𝘗 𝘙 𝘖 𝘓 𝘖 𝘎
Sonntagabend, kurz vor Mitternacht. Eigentlich sollte ich bereits in den Armen von Morpheus liegen, aber stattdessen bin ich gefangen in der Endlosschleife des digitalen Wahnsinns. TikTok hat mich in seinen Fängen und lässt mich nicht mehr los. Es ist, als hätte jemand Klebstoff auf meine Finger geschmiert und den Bildschirm damit eingestrichen. Es ist unmöglich, das Handy wegzulegen.
"Nur noch fünf Minuten bis die Uhr 00:00 zeigt", flüstere ich mir selbst zu, während mein Daumen wie von Geisterhand gesteuert über den Bildschirm wischt. Es ist die gleiche Lüge, die ich mir schon vor einer Stunde erzählt habe.
Ach, scheiß drauf! Morgen nehme ich eben die spätere Straßenbahn zur Arbeit. Daniel, mein Vorgesetzter, hat sowieso schon gemeckert, dass ich zu viele Überstunden schiebe. Als ob ich die jemals bezahlt bekäme! Da kann ich mir doch wohl mal erlauben, mich so richtig schön zu verspäten. 10 Uhr klingt gut. Oder besser gleich 10:30?
Gerade als ich mich in meiner Rebellion suhle, springt mir plötzlich der Eiter einer ausgedrückten Zyste förmlich durch den Bildschirm ins Gesicht. Angewidert reiße ich die Augen auf. Das wäre eigentlich das perfekte Zeichen, jetzt endlich Schluss zu machen und ins Bett zu gehen. Aber hey, vielleicht nur noch ein kleiner Blick auf Instagram? Nur für eine Minute! Sabrina hat bestimmt auf mein letztes Reel geantwortet.
Kaum habe ich die App geöffnet, leuchtet mir auch schon ihre Nachricht entgegen: "OMG, lass uns da unbedingt zu meinem Geburtstag hingehen!" Ich grinse. Wie von selbst wandert mein Finger weiter zur Explore-Page. Es ist, als hätte mein Gehirn den Autopiloten eingeschaltet, während mein Verstand verzweifelt an der Tür zum Cockpit rüttelt.
"Wahrscheinlich fragst du dich gerade, wie ich hier leben kann...", dringt eine Stimme an mein Ohr. Ich sehe eine junge blonde Frau, Mitte 20, die vor einer gigantischen Glasfront steht und die Arme ausbreitet, als wolle sie den ganzen Regenwald dahinter umarmen. "...aber trotzdem offiziell weiter in Deutschland arbeite?"
Hinter ihr erstreckt sich ein Meer aus sattem Grün und riesigen Blättern. So stelle ich mir den Amazonas vor. Oder ein Paradies irgendwo in Asien. Die Frau sieht aus wie ein Fitness-Model - gebräunt, athletisch und mit einem strahlend weißen Lächeln.
Plötzlich wechselt das Bild, und vor mir schwebt ein KI-generierter, goldener Bitcoin. Eigentlich eine Todsünde, denke ich mir, liegt der ganze Spaß nicht darin, dass Bitcoins in der physischen Welt überhaupt nicht existieren, so wie Gott? Also streng gesehen darf man sich davon doch dann gar kein Bild machen, das wäre ja Götzenanbetung.
"In meinem 5-Tage-Seminar zeige ICH dir, wie du dein Crypto-Portfol...", weiter lasse ich sie gar nicht erst kommen. Noch so ein Crypto-Scam! Als ob es nicht schon genug davon gäbe.
Für einen kurzen Moment hatte ich tatsächlich gehofft, hier ein echte Alternative zu dem üblichen Grau zu sehen. Es wäre auch zu schön gewesen einen Job zu haben, bei dem man nicht am Hungertuch nagen muss und es dem Chef egal ist, ob du in Thüringen oder Timbuktu sitzt. Wir dürfen ja nicht einmal Homeoffice machen, erst recht nicht ohne vorherige Absprache. Und deshalb sitze ich hier am Sonntagabend um Mitternacht und scrolle mich durch die Leben anderer Menschen, als wäre es ein Ersatz für mein eigenes.
Ich horche in mich hinein und verstehe plötzlich, warum ich bei diesem Reel überhaupt hängengeblieben bin: Fernweh. Dieses nagende Gefühl, dass es da draußen mehr geben muss als meine sonntägliche Routine aus langem Bad, Haare föhnen, Skincare und Social-Media-Marathon bis zum Einschlafen.
Beim zweiten Hinsehen fällt mir auf, dass unsere Crypto-Queen vergessen hat, ihr Reel als Werbung zu kennzeichnen. In mir regt sich sofort der Drang, sie dafür zur Rechenschaft zu ziehen. Und ich kenne die Regeln. Ich muss es wissen, schließlich bin ich Junior PR-Beraterin und verbringe meine Tage damit, mich für meine Kunden - allesamt große deutsche Unternehmen - den Wald an META-Richtlinien zu durchforsten.
Täglich erkläre ich Geschäftsführern, die drei Mal so alt sind wie ich, dass ihre nächste Kooperation mit Bibi Bloxberg oder Rizzo, dem Zerstörer - oder wie auch immer diese cringe deutschen Influencer heißen mögen - nicht ohne die vorgeschriebenen Werbemarkierungen über die Bühne gehen darf.
"Ja, aber das merkt doch keiner", höre ich sie oft als Antwort. Oh Friedrich, wenn du wüsstest! Es merkt IMMER jemand. So wie ich es gerade bei dieser Crypto-Dame gemerkt habe. Natürlich kann ich das nicht so direkt sagen. Stattdessen setze ich mein freundlichstes Lächeln auf und erkläre es den Friedrichs, Olafs und Christians dieser Welt geduldig noch einmal.
Neugierig rufe ich ihr Profil auf und bin schockiert von dem, was ich in ihrer Bio lese: "Crypto for Women - Women for Crypto." Mir wird schlecht. Versucht sie ernsthaft, Kryptowährungen als feministisches Werkzeug zu verkaufen? Als wäre Bitcoin der Schlüssel zur finanziellen Gleichberechtigung? Kopfschüttelnd klicke ich auf ihr letztes Reel und melde es an Meta. Sollen die sich damit rumschlagen.
Zugegeben, vielleicht steckt hinter meinen Handlungen auch etwas Neid. Aber ehrlich gesagt, ist es eher der Wunsch zu verhindern, dass andere Träumerinnen wie ich, die sich nach der großen weiten Welt sehnen, auf solche Scharlatane reinfallen. Nicht jeder lebt nach dem Prinzip: if it's too good to be true, it usually isn't.
Ich lege das Handy zur Seite und kuschle mich in meine weichen Decken. Wir hatten erst Mitte August, aber der Herbst scheint in diesem Jahr etwas früher zu kommen, denn es ist recht mild. Nach einer Weile fallen meine Augen zu und ich finde in den Schlaf.
Obwohl ich später als geplant ins Bett gegangen bin, erwachte ich ausgeruht. Wie immer checke ich zuerst meine Nachrichten und E-Mails und siehe da, eine E-Mail von Meta:
'Wir danken Ihnen für den Hinweis. Nach sorgfältiger Prüfung haben wir den Inhalt entfernt.'
Ein kleiner Trost, denn ich bin mir sicher, es gibt leider genug Interessenten für die 'Werde schnell reich und unabhängig!'-Machenschaften dieser Frau. Und wenn sie ihr nicht mehr auf Instagram ins Netz gehen, dann eben woanders. Trotzdem mache ich mich, ein wenig zufrieden mit mir, langsam auf den Weg ins Büro. Obwohl Montag der entfernteste Tag vom neuen Wochenende ist, habe ich jeden Montag einen kleinen Lichtblick am Nachmittag: der 15:00 Uhr Call mit meinem Kunden Sebastian.









Der Einstieg mit Social Media ist Dir gut geglückt und macht Lust auf "mehr"🤣🤣🤣🤣🤣🤣
schon in ersten Kapitel gut geschmunzelt 👍😉