Kapitel 1: Der Ruf der Nacht
Die Nacht war tief und dunkel, der Wald in völliger Stille. Der Mond stand hoch und prägte mit seinem silbernen Licht jede einzelne Bewegung der Natur. Die Luft war frisch und kühl, doch für Aiden, der Beta des Rudels von Alpha Ronan, war es mehr als nur eine gewöhnliche Nacht. Etwas war anders. Etwas, das er noch nie zuvor gespürt hatte, ein Gefühl, das sich wie ein sanfter, aber bestimmter Ruf in seinem Inneren ausbreitete.
Er war es gewohnt, durch die Wälder zu streifen, die Geräusche des Waldes zu hören und die Bewegungen der Tiere zu verfolgen, doch heute war die Stille fast unheimlich. Kein Rascheln der Blätter, keine Nachtvögel, keine scheuen Tiere, die durch das Unterholz schlichen. Der Wald schien zu warten – und er wartete auf ihn.
Aiden ging tiefer in den Wald hinein, der Ruf immer lauter in seinem Herzen. Ein Instinkt, den er nie wirklich verstanden hatte, lenkte seine Schritte. Etwas zog ihn weiter, so stark, dass er nicht anders konnte, als ihm zu folgen. Und schließlich fand er sich an einer Lichtung wieder, die er noch nie zuvor gesehen hatte.
Dort, im glitzernden Mondlicht, stand sie – Nala.
Sie war wunderschön, das konnte Aiden nicht leugnen. Ihr silbernes Haar schimmerte fast magisch im Mondlicht, ihre goldenen Augen leuchteten wie ferne Sterne. Ihre Präsenz war sowohl majestätisch als auch geheimnisvoll, und als Aiden sie ansah, wusste er, dass sie diejenige war, nach der er all die Jahre gesucht hatte.
„Du… du bist diejenige, die mich gerufen hat?“ fragte Aiden, seine Stimme rau, obwohl er versuchte, ruhig zu klingen. Sein Herz schlug schneller, als er sich näherte.
Nala erhob ihren Blick, und ein flüchtiges Lächeln spielte auf ihren Lippen. „Es war der Mond, der dich geführt hat“, antwortete sie, ihre Stimme wie der sanfte Wind durch die Bäume. „Aber ja, Aiden, ich habe auf dich gewartet.“
Er stockte. Sie wusste seinen Namen. Wie konnte sie? Er hatte sie noch nie zuvor getroffen. Doch die Gewissheit, dass sie mehr wusste, als sie zugab, schlich sich in seine Gedanken.
Doch bevor er weiter fragen konnte, hörte er ein lautes Knurren hinter sich. Aiden drehte sich erschrocken um und sah eine große, muskulöse Gestalt aus den Schatten treten. Es war Bran, ein Krieger aus Darius Rudel und jemand, der ihm immer wieder seine Grenzen aufgezeigt hatte.
„Hier bist du also, Beta?“, sagte Bran, seine Stimme tief und bedrohlich. „Denkst du wirklich, du kannst dich einfach auf das Territorium eines anderen Rudels wagen, besonders auf das von Darius?“
Aiden fühlte sich für einen Moment wie in einem Traum. Er wusste, dass er nicht einfach zu Nala gehören konnte – sie war die Tochter von Darius, dem Alpha eines benachbarten Rudels. Darius war bekannt für seine Macht und seinen eisernen Willen. Kein Beta hatte jemals das Recht, mit einer Alpha-Werwölfin zusammen zu sein.
„Ich wollte nur…“, begann Aiden, doch Bran schnitt ihm das Wort ab.
„Du solltest dich besser fernhalten“, fuhr Bran fort und trat näher. „Darius wird nicht zögern, dir zu zeigen, dass du hier nicht willkommen bist.“
Aber Aiden wusste, dass diese Worte nichts an dem Gefühl ändern würden, das in ihm wuchs. Nala war seine Seelengefährtin. Ein unsichtbares Band zwischen ihnen war stärker als jedes Wort, das man ihm entgegenwerfen konnte. Doch es war klar, dass er sich nicht nur gegen Bran, sondern gegen Darius und das ganze Rudel stellen musste, wenn er mit Nala zusammen sein wollte.
„Ich werde es herausfinden“, flüsterte Aiden, mehr zu sich selbst als zu Bran, während er sich von der Lichtung zurückzog. Doch der Blick in Nalas goldene Augen ließ ihn nicht los.








