussten doch gar nicht, wovon sie sprachen, und niemand konnte bestätigen, dass es eine dieser mysteriösen taumelnden Gestalt war. Sie existierten doch nicht.

Der Nebel zog auf, als ich die Schenke hinter mir ließ. Als wollte das Meer sich auch des Landes bemächtigen. Eine kühle Brise glitt über meinen Körper und ich stellte fröstelnd meinen Kragen auf, um besser geschützt zu sein.

Flüchtig sah ich mich nach allen Seiten um. Der Feierlärm drang selbst durch die geschlossene Tür noch zu mir durch und kurz erwachte der Impuls, mich umzudrehen und wieder in die warme Stube zu gehen. Es war aber Wahnsinn. Morgen musste ich ein Schiff beladen und schon vor dem ersten Hahnenschrei aufstehen.

Ich stopfte meine Hände in meine Jackentaschen und zog die Schultern nach oben, um den eisigen Wind noch weniger Angriffsfläche zu bieten. Noch ein letzter sehnsüchtiger Blick auf die tanzenden Schatten hinter der Glasscheibe und ich beschritt meinen Heimweg.

Meine Schritte hallten durch die leeren Straßen und wurden von den Wänden zurückgeworfen. Eine Ratte huschte durch die Schatten und fiepte erschrocken, als sie mich sah, bevor sie sich in die nächste dunkle Ecke zurückzog. Ich sah sie nicht einmal eine Sekunde an. Diese Tiere gehörten zu meinem Leben im Hafen, wie die Dirnen, die sich für ein paar Taler anboten.

Die Stille schwoll um mich herum immer weiter an. Es waren nur meine einsamen Schritte, die das Rauschen des Meeres begleiteten. Die Einsamkeit legte sich, wie ein kalter Mantel um meine Schultern und lastete schwer auf ihnen.

Taumelnd. Leblos. Tot.

Ich zuckte unter dem Schrei einer Eule zusammen. Sie glitt geräuschlos über mich hinweg. Eine Ratte hing leblos in ihrem Schnabel. Ob es dieselbe Ratte war, die mir vorhin begegnet war?

Ich lächelte unter dem Gedanken. Selbst wenn, es war doch bedeutungslos. Ich sollte schauen, dass ich endlich ins Bett kam. Ich sollte mich nicht mit Ratten oder anderem Ungeziefer herumschlagen. Morgen standen fünf Schiffe zum Beladen bereit und wer wusste, wie viele noch einliefen. Ich brauchte meine Kraft und auch wenn der Alkohol noch fröhlich durch meine Adern rauschte, fühlte ich die Erschöpfung des Tages.

Klick. Klack.

...

Klick. Klack.

...

Klick. Klack.

Ich stockte. Das Geräusch kam mir entgegen. Was macht eine Frau zu dieser späten Stunde noch hier? Sollte sie nicht in ihrem sicheren Bett bei ihrem Mann liegen?

Ich lauschte genauer, doch das Geräusch blieb alleine. Es waren nur ihre Schritte, die weiter über den Stein näher kamen.

Klick. Klack.

...

Klick. Klack.

...

Klick. Klack.

Die schwarze Silhouette tauchte aus dem Nebel aus. Sie taumelte von links nach rechts. Ihr Körper war schmal und das weite Kleid versteckte ihre Figur.

Klick. Klack.

...

Klick. Klack.

Ich starrte sie an. Meine Hände wurden feucht und ich schluckte trocken. Sie trat in die erste Lampe. Ich sah ihr schwarzes Haar, das in leichten Wellen über ihre Schultern fiel. Es wippte unter ihren Bewegungen von einer Seite zur anderen.

Sie hielt ihren Blick gesenkt. Ihr bleicher Körper steckte in einem blutroten, engen Kleid, das nach unten hin breiter wurde. Die linke Seite hatte einen Schlitz, sodass man bei jedem Schritt ihr Bein herausblitzten sah.

Klick. Klack.

Sie streckte ihre Hand nach mir aus.

Sie wirken schwach, aber werden dir alles aus der Hand reißen, wenn du ihnen zu nahe kommst.

So zarte Finger, die nach Hilfe schrien. Ich sah ihre vollen, roten Lippen, die einen kleinen Spalt geöffnet waren. Die kleine Stupsnase und die hohen Wangenknochen lösten in mir einen Beschützerinstinkt aus, den ich so nicht kannte.

Klick. Klack.

Ich hatte Angst, dass sie fiel, und hechtete ihr entgegen. Griff nach ihrer Hand und zog sie in meine Arme. Sie zitterte und war eiskalt. Ihre großen, braunen Augen sahen mich scheu an. Hätte man mir in diesem Moment gesagt, dass ich meinen eigenen Tod in den Armen hielt. Ich hätte ihn nur ausgelacht.

„Kann ich dir irgendwie helfen?“ Ihr zierlicher Körper in meinen Armen weckte eine andere Begierde in meinem Herzen. Meine Finger tasteten über ihre Rippen und ihre vollen Brüste drängten aus dem tief geschnittenen Ausschnitt ihres Kleides. Sie hoben und senkten sich in einem seltsamen Takt. Als stolperte sogar ihre Atmung.

Ich bekam keine Antwort, stattdessen hob sie ihre Hand und fuhr in meinen Nacken. Ihre Finger waren eiskalt und erweckten einen neuen Schauer in meinem Körper. Ich zitterte unter einer Vorahnung, als ihre Finger sich durch meine braunen Haare wühlten.

Lasse dich von ihnen nicht täuschen.

Sie kam mir näher und ihr Atem strauchelte über meine Haut. Es fühlte sich falsch an. Nicht so gleichmäßig, wie ich es kannte, und erneut schrillte eine Alarmglocke in meinem Hinterkopf. Ich sollte sie fallen lassen und weglaufen, doch ihr sanftes Lächeln und ihre weißen Zähne, die spitz über ihre Lippen ragten, hielten mich fest.

„Du bist eiskalt. Soll ich dich in meinem Bett wärmen?“ Ich hielt sie weiter mit meinem rechten Arm fest. Meine linke Hand dagegen strich über ihre Taille hinab bis zu ihrer Hüfte und dann auf ihren Hintern. Sie stieß mich nicht von sich. Im Gegenteil presste sie ihren Körper näher an mich.

Langsam näherte ich mich ihren Lippen. Sie roch nach Erde und Lilien. Ihre Augen flatterten und schlossen sich, kaum dass sich unser Atem vermischte. Ihre weichen Lippen legten sich nur für einen flüchtigen Kuss auf meine, bevor sie an meiner Wange vorbei zu meinem Hals glitt.

Ihr Atem strich unruhig über meinen Hals und ihr Busen drückte sich weich an meine harte Brust. Mittlerweile stand sie wieder auf eigenen Beinen, sodass ich sie nun auch meinerseits näher an mich pressen konnte.

Ich vergrub meinen Mund in ihrer Halsbeuge und saugte an der weichen Haut. Sie strich über meinen Rücken und stöhnte in mein Ohr, das in ein Fauchen überging und bevor ich begriff, was passierte, schoss ein Schmerz durch meinen Körper.

Sie biss mir in den Hals und saugte an der Wunde. Ich hörte ihr Schlucken und das Schlürfen, als mir mit jedem Schluck mehr von meiner Kraft entrissen wurde. Instinktiv versuchte ich sie von mir zu drücken, doch das einst so weiche Fleisch war steinhart und rührte sich nicht. Der unsichere Schritt war nun ein Fels in der Brandung und jetzt hielt sie mich anstatt ich sie.

„Aufhören“, krächzte ich. Meine Stimmbänder waren steif und zu keinem Schrei fähig, doch sie stoppte nicht. Meine Hand strich verzweifelt über ihren Körper, suchte Halt oder gar die Möglichkeit mich zu befreien. Doch sie rührte sich nicht und mit jedem Schluck, den sie tat, schrumpfte meine Welt ein Stück mehr zusammen. Meine Beine fühlten sich taub an. Meine Arme gehorchten mir nicht mehr. Mein Herz schlug immer langsamer. Meine Lungen bewegten sich nicht mehr.

Bis sie sich mit einem Schmatzen von mir trennte und ich nur noch ihre blutverschmierten Lippen in diesem so perfekten Gesicht sah. Ich sank zu Boden. Sie wandte sich um und ging davon. Die Dunkelheit umschlang mich zusammen mit der Kälte und der Hilflosigkeit. Ich hätte auf sie hören sollen. Nur einmal auf die Warnung der Alten hören sollen. Dann hätte ich mein Leben jetzt nicht verloren. Nicht in dieser Nacht, die mir alles nahm. Alles, was mir einst so wichtig war.

Klick. Klack.

Klick. Klack.

Klick. Klack.

Komm zu mir zurück. Lass mich nicht sterben. Ich will nicht sterben! Bitte! Ich will leben! Lass mich bitte weiterleben! Bitte! Lass mich leben!

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