Gegensätze
Jeder Schritt verursachte ein Hämmern in seinem Schädel und dass die Sonne hell vom Himmel schien, half seinem Wohlbefinden kein Stück. Trotz seiner Sonnenbrille und der Flasche Wasser, aus der er alle paar Minuten trank, schwanden die hartnäckigen, letzten Überbleibsel seines Katers nicht.
Leo hatte eindeutig zu viel gefeiert, bis in die frühen Morgenstunden hinein, obwohl mit Anbruch des heutigen Tages die Schulferien vorbei waren. Gestern hatte es ihn nicht interessiert, heute bereute er schon eher, nicht vor 05:00 Uhr ins Bett gefallen zu sein. Er hätte ja etwas verpassen können. Eine Party ohne ihn? Gab es nicht.
Das hatte er nun davon. Wenn er es sich recht überlegte, war es ihm alle drei, vier Tage in den letzten sechs Wochen so ergangen.
Seine Eltern hatten auf Grund von Terminüberschneidungen dieses Jahr zur Abwechslung mal keine Reise ins Ausland planen können, sodass Leo und seine Schwester Esther dazu verdammt gewesen waren, die Ferien in Berlin, statt wie geplant in den Staaten, zu verbringen. Mit jenen Freunden, die ebenfalls in der Mutterstadt zurückgeblieben waren.
Das schlechte Gewissen seiner Eltern kam ihm recht gelegen, da sie ihm und Esther immer wieder eine ganze Stange Geld zusteckten, mit dem sie sich selbst beschäftigen sollten. Das tat er auch.
Leo hing viel mit seinen Schulkameraden rum, genoss den Sommer und seine Hitze. Er trieb sich an den verschiedenen Badestränden der überfüllten Seen herum, traf sich mit Freunden zum Grillen, ging sogar hin und wieder mit seiner Schwester ins Kino oder etwas Essen.
Esther und er verstanden sich gut und obwohl sie drei Jahre älter war als er, war er ihr an Reife überlegen. Begonnen damit, dass sie nach wie vor noch Jungfrau war und er nicht, denn seine Jungfräulichkeit hatte er im vergangenen Jahr an eine Freundin seiner Schwester verloren, welche die Nacht bei ihnen im Haus verbracht hatte.
Esther wusste bis heute nichts davon und Leo würde sich hüten, ihr zu erzählen, mit wie vielen Freundinnen von ihr er schon geschlafen hatte. Wie gesagt, er kam älter rüber als er es eigentlich war.
Beim Betreten seines neuen Klassenraumes, wurde er laut begrüßt. Hinz und Kunz fielen über ihn her, einige zogen ihn in Umarmungen, andere betätschelten oder knufften ihn. Leo war das gewöhnt, er wusste, dass er bei beiden Geschlechtern beliebt war.
Aber an Tagen wie heute war ihm das zu viel und vor allem zu laut. Daher brummte er nur ein ‚Morgen’ vor sich hin, während die anderen begannen, ihn mit den Erlebnissen ihrer Ferien zu überschütten, die ihn nur mäßig interessierten.
Leo hörte nur mit halbem Ohr hin, trank wieder aus seiner Flasche und blickte durch den ihnen neu zugeteilten Klassenraum, auf der Suche nach dem besten Sitzplatz. Dann wurde er plötzlich am Arm und aus dem Pulk gezogen.
„Ich habe dir denselben Platz wie letztes Jahr reserviert, ganz hinten am Fenster.”
Leo erblickte seinen Kumpel Adrian. Straßenköterblond, strahlend blaue Augen und immer einen dunklen Teint; selbst im Winter, was nur darauf schließen ließ, dass er mit künstlicher Sonne nachhalf.
„Cool”, murmelte Leo und visierte besagten Platz an.
Adrian und er gingen schon seit zwei Jahren in dieselbe Klasse. Wenn es eine Person für Leo gab, die sich am ehesten ‚bester Freund’ nennen durfte, dann war es Adrian. Auch wenn Leo ihm diesen Titel nicht ganz zugestehen wollte. Er brauchte nämlich keinen besten Freund und suchte auch keinen. Er hatte viele gute Freunde und eine engere Bindung zu einer einzigen Person aufzubauen, lag nicht in seinem Interesse.
Adrian war wohl anderer Auffassung, da er ihn immer seinen besten Freund nannte, obwohl er genau wusste, dass es Leo nervte. Ein guter Freund, das war Adrian in der Tat, mehr nicht.
„Du ahnst nicht, was ich diesen Sommer alles in Australien erlebt habe”, begann Adrian zu schwafeln, noch bevor Leo auf seinem geliebten Fenstersitz Platz nehmen konnte. „Wenn du bloß wüsstest, wie sexy die Mädchen dort sind. Ich sag’s dir...”
Leo blendete Adrians Gerede über seine inzwischen bestimmt schon zehnte Traumfrau aus. Stattdessen rückte er die Sonnenbrille auf seiner Nase zurecht – ohne sie würde sein Gehirn sicherlich aus seinem Schädel platzen, so hell brannten die verfluchten Lichter im Raum – und winkte einer Klassenkameradin zu, die ihn aus dem Kreise ihrer Freundinnen anlächelte.
Lucille, mit der er ein, zwei feuchtfröhliche Abende in den Ferien verbracht hatte. Und hoffentlich bald ein paar weitere. Dann wanderte sein Blick weiter und blieb an Désirée hängen. Ah, das Mädchen mit dem fatalen Hüftschwung.
„Kannst du nicht noch auffälliger zeigen, dass dich nichts, von dem was ich dir gerade erzählt habe, interessiert?” Adrian bekam Leos Aufmerksamkeit zurück. „Wie ich sehe, hast du dich immer noch nicht verändert. Was hast du in den Ferien gemacht?”
Leo lehnte sich gegen das Fenster in seinem Rücken und schaute auf die Wanduhr, die im Zimmer über der Eingangstür hing. In circa fünfzehn Minuten würde der Unterricht losgehen. Er war viel zu früh gekommen.
„Das Übliche. Sex gehabt.”
„Ugh, du schon wieder.”
Leo grinste. „Immer noch kein Glück gehabt?”
Adrian bekam rote Ohren. „Ich habe in Australien gerade mal meinen ersten Kuss bekommen. Aber mehr lief da nicht.”
„Mein Beileid. Du weißt nicht, was du verpasst.”
Leos Handy klingelte, was ihn daran erinnerte, dass er es zumindest auf Vibration stellen sollte und als er es aus der Tasche seiner Shorts zog, hatte er eine Nachricht von Désirée erhalten.
Ein breites Grinsen zog sich über sein Gesicht. Auch ohne die Nachricht zu lesen, wusste er, was drinstand. Denn Désirée schrieb ihm ausschließlich dann, wenn es sich um einen Booty Call handelte. Wirklich unkompliziert, ganz so wie er es mochte.
Kurz hob er den Kopf, um sie anzusehen und als sich ihre Blicke trafen, nickten sie einander einvernehmlich zu. Wie es schien, würde Leo heute nach der Schule nicht allein nach Hause gehen.
Zehn Minuten vor Stundenbeginn trudelte der Klassenlehrer ein, der von einigen Schülern willkommen geheißen und von anderen grimmig empfangen wurde.
Leo und Adrian hingegen waren nicht lange allein geblieben und wurden bereits zu den nächsten Veranstaltungen eingeladen. Club-Abende, Hauspartys, Geburtstage... Alles war dabei.
Leo hätte am liebsten auf den Tisch gekotzt, so sehr widerte ihn gerade der Gedanke an Zigarettenqualm und Alkohol an. Als er dann auch noch zum Läuten der Schulglocke dazu aufgefordert wurde, seine Sonnenbrille abzusetzen, blendete ihn das grelle Licht so sehr, dass er sich gezwungen sah, beide Arme auf dem Tisch zu verschränken und sein Gesicht darin zu vergraben.
Adrian lachte ihn aus, während der Lehrer einen schnippischen Kommentar von sich ließ und ihn dann gewähren ließ.
Leo döste vor sich hin, als die Anwesenheit geprüft wurde. Das dauerte so seine Zeit, da ständig jemand ins Klassenzimmer gestürmt kam. Die üblichen Verdächtigen, die immer zu spät kamen und mit schlechteren Ausreden aufwarteten als im vergangenen Schuljahr.
Später schrieb der Klassenlehrer den neuen Stundenplan an die Tafel, den sich Leo nachher abfotografieren würde. Wozu gab es sonst Handys?
„Hey”, flüsterte Adrian von der Seite und ruckelte an seinem Arm.
Leo wimmerte, da sein ganzer Kopf mit wackelte und er so schon Mühe hatte, sich darauf zu konzentrieren, dass sich seine Umgebung nicht ständig drehte.
„Was willst du?”
„Hier, ein Zettel für dich.”
Schon?, dachte er sich und hob widerwillig seinen stechenden Kopf. Leo nahm das zusammengefaltete Stück Papier entgegen und las es. Adrian schaute ihm derweil neugierig über die Schulter.
Weißt du, ob Leo inzwischen eine Freundin hat?
„Eindeutig nicht für mich. Von wem ist der?“, fragte Leo, da er keine Unterschrift und kein Kürzel auf dem Papierfetzen ausmachen konnte.
Adrian schaute betrübt drein und deutete mit einer Kopfbewegung zum Rotschopf, der eine Reihe weiter vorne saß. Ah, Adrians erste Traumfrau und ewige Flamme, soweit sich Leo richtig erinnerte.
„Also? Was soll ich antworten?”
„Bist du dumm? Gar nichts.” Leo zerknüllte den Fetzen und warf ihn in die Ecke des Fensterbretts.
„Hast du denn eine Freundin?“, ließ Adrian nicht locker.
„Nein, aber das solltest du ihr nicht sagen.”
Adrian nickte nachdenklich. „Es ist unglaublich. Der Tag hat gerade erst begonnen und die Weiber werfen sich dir wieder direkt an den Hals. Das ist ungerecht. Dabei tust du nicht einmal etwas dafür.”
„Ich sehe halt besser aus als du”, Leo meinte es halb so ernst, wie Adrian es aufnahm, da dieser antwortete:
„Das ist wirklich Ansichtssache.”
Und damit hatte er recht. Leo wusste, dass sein Aussehen vorteilhaft war, aber Adrian war auch kein hässlicher Kerl.
Wieder wurde der Unterricht unterbrochen, da eine Person zu spät kam. Inzwischen reagierte der Klassenlehrer nicht mehr so entspannt, da mittlerweile seit dem Beginn der Schulstunde gute zwanzig Minuten vergangen waren. Leo hätte wetten können, dass der Lehrer sie innerlich allesamt verteufelte.
Fort war seine Gelassenheit der ersten Minuten, fort die Erholung der Schulferien und zurück der Hass, den er auf die vierzehn- bis fünfzehnjährigen Schüler verspürte.
Leo fuhr sich über die Schläfen und widmete sich wieder dem deprimierten Adrian. „Ich kann dir sagen, warum du nicht auffällst.”
„Weil ich dich als Kumpel habe?“, kam es prompt zurück.
„Falsch, weil du in meinem Fahrwasser mitschwimmst. Du hängst dich an mich, weil du denkst, damit mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Von deiner Seite aus kommt aber nichts, du steuerst nichts dazu bei, herauszustechen. Du überlässt mir die ganze Arbeit, willst aber absahnen.”
„Als ob deine Beliebtheit Arbeit für dich wäre. Dir fällt sie doch einfach nur in den Schoß.”
„Das mag schon sein, trotzdem liegt die Entscheidung bei mir, ob ich selbstbewusst sein will oder nicht. Du bist es nicht, deswegen gehst du unter. Aber das lässt sich schnell ändern, pass auf.”
„Was machst du?”
Leo, dem sein aufkeimender Gedanke viel zu gut gefiel, antwortete nicht und holte einen Schreibblock aus seinem Rucksack heraus, ebenso einen Kuli. Er riss die Ecke des ersten Blattes ab und kritzelte etwas darauf, bevor er sie zusammenknüllte und zurück zum Rotschopf warf.
„Was hast du getan?“, fragte Adrian nervös und wurde sofort vom angenervten Klassenlehrer ermahnt.
„Wart’s ab.”
Für Adrian waren es sicherlich die schlimmsten zehn Minuten seines Lebens, doch als das rothaarige Mädchen ein Zettelchen zu ihm zurückwarf, schaute er Leo aus großen Augen an.
„Wie hast du das gemacht?”
„Und?“, fragte dieser heiter. „Habe ich dir ein Date beschafft oder was?”
Sein Kumpel reichte ihm den Zettel, auf dem der heutige Tag, ein Ort und eine Uhrzeit geschrieben standen. Unterstrichen wurde das Ganze durch einen Smiley.
„Herzlichen Glückwunsch”, meinte Leo belustigt, weil Adrian sprachlos war.
Dieser Idiot. War schon seit Monaten in das Mädel verknallt und hatte nie einen Ton von sich gelassen. Dabei war es doch so einfach.
„Du bist der Beste, man!“, entfuhr es Adrian euphorisch, sobald er seine Schockstarre überwunden hatte und fiel ihm um den Hals.
„Bleib mir vom Leib, ey”, erwiderte Leo mit einem Stoß seines Ellbogens und hätte wohl den nächsten Anschiss vom Lehrer bekommen, hätte sich in diesem Augenblick die Klassenzimmertür nicht erneut geöffnet.
Dieses Mal trat aber jemand ein, den sie alle nicht kannten, daher war das Gaffen groß. Selbst der Lehrer wirkte irritiert.
„Hast du dich im Klassenzimmer verirrt?”
Die Frage blieb unbeantwortet, da sich der Unbekannte, ohne weitere Erklärung, in die erste Reihe pflanzte, auf den Loser-Platz, den niemand freiwillig besetzen wollte. Klar, dass er dort nun ganz allein saß, da er sich direkt unter der Nase des Lehrers befand.
Das Tuscheln der Schüler begann und auch Adrian und Leo wechselten einen verwunderten Blick. Der Lehrer war der Erste, dem ein Licht aufging.
„Du musst der neue Mitschüler sein. Vincent Schreiber. Du bist mir angekündigt worden.”
Dieser nahm die Kopfhörer aus seinen Ohren. Doch selbst bis in die letzte Reihe war das Schallen seiner Musik zu vernehmen, mit der er sich alle Zeit der Welt ließ, ehe er sie abstellte. In der Tat war er viel zu unbekümmert, wie Leo fand. Dass er kein Wort des Lehrers gehört hatte, war klar.
„Was für ein Arsch, er reagiert nicht einmal”, zischte Adrian laut genug für die um ihn herum sitzenden Schüler, die größtenteils zustimmten. „Kommt zu spät und kriegt das Maul nicht auf. Vogel.”
„Stell dich doch bitte kurz deinen Mitschülern vor”, sprach der Klassenlehrer freundlich und deutete unmissverständlich neben sich, doch Vincent blieb auf seinem Platz sitzen und sprach an die Klasse gewandt, ohne sie anzusehen:
„Hi, ich bin neu.” Das war’s. Keine Personen-Beschreibung, keine weitere Erklärung und auch keine Entschuldigung.
„Offensichtlich, du Keck”, brummte Adrian gehässig. Er hatte Vincent auf Anhieb gefressen.
Leo hingegen lachte in sich hinein und als ihn sein Kumpel stirnrunzelnd ansah, erklärte er sich.
„Der Typ ist lustig. Er schert sich einen Dreck um andere.”
„Wow, was für ein Vorbild.”
Da auch der Klassenlehrer begriff, dass er nichts aus dem neuen Schüler herausbekommen würde, setzte er den Unterricht fort, indem er die Themen, die sie in diesem Schuljahr abhandeln würden, in einer Übersicht darstellte.
Schon war der Neue vergessen, zumindest bis zur ersten Pause, wo sich ihm die meisten näherten und ihn mit Fragen bombardierten. Wo er herkam, warum er die Schule gewechselt hatte und was seine Freizeitbeschäftigungen waren.
Leos Mitschüler begriffen schnell, dass sie um Vincent einen Bogen zu machen hatten, da er nur schnippische, grantige Antworten von sich gab und niemanden in seiner Nähe wissen wollte. Das machte er mit seinem ganzen Verhalten unmissverständlich klar und da die Jungs schon dermaßen abgewiesen worden waren, versuchten es die Mädchen gar nicht erst, obwohl die eine oder andere durchaus interessiert zu sein schien. Immerhin war Vincent auffällig, selbst wenn er sich das nicht wünschte.
Am Morgen kam er immer ganz zum Schluss, meistens genau dann, wenn die Klingel läutete – zu spät kam er aber nicht mehr – und am Nachmittag war er der Erste, der aus dem Klassenzimmer verschwand. Er unternahm nie etwas mit anderen, unterhielt sich nur mit ihnen, wenn es um Schulthemen ging und saß immer allein auf seinem Platz, die Kopfhörer in seinen Ohren.
Seine Noten waren alles andere als gut, aber selbst die gelegentlichen Versuche einiger mutiger Mädchen, ihm ihre Hilfe anzubieten, schlug er aus. Er konnte nicht deutlicher machen, dass er zu niemandem eine Bindung aufzubauen wünschte.
Leo erkannte sich selbst ein bisschen in ihm wieder. Aber nur ein bisschen, da er durchaus in der Lage war, zumindest oberflächlich Freundschaften zu schließen. Vincent hingegen war ein einziger sozialer Schreck.
Das war einer der Gründe, weshalb sich ihm Leo auch nach zwei Monaten noch kein Mal genähert, geschweige denn ein Wort mit ihm gewechselt hatte. Ein anderer war, dass Vincent etwas an sich hatte, das Leo abschreckte. Er war zu grimmig, zu düster, zu sehr auf Abwehr gepolt. Also tat ihm Leo den Gefallen, nicht mit ihm zu verkehren.
Das änderte sich, als sie sich auf Grund einer ausfallenden Schulstunde denselben ruhigen Platz zum Zurückziehen gesucht hatten. Einen Ort, der überdacht und windgeschützt war und sich auf dem leeren Sportplatz hinter der Schule befand. Leo, mit seiner derzeitigen Eroberung im Schlepptau, Vincent mit einem Joint als Begleitung.
„Ich wusste nicht, dass du kiffst”, waren die allerersten Worte, die er jemals an Vincent richtete. Dieser betrachtete ihn jedoch leidenschaftslos, ebenso seine weibliche Begleitung. „Tust du mir den Gefallen und überlässt Elisa und mir den Platz? Alle anderen sind schon besetzt und wir wollen rummachen.”
Vincent verzog das Gesicht. Aber immerhin antwortete er. Wie gehabt, vorlaut. „Zieh Leine, Alter. Ich war hier zuerst.”
Leo zuckte mit den Schultern. „Dann bleib halt hier und guck zu.” Im selben Augenblick packte er Elisa an den Hüften und schob ihr seine Zunge in den Mund.
Obwohl sie sich auf Grund des ungebetenen Zuschauers genierte, fiel sie ihrer Lust über kurz oder lang zum Opfer und schmiegte sich enger an seinen Körper. Leo, der genau wie sie weitaus mehr im Sinn hatte als das, ließ keinen Moment von ihren Lippen ab, schaute aber an ihr vorbei zu Vincent, der ihn erst finster betrachtete und dann mit einer wüsten Beleidigung davonzog.
Umso besser, denn nun konnte sich Leo endlich auf das Wesentliche konzentrieren.
In den nächsten Tagen war es Vincent, der einen riesigen Bogen um Leo machte, was diesen sichtlich amüsierte. In der Tat war er der Einzige, vor dem Vincent zurückzuweichen schien, statt auf Konfrontationskurs zu gehen.
Umso mehr Freude hatte Leo dabei, Vincent gehörig auf den Zeiger zu gehen und sich ihm ständig zu nähern. Sei es drum, dass er ihm beim Betreten des Klassenraums einen guten Morgen wünschte und somit seinen Tag ruinierte oder ihn in der Pause belagerte, in der Hoffnung, vielleicht ein bisschen mehr über ihn in Erfahrung zu bringen, als es seinen Mitschülern gelungen war.
Vor allem interessierte Leo brennend, weshalb ihn Vincent zu fürchten schien, denn so war es doch? Er blickte ihn immer aus verunsicherten Augen an, obwohl er das mit seiner großen Klappe zu überspielen versuchte. Doch wenn Leo eines hatte, dann war es Menschenkenntnis.
„Oooh, sieh mal”, bemerkte Leo freudig und wedelte mit einem Schnipsel herum, den er gerade aus einem herumreichenden Eimer gezogen hatte. Darauf stand die Nummer 2 geschrieben. „Das Schicksal meint es gut mit mir.”
Adrian verdrehte die Augen. „Wie kannst du dich so sehr über eine Gruppenarbeit in Geschichte freuen?”
„Das sagst du nur, weil du dumme Leute abbekommen hast.”
„Oh ja, toll. Und du Johanna, die Streberin. Ist ja klar, an wem letzten Endes die ganze Arbeit hängen bleibt.”
Leo winkte ab. „Die Sommersprosse ist mir egal.”
„Klar, sie ist ja auch das einzige Mädchen, das nicht auf dich abfährt. Das kratzt wohl an deinem Ego.”
„Halt mal die Luft an, mir geht es hierbei einzig und allein um Vincent. Er ist Teil unserer Gruppe.”
Adrian seufzte, wie er es so oft tat, wenn Leo Vincent erwähnte. „Was hast du nur immer mit dem Typen?”
„Wie gesagt, er ist lustig.”
„Ist er nicht eher sowas wie dein Spielzeug? Ihm seinen Tag zu vermiesen, bereitet dir doch Freude.”
„Stimmt genau.” Mit diesen Worten erhob sich Leo, schritt durch das unruhige Klassenzimmer und setzte sich zur bereits wartenden Johanna an den freien Tisch.
Natürlich ließ sich Vincent zweimal bitten, ehe er sich dazugesellte, doch als er es tat, gab er sich alle Mühe, die Blicke der anderen zu meiden.
„Hi Vince”, begann Leo freudig und tätschelte ihm die Schulter, als hätte er jahrelang nichts anderes getan. Vincent entwand sich ihm sofort.
„Nenn mich nicht so.”
„Wie soll ich dich sonst nennen? Vinnie? Oder doch lieber Vinchen?” Leo musste sich stark das Lachen verkneifen.
„Sag mal, willst du ein paar aufs Maul?” Vincents onyxfarbene Augen funkelten ihn angriffslustig an.
Wow, der Typ hatte absolut keinen Humor.
Leo gähnte demonstrativ und blieb unbeeindruckt. „Findest du es nicht anstrengend, ständig nur schlecht gelaunt zu sein? Ich stelle mir das unheimlich kräfteverzehrend vor.”
„Und du, Vollidiot? Menschen, die immer nur gut drauf sind, sind mir nicht geheuer. Was versuchst du damit zu überspielen?”
„Ehm, Jungs? Die Aufgaben”, versuchte Johanna, sich bemerkbar zu machen, doch niemand beachtete sie.
„Dir hingegen täte es mal besser, hin und wieder zu lächeln”, erwiderte Leo, dem nicht entgangen war, dass Vincent zumindest ausreichend interessiert war, dass er ihm auffiel. „Weißt du überhaupt, wie das geht? Es ist ganz einfach, sieh her.”
Leo zog mit beiden Zeigefingern seine eigenen Mundwinkel hoch und zeigte seine Zähne. Wahrscheinlich sah er mehr gruselig aus als alles andere, aber darum ging es nicht.
Die Furche zwischen Vincents Augenbrauen wurde tiefer und die Anspannung in seinen Schultern sichtbarer.
„Versuch es doch mal”, bekräftigte ihn Leo, doch bevor er sich daran machen konnte, die Mundwinkel von Vincent hochzuziehen, hatte dieser seine ausgestreckten Arme bereits weggeschlagen. „Du bist ja wirklich hoffnungslos”, seufzte Leo und ließ sich in seinen Stuhl zurückfallen. „Streberin, du kannst loslegen.”
Johanna atmete erleichtert auf, ließ sich nicht zweimal bitten und teilte die Aufgaben zu gleichen Anteilen unter ihnen auf. Leo fiel auf, dass sie sich selbst die schwereren Aufgaben gab, wahrscheinlich weil sie sie weder ihm noch Vincent zutraute, obwohl Leo kein schlechter Schüler war.
Würde er nur ein bisschen mehr lernen, wäre er sogar richtig gut, da er eine sehr schnelle Auffassungsgabe hatte. Allerdings lebte sein pubertierendes Hirn derzeit in seinem Schritt, da kam ihm das Lernen nur in die Quere.
Ein Schmunzeln entfuhr ihm, als er erneut rüber zu Vincent schaute, der vertieft in die Lektüre seines Geschichtstextes war. Selbst bei so simplen Dingen sah er wütend aus. Was war sein Problem?
Leo bekam einen Papierknäuel an den Kopf geworfen und bevor er sich darüber aufregen konnte, fuhr ihn Johanna quer über den Tisch an. „Jetzt fang endlich an zu lesen!”
„Ist ja gut”, er rieb sich die Stirn und machte sich an die Arbeit.
Ein paar Tage später verabredete sich Leo, wie so oft, mit Adrian nach dem Unterricht. Zum Glück war heute Freitag und das bedeutete wiederum, dass sie um die Häuser ziehen würden.
Leider hatte das mit Adrians erster Traumfrau nicht so recht geklappt. Er hatte es bis zum dritten Date mit ihr geschafft, dann aber das Interesse verloren. Bei näherer Betrachtung fand er sie wohl zu hohl. Immerhin hatte seine Seele jetzt Ruhe und er konnte damit abschließen.
Nichtsdestotrotz war Leo seitdem dazu verdonnert worden, ihm eine neue Freundin zu finden, da es ihm ja angeblich so leichtfiel und Leo würde nichts unversucht lassen, genau das zu tun. Denn nur auf diese Weise würde Adrian weniger an ihm kleben.
Beim Verlassen des Schulgebäudes schaute Leo auf sein Handy. Er hatte ein paar Nachrichten von seiner Schwester, eine von seiner Mutter, die ihn bat, ein, zwei Lebensmittel mitzubringen, und drei Nachrichten von Mädchen, die er nicht einmal benannt hatte.
Oft genug war es ihm zu anstrengend, ihre Namen einzuspeichern, da er die Mädels, die er außerhalb der Schule kennenlernte, nach einem One-Night-Stand sowieso nie wieder sah. Es sei denn er hätte eine üble Durststrecke gehabt, was aber bisher noch nie der Fall gewesen war. Warum sich also dann die Mühe machen?
„Also heute Abend dann um acht?“, vergewisserte sich Adrian zum wiederholten Mal und hielt mit ihm Schritt.
Die winterliche Kälte war längst hereingebrochen und wie üblich hatte sich sein Teint kein Stück verändert. Ein wahrer Solarium-Suchti. Leo hingegen fror sich den Arsch ab, vor allem, da er heute Morgen noch der Auffassung gewesen war, keine Jacke zu benötigen. Jetzt bereute er es und bibberte sich einen ab. Aus diesem Grund hatte er es auch eilig, schnell wieder ins Warme zu kommen.
„Ja, ja”, murmelte er und steckte sein Handy weg. Er begann, sich die Hände zu reiben, da blieb er verwundert stehen, da er kurz vor dem Schultor am Arm gepackt wurde. „Hi Sonnenschein”, neckte er seinen Gegenüber, doch dieses Mal regte sich Vincent nicht darüber auf.
Adrian betrachtete ihn aus schmalen Augen.
„Ich brauche deine Hilfe”, Vincent sah auch jetzt noch angepisst und abweisend aus. Dass er sich trotzdem zu solchen Worten durchrang, wunderte Leo.
„Wobei?” Wenn er es recht bedachte, war es das erste Mal, dass Vincent von sich aus auf ihn zukam.
„Für die Klassenarbeit am Montag. Mathe ist absolut nicht mein Fach.”
„Keins ist dein Fach”, entfuhr es Leo belustigt und erntete einen noch finstereren Blick, wenn das überhaupt möglich war.
„Ich kann keine weitere schlechte Note gebrauchen”, fuhr Vincent im monotonen Tonfall fort. „Mein Bruder reißt mir sonst den Kopf ab.” Für einen Augenblick sah Vincent wirklich verängstigt aus.
„Dann frag die Klassenstreber, wir haben keine Zeit für dich”, ergriff Adrian das Wort und zog an Leos Arm, doch als sich dieser nicht mitführen ließ, redete Adrian weiter. „Oh ja, richtig. Du hast sie ja allesamt vergrault. Wenn man es recht bedenkt, hast du überhaupt niemanden, den du fragen kannst. Schon Scheiße, wenn man keine Freunde hat, was?”
Vincent warf Adrian einen vernichtenden Blick zu und für einen Augenblick befürchtete Leo, er würde mit Fäusten auf ihn losgehen. Stattdessen wandte sich Vincent aber wieder an ihn.
„Hilfst du mir nun oder was?”
Was für eine Tonlage... „Ich habe gleich Taekwondo.”
„Und danach?”
Leo hob beide Augenbrauen, doch ehe er etwas sagen konnte, fuhr ihm Adrian wieder in die Parade.
„Junge, verpiss dich. Checkst du es nicht? Leo hat heute keine Zeit. Nein, eigentlich hat er nie Zeit für dich. Jetzt zieh ab, bevor ich nachhelfen muss.”
Der Missmut wuchs in Leo, der sich an seinen Kumpel wandte. „Und wenn ich eines hasse, dann sind es Menschen, die über meinen Kopf hinweg für mich entscheiden. Alter, ich stehe hier, spiel dich nicht so auf. Ich kann für mich selbst sprechen.”
„Aber du hast doch heute keine Zeit?“, fragte Adrian wesentlich weniger offensiv.
Leo richtete das Wort erneut an Vincent. „Morgen ginge. Du hast Glück, dass mir Mathe liegt.”
„Wo wollen wir uns treffen?“, fragte Vincent, der nicht ansatzweise dankbar aussah.
„Bei Mäckes, hier am Busbahnhof. 13:00 Uhr.”
„Wir sollten unsere Nummern austauschen, falls einem von uns etwas dazwischenkommt.” Vincent war bereits dabei, sein Handy hervorzuholen, da sagte Leo:
„Nee, lass stecken. Sei morgen einfach da.” Vincent schaute perplex zu ihm auf. „Ach und übrigens: Ich stelle eine Bedingung. Warum sollte ich dir auch ohne Gegenleistung helfen?” Oh, wie Leo sich und seine spontanen Einfälle liebte. „Ich helfe dir mit Mathe und im Gegenzug ziehst du mit Adrian und mir heute Abend um die Häuser.”
„Was?“, entfuhr es seinem Kumpel entrüstet. „Leo, was zur Hölle?”
Leo feixte. Er konnte Vincents Verwünschungen förmlich spüren. „Sagst du nein, kannst du dir jemand anderen suchen, der dir hilft. So wie ich das aber sehe, hat Adrian in diesem Aspekt recht. Du kannst niemanden fragen, weil außer mir keiner mit dir zu tun haben will.”
„Ich werde schon jemanden finden”, hielt Vincent aus Trotz dagegen, doch Leo ließ sich nicht beirren.
Die meisten ihrer Klassenkameraden waren bereits auf dem Weg nach Hause und auch wenn Vincent im Besitz der Klassenliste mit all den Festnetznummern der Leute war, kam er Leo nicht wie jemand vor, der seine Mitschüler, die er und die ihn nicht einmal leiden konnten, an einem Wochenende anrief und um Hilfe bat. Es war bereits ein Wunder, dass sich Vincent überhaupt dazu aufgerafft hatte, Leo zu fragen.
„Dann viel Spaß beim Versemmeln deiner Note”, meinte dieser grinsend und wandte sich zum Gehen ab, da wurde er erneut von Vincent am Arm gepackt. Resignation lag in seinem Gesicht.
„Okay, ich bin einverstanden. Ich kann nicht riskieren, rauszufliegen.”
„Rauszufliegen?“, wiederholte Leo automatisch, da platzte Adrian der Kragen.
„Wenn der mitkommt, bleib ich Zuhause!” Die Wut ließ sein Gesicht erröten.
Leo zuckte mit den Schultern. „Cool, dann bis Montag.”
„Ist das dein scheiß Ernst?“, fragte Adrian fassungslos. „Du lässt mich einfach so stehen? Ich bin dein bester Freund, verdammt nochmal. Zeig mal ein bisschen Loyalität!”
„Bist du nicht, warst du nie, wirst du nie sein.” Leo konnte es kaum weniger interessieren, dass Adrian wutentbrannt davonstampfte und wechselte einen Blick mit Vincent, der unbehaglich vor ihm stand.
„Wenn du so weitermachst, bist du ihn bald los”, murmelte dieser ein wenig schadenfroh, woraufhin ihm Leo einen Arm um die Schultern legte und fröhlich antwortete:
„Kein Problem, solange ich meinen Lieblingsmiesepeter habe.”
„Bei dir sind eindeutig ein paar Schrauben locker”, bekam er als Antwort zurück, aber zu Leos Überraschung, fuhr Vincent nicht wieder die Krallen aus und duldete sogar seine Nähe.
Ein bisschen, musste er gestehen, freute er sich darüber.
„Also”, sprach Leo, sobald sie auf die Hauptstraße vor der Schule einbogen. „Wo wohnst du? Ich hole dich dann ab.”
„Warte.” Vincent blieb abrupt stehen. „Du willst meine Handynummer nicht, aber meine Wohnadresse wissen?”
„Richtig, so kann nur ich dir auf die Ketten gehen und nicht du mir. Also rück sie endlich raus.”
Da Vincent nicht glücklich über Leos Aufforderung war, fragte dieser nach. „Was ist? Hortest du Gold zu Hause oder wieso willst du mir nicht sagen, wo du wohnst?”
„Weil ich nicht alleine lebe.”
„Wie wir alle. Wer hat gesagt, dass ich in deine Wohnung will? Ich klingle und du kommst raus, Ende der Geschichte.”
Vincent sah mit einem Mal erleichtert aus. „Okay. Dann habe ich nichts dagegen.”
Während Leo die Adresse auf den Notizblock seines Handys übernahm, fragte er sich, wovor Vincent jetzt schon wieder Schiss hatte. Mit wem wohnte er zusammen und warum wollte er keinen Besuch empfangen? Oder lag es daran, dass er ihn nicht empfangen wollte? Der Kerl wurde von Minute zu Minute ominöser.
„Gut, ich bin dann gegen acht da”, Leo und Vincent verabschiedeten sich voneinander und gingen in verschiedene Richtungen davon.
Auf dem Weg zum Bahnhof begegnete Leo noch einem schmollenden Adrian, der nur darauf wartete, von ihm angesprochen zu werden, aber Leos Gedanken waren ganz woanders.
Vielleicht würde ja ein bisschen Alkohol nachhelfen, um Vincent aufzulockern. Vielleicht war er eigentlich gar kein so übler Kerl.
Leo schüttelte den Gedanken lachend ab.