Kapitel 1 - Ich ruhe nicht in Frieden
Ich spüre seine Präsenz in jeder Faser meines Körpers. Sie kriecht über meinen Rücken, lässt meine Haut prickeln und bringt mein Herz zum Rasen. Ich atme ein und aus. Ein und aus. Schließe die Augen und versuche, meine wild durcheinander rasenden Gefühle zu zügeln. „Beruhige dich!“, flüstere ich mir zu. „Sei vernünftig!“ Er kann nicht hier sein. Er wird nie wieder hier sein. Er ist gegangen. Für immer!
Mein Verstand schreit, dass es unmöglich ist, und doch fühle ich ihn hinter mir stehen. Bin mir beinahe sicher, dass sein Atem meinen Nacken streift und alle Härchen an meinem Armen stellen sich auf. Ich möchte ihm zurufen, dass er mich in Ruhe lassen soll. Mich verschonen soll mit seiner Präsenz, aber gleichzeitig wünsche ich mir nichts sehnlicher, als ihm wieder ins Gesicht sehen zu können. In seine wunderschönen blau-grünen Augen, deren Glanz der Welt viel zu früh genommen wurde.
„Bitte geh“, flüstere ich und wünsche mir nichts sehnlicher, als das er bleibt.
Ich hasse mich dafür, dass ich so schwach bin. Dass ich es nicht schaffe, ihn loszulassen. Dass mich sein Geist seit einem Jahr verfolgt. In meinem Alltag, in meinen Träumen, in jeden meiner Gedanken. Und ich manchmal, so wie jetzt, sogar das Gefühl habe, dass er direkt neben mir steht.
Er ist tot. Vor zwölf Monate, neun Tage und zwei Stunden hat der Krebs gewonnen und wir haben verloren. So lange atmet Kian nicht mehr, und doch sind es seine Atemzüge, die ich an meinen Haaren spüre.
Ich drehe mich um. Es fühlt sich an, als würde ich mich in Zeitlupe bewegen, weil alles wie eine Ewigkeit wirkt, seit er gegangen ist. Manchmal habe ich das Gefühl, Kian hat bei seinem Tod all meine Zeit mitgenommen. Als würde ich festkleben, verharren, während die Welt um mich herum sich viel zu schnell weiterdreht.
Sein Anblick trifft mich wie ein Blitzschlag. Er sieht immer genauso aus, wie in meiner liebsten Erinnerung an ihn. Die braunen Haare zerstrubbelt, die Hände lässig in die Taschen seiner Used-Jeans gesteckt und ein spitzbübisches Lächeln, auf seinem kantigen Gesicht. Mit diesem Look hat er mir bereits bei unserem ersten Date mein Herz geraubt und es mir seitdem nicht wiedergegeben.
Ich möchte mich in seine Arme schmeißen, ihn Küssen, und mein Kopf an die Stelle neben seiner Schulter anlehnen, die wie für meine Wange gemacht war. Ich möchte ihn schütteln, und ihn anschreien, warum er mich alleine gelassen hat in dieser kalten Realität. Ihn fragen, warum es ausgerechnet ihn treffen musste. Wie er schon im Alter von neunzehn von dieser Welt gelöscht werden konnte. Doch ich tue weder das eine noch das andere. Denn immer, wenn ich versuche, nach ihm zu greifen, verschwindet er. Als wäre mein Verstand nicht in der Lage, sich seinen Anblick und seine Berührungen gleichzeitig einzubilden.
Und so erstarre ich und sehe ihn einfach nur an. Nehme seinen Anblick in mich auf, und wünsche mir, dass ich mich für immer an ihn erinnern kann. An seinen Geruch, seine Stimme, und die Art, wie seine Haare im Wind geweht haben.
Ich wische mir die Tränen aus dem Gesicht, die stumm meine Wangen hinunterlaufen. „Warum bist du hier?“, frage ich ihn, und weiß, dass er mir nicht antworten kann. „Hast du auch Angst, dass meine Erinnerungen an dich irgendwann verblassen?“
Sanft schüttelt Kian den Kopf, nimmt die Hände aus seinen Taschen und knetet sie vor seinem Körper. Es wirkt, als würde er mit jeder Bewegung seiner feingliedrigen Finger darum ringen, was er sagen soll. Als sei er nicht für immer verstummt.
Traurig schaut er auf den Fußboden, als gäbe es neben seinen Fußspitzen einen Punkt, der ihm die Antworten geben kann, die ich suche.
So stehen wir da. In der Stille, die nur durchbrochen wird, vom Schlagen meines Herzens und dem monotonen Tacken, meiner Uhr an der Wand.
Irgendwann hebt Kian den Kopf. Er sieht mir direkt in die Augen, und mein Puls setzt für einen Moment aus. Sein Blick ist so durchdringend, so fordernd, dass ich den Eindruck habe, dass ich darin etwas erkennen müsste. Eine Wahrheit, die er mir übermitteln möchte, aber ich verstehe seine Botschaft nicht. Meine Sinne sind von seinem Anblick gefesselt.
Kian bewegt den Arm nach oben und zeigt auf meinen Schreibtisch. Immer und immer wieder deutet er mit seiner Fingerspitze auf die Ecke meines Zimmers.
„Was möchtest du mir sagen?“ Ich scanne mit meinem Blick den Tisch, auf dem sich meine Schulunterlage, Zettel, Stifte und Notizblöcke übereinandertürmen. Aufräumen ist so unwichtig geworden, seit ich im Nichts der Trauer versunken bin.
Er hebt die Hand, und ich weiß, was er tun möchte. Weil er diese Geste schon so oft in seinem Leben gemacht hat. Ich greife nach seinem Arm und möchte ihn aufhalten, aber es ist zu spät. Seine Finger fahren im Versuch, mir eine verirrte Strähne meiner gelockten Haare hinters Ohr zu streichen, neben meinem Gesicht entlang. Und genau in dem Moment, wo er meine Haut berühren müsste, verschwindet er. Lässt mich im Stich. Die lose Strähne verharrt regungslos vor meinen verweinten Augen.
Rücklings lasse ich mich auf das Bett hinter mir fallen und ziehe mir die Decke über den Kopf. Ich möchte schreien, ich möchte um mich schlagen, aber mein Körper ist zu erschöpft, um irgendwas davon zu tun.
Ich versinke in der Dunkelheit um mich herum, und lass mich treiben. Hindurch durch all die Erinnerungen an Kian und mich. Unser erstes Treffen, das Gefühl von seinen Lippen auf meinem bei unserem ersten Kuss, die Berührungen seiner Hände auf meiner Haut, das glückliche Kribbeln in meinem Bauch.
Ich liege da und atme, weil es das Einzige ist, wozu ich noch im Stande bin.
Erst, als ein monotones Summen durch die Daunen meiner Decke dringt, regt sich etwas in mir. Mein Handy! Mein Handy, das ich unter all den Unterlagen auf meinem Schreibtisch vergraben habe, als meine Freundinnen mal wieder nicht aufgehört haben, mich mit besorgten Nachrichten zu bombardieren. Es liegt in der Ecke meines Zimmers genau dort, wo Kian hingezeigt hat.
Was kann das bedeuten? Ich möchte mein wild in der Brust umherspringendes Herz zu beruhigen, und rede mir ein, dass es nur eine weitere Nachricht von meiner Freundin Harper ist, die mich zu einem Treffen nötigen will. Doch ich muss mich unbedingt davon überzeugen, dass es nichts mit der Geste von Kian zu tun hat.
Das Vibrieren meines Telefons klingt in meinem Inneren nach und zieht mich unweigerlich zu dem Schreibtisch. Ich stehe auf und setzte einen Schritt vor den anderen. Meine Hände zittern, als ich Bücher und Hefte beiseiteschiebe, und nach meinem Handy greife.
Mein Finger zuckt bebend über das Display, das mir verkündet, dass ich vier Nachrichten bekommen habe. Drei davon sind von Harper, doch die letzte lässt mich taumeln, und sorgt dafür, dass ich mich an der rauen Tischplatte abstützen muss.
Das ist nicht möglich!
Die oberste Meldung ist von Kian.
Ich klicke sie an und mein Handy fällt mir aus der zitternden Hand. Mit einem Scheppern knallt es auf den Holzfußboden, doch es ist mir egal. Alles um mich dreht sich und ich weiß nicht, ob meine Welt je wieder dieselbe sein wird. Es ist nur ein Satz, doch der genügt, um alles aus den Angeln zu heben. Ein einziger Satz, der lautet: „Ich ruhe nicht in Frieden.“