Kapite 1 Der Fremde in der Nacht
Lena hasste die Spätschicht.
Nicht wegen der Arbeit - die Buchhandlung war ihr sicherer Ort, ihr Rückzugsort. Sie mochte den Geruch alter Seiten, das sanfte Knistern, wenn sie eine neue Lieferung auspackte. Was sie nicht möchte, war der Heimweg danach.
Die Straßen waren um diese Uhrzeit zu leer.
Zu still.
Und genau heute hat ihre beste Freundin abgesagt, sie abzuholen.
Ihre beste Freundin arbeitet nachts in einer Bar, in welcher wüsste Lena nicht genau. Aber leider musste sie heute einspringen und hat Lena tausendmal um Verzeihung gebeten, weil sie genau wüsste, wie sehr sich Lena vor der Dunkelheit fürchtet.
Lena zog ihre Jacke enger um sich, als sie die Tür abschloss und den Schlüssel in ihre Tasche gleiten ließ. Sie atmete tief durch, bereit, den kurzen, aber unangenehmen Weg zu ihrer Wohnung anzutreten.
Dann hörte sie es.
Ein tiefes Grollen, irgendwo in der Ferne. Es wurde lauter, vibrierte durch die Nachtluft.
Ein Motorrad.
Lena war kein Fan von schnellen Maschinen. Sie bedeuten Lärm, Geschwindigkeit - und meistens Typen, die nichts Gutes im Sinn hatten.
Lena drehte sich um und blickte auf die Straße. Sie sah einen Scheinwerfer, der immer näher kam.
Das war ein Motorrad.
Den sie schon aus der Ferne gehört hatte.
Warum musste es ausgerechnet ihr heute passieren?
Das Motorrad hielt direkt vor ihr an.
Lena fror ein.
Er nahm den Helm ab.
Der Fahrer saß entspannt auf dem Bike, eine dunkle Lederjacke über den breiten Schultern. Die Straßenlaterne warf ein fahles Licht auf sein Gesicht, gerade genug, dass sie die scharfen Konturen erkennen konnte - die markante Kieferlinie, die leichte Narbe auf seiner Wange, die kühlen blauen Augen, die sie ausdruckslos musterten.
„Du bist spät dran, Engel.“
Lena blinzelte. „Ich…kenne Sie nicht.“
Er grinste schief, als wäre ihre Antwort amüsant. „Noch nicht.“
Sie schluckte. Seine Stimme hatte einen rauen, gefährlichen Unterton - nicht bedrohlich, aber auch nicht harmlos.
„Es ist Spät“, sagte sie vorsichtig und wich einen Schritt zurück. „Ich sollte gehen.“
„Dann geh“, erwiderte er, rührte sich aber selbst nicht.
Irgendwas an ihm beunruhigte sie. Er wirkte entspannt, fast gelangweilt - aber seine Augen verraten etwas anderes. Als würde er sie beobachten, analysieren.
„Pass auf dich auf, Engel“ , sagte er plötzlich.
Seine Stimme war leiser jetzt, ernster. Und ehe sie reagieren konnte, setzte er den Helm wieder auf, startete den Motor - und verschwand in der Nacht.
Lena stand noch lange da, ihr Herz raste.
Sie sah dabei noch nach und versuchte, ihre Atmung unter Kontrolle zu bekommen. Sie schloss die Augen und zählte bis zehn.
Dann machte sie sich auf den schnellen Weg auf nach Hause.
Sie wusste nicht, wer er war.
Aber sie hatte das Gefühl, dass das nicht das letzte Mal gewesen war, dass sie ihn gesehen hatte.
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Vielen dank fürs lesen ☺️








