Grauer Schwan
Vorsichtig tauchte ich nur die Pinselspitze in die Tinte. Gerade als ich Schattierung auf meinem Bild machen wollte, ertönte ein gewaltiger Glockenschlag und ließ das Haus erzittern. Von nebenan hörte man etwas zersplittern, gefolgt von einem lauten Fluchen. Mit einem Lächeln legte ich den Pinsel zur Seite. Langsam stand ich auf und schaute mit einem Seufzen auf das Bild. Bei der Erschütterung ist die Tinte verlaufen. Mit einem Kopfschütteln wandte ich mich vom Tisch ab.
Wird wohl ein abstraktes Bild! Sagte ich laut auf dem Weg zur Tür.
Als ich sie öffnete, sah ich, wie die Frau, die mich großzog, mit einer Kehrschaufel auf dem Küchenboden herumkroch.
Ich kniete mich neben ihr hin. Lass mich das machen. Ohne Probleme ließ ich die Teile nach oben schweben, mit einer Drehung meines Handgelenks wirbelten sie im Kreis. Als ich mit dem rechten Zeigefinger schnippte, fügten sich die Teile zusammen und eine vollständige Tasse landete in meiner Handfläche.
Bitte. Ohne Macken hielt ich ihr die Tasse hin.
Mit einem strahlenden Lächeln nahm Lora die Tasse entgegen.
Danke, das ist meine Lieblingstasse.
Sie drückte die Tasse fest gegen ihre Brust. Im Gegensatz zu den anderen hatte diese einen leichten grünen Schimmer. Ein Hinweis, zu welchem Erzengel Lora sich am meisten hingezogen fühlte.
Langsam stand sie auf und ging zurück zur Küchentheke. Dort nahm sie die Teekanne und schenkte sich eine neue Tasse Wolkentee ein.
Ohne dich hätte ich sie wegschmeißen müssen. Selbst Kasper hätte sie nicht mehr retten können. Deine Kraft ist wirklich nützlich, Seelest.
Kasper war der Meister des Handwerks, seine Werkstatt befand sich auf der zweiten Ebene, wo auch die Soldaten trainierten. Bei ihm lernte man das Töpfern, Glasbläsern, die Herstellung von Kleidern, Schmuck und die Schmiedekunst.
Mit einem Seufzen nahm ich die Kehrschaufel und den Eimer. Du weißt doch, dass meine Kraft nicht anerkannt wurde.
Ich stellte die Kehrschaufel mit Eimer in den Schrank unter der Spüle zurück. Helen strich mir kurz über den Kopf, als ich mich neben sie hinkniete. Seelest du wirst eines Tages erfahren, warum du diese Gabe besitzt. Sei stolz drauf.
Ich stand auf und schaute mich in der Wohnung um. Ist sonst noch was zu Bruch gegangen?
Sie trank den Rest von ihrer Tasse aus und stellte sie in die Spüle. Nein, ich habe nur aus Versehen die Tasse fallen lassen, ich schwöre dir, eines Tages reiße ich diese verdammte Glocke ab.
Das hast du schon oft gesagt. Sagte ich mit einem breiten Grinsen.
Dieses Mal seufzte sie. Du solltest dich lieber um etwas anderes kümmern, du weißt, was der Glockenschlag zu bedeuten hatte. Sie müssen gleich ankommen.
Sie schaute nach draußen. Ich folgte ihrem Blick. Ja, ich weiß, aber mit mir hat das nichts zu tun. Ich war noch nie bei dieser Versammlung.
Mit einem Stirnrunzeln drehte sie sich zu mir. Seelest ...
Plötzlich klopfte es an der Tür.
Wahrscheinlich ist auch bei den Nachbarn was zu Bruch gegangen. Sagte ich mit einem Achselzucken. Ich ging zur Tür und öffnete sie. Zwei Wachen standen davor. Erstaunt hob ich meine Augenbrauen, als sie ihre Hand auf die Brust legten.
Schülerin Seelest wir haben den Befehl erhalten, Sie abzuholen. Erklärte die rechte Wache.
Bevor ich etwas dazu sagen konnte, spürte ich einen stechenden Blick im Rücken. Oh, Himmel, ich ahne Schreckliches.
Lora packte mich um die Hüfte. Würden sich die Herren kurz gedulden? Bat sie die Wachen. Sie zog mich mit einem Ruck ins Haus und haute die Tür mit ihrem Fuß zu. Geschockt schauten sich die Wachen an und zuckten nur die Schultern.
Von ihnen hörten sie nur ahh, „Uh“ autsch. Ich mache schon. Nach ein paar Minuten öffnete sich die Tür wieder und ich stand umgezogen und gebürstet vor ihnen. Mit einem Stoß in meinem Rücken wurde ich aus dem Haus befördert und landete direkt an der Brust der linken Wache. Völlig überrumpelt machte er mit mir einen Schritt zurück, um bei dem Zusammenstoß nicht umzufallen.
Wütend drehte ich meinen Kopf zur Tür. Sie winkte mit einem breiten Grinsen. Ich wünsche euch einen schönen Tag. Mit einem leisen Knall flog die Haustür vor uns zu.
Mit einem Kopfschütteln löste ich mich von dem Mann. Ich legte meinen Kopf nach hinten, damit sich unsere Blicke trafen. Ist alles okay mit ihnen?
Die Wache schaute mich mit einem überraschten Ausdruck an. Das wollte ich gerade fragen. Tut Ihnen der Rücken weh?
Ich wollte gerade mit der rechten Hand durch meine Haare fahren, als ich mich erinnerte, dass ich einen Haarreif trug. Stattdessen rieb ich über meinen Nacken. Nein, das war ich gewohnt. Meine Mutter ist manchmal wild.
Verstehe.
Dann können wir ja gehen. Sagte die rechte Wache. Man konnte hören, wie er sich ein Lachen verkniff.
Er hob seinen rechten Arm und zeigte damit in Richtung Versammlungsplatz. Ihre Kutsche wartet bereits auf Sie, junge Dame.
Vielen Dank, die Herren. In Gedanken stöhnte ich. Großartig, warum ich?
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Das Haus, in dem ich mit meiner Erzieherin lebte, lag auf der ersten Ebene. Hier wohnten alle Schüler wie auch Soldaten. Auf der zweiten Ebene befanden sich die Wolkenplantagen, Werkstätten, Trainingsplätze und die Bibliothek von Uriel. Auf der dritten Ebene wohnten die Erzengel, wo auch die Tempel von Michael, Gabriele und Raphael standen. Die vierte Ebene war das Territorium vom Allvater.
Portalplätze, Treppen und Kutschen waren die einzige Möglichkeit zu reisen, wenn man keine Flügel besaß.
Allerdings gab es nur bis zur zweiten Ebene Treppen, auch die Portale brachten nur einen zur zweiten Ebene. Um zu der dritten Ebene zu gelangen, musste man fliegen. Das war ohne Flügel nur mit einer der Kutschen möglich, die von den Erzengeln geschickt wurden.
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Auf dem großen Platz hatten sich schon viele Leute versammelt. Manche schauten in meine Richtung, als ich mit den beiden Wachen in meinem Rücken auf sie zukam. Eine junge Frau löste sich von der Menge und rannte auf mich zu.
Sie heißt Tina und war wie ich eine Schülerin.
Sie packte mit leuchtenden Augen meine rechte Hand. Seelest kommst du dieses Mal mit?
Tja. Ich schaute über meine Schulter, wo immer noch die zwei Wachen standen. Sieht ganz so aus.
In Gedanken verdrehte ich die Augen. Anscheinend lassen mich die beiden erst in Ruhe, wenn ich in einer der Kutschen sitze.
Toll, dann komm, dort ist noch keiner eingestiegen. Tina zeigte auf eine grüne Kutsche. Oder darfst du da nicht einsteigen? Die Frage war nicht an mich, sondern an die Männer gerichtet. Beide zuckten mit den Schultern.
Super, dann komm. Hastig zog sie mich zu der Kutsche. Einige waren bereits besetzt und warteten auf den Aufbruch. Gerade als wir bei der letzten grünen Kutsche ankamen, die noch leer war. Kamen zwei weiter auf sie zugerannt.
Jessica und Benjamin. An ihrem Gesichtsausdruck konnte man klar erkennen, dass sie nicht erfreut war, mit mir zu fliegen. Sie stemmte die Fäuste in die Hüften und baute sich vor mir auf. Was machst du vor einer grünen Kutsche, Seelest? Nur Schüler von Raphael dürfen sie benutzen. Sie schaute wütend zu Tina, die sich hinter meinem Rücken versteckte. Jessica war für ihr hitziges Temperament bekannt. Damit kam Tina nicht klar, sie war noch ein Nesthäkchen.
Jessica verschränkte mit einem eiskalten Lächeln ihre Arme. Na los, versuch die Kutsche zu öffnen, wenn du mir nicht glaubst. Mit einem lauten Seufzer legte ich meine Handfläche gegen die Tür.
Öffnen.
Als sie mit einem Strahlen aufleuchtete, trat ich einen Schritt zurück. Leise knarrend öffnete sich die Kutsche. Ich hob den linken Arm. Bitte nach dir.
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Glaub ja nicht, dass du etwas Besonderes bist. Zischte Jessica beim Vorbeigehen.
Benjamin stieg nach ihr ein. Als sich unsere Blicke trafen, konnte man in seinen Augen eine unausgesprochene Entschuldigung erkennen. Mit einem Nicken bedankte ich mich bei ihm. Tina die immer noch hinter mir stand zögerte. Ich legte meine rechte Hand auf ihren Rücken. Setz dich neben ihn flüsterte ich ihr zu.