Kapitel 1
Die Nacht ist so still, dass mich sogar mein eigener Atem stört. Unsere Stadt ist seit den wiederholten Vorfällen nicht mehr dieselbe wie früher. Die anonymen Männer haben uns die Freundlichkeit geraubt.
Mein Vater ist ein Hacker – der bekannteste „PC-Psychofreak“ der Stadt. Er ist mein ganzes Leben. Ich habe nur noch ihn.
Ich sitze auf unserem Eingangsportal und betrachte die Umgebung. Jeden Moment könnte mein Vater auftauchen. Er wird gerade befragt, weil jeder Bewohner eine mysteriöse Nachricht erhalten hat. Derzeit hält er sich in Valeora auf – einer Stadt, in der alle reich sind. Dort kennen Menschen keine Grenzen. Sie sind Arschlöcher, die Leute wie uns nicht einmal atmen lassen wollen. Wir vermuten, dass sie Männer bezahlen, die für die Vorfälle verantwortlich sind. Berühmt ist Valeora vor allem für seine atemberaubenden Dämmerungen.Viele Menschen aus unserer Stadt Ysmera gehen nach Valeora, um überleben zu können. Dort arbeiten sie als Diener für die Reichen. Die Arbeit ist hart, und der Lohn ist kaum genug zum Leben. Unsere Frauen werden dort oft schlecht behandelt, viele von ihnen werden vergewaltigt, missbraucht oder sie verschwinden einfach. Niemand sagt etwas, weil die Angst zu groß ist. Wer arm ist, hat keine Stimme. Die Reichen bestimmen alles. In Ysmera gibt es keine Gerechtigkeit. Unsere Familie gehört hier in Ysmera zu den wohlhabenderen. Mein Vater hat durch Hacking und andere illegale Dinge viel Geld verdient. Deshalb versuchen wir, so gut wir können, den anderen in der Stadt zu helfen.
Ich versuche, die Nachricht aus meinem Kopf zu verdrängen. Sie liegt wie ein schwerer Schatten über mir, und ich will nicht, dass sie meine Gedanken kontrolliert. Die Konsequenzen könnten gravierend sein. Mein Dad wird natürlich als Erster verdächtigt – ein stadtbekannter Hacker mit einer langen Liste von Anklagen: Bankeinbrüche, Datenfälschung, Phishing. Jahrelang hat er mit gefährlichen Männern zusammengearbeitet, ihre schmutzigen Geschäfte übernommen. Nur knapp ist er ihnen entkommen. Ihr Anführer wurde getötet – das war seine Chance zur Flucht.
Die Stunden vergehen, und die Nacht ist kühl. Ich will gerade ins Haus zurück, um einer Begegnung mit dem alten, verrückten Mann zu entgehen, doch er winkt mir bereits zu und ruft meinen Namen.
„Thaira!, Thaira!, Thaira! Bleib stehen, Mädchen!“
Keuchend erreicht er die Veranda. Ich drehe mich langsam um, rolle innerlich mit den Augen, versuche aber, meine Genervtheit zu verbergen.
„Oh, Herr Mondi, Sie wirken heute erstaunlich motiviert. Und diesmal ohne Ihre berühmten Flaschen am Gürtel. Wo sind die denn geblieben?“
Er fuhr sich mit den Händen durch seinen langen, weißen, ungepflegten Bart. Seine weißen Haare hingegen wirkten deutlich gepflegter. Mit trauriger Stimme sagte er:
„Thaira, die sind mein ganzer Stolz! Ich habe sie natürlich gut versteckt – falls ich zu diesem Spiel gezwungen werde. Ich kann doch nicht riskieren, dass meine wundervollen Flaschen verschwinden.“
Er ist wirklich ein wenig verrückt – überzeugt davon, dass diese Flaschen ihn beschützen. Seit meiner Kindheit trägt er sie immer bei sich und lässt sie nie aus den Augen. Doch vor dem ersten Vorfall war er noch ein ganz normaler Mann. Mein Dad hat mir oft erzählt, dass er damals, vor fünfzehn Jahren, beim ersten Vorfall fast zu Tode geprügelt wurde. Seitdem ist er nicht mehr derselbe. Früher war er Professor für Biologie – der klügste Kopf in ganz Ysmera, sagen viele. Und heute… heute redet er mit Flaschen. In jener Zeit, als er noch klar im Kopf war, lebte auch meine Mutter noch. Leider haben wir sie verloren – so wie viele andere in dieser Stadt. Die Mörder durchkämmten die Straßen, drangen in Häuser ein, nahmen uns Gold, Geld… und Leben.
Der verrückte Mann hält plötzlich meine Hand und versucht, mich zu sich zu ziehen.
“Herr Mondi! Sie tun mir weh – bitte hören Sie auf!“
“Entschuldigung, Thaira! Ich wollte nur fragen, ob du an diesem Spiel teilnehmen möchtest, mein kleines Mädchen.“
Er nennt mich immer noch so. Früher, wenn meine Mutter mir Hausarrest gab, rannte ich oft zu ihm – einfach um ihr zu zeigen, dass es ein Fehler war, mich einzusperren. Ich wollte ihr beweisen, dass sie mir nicht nur meine Freiheit nahm, sondern auch all die kleinen, echten Erlebnisse draußen: das Klettern auf alte Mauern, das Lauschen bei den Gesprächen der Erwachsenen, das Gefühl, selbst Entscheidungen treffen zu dürfen – auch wenn sie manchmal falsch waren. Herr Mondi hat in diesen Momenten an meiner Seite gestanden. Er verbrachte Zeit mit mir, erzählte Geschichten, zeigte mir Orte, die ich allein nie gefunden hätte. Mit ihm wirkte die Welt ein bisschen größer – und gleichzeitig ein bisschen weniger bedrohlich.
Mein Verschwinden sollte meiner Mutter zeigen, was passiert, wenn man mich kontrollieren will, anstatt mir zu vertrauen. Ich wollte, dass sie begreift, wie sehr sie mich eines Tages vermissen würde, wenn ich wirklich nicht mehr zurückkäme. Jedes Mal suchten sie bis Mitternacht nach mir – panisch, verzweifelt – bis Herr Mondi mich schließlich nach Hause brachte und darauf bestand, dass ich so spät nicht mehr draußen sein sollte. Irgendwann begriff meine Mutter, dass Kontrolle nicht gleich Liebe ist – und dass Einsperren keine Lösung war. In dieser Hinsicht bin ich Herrn Mondi sehr dankbar, weil ich mich bei ihm aufhalten durfte. Wir hatten echt eine gute Zeit zusammen.
Meine Mutter wollte immer, dass ich perfekt erzogen werde und Respekt vor allem habe. Dabei hatte ich diesen Respekt längst – doch sie war eine Perfektionistin. Sie erlaubte mir nicht, mit Freundinnen auszugehen, aus Angst, sie könnten einen schlechten Einfluss auf mich haben. Für sie war die Welt da draußen voller Gefahren, vor denen sie mich um jeden Preis schützen wollte. Mein Vater hingegen war lockerer, und genau das mochte ich an ihm.
Ich vermisse sie unglaublich – sogar ihre perfektionistische Seite. Die endlosen, toxischen Diskussionen zwischen meinen Eltern raubten mir oft die Freude am Leben. Doch egal, wie laut es am Abend wurde, versöhnten sie sich nachts auf ihre Weise. Jedes Mal, wenn ich nachts in die Küche ging, um mir Wasser zu holen, hörte ich die rhythmischen Geräusche ihres Bettes. Und am nächsten Morgen war alles, als wäre nichts gewesen.
Die Küche riecht schon lange nicht mehr nach gutem Essen. Mein Vater ist fast immer zu Hause, weil er von dort aus arbeitet – na ja, wenn man seine Hackerei überhaupt als Arbeit bezeichnen kann. Wenn er kocht, endet es meistens damit, dass das Essen verkohlt. Also bestellen wir kurzerhand bei FlyFood oder machen uns einen simplen Toast mit viel Käse und Schinken.
Ich muss Herrn Mondi wohl lange angestarrt und viel nachgedacht haben, als wäre ich in Trance. Er legt eine Hand auf meine Schulter und schüttelt mich leicht.
“Sorry, Herr Mondi, ich war nur kurz ... ähm …”
Ich hatte keine Ahnung, was ich ihm sagen sollte. Er hatte schon genug Probleme. Doch die Einsamkeit – sie ist das größte Problem der Welt. Ich musste das Thema wechseln und fragte ihn einfach das Erste, was mir in den Sinn kam.
“Haben Sie schon etwas gegessen, Herr Mondi?“
Der Alte sah mich an und schüttelte den Kopf.
“Nein, mein kleines Mädchen. Ich habe gar nichts zu Hause.“
“Kommen Sie rein! Ich habe etwas Gutes für uns. Ich wollte sowieso gerade eine Kleinigkeit essen.“
Natürlich war das gelogen. In Wahrheit dachte ich die ganze Zeit an meinen Dad. Er war schon seit Stunden nicht da.
Kaum hatten wir das Haus betreten, stellte Herr Mondi die Frage, die mir selbst keine Ruhe ließ:
“Wo ist dein Vater?“
Ich antwortete ihm schnell: „Er sollte gleich da sein”, und ging mit schnellen Schritten zum Kühlschrank.
Mein Dad war frisch einkaufen – das sehe ich gerade. Ich nahm den Teller mit Lammkoteletts und die Bratkartoffeln, die ich selbst gemacht hatte. Dann reichte ich ihm ein Bier. Er lehnte es ab und sah mich wieder eindringlich an.
„Mein kleines Mädchen, warum siehst du so besorgt aus? Du strahlst eine schlechte Energie aus. Wo ist dein Vater? Sag es mir.“
Plötzlich schrie er laut: „Sag es mir!“
Er übertreibt oft und nimmt alles persönlich. Wahrscheinlich liegt das an seiner Krankheit. Er leidet an paranoider Schizophrenie, und manchmal sieht er in allem eine Verschwörung gegen sich. Seine Gedanken kreisen um Dinge, die nicht wirklich passiert sind, und er steigert sich in Ängste hinein, die für ihn völlig real wirken. Heute scheint wieder so ein Tag zu sein – seine Augen sind unruhig, sein Atem geht schneller, und seine Hände zittern leicht.
Ich riss die Augen auf und sah ihn erschrocken an.
„Herr Mondi, bitte reagier nicht so überstürzt.” Wie oft hatte ich ihm das schon gesagt? Aber er machte es immer wieder. Doch er war nicht gefährlich – nur verloren in seiner eigenen Welt.
„Er wird befragt”, sagte ich schließlich. „Die Stadtpolizei hat ihn vor Stunden abgeholt, um ihn zu verhören.“
„Ah, diese verdammten Kerle! Die haben ja nichts Besseres zu tun, als Leben zu zerstören! Wird er jetzt getötet?“ Es fing wieder an.
Ich sah, wie sich seine Gesichtszüge verhärteten. Die Angst, die Wut – sie breiteten sich in ihm aus wie ein dunkler Schatten. Behutsam nahm ich seine Hand und sah ihn fest an.
„Herr Mondi, es wird niemand getötet”, sagte ich mit ruhiger Stimme.
„Hörst du das auch, Thaira?“
„Was denn?“
Ich schiebe vorsichtig die Vorhänge zur Seite und blicke nach draußen. Draußen herrscht pures Chaos. Menschen rennen umher, schreien, kämpfen. Mein Herz rast. Ich drehe mich erschrocken um – und sehe, dass Herr Mondi bereits ein Messer in der Hand hält.
„Herr Mondi!” rufe ich entsetzt. „Legen Sie das Messer weg! Was tun Sie da?!“
Sein Blick ist aufgewühlt, seine Hände zittern leicht.
„Es hat begonnen, Thaira ... Das ist sicher das Spiel!” flüstert er mit einer unheimlichen Überzeugung.
„Nein! Bitte beruhigen Sie sich!” flehe ich ihn an.
Er sieht mir direkt in die Augen – und erkennt meine Angst. Doch anstatt nachzugeben, dreht er sich plötzlich um und läuft nach draußen.
Die Straße ist ein Tollhaus. Menschen sind völlig außer Kontrolle, schlagen aufeinander ein, schreien sich an. Doch niemand scheint den anderen wirklich zu verstehen. Jeder ruft etwas anderes, Worte überlappen sich, werden verschluckt, verzerrt. Und mitten in diesem Wahnsinn steht Herr Mondi.
Jemand hält meine Hand und zieht mich zu sich. Ich schreie um mein Leben und versuche gleichzeitig, den verrückten Mann nicht aus den Augen zu verlieren. Doch dann erkenne ich ihn – mein Vater. Endlich ist er da. Ich werfe mich in seine Arme, als würde ich ihn nie wieder loslassen. Die Angst in mir wird schwächer. Ein Mann wartet im Auto und macht eine einladende Geste.
„Ich bin da, Liebes. Endlich bin ich da. Dir geht es gut.“ Sanft streicht mein Vater über mein Gesicht. Doch während ich mich kurz in Sicherheit wiege, nähert sich die aufgebrachte Menge. Die Unruhe breitet sich aus wie eine ansteckende Krankheit. Einige stehen bereits neben uns, ihre Blicke voller Hass.
Er flüstert mir ins Ohr: „Geh schnell ins Auto, bevor sie uns angreifen.”
Dann bricht das Chaos los. Wütende Stimmen erheben sich.
„Du warst es, oder? Du hast diese Nachrichten verschickt!“
„Verdammter Hacker! Was willst du von uns?!“
Die Wut der Menge schlägt uns entgegen – unberechenbar und aufgeladen wie ein Sturm, der jede Sekunde losbrechen kann.
Ich lasse meinen Vater los und renne zum anderen Ausgang, weit entfernt vom Chaos. Dennoch höre ich Stimmen, die sich uns nähern.
Ich stürme ins Haus, meine Hände zittern. Während ich panisch nach der Kette meiner Mutter suche, läuft im Hintergrund der Fernseher.
„Das Volk erhebt sich aufgrund einer erschütternden Nachricht!“
„Menschen strömen auf die Straßen, gehen aufeinander los. Die Situation gerät außer Kontrolle. Einsatzkräfte versuchen, die Massen zu stoppen.“
Plötzlich höre ich Schreie – die meines Vaters. Mein Herz rast. Mir wird schwindelig. Ich klammere mich an das Treppengeländer, zwinge mich, aufrecht zu bleiben. Dann haste ich zu meinem Schrank, reiße ihn auf und greife nach unserem Familienalbum. Direkt daneben steht eine Notfallkiste – darin Elektroschocker, Kampfmesser und Pfefferspray.
Ich tippe das Passwort ein. Falsch. Verdammt.
Zweiter Versuch. Diesmal klappt es.
Hastig packe ich alles ein, ziehe mir meine leichte Lederjacke über und lege mir Mamas Kette um den Hals. Ihre Nähe gibt mir Kraft, beruhigt meine Angst – auch wenn ich weiß, dass mein Vater alles tun würde, um mich zu beschützen.
Als ich nach draußen stürze, sehe ich ihn: Blut tropft von seiner Nase. Er hebt abwehrend die Hände, während er mit zwei Männern spricht.
“Ich bin nicht derjenige, der die Nachricht verbreitet hat!” ruft er verzweifelt.
“Lügner!” Einer der Männer zischt wütend. “Wer sonst? Du kennst so viele Leute. Hast du es für Geld getan, du Arschloch?“
Mein Kopf pocht, mir wird erneut schwindelig, aber ich zwinge mich vorwärts. Ich umklammere das Pfefferspray in meiner rechten Hand, den Elektroschocker in meiner linken. Mein Herz rast. Dann sprühe ich.
Der feine Nebel trifft die beiden Männer – aber auch meinen Vater. Er zuckt zurück, blinzelt heftig, und in der nächsten Sekunde packt einer der Angreifer mein Handgelenk mit unglaublicher Kraft. Schmerz schießt durch meine Finger, als würden meine Knochen brechen.
Mein Vater taumelt, fasst sich ans Auge. Ich atme scharf ein, bündele all meine Kraft und drücke den Elektroschocker gegen die Hand des Mannes. Seine Augen weiten sich, sein Körper zuckt, dann sinkt er auf die Knie. Der zweite Mann liegt bereits am Boden, Tränen strömen über sein Gesicht vom brennenden Spray.
Endlich bin ich frei.
Mein Vater krümmt sich vor Schmerzen, taumelt zu mir.
“Was hast du getan?” Seine Stimme zittert. “Warum bist du nicht einfach ins Auto gelaufen, wie ich es dir gesagt habe?“
Bevor ich antworten kann, kommt Dad’s Freund Viktor aus dem Wagen gerannt.
“Hattest du vor, heute noch zu helfen, Viktor?” Mein Vater klingt angespannt.
“Es tut mir leid, die Fenster waren zu, ich habe euch nicht gehört. Ich wollte nur kurz nachsehen…”
Mein Vater faucht: “Wie kannst du das nicht hören? Die ganze Welt bricht zusammen, Mann!“
Plötzlich durchbricht eine panische Stimme das Chaos.
“John! John! Hilf mir, verdammt!”
Ich drehe mich um. Herr Mondi liegt am Boden, jemand drückt ihn nieder. Sein Blick findet mich.
“Thaira! Mein kleines Mädchen – hilf mir!“
Mein Herz stockt. Ich schubse meinen Vater zur Seite und ziehe erneut den Elektroschocker. Wut verdrängt meine Angst.
Der Mann auf Herrn Mondi hat ein Messer – eines von unseren. Plötzlich bewegt er sich blitzschnell. Die Klinge blitzt auf. Dann rammt er sie in Herrn Mondis Rücken.
Ich schreie.
“Du Mistkerl! Was hast du getan?“
Meine Hände schnellen vor meinen Mund, meine Augen brennen von den Tränen, die über mein Gesicht strömen wie ein Wasserfall.
“Herr Mondi!“
Ich will zu ihm rennen, doch Viktor packt mich, zieht mich zurück zum Auto.
Mein Vater schaut mich an, seine Augen voller Schmerz. “Alles wird gut, mein Liebes…”
Aber es wird nicht gut. Er ist tot. Herr Mondi ist tot.
Viktor drückt das Gaspedal durch. Wir entkommen dem Chaos.
Ich starre aus dem Fenster, wische mir die Tränen ab – doch sie hören nicht auf zu fließen.