Lost in Your Presence

All Rights Reserved ©

Summary

“Verloren in deiner Nähe” – Kurzinhalt: Anna, eine Mutter von zwei Kleinkindern, steckt in einem Alltag fest, der von Windeln, stillen Nächten und endlosen To-do-Listen geprägt ist. Die Erschöpfung ist allgegenwärtig, und sie fühlt sich von ihrem Mann, der in seiner Arbeit versinkt, zunehmend allein. Als sie jedoch Luca trifft, einen alten Freund, der in die Stadt zurückgekehrt ist, erwacht in ihr eine Leidenschaft, die sie längst vergessen hatte. Luca, der Anna schon immer bewundert hat, zeigt ihr eine Welt jenseits der Routine und sorgt für Momente der Euphorie und Sehnsucht, die Anna so dringend braucht. Doch zwischen ihren neuen Gefühlen und der Verantwortung als Mutter und Ehefrau fühlt sich Anna zerrissen. Ihre unerforschte Leidenschaft für Luca konfrontiert sie mit einer schwierigen Entscheidung: ein neues Leben voller Leidenschaft und Gefahr oder die vertraute, wenn auch emotionale Leere ihres Ehelebens fortzuführen.

Genre
Drama
Author
Selina
Status
Excerpt
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
18+

Pilot

„10… 9… 8… 7… 6… 5… 4…“

Die Stimmen waren laut, alles schallte durcheinander, und irgendwie zählte jeder eine andere Zahl.

Dann war es so weit. Tschüss, 2024 – willkommen, 2025.

„… HAPPY NEW YEAR!“ Die Menge schrie, Raketen zischten in den Himmel. Ich blickte nach oben. Ein Knall nach dem nächsten. Mit jeder Sekunde, die verstrich, wurde mir klar: Hier fehlt etwas. Oder jemand.

Plötzlich wurde ich von hinten wild umarmt. Vier kleine Hände tauchten in meinem Blickfeld auf, und ich schaute mich um. Es war Mitternacht – natürlich –, aber viel zu spät für zwei Kleinkinder. Morgen werde ich es wieder bereuen, sie mitgenommen zu haben. Ähm, heute. Nicht morgen. Egal.

„Alles Gute, meine Süßen,“ sagte ich halblaut und beugte mich zu ihnen. Während ich meine Mädels umarmte und sie fest an mich drückte, hörte ich eine Stimme über mir.

„… Anna? Hallo?“

Okay. Vielleicht hatte ich ein Glas Wein zu viel. Anders ließ sich der Abend auch nicht aushalten – nicht mit diesen verrückten Leuten. Meine Arbeitskollegen. Warum ich hier war? Und vor allem, warum ich die Einladung inklusive Familie angenommen hatte? Keine Ahnung. Ich dachte, es wäre schön, mal wieder Teil von etwas zu sein.

Teil von etwas zu sein bedeutete also, den Countdown alleine herunterzuzählen, weil meine Kinder plötzlich ganz dringend auf die Toilette mussten und ihr Papa übernahm – um mir ein paar Sekunden Ruhe zu gönnen. Danke dafür.

„Tut mir leid …“ hauchte ich, während ich mich aus der Umarmung der Kinder löste. Sofort rannten sie lachend zurück in die Menge. Sorgen musste ich mir hier nicht. Wir waren ein kleiner Betrieb am Rande einer Kleinstadt, jeder kannte jeden.

Die Türen wurden von Security bewacht. Und die machten ihren Job gut, stellte ich fest, als einer der stämmigen Männer sich zu Marie – meiner Kleinsten, gerade drei geworden – herunterbeugte und ihr eine Tüte Lachgummis gab, um sie von der Tür wegzulocken. Bestimmt schon die sechste heute.

„… glaube, war ’n Glas zu viel Wein.“ stammelte ich. Unprofessionell. Zweifach-Mama, 26 Jahre jung, verheiratet – und nichts Besseres zu tun, als sich auf der Firmenfeier volllaufen zu lassen.

Vielleicht wollte mein Unterbewusstsein das so. Vielleicht brauchte ich ein Glas zu viel, um den Schmerz der letzten Tage zu betäuben.

„Alles gut. Ich hab ja gesagt, dass ich dieses Mal fahre – damit du mal wieder ein bisschen Spaß haben kannst. Aber ich glaube, wir sollten langsam nach Hause. Die beiden sind total überdreht.“

Lachend zeigte er auf Marie und Emma, die auf dem Boden lagen und sich Gummibärchen ins Gesicht fallen ließen. Um sie herum tanzten noch ein paar Gäste, während an den Tischen am Rand die ersten eingeschlafen waren. Wohl auch ein, zwei Gläser zu viel.

Ich lächelte müde und nickte. Ich war auch bereit für mein Bett.

In unsere dicken Winterklamotten eingemummelt, drückte Marie den Fahrstuhlknopf. Einige Sekunden später öffneten sich die Türen. Hand in Hand mit meinem Mann trat ich ein, doch ein merkwürdiges Gefühl beschlich mich.

Das letzte Jahr war endlich vorbei. Ein Jahreswechsel – und plötzlich denkt man, alles könnte sich ändern. Aber tut es das wirklich? Ich fühlte mich gefangen in meiner eigenen Blase, in einem Leben, aus dem ich nicht ausbrechen konnte. Dieselben Muster würden mich weiter verfolgen. Er würde mich weiter verfolgen.

Warum schrieb er mir ausgerechnet eine Woche vor Neujahr? Warum wollte er mich wiedersehen? Er wusste, dass ich verheiratet bin, dass meine zwei wunderbaren Töchter mit uns in unserem Neubau wohnen – dass ich doch eigentlich glücklich bin. Eigentlich. Wer würde sich so ein Leben nicht wünschen?

Doch er kannte mich. Besser als jeder andere. Selbst nach all den Jahren spürte er, dass etwas nicht stimmte. Wahrscheinlich wusste er sogar warum – obwohl ich die Frage selbst nicht beantworten konnte.

Damals, vor gefühlt hundert Jahren – dabei bin ich erst 26 – waren wir unzertrennlich. Mein bester Freund. Wir erzählten uns alles, ohne Ausnahme. Er war der eine Mensch, mit dem ich mir nie mehr hätte vorstellen können. Bis sich das änderte. Eins kam zum anderen, wie in einem schlechten Film. Er wollte mich, und ich wollte ihn auch. Ich sagte es nur nie laut. Dann trennten sich unsere Wege, die Gefühle wurden zu viel, und plötzlich … bist du verheiratet. Hast Kinder. Und bist eigentlich glücklich.


Der Fahrstuhl öffnete sich. Die Kinder rannten los.

„Warten bitte!“ rief Tim, mein Ehemann, meine große Liebe. Nur nicht meine erste große Liebe.

Die beiden hielten kurz inne, kicherten und hüpften aufgeregt weiter. Das würde heute wieder ein Spaß werden, sie ins Bett zu bekommen. Immerhin hatten wir schon das Sofa hergerichtet – unser Familienlager für die Nacht. Meistens klappte das ganz gut.

Ich hielt mich an Tim fest, als wir zur Tür traten. Unser SUV stand direkt davor, und mit einem Knopfdruck öffnete ich ihn. Marie und Emma kletterten hinein, wir schnallten sie an, dann stiegen auch wir ein – und schwiegen.

Tim wusste, dass er mir geschrieben hatte.

“Wir müssen uns mal wieder treffen. Es ist lange her, und ich vermisse dich. Außerdem habe ich Neuigkeiten. Liebe Grüße.”

Diese Worte ließen mich nicht los. Tim natürlich auch nicht. Er kannte unsere Geschichte, wusste von unserer Freundschaft – und hatte immer ein mulmiges Gefühl dabei gehabt. Für ihn brauchte ich nur ihn. Alle anderen waren überflüssig.

In Gedanken versunken blickte ich aus dem Fenster. Draußen fiel der Schnee, sanft und lautlos, legte sich wie ein weicher Schleier über die Welt. Ich liebe Schnee.

„Schatz?“ Tims Stimme war leise, nah an meinem Ohr. „Wir sind da. Aufwachen.“

Sanft löste er meinen Gurt. War es schon die ganze Zeit so kalt im Auto? Ich blinzelte. Wir standen in der Garage. Stille.

„Die Mädchen schlafen schon“, erklärte Tim mit einem Lächeln. „Sie sind genau wie du im Auto eingenickt – nur erst hundert Meter vor der Einfahrt. Kennen wir ja schon.“

Ich grinste schwach. Ja, das war typisch für sie. Ein paar Sekunden Ruhe – und schon schliefen sie wie kleine Bären.

Langsam stieg ich aus und musste mich an Tim festhalten, um nicht ins Taumeln zu geraten.

„Ich hab sie schon auf das Sofa gelegt“, sagte er. „Sie schlafen tief und fest.“

Mein Blick ruhte auf ihm. Dankbarkeit. Wärme. Doch da war noch etwas anderes. Ich sah ihn nicht nur an – ich bat ihn mit meinen Blicken um etwas.

Eben noch war ich so zerrissen gewesen. Jetzt wollte ich nur ihn.

Fünf Jahre zusammen. Zwei Jahre verheiratet. Wir kannten uns gut genug, um zu wissen, was dieser Blick bedeutete.

Tim brummte leise. „Ah, ich verstehe.“

Er hob mich hoch. Reflexartig schlang ich meine Beine um seine Hüften, hielt mich an seinen Schultern fest. Mit sicherem Schritt trug er mich ins Haus, drückte mich an die erste Wand, die sich uns in den Weg stellte.

Ein Prickeln durchfuhr meinen Körper. Lust. Verlangen. Begierde.

Seine Lippen fanden meine, fordernd, heiß. Ich spürte, wie seine Hände sich fest um meine Oberschenkel schlossen, mich fester an ihn drückten. Mein Atem ging schneller, mein Körper brannte vor Verlangen.

Seine Finger glitten unter meinen Mantel, zogen den Reißverschluss langsam nach unten. Stoff raschelte, als mein Schal zu Boden fiel.

„Du bist wunderschön“, murmelte er gegen meine Haut, während er meine Jacke von meinen Schultern streifte. Sein Atem war warm, sein Körper fest an meinen gepresst.

Ich vergrub meine Finger in seinen Haaren, zog ihn noch näher zu mir. Unsere Küsse wurden hungriger, unsere Bewegungen ungeduldiger. Mein Rücken traf erneut die Wand, während seine Hände meine Taille umschlossen, meinen Pullover nach oben schoben.

Seine Lippen wanderten meinen Hals hinab, hinterließen eine heiße Spur auf meiner Haut. Mein Körper reagierte auf jede Berührung, meine Gedanken waren nur noch ein einziges, loderndes Feuer.

„Tim …“ Mein Flüstern ging in einem erstickten Seufzen unter, als er seine Hände unter mein Shirt schob, meine nackte Haut berührte.

„Psst“, hauchte er, seine Lippen an meinem Ohr. „Nicht zu laut. Die Mädchen schlafen.“

Ein Lächeln huschte über meine Lippen, während er mich erneut an die Wand drückte.

Der Gedanke an ihn, an die Nachricht, an die Vergangenheit – er verblasste.

Jetzt gab es nur noch Tim und mich.

Nur dieses eine, fiebrige Verlangen.