Kapitel 1 – Das Lied der Sirenen
Ihr Gesang drang an sein Ohr und benebelte seine Sinne. Seine Hände ballten sich immer wieder zu Fäusten. Sie flüsterte ihn ins Ohr, dass er Unglück brachte und ihn niemand liebte. Nur sie war seine Zuflucht. Nur sie konnte ihm Liebe geben.
Er wollte diese Liebe nicht. Er wollte ihre Lügen nicht mehr hören. Warum taten sie das immer wieder? Mit ihrem täuschenden Lächeln und den falschen Versprechungen?
Ihre Finger glitten über seinen Hals, liebkosten seine Brust und drückten ihn näher an sich. Sie stöhnte ihm ins Ohr und verlangte seine Liebe. Er wollte sie nicht lieben. Sie nicht halten. Sie nicht spüren.
Ihr Lied hallte weiter in seinem Kopf wieder. Immer weiter und immer tiefer. Legte sich über seine Muskeln und strich über seine Seele. Ihre grünen Augen flehten ihn an. Ihre verführerischen Lippen tanzten zu ihren Lügen.
Ein Kuss. Sie wollte einen Kuss. Er würde sie nicht küssen. Sie nicht halten. Sie niemals lieben.
Er erhöhte den Druck auf seinen Fingern. Ihre Kehle gab bereitwillig nach und langsam wandelte sich ihr Lied in ein Röcheln. Ihre Augenlider flatterten und ihre Augen drehten sich nach oben. Die roten Lippen liefen blau an und das Streicheln ihrer Hände stoppte.
Erst als die letzte Note in seinem Kopf verstummte, lockerte er seinen Griff und sah auf die reglose Frau. Endlich schwieg sie. Ihr Lied verführte ihn nicht mehr. Niemals würde er ihnen in die See folgen. Niemals ihrem Locken nachgeben. Niemals ihnen unterlegen. Niemals.
Eine zierliche Hand fädelte die nächste Muschel auf den dünnen Faden und schob sie zu all den anderen, die sich schon aneinanderreihten. Ein goldener Verschluss hinderte sie an der Flucht.
Mit einem leisen Klicken berührten sich die Muscheln. Diese Kette sollte voller Venusmuscheln werden. Auf dem Tisch lag noch eine mit Herzmuscheln und eine weitere mit Spiralenmuscheln.
Sie summte ein fröhliches Lied und fädelte weiter die Muscheln auf. Sah nicht einmal auf, als eine Glocke läutete und hörte nicht den zwei Stimmen, die sich miteinander unterhielten, zu. Dunkel und hell, wie ein wunderschönes Duett, dem man gerne lauschte. Sie hatte nur Augen für ihre Muschelkette, die sie Stück für Stück weiter flochtete.
Perlen rasselten hinter ihr und erfüllte den Raum kurz mit natürlichem Licht, das den Schein ihrer Lampe am Tisch verschluckte. Sie sah nicht auf, sondern verknotete den zweiten Verschluss mit dem Faden, um die Kette ebenfalls auf den Tisch vor sich zu legen.
Die dunkle Stimme bat sie um eine neue Muschelkette. Sie fragte ihn nach dem Käufer, doch die Beschreibung erreichte sie kaum. Alles unwichtig. Sie interessierte sich nicht für die Haare und Augen. Nicht für das Parfüm oder gar für die langen Beine. Dennoch schwieg sie und wartete auf das Ende.
Er beschrieb ihr eine melodische Stimme und schon drückte sie ihm die gerade gefertigte Venusmuschelkette in die Hand. Ihre Lippen umspielte ein Lächeln, das direkt aus der Hölle kommen könnte.
Er grunzte nur und wandte sich um, ohne noch einmal zurückzusehen. Der quietschende Schrei erreichte sie nicht mehr und auch die Preisverhandlungen blendete sie aus. Sie griff sich einen neuen Faden und band den einen Teil des Verschlusses an das Ende, bevor sie eine kleine Box mit neuen Muscheln öffnete: kleine spitze Muscheln, die sich spiralartig zu einem Turm emporwirbelten.
Stück für Stück fädelte sie diese auf. Die Glocke ertönte erneut und dann kehrte wieder Stille ein. Bis sie wieder summte. Fröhlich, unbekümmert, zufrieden. Erneut ging ihr eine ins Nest. Sie würde sie alle fangen. Jede Einzelne. Jede Sirene, sodass sie nie wieder ihre Magie wirken konnten. Niemals wieder.








