Date mit einem Star - Kapitel 1
Es regnete nicht nur, es goss in Strömen.
Cynthia fluchte und versuchte, die Straße entlang zu laufen, ohne dass sie mit ihren neuen Schuhen, die sie günstig im Secondhandshop erstand, in eine Pfütze trat oder von einem Schwall Wasser getroffen wurde, der von einem heranfahrenden Auto kam. Sie hasste beides.
Erstens wären die Schuhe dann ruiniert und zweitens pachtete sie bei so etwas stets das seltene Glück, immer gleich eine Erkältung zu bekommen. Da halfen auch die ganzen Vitaminpillen nichts, die sie sich immer von einem Drugstore kaufte, wenn sie mal wieder ein schlechtes Gewissen überkam, weil die Tafel Schokolade einfach zu lecker war.
Sie schaffte es aber tatsächlich unbeschadet ins Büro.
Vor dem Eingang klappte sie ihren Regenschirm zusammen, der auch schon bessere Tage gesehen hatte, und schüttelte ihn ordentlich durch.
Als sie in das Foyer kam, begrüßte sie den alten Portier, der hier eigentlich der heimliche Chef war. Keiner kam an Alan Thompson vorbei, ohne dass er bemerkt und kritisch beäugt wurde.
„Guten Morgen, Alan. Hast du bisher einen ruhigen Tag gehabt?“
Alan saß in seinem Bürostuhl und lächelte sie freundlich an. Wenn man es freundlich nennen konnte. Er hatte eigentlich immer ein finsteres Gesicht und nur bei Leuten, die er sehr gut leiden konnte, bewegten sich seine Mundwinkel ganz leicht nach oben. Aber wirklich nur einen Hauch.
So wie jetzt.
„Guten Morgen, Cynthia. Es ist alles ruhig bisher.“
Er beugte sich nach vorne.
„Hast du mir etwas mitgebracht?“
Sie lachte laut. Eigentlich sollte sie das nicht tun. Sie wusste selbst, dass es sich grausam anhörte, wenn sie schallend lachte. Es war eine Mischung aus Darth Vader und einem Seelöwen, beide mit heftigen Asthmaanfall. Außerdem hallte es im Foyer auch noch, so das man meinen könnte, man war in einem Gruselkabinett gelandet. Ihr Lachen war nicht schön und das wusste sie. Dennoch lachte sie unheimlich gerne.
Schnell holte sie einen Becher Kaffee aus ihrer Papiertüte, die sie besonders vorsichtig behandelte. Schließlich war da nicht nur Alans Kaffee, sondern auch ihr geliebter Chai Latte drin. Sie wusste, dass dieses Getränk eigentlich schon längst wieder out war, aber sie fand einen kleinen Laden, dessen Besitzer sich jeden Morgen erbarmte und ihr das Getränk zubereitete.
„Natürlich habe ich dir einen Kaffee mitgebracht. Mit viel Milch und fünf Stück Zucker. Mal ehrlich, Alan, hast du mal etwas von Diabetes gehört?“
Alans Mundwinkel wanderten wieder nach unten.
„Ich bin kerngesund, Fräulein. Ich lasse mich alle drei Monate durchchecken und der Arzt meinte, ich wäre so robust wie ein Pferd.“
Oh je. Jetzt hatte sie es sich wieder mit ihm verscherzt. Schnell kramte sie in ihrer Handtasche und fand tatsächlich eine Packung Kekse, die sie sich eigentlich immer für den Notfall aufhob.
„Na, dann kannst du die ja auch essen.“
Endlich bewegten sich die Mundwinkel wieder nach oben.
„Sie waren doch eigentlich für dich gedacht, oder?“
Cynthia seufzte leise.
„Eigentlich schon. Aber noch ein paar Kilos mehr und meine Shapeware gibt ihren Dienst auf.“
Alans Mundwinkel gingen noch ein Stück weiter nach oben.
„Sag doch sowas nicht. Wenn ich so ehrlich sein darf, du hast einen Prachtarsch.“
Cynthia riss die Augen auf.
„Was sind denn das für Reden, Alan Thompson?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Ich sage nur die Wahrheit. Es ist ja schließlich kein Geheimnis, dass Männer auf Fleisch stehen und nicht auf Knochen.“
Cynthia lachte wieder.
„Das scheint sich aber noch nicht überall herumgesprochen zu haben.“
Sie war nämlich immer noch Single. Es lag nicht an fehlenden Angeboten, aber der Richtige, Mr. Right, war ihr einfach noch nicht erschienen.
In Gedanken konnte sie schon ihre Mutter hören: „Du stellst einfach zu große Ansprüche, Cynthia.“
Sie seufzte leise.
Das könnte schon möglich sein, aber den Erstbesten wollte sie eben auch nicht.
Sie verabschiedete sich von Alan und lief zu den Fahrstühlen. Gemeinerweise waren dort Spiegel angebracht, die einem den Tag richtig versauen konnten. Sie zeigten einem schon am frühen Morgen ungeschönt den gesamten Körper.
Cynthia schnaubte, als sie ihr Spiegelbild sah.
Sie war nicht klein, aber auch nicht groß. Sie war nicht fett, aber auch nicht schlank. Ihre Haare, die langweilig braun waren, hingen wie gekochte Nudeln den Kopf hinunter. Sie holte tief Atem, was ihren Busen nach vorne schnellen ließ. Busen und Hintern ... das hatte sie reichlich. Da half auch das Training nicht, dass sie sich zweimal in der Woche antat. Alles an ihr war durchschnittlich oder eben zu viel.
Wenn sie mit ihren Freunden ausging, fiel sie eigentlich nicht auf. Nur eben wenn sie lachte. Dann drehten sich alle nach ihr um und es entstand auch so eine peinliche Stille. Dann lieber überhaupt nicht auffallen.
Cynthia tippte sich auf die Nase, auf die sie aber sehr stolz war. Ihre Nase war genau richtig. Schon oft hatten Bekannte sie gefragt, wo sie sich die Nase operieren lassen hätte, und waren dann erstaunt, wenn Cynthia sagte, dass die Natur sie mit dieser herrlichen Nase ausgestattet hätte.
„Wenigstens du bist toll!“, murmelte Cynthia und streckte ihrem Spiegelbild die Zunge heraus.
Die Fahrstuhltür ging auf und gleich kamen ihr die typischen Laute eines Großraumbüros entgegen.
Einige ihrer Kollegen telefonierten, andere malträtierten die Tastatur ihres PCs und andere unterhielten sich lautstark.
Wie immer fiel sie eigentlich nicht auf und Cynthia ging zu ihrer Nische.
Sie zog ihren Mantel aus und hängte ihn an den Haken. Nachdem sie sich an den Schreibtisch gesetzt hatte, packte sie ihren Chai Latte auf den Tisch und holte ihren MP3-Player aus der Tasche. Doch bevor sie sich abschotten konnte, umarmte sie jemand von hinten und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.
„Guten Morgen, Schönheit. Hast du verschlafen?“
Sie grinste und drehte sich um.
Matt Taylor stand vor ihr und grinste sie an. Schon seit Jahren hatte er seine Nische ihr gegenüber und es war wirklich Glück, dass sie sich auch noch gut mit ihm verstand. Es ging sogar so weit, dass sie ihn als Freund und nicht mehr als Kollegen bezeichnete.
„Oh Matt. Du kannst am frühen Morgen schon so herrlich lügen. Aber mach nur weiter so. Ich mag es, wenn man mich anlügt und ich mich dadurch besser fühle.“
Matt grinste sie an und setzte sich wieder in seine Nische. Sein Bürostuhl fuhr nach hinten und er sah sie an.
„Ich lüge überhaupt nicht, Cynthia. Du bist meine Traumfrau. Heirate mich!“
Sie lachte schallend und wieder drehten sich einige nach ihr um. Und wieder herrschte diese peinliche Stille. Nur Matt lächelte weiter.
„Natürlich, Matt. Irgendwann werden wir heiraten und viele unmögliche Babys bekommen. Du wirst dir dann eine Geliebte zulegen, weil ich noch fetter werde, als ich es jetzt schon bin und ich werde meinen Kummer in billigen Gin ertränken.“
Er machte ein bekümmertes Gesicht und legte theatralisch eine Hand auf die Brust.
„Du kränkst mich. Wenn ich dir schon schreckliche Babys mache, dann werde ich dich doch nicht betrügen. Außerdem kenne ich eine todsichere Methode, dass du deine herrliche Figur behältst.“ Er wackelte mit den Augenbrauen. „Du müsstest dich nur einmal mit mir einlassen und ich beweise dir, dass ich dich fit halten kann.“
Dieses Spiel trieben sie jeden Morgen.
Cynthia wusste, dass Matt es nicht ernst meinte. Er konnte jede haben und musste sich bestimmt nicht mit ihr abgeben.
Matt war ein hübscher Kerl. Groß, blond und hellblaue Augen, ein richtiger Beach-Boy. Sie wusste auch, dass er an vielen Wochenenden an den Strand fuhr und mit seinen Kumpels surfte. Beinahe beneidete sie ihn, denn Matt tat, was ihm gefiel. Dazu gehörte auch, dass er eigentlich für seinen Job völlig überqualifiziert war und schon längst einen höheren Posten hätte bekommen können. Aber aus irgendeinem Grund, den niemand wusste, blieb er da, wo er war. Cynthia konnte nicht sagen, ob er einfach nur zu bequem war oder ob er die Arbeit scheute, die mit Sicherheit mehr war als das, was er jetzt tun musste.
Ein Stapel Akten wurde mit Schwung auf ihren Schreibtisch geworfen.
Cynthia blickte auf und sah direkt das Gesicht ihres Vorgesetzten Jason Miller.
„Ich unterbreche euer Geturtel ja ungern, aber wir haben noch Arbeit zu erledigen.“
Auch wenn man das im Moment nicht vermuten würde, war Jason ein klasse Chef. Er verlangte von seinen Angestellten nicht mehr, was er nicht auch schaffen würde. Allerdings musste man sagen, dass Jason wie ein Tier arbeiten konnte.
Matt keuchte dramatisch auf.
„Und wieder hast du meine Chancen auf diese Frau vermasselt, Boss. Gib es zu. Du willst sie nur für dich haben.“
Jason lachte und schob Matts Stuhl an den Platz.
„Genau. Ich teile nicht gerne. Mach dich lieber an die Arbeit, bevor ich dich von deiner großen Liebe trenne.“
Matt seufzte und winkte Cynthia noch einmal zu.
„Good bye, my love, good bye! Das böse Monster trennt uns, aber ich werde es bald besiegen und nichts kann uns mehr trennen.“
Sie kicherte, während Jason die Augen genervt verdrehte.
„Kannst du eigentlich auch einmal etwas anderes als den Clown spielen?“
Matt zuckte mit den Schultern.
„Bestimmt. Aber ich habe keine Lust dazu.“
Jason seufzte und sah die beiden dann streng an.
„Macht euch jetzt an die Arbeit. Bald ist Wochenende und wir haben nicht viel Zeit.“
Cynthia nickte und steckte ihre Ohrstöpsel in die Ohren. Bevor sie den MP3-Player anmachen konnte, rollte Matt noch einmal nach hinten.
„Heute Abend im Connors. Ich lasse keine Entschuldigung gelten.“
Sie grinste ihn an.
Das Connors war eine Bar, in der sie oft waren. Sie hob grinsend einen Daumen in die Höhe.
„Um acht bin ich da. Sei pünktlich und lass deine üblichen Miezen zu Hause.“
Das war eigentlich sehr ungerecht, denn Matt brachte nie andere Frauen mit, wenn er mit ihr oder anderen Kollegen etwas trinken ging. Aber wie üblich war er ihr nicht böse.
Er warf ihr eine Kusshand zu.
„Nur du und ich, Schönheit. Und Dylan, Claire und Jeff.“
Cynthia grinste ihn an.
„Du übliche Bande also. Ich bin dabei.“
Er hob den Daumen und setzte sich seine Kopfhörer auf, dann rollte er nach vorne und man das Tippen seiner Finger auf der Tastatur.
Cynthia machte ihre Musik an, dann nahm sie die erste Akte und begann ihre Arbeit.