Prolog
Ein Regenschauer zog über Blaubergen und mischte sich mit dem Rauch, der noch immer in der Luft hing. Grauer Nebel hüllte die verkohlten Überreste der Stadt ein, ließ sie gespenstisch unwirklich erscheinen. Wo gestern noch Leben herrschte, lagen nun nur noch Trümmer, verkohlte Balken, zerborstene Steinfassaden – und Leichen.
Das gleichmäßige Klappern von Hufen durchbrach die Stille, zwei Reiter tauchten aus dem Nebel auf. Ihre dunkelgrünen Umhänge glänzten vom Regen, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. Sie ritten mit bedächtiger Ruhe durch die engen Gassen, ihre Pferde wichen trittsicher den Leichnamen aus, die überall verstreut lagen.
„Was sagst du dazu, Bonhard?“ fragte der eine, seine Stimme klang gedämpft in der feuchten Luft.
Der Angesprochene schnaubte. „Ich sage, dass mir der Regen langsam auf die Eier geht. Eine trockene Schenke mit einem warmen Mahl und einer hübschen Dirne auf dem Schoß wäre mir lieber.“
„Ich meine die Stadt, verdammt.“
Bonhard zuckte mit den Schultern. „Was gibt’s da groß zu sagen? Ein hochnäsiger Lord wollte zeigen, dass er die dickeren Eier hat als sein Nachbar, also ließ er dessen Stadt niederbrennen.“
Sein Begleiter stieß einen missmutigen Laut aus. „Du tust so, als wäre das völlig normal.“
„Und das ist es nicht?“ Bonhard drehte den Kopf und musterte ihn aus dem Schatten der Kapuze heraus. „Lorga, seit Jahren reitest du an meiner Seite. Und du wunderst dich noch immer über die Grausamkeit der Menschen?“
Lorga presste die Lippen zusammen. „Aber wir könnten doch—“
„Wir könnten gar nichts.“ Bonhards Stimme war plötzlich eisig. „Wir sehen, wir verstehen – aber wir greifen nicht ein. Das solltest du mittlerweile wissen.“
Lorga wollte widersprechen, doch dann ließ er es. Stattdessen ritt er schweigend weiter neben seinem Gefährten.
Die Gasse weitete sich zu einem großen Platz. Es musste einmal ein Marktplatz gewesen sein. Jetzt war es ein Meer aus toten Körpern, zertrümmerten Ständen und halb verwesten Lebensmitteln. Das Blut, das der Regen nicht hatte wegwaschen können, rann in dünnen Rinnsalen zwischen den Pflastersteinen hindurch.
Lorga ließ seinen Blick über das Massaker schweifen. „Das hier waren keine königlichen Truppen.“
Bonhard antwortete nicht. Stattdessen lenkte er sein Pferd auf ein Anwesen zu, das sich leicht erhöht über den Platz erhob. Eine Mauer umgab es, überraschend intakt, doch das Tor war nur noch ein verkohltes Gerippe. Lorga fühlte ein Ziehen in der Brust – als würde etwas an ihm zerren, ihn drängen, diesem Ort zu folgen.
„Bonhard…?“
Doch Bonhard war bereits abgestiegen und schritt durch die Toröffnung.
Hinter der Mauer lag ein Hof, in dessen Mitte ein marmorner Brunnen stand. Zwei Bären, im Kampf erstarrt, ragten daraus hervor – ihre Umrisse vom Regen glatt gewaschen, doch unversehrt. Der Rest des Anwesens war nichts als verkohlte Trümmer. Nur ein einzelner Bergfried aus Stein stand noch.
Bonhard blieb vor dem Turm stehen. Sekundenlang herrschte Stille. Dann schüttelte er den Kopf, drehte sich um und schwang sich wieder in den Sattel.
„Komm, Lorga. Hier gibt es nichts mehr.“
Doch bevor sie das Tor erreichen konnten, erklang ein Geräusch.
Ein leises, klägliches Wimmern.
Die beiden Männer hielten inne. Sekundenlang lauschten sie, der Regen tropfte von ihren Umhängen, das Echo ihrer Pferdehufe verklang.
Dann bewegte sich Bonhard.
Er trat durch das zertrümmerte Tor des Bergfrieds, das sich schwer knarrend bewegte. Drinnen war die Luft noch stickig vom Rauch, der Boden mit Asche bedeckt. Ein Raum, der vielleicht einst eine große Halle gewesen war, lag vor ihnen – nun nur noch eine rußgeschwärzte Ruine.
Dann, aus den Schatten, kam das Geräusch erneut.
Ein Schlurfen. Ein wimmernder Laut, erstickt, als hätte sich etwas in den Trümmern verborgen.
Bonhard bewegte sich darauf zu, schob verkohlte Balken und geborstenes Holz beiseite. Etwas regte sich darunter. Lorga erstarrte, als eine bleiche, kleine Hand aus der Asche auftauchte.
Bonhard packte den Balken, zog ihn zur Seite. Darunter lag eine Frau – oder das, was von ihr übrig war. Ihr Körper war verdreht, ihre Augen blickten leer zur Decke.
Doch neben ihr, an sie geklammert, hockte ein Junge.
Seine Kleidung war zerrissen, sein Gesicht mit Ruß und Tränen verschmiert. Er presste eine Stoffpuppe an die Brust, als könnte sie ihn beschützen.
Bonhard hockte sich hin, musterte ihn einen Moment. „Junge?“
Der Kleine zuckte zusammen, als hätte ihn die Stimme aus einem Albtraum gerissen. Seine Augen, so unnatürlich in diesem düsteren Ort, weiteten sich.
„Bist du verletzt?“
Der Junge zögerte, dann schüttelte er langsam den Kopf.
„Dann komm.“
Bonhard streckte eine Hand aus. Der Junge wich nicht zurück. Zögernd löste er sich von der toten Frau, klammerte sich an Bonhards Umhang und an einem kleinen Stofftier, das mitgenommen aussah.
Lorga sah zu, wie Bonhard ihn behutsam auf den Arm nahm und aus der Ruine trug. Der Junge sagte nichts, machte keine Anstalten, sich zu wehren.
Als sie den Hof wieder betraten, klarte der Himmel auf. Die Sonne brach durch die Wolken und tauchte die verbrannte Stadt in gespenstisches Licht.
Doch sie waren nicht allein.
Fünf Männer standen vor dem Tor. Sie grinsten breit, ihre zerlumpten Gewänder ließen keinen Zweifel daran, was sie waren.
Marodeure.
„Was haben wir denn da?“ Der größte von ihnen, ein glatzköpfiger Hüne mit breitem Kinn, trat vor. Seine Hand umklammerte eine rostige Axt.
„Hab ich’s euch nicht gesagt, Jungs? Hat sich gelohnt, hier zu warten. Guckt euch den Bengel an.“ Er deutete auf den Jungen in Bonhards Armen. „Der ist mehr wert als zehn Schlösser zusammen.“
Lorga spuckte aus. „Und wenn wir ihn nicht rausrücken?“
Der Glatzkopf lachte. „Dann nehmen wir ihn. Und alles andere auch.“
„Willst du oder soll ich?“ fragte Lorga leise, ohne den Blick abzuwenden.
Bonhard setzte den Jungen auf den Boden. „Ich kümmere mich darum.“
Die Marodeure lachten.
Ihr Lachen verstummte, als Bonhard das Schwert zog und wichen einen Schritt zurück.
„Sieh gut hin, Junge,“ sagte Lorga mit harter Stimme. „Das ist deine erste Lektion.“
Die Männer fassten wieder Mut und griffen Bonhard frontal an. Das war ein Fehler.
Der erste fiel mit aufgeschlitzter Kehle, bevor sein Schwert auch nur die Hälfte des Weges zu Bonhard gefunden hatte. Der zweite taumelte zurück, hielt seine heraustretenden Eingeweide in den Händen, bevor er zusammenbrach. Die beiden mit Speeren stießen panisch zu, doch Bonhard wich aus, ließ die Klinge kreisen – und trennte ihren Köpfen den Körper ab.
Der letzte rannte.
Bonhard nahm sich einen der Speere und traf den fliehenden zwischen die Schulterblätter.
Lorga wandte sich an den Jungen. „Hast du es verstanden?“
Der Junge schüttelte den Kopf.
„Das wirst du noch.“
Bonhard hockte sich hin, schlug die Kapuze zurück.
Der Junge erstarrte.
Es war kein Gesicht, das ihn ansah. Es war ein Muster aus schwarzen Linien, eine Fratze, gezeichnet mit Tinte und Narben.
„Komm, Junge,“ sagte Bonhard leise. „Wir bringen dich nach Hause.“
Der Junge rührte sich nicht, als sie ihn aufs Pferd setzten. Er klammerte sich nur an seine Stoffpuppe – und ließ es geschehen.
Unbemerkt von Bonhard und Lorga, saß ein Mann auf einem Mauerabschnitt und beobachtete die beiden, die durch das Tor ritten. Sein Blick ruhte vor allem auf dem kleinen Jungen, der regungslos im Sattel saß, nur mit Mühe aufrecht gehalten vom Lorga hinter ihm.
Gemächlich lehnte sich der Beobachter zurück und nahm einen tiefen Schluck aus einem Trinkschlauch. Ein Rinnsal lief sein Kinn hinab, doch es störte ihn nicht. Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln – ein Ausdruck leiser, genussvoller Vorfreude.
„Oho… ich sehe es schon vor mir,“ murmelte er mit zitternder Stimme. „Das wird ein Spektakel.“
Er sprang auf, streckte den Arm aus und deutete mit dem Trinkschlauch auf die Reiter.
„Du wirst schon sehen! Dank mir wirst du groß rauskommen – sehr groß!“
Dann brach er in schallendes Gelächter aus, das durch die Stille der verbrannten Stadt hallte.
Doch die Reiter bemerkten nichts.
Als Lorga sich ein letztes Mal umblickte, war niemand zu sehen. Nur der Trinkschlauch lag verlassen auf der Mauer, und ein einzelner Tropfen Flüssigkeit löste sich träge vom Rand, klatschte auf die behauenen Steine.
„Was ist, Lorga?“ fragte Bonhard.
Lorga runzelte die Stirn. „Ich dachte, ich hätte ein Lachen gehört.“
Bonhard sah ihn aus den Augenwinkeln an. „Ich hab nichts gehört. Und ich denke, es reicht für heute mit deiner übernatürlichen Wahrnehmung.“
Lorga seufzte und richtete den Blick wieder nach vorn. „Du hast wahrscheinlich recht. Der Kleine ist genug für heute.“
Der Wind heulte durch den schmalen, verschlungenen Pass, peitschte eisige Böen durch die engen Felsspalten und ließ die schwarzen Umhänge der Reiter flattern. Bonhard und Lorga ritten schweigend, den Blick starr nach vorn gerichtet. Hinter ihnen, in eine dicke Decke gehüllt und vor der Kälte geschützt, saß der kleine Junge, stumm und reglos wie ein Schatten.
Plötzlich weitete sich der Weg, öffnete sich zu einem atemberaubenden Panorama: Ein Talkessel, verborgen zwischen schroffen Berghängen, von der Außenwelt abgeschnitten wie ein Relikt vergangener Tage. In der Mitte des Tals lag ein stiller See, sein Wasser schwarz unter dem bleichen Licht des Mondes. Ein dichter Nadelwald zog sich bis an die Felsen, und an die Bergwand geschmiegt erhob sich Karn Atur – die Heimstätte der Auroren.
Die Festung war eine mächtige Bastion aus dunklem Stein, mit niedrigen, massiven Türmen, die nicht für Prunk, sondern für Schutz gebaut waren. Ihre Mauern schienen mit dem Berg zu verschmelzen, als wären sie aus seinem Fleisch gehauen. Rauch stieg aus mehreren Kaminen auf, tanzte im Wind, ein Zeichen von Leben in dieser vergessenen Ecke der Welt.
Bonhard lenkte sein Pferd den steinigen Pfad hinab, Lorga folgte dichtauf. Als sie sich dem Tor näherten, das von einer alten Zwergenkonstruktion aus Zahnrädern und Gegengewichten gehalten wurde, ertönte eine tiefe Stimme.
„Na, sie mal einer an, wenn wir da haben.“
Gundrik stand mit verschränkten Armen am Tor. Der alte Zwerg war gebeugt von den Jahren, doch seine Augen funkelten wachsam unter buschigen Brauen hervor. Sein Bart, einst so schwarz wie der Stein der Festung, war von silbernen Strähnen durchzogen und reichte ihm bis zur Brust.
„Gundrik.“ Bonhard nickte ihm zu.
„Hmpf.“ Der Zwerg spuckte aus und musterte den Jungen auf Bonhards Pferd. „Und was hast du da angeschleppt? Ne neue Katze? Sieht nicht so aus, als würd er viel taugen.“
Lorga verzog das Gesicht. „Du könntest auch einfach mal freundlich sein, alter Griesgram.“
Gundrik brummte, doch ein Schmunzeln zuckte über seine Lippen. „Freundlich? Ich bin freundlich. Immerhin lass ich euch rein.“ Er drehte sich um, schlug mit der Faust gegen eine Metallplatte neben dem Tor, und mit einem tiefen Knarren setzte sich das alte Zwergenwerk in Bewegung.
Hinter den Mauern warteten bereits einige Auroren. Sie hatten die Ankunft der Reiter bemerkt und kamen ihnen entgegen. Ihre schwarzen Linien zeichneten sich in den Fackelschein, Muster aus uralter Kraft, die sich über ihre Arme und Hälse zogen. Sie begrüßten Bonhard mit Respekt, neigten leicht den Kopf oder legten die Faust auf die Brust.
„Willkommen zurück, Hauptmann.“
„Habt ihr es auch gut gehen lassen, dort draußen?“ sprach einer der Auroren.
„Mehr als mir lieb ist,“ gab Lorga trocken zurück.
Das Lachen der Männer hallte von den Mauern wider, rau und ehrlich. Doch ihre Blicke wanderten immer wieder zu dem Jungen, den Bonhard vom Pferd hob. Theron klammerte sich an seine Decke, die Augen groß und wachsam.
„Ein Findelkind?“ Einer der Auroren trat näher.
Bonhard nickte. „Von nun an einer von uns.“
Einige musterten das Kind skeptisch, andere mit stiller Neugier. Vier Jungen, nicht viel älter als Theron, standen in der Nähe, ihre Gesichter ein Spiegel aus verschiedenen Reaktionen – Misstrauen, Gleichgültigkeit, Interesse.
Dann trat einer vor. Ein schmaler Junge mit wachen, klugen Augen. Er musterte Theron kurz, dann grinste er schief und klopfte ihm auf die Schulter.
„Sieht aus, als wären wir jetzt Brüder. Ich bin Ardan und wie heißt du?“ fragte er mit einem Grinsen
Der Junge blinzelte überrascht. Irgendwas schien es in ihm auszulösen und plötzlich antwortet er: „Theron.“