Prolog
Lia blitzte ihr Spiegelbild wütend an.
Als sähe sie nicht nur sich selbst, sondern ihn. Jenen Menschen, dessen Gesicht sie zu gut kannte. Vielleicht sogar zu gut.
Als erinnerte sie sich an jedes Wort, das sie von ihm gehört hatte.
Wie konnte alles so schnell entgleisen? Erst das Lachen im sanften Licht der Sterne, seine Berührung, als sie glaubte, für einen Moment … Nein. Es war falsch gewesen. Alles war falsch gewesen.
Aufgebracht strich sie sich eine ihrer blonden Strähnen aus dem Gesicht, die sich immer wieder aus ihrer lockeren Hochsteckfrisur löste.
Wie hatte sie sich nur so täuschen lassen?
“Verfluchter, verlogener Mistkerl”, unterbrach sie sich selbst und war drauf und dran, ihre sorgfältig arrangierten Haare zu zerzausen. Fehlte nur noch, dass sie mit dem Fuß aufstampfte wie ein trotziges Kind.
Normalerweise hätte sie über so einen Ausbruch nur den Kopf geschüttelt. Heute war eine dieser seltenen Herausforderungen des Lebens, die wohl als Lektion betitelt würden.
Jeder Mensch war entweder ein Geschenk oder eine Prüfung.
Na, auf dieses Geschenk hätte sie verzichten können. Viel zu energisch und mit eindeutig zu viel Schwung glättete sie das zartgrüne Kleid, das ihren Körper umschmeichelte und ihr bis zu den Knien in sanften Wellen hinabfloß. Sie prügelte fast auf den weichen Stoff ein, weil sie sich kaum unter Kontrolle bekam.
Ihre Freundin würde heute heiraten und es war ihre verdammte Pflicht, dabei zu sein, wenn sie ihrem Verlobten das Ja-Wort gab. Dem Mann, der Lia in den letzten Wochen den Kopf verdreht hatte. Von dem sie dachte, dass er der Richtige für sie war.
Entschieden wischte sich Lia ihre verzweifelten Tränen aus den Augenwinkeln, die sich entgegen ihrer Wünsche immer wieder dort einfanden.
Verräter!
Sie würde nicht wie ein armseliger Teenager rumheulen und einem Kerl nachtrauern, der sie nicht verdient hatte. Und ganz sicher würde sie ihre Freundin nicht ahnungslos in ihr Verderben laufen lassen.
Sie atmete tief durch.
Durch das geöffnete Fenster drang mit der lauen Brise der Duft nach Lilien und Rosen zu ihr herein. Doch statt tröstlich zu wirken, ließen die lieblichen Gerüche sie heute fast würgen.
Enttäuscht, wütend. Auf sich selbst und auf ihn. Weil sie auf dieses ... dieses Arschloch hereingefallen war.
Tagtäglich hatte sie mit Männern zu tun, die sowohl ihrer Frau, als auch ihrer Geliebten Blumen schickten. Dieses Schicksal wollte sie ihrer Freundin ersparen.
“Wart’s nur ab.”
Trotzdem lauerten leise Zweifel am Rand ihres Verstandes, die ihr sehr schlüssig klingende Gegenargumente auflisteten, warum sie nicht das Recht hatte, dazwischen zu funken.
Würde sie sich wirklich in das Leben ihrer Freundin einmischen, nur weil sie nicht loslassen konnte?
Es war doch ihre Pflicht, die Wahrheit zu sagen?
Bedenken krochen in ihr Herz, ein flimmerndes Bild von ihr und ihm, das in ihrem Kopf immer wieder auftauchte. War sie einfach zu egoistisch, um ihn gehen zu lassen? Missgönnte sie den beiden ihr Glück?
Sie würde ihrer Freundin den Hochzeitstag ruinieren. Den einen Tag, den sie mit so viel Hingabe geplant hatte.
Sie konnte aber auch nicht weiter die Augen vor der Realität verschließen, die in den letzten Tagen über ihr schwebte wie eine immer dunkler werdende Gewitterwolke.
Ein letzter Blick in den Spiegel sagte ihr, dass ihr das Sommerkleid gut stand, aber keine Rüstung bilden würde in dem Kampf, den sie zu bestreiten hatte. Es würde sie nicht vor den Gefühlen schützen, die sie erdrückten und ihr den Schlaf raubten.
Sie würde hingehen müssen.
Und etwas würde zerbrechen.
Vielleicht sogar sie selbst.
Sie hatte keine Wahl.
Vielleicht würde heute mehr als eine Wahrheit enthüllt.