(Band 3 ) Ewig Ist Die Nacht Das Erbe Des Brutus by BruderBaer at Inkitt
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(Band 3 ) Ewig ist die Nacht - Das Erbe des Brutus

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Summary

Eine seltsame Stille liegt über Great Kingston, als hätte die Stadt den Atem angehalten. Die Fronten zwischen Tenebrae und Rittern verschwimmen, Loyalitäten brechen, und selbst alte Freundschaften verlieren sich im Nebel von Lügen und Blut. Unerwartete Bündnisse entstehen nicht aus Vertrauen, sondern zum Zweck. Und während neue Konflikte in der Stadt aufflammen, wachsen im Verborgenen zwei Bedrohungen heran: ein Dolch, der für einen schmerzhaften Verrat geschmiedet wurde — und die Geburt eines Vampirs, dessen Macht selbst Treue bedeutungslos machen wird.

Status
Ongoing
Chapters
10
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kayra - 1

Es hatte ihn fast sechs Wochen gekostet, um so weit zu kommen. Gordon Mitchell war im Downtown Viertel von Great Kingston und watschelte die außen gelegenen Stufen in ein Kellergeschoss hinab, so dass er dem frischen, nächtlichen Frühlingswind entging. Diese Gegend war sogar schlimmer als seine Ecke und um einiges dreckiger. Die Straßen waren zwar sauber, doch dafür waren die Seitengassen zwischen den Hochhäusern und Apartments vermüllt und die Wände mit hässlichem Graffitis verschandelt. Die schwere, von Rost gezeichnete Metalltür vor ihm, an die er deftig klopfte, sprach Bände über die Sicherheit der Gegend.

"Wer da?", raunte eine Männerstimme beim öffnen des schmalen Sichtschlichtes der Tür. Eine Sonnenbrille verdeckte die Augen des Mannes.

"Feldwebel Schulz", salutierte Gordon halbherzig. Er verwendete einen vereinbarten Code. "Papa Bär hat was für mich."

"Einen Moment", erwiderte der Wachposten. Er schloss den Sichtschlitz und entriegelte dafür die Tür. "Zwei Schritte rein und nicht einen mehr."

"Klar doch", befolgte Gordon die Order beim Eintritt. Ihn erwartete noch ein Wachposten, wobei beide Wächter sehr muskulös waren und das Outfit von typischen Rockern trugen. Routiniert spreizte Gordon Arme und Beine, ehe er durchsucht wurde.

Außer einem abgepackten Bündel mit Bargeld und einer neun Millimeter Pistole, hatte der Detektiv nichts dabei. "Sauber", nickte eine der Wachen und zeigte über seine rechte Schulter. "Bis ganz nach Hinten durch und keine Faxen oder es scheppert."

"Nein, für so was habe ich heute keine Zeit", scherzte Gordon trocken. Er folgte den halb dunklen, leicht verkommenen Gängen und warf flüchtige Blicke in die offenen Seitenräume. Er war im Hauptquartier eines hartgesottenen Motorradklubs und so sah es in mancher Ecke auch entsprechend aus, obwohl er diesen Ort definitiv nicht als Rattenloch bezeichnen würde. Eine Mischung aus fetziger Rock und Goth Musik drang ihm immer lauter in die Ohren, bis er den Schankraum erreichte, wo knapp ein halbes Dutzend Klubmitglieder die Nacht ausklingen ließ. Sie warfen dem Detektiv abschätzende, teils zweifelnde Blicke zu, doch er interessierte sich für keine dieser Gestalten.

"Feldwebel Schulz", sagte eine Stimme spielerisch streng. "Hier her."

"Jawohl", nickte Gordon. Er blickte zu seinem Kontakt, einer Frau in ihren Vierzigern und folgte ihr in die Hinterzimmer des Klubs.

Marcy Fraser war ihr Name und man sah ihr an, dass sie im Leben schon einiges mitgemacht hatte. Hässlich war sie jedoch nicht. Ihre Arme und sichtbaren, kurvigen Körperstellen waren schwarzweiß tätowiert und ihre Stimme klar vom Rauchen gezeichnet. "Ich hoffe für dich, dass du die zehn Riesen dabei hast."

Gordon versuchte die Stimmung zu lockern. "Nur der Neugierde halber: Was wäre, wenn ich nein sage?"

"Das würde meinen Vermietern hier gar nicht gefallen", erklärte Marcy nüchtern. Sie führte den Detektiv in ein Tattoo Studie, wo sie eine halb volle, offene Flasche Bier nahm und daraus trank. "Ein Bier?"

"Nein danke", wies Gordon höflich ab. "Ich habe noch eine lange Nacht vor mir. Vielleicht gönn ich mir ein Bier im Morgengrauen, zusammen mit einem geilen, englischen Frühstück."

"Ja, das sieht man dir an", schmunzelte Marcy. Danach stieß sie sachte auf. "Und wegen dem Geld - ich bin zwei Monate mit meiner Schutzgeldzahlung in Verzug und hab denen versichert, dass du mir einen dicken Batzen bringst. Wenn du also meine, und damit auch deren Zeit verschwendest, wäre das keine angenehme Unterhaltung."

"Was?", stutzte Gordon amüsiert. "Die würden eher mir die Beine brechen, als dir?"

"Nur wenn du kein Geld dabei hast."

"Aber ich hab die Schulden nicht gemacht?"

"Schon klar", lachte Marcy. Das Bier stellte sie fast leer ab und gönnte sich eine Zigarette. "Doch ich hab denen das als gute Werbung für ihre Dienste verkauft, wenn du nicht lieferst. Das würde mir etwas mehr Luft verschaffen."

"Du hast dich also doppelt abgesichert", erkannte Gordon an, ehe er den Umschlag mit dem Geld aus seinem Mantel holte. "Clever, aber keine Sorge - ich hab die Knete."

"Zu schade", grinste Marcy beim schwenken ihrer Zigarette. "Ist schon ein paar Wochen her, seitdem es in der Bar eine ordentliche Klopperei zu sehen gab." Die Frau schob die Zigarette zwischen ihre Lippen und ließ sich den Umschlag geben, um das Geld nachzuzählen.

"Entertainment kostet bei mir extra", lachte Gordon entspannt. "Alles da, richtig?"

"Bis auf den letzten Dollar", bestätigte Marcy zufrieden. Ganz auf altmodische Weise, nahm sie sich einen gelben Notizzettel und schrieb etwas darauf. "Das ist die Adresse von meiner Kundin, von der ich erzählt habe. Mehr gibt es nicht."

Der Zettel wurde über die Anrichte zu Gordon geschoben. Er sah ihn sich kurz an und verstaute ihn zusammengefaltete in seiner Brieftasche. "Das reicht mir schon", erwiderte Gordon ernst. "Und hoffentlich ist das nicht nur Tratsch, sonst will ich mein Geld zurück."

"Ich hab dir gesagt was sie mir gesagt hat und das war für dich interessant genug", zuckte Marcy unbeeindruckt mit ihren Schultern. "Und wenn du was von mir willst, musst du dich mit meinen Beschützern befassen. Die sind jetzt wieder bezahlt."

"Dreifach abgesichert, ich hab's kapiert", sagte Gordon zwinkernd. "Auch wenn ich manchmal ganz schön stur sein kann."

"Ja", prustete Marcy. "Das hab ich gemerkt, als ich wegen dem Anrufterrors den Stecker meines Telefons ziehen musste."

"Lass mich raten", ahnte Gordon, denn zuvor hatte sich sehr Marcy dagegen gesperrt, Kunden Informationen Preis zu geben. "Die fällige Miete hat deine Meinung dann aber geändert?"

"Wir müssen eben alle sehen, wo wir bleiben", meinte Marcy schuldlos. "Außerdem mache ich mir keine Sorgen um meine Kundin. Die weiß sich zu wehren, falls du Ärger machst."

"Ich und Ärger? Ach was", winkte Gordon beim Abschied ab. "Wie du gesehen hast, bezahle ich meine Rechnungen pünktlich. Ciao."


Draußen erwartete Gordon zu dem Wind nun auch noch ein schwacher Regenschauer, doch ihm machte das rein gar nichts aus. Er ging zu spärlich befahrenen Straße zurück und wischte sich zwei Mal über die Nase.

Das war ein Zeichen für seine Rückendeckung, die in unauffälligen Schrottlaube weiter hinten parkte und im Inneren so gut wie vom Nachtschatten verschluckt war.

Nachdem Gordon das Signal gegeben hatte, setzte er sich in seinen Oldtimer und fuhr zur besagten Adresse. Dabei musste er acht geben, denn der Ort lag gefährlich nahe am Irish Shamrock Viertel, dem Territorium der Apostel.

Angst hatte Gordon jedoch keine, weil er ebenso wusste, dass die Apostel seit dem Kampf in Silten Oaks massiv an Stärke eingebüßt hatten. Für ihn war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie aus Great Kingston vertrieben waren.

Die Adresse führte den Detektiv zu einem kleinen Taxiunternehmen, das auch zu dieser Nachtzeit in Betrieb war. Gordon nahm ein Fernglas zur Hand und betrachtete den Ort von einer erhöhten Abfahrt aus in knapp dreihundert Meter Entfernung.

Unter einem Vordach, das vier Fahrzeugbuchten überdeckte, warteten aktuell drei Taxis auf ihren Einsatz, während sich die Fahrer bei warmen Kaffee, Zigaretten und einem Imbiss in der kühlen Nachtluft unterhielten.

Alles sah ruhig aus, was Gordon zu einer Zeit wie dieser nicht anders erwartete. Außerdem wusste er, was es mit diesem Unternehmen wirklich auf sich hatte und dass es gut daran tat, die Dinge unauffällig zu halten. Er setzte seine Fahrt fort und folgte der Abfahrt, mit dem Unternehmen als Ziel.

Wegen des absenkenden Terrains, wand sich die Straße ein wenig und die Umgebung wurde deswegen unübersichtlicher.

Plötzlich blitzten die blendenden Fernlichter eines zuvor im Dunkel stehenden Wagens von Vorne auf.

Gordon machte eine Vollbremsung und setzte sofort zurück, als das Fahrzeug mit Vollgas auf ihn zuhielt. Hinter ihm erschien aus dem Nichts jedoch ein weiteres Fahrzeug, dass ihm zum abbremsen zwang.

Mehrere Gestalten sprangen aus nächtlichen Schatten auf und belagerten das Fahrzeug des Detektivs.

"Hey, was wird das?!", fragte Gordon außer sich. Er wurde von zwei Leuten aus seinem Wagen gezerrt, während eine andere Gestalt von der Beifahrereisete aus in das Fahrzeug und auf den Fahrersitz stieg. Gordon wehrte sich nicht zu sehr, da er versuchte die Situation als Ganzes einzuschätzen, obwohl er es spielend hätte können.

Ein Van sauste neben seinem Wagen heran, in den er hineingezwungen wurde und einen schwarzen Sack übergestülpt bekam, gefolgt von warnenden Schlag auf den Hinterkopf des Blutritters. Eine Durchsuchung seiner Kleidung folgte, bei dem man ihm Brieftasche, Handy und die Waffe abnahm und eine männliche Stimme raunte. "Der ist nicht verwanzt."


Die Fahrt ging nicht besonders lang. Es waren vielleicht fünfzehn Minuten gewesen, ehe der Van zum Stillstand kam und Gordon aus ihm gezerrt wurde. Blind durch Sack, aber klar bei Sinnen, hörte der Detektiv seine eigenen Schritte widerhallen, wie in einem weiträumigen Lager. Unsanft landete er auf einem Stuhl und bekam den Sack vom Kopf gerissen, doch seine Vampirblut gestärkten Augen gewöhnten sich sofort an den Wechsel von Dunkel zu Hell. "Wisst ihr", atmete er tief ein. "Ein Anruf hätte es auch getan."

"Den hast du ja schon mehrmals getätigt", sagte eine klapperdürre, tätowierte Frau von Mitte dreißig. Ihr schwarzes Haar und dunkler Teint zeugten von indischen Wurzeln, doch ihr amerikanisch war makellos. "Nun, hier bin ich."

"Ah, Indira nehme ich an?", riet Gordon. Seine Ermittlungen hatten ihn auf die Spur eines Schmuggelrings gebracht, mit dem die Ritter des Vatikans angeblich Geschäfte tätigen sollten und er sah sich von mindestens einem Dutzend zwielichtiger, bewaffneter Gestalten umringt. "Sag bloß Marcy hat mich angekündigt?"

"Sie hat dich gewarnt, dass sie keine Kunden verrät", erwiderte Indira harsch. "Auch wenn mich der Anruf vorhin zwei Riesen gekostet hat, damit sie mir die Information gibt."

"Dreifach abgesichert, was eine gerissene Kuh", seufzte Gordon, aber er machte sich absolut keine Sorgen. "Trotzdem kein Grund, diese Gestapo Methoden abzuziehen. Ich wollte nur reden und ein paar Fragen stellen."

"Na das machen wir jetzt doch", meinte Indira sarkastisch. Langsam holte sie einen Teleskopstock aus ihrer Jacke und öffnete ihn mit einem beherzten Rückschwung. "Ich habe schon vor zwei Wochen gehört, dass irgendwer nach mir sucht und da du mich nicht auf normalen Weg gefunden hast, gehörst du nicht zu meinem gewünschten Klientel - was also will ein Privatdetektiv von mir?"

"Paranoia macht taub, was?", entgegnete Gordon charmant. "Ich habe doch eben gesa-"

Plötzlich zog Indira mit ihrer Waffe quer über das Gesicht des Mannes durch. Blut und sogar ein Zahn flogen zur Seite. "Falsche Antwort!", warnte sie und ließ noch einen Schlag folgen. "Halte mich nicht für naiv oder bescheuert!"

Gordon verzog sein schmerzerfüllt Gesicht. Vampirblut hin oder her, das hatte gesessen. "Verfickte Scheiße!", schnaufte er angeschlagen. "Ich dachte du wärst eine Schmugglerin und keine Sadistin!"

"Ja, Marcy hat mir gesagt, dass du eine große Klappe hast", erwähnte Indira, während sie den Teleskopstock unter das Kinn des Mannes drückte und es anhob. "Doch ich habe heute Nacht viel Zeit. Angeblich hat der, der nach mir gesucht hat, Interesse an Waren, die ich verschoben haben soll. Sehr ungesund."

"Wenigstens gibst du mir die Antworten, die ich gesucht habe", stellte Gordon fest. Er spuckte eine Ladung Blut auf den Boden neben sich und sah die Schmugglerin unerschrocken und ernst an. "Ja, du machst definitiv mit denen Geschäfte."

"Mit wem?"

"Den Rittern des Vatikans."

Sowohl Indira als auch dem Rest ihrer Leute, zauberte dieser Ausdruck erst ein paar irritierte Augenbrauen ins Gesicht, ehe herzhaft gelacht wurde. "Was soll das sein?", grölte einer der Männer. "Ein Herr der Ringe Fanklub?"

"Wäre das nicht eher Twillight?", kommentierte eine Frau spottend. "So wie das klingt, Vampirzeug."

"So falsch ist das gar nicht", erwähnte Gordon sehr nüchtern. Dabei glitten seine Augen zur Seite, wo er einen der Zuschauer kurz besonders stark fixierte. Nun war er sich sicher auf der richtigen Spur zu sein, auch wenn er verstand, dass die Schmuggler vielleicht gar nicht wussten, für wen genau sie Waren verschoben.

Die trockene Antwort des Detektivs würgte das Gelächter ab. "Wer auch immer diese Ritter sein sollen", machte Indira deutlich klar. Selbst wenn ich mit Disney Geschäfte machen würde, würde ich keine Namen nennen - aber für wen arbeitest du? Wer steckt seine Nase in meine Geschäfte?"

"Kayra", antwortete Gordon ruhig, wobei er der Schmugglerin einen durchdringenden Blick zuwarf. "Mein Name ist Kayra."

"Hab ich dir mit meinen zarten Schlägen etwas schon die Birne verbrutzelt?", erwiderte Indira Gleichzeitig presste sie ihren Teleskopstock gegen die Wange des Mannes. "Oder braucht es noch ein paar mehr, damit du richtig funktionierst und richtig redest? Der Name deines Auftraggebers ist Kayra?"

"Meine Gedanken sind vollkommen klar", bekräftigte Gordon. Er blieb sitzen, aber er straffte seine Haltung angemessen und völlig gerade. "Und ich muss Sie warnen - ich kam für ein Gespräch, doch Sie sind kurz davor jegliche, diplomatische Optionen zu zerstören."

"Ich verstehe", sagte Indira mit sarkastischem Unterton. "Zeit dich auf Werkseinstellung zurückzusetzen!" Nun prügelte sie ihre Waffe ungebremst und mit einem Dutzend Schläge auf das Gesicht des Detektivs.

Gordons Kopf blieb jedoch eisern. Nicht ein klitzekleines Stück wich er zur Seite oder rührte sich überhaupt, während sein gar kühler Blick auf Indira lag. Sein Blut spritzte in Strömen und floss über sein ganzes Gesicht.

Die Zuschauer bekamen richtig Angst, als sie sahen, wie der Mann diese Schläge ohne Rührung von Körper und Ton wegsteckte. "Der muss sich vorher Koks reingepfiffen haben", grummelte eine der Frauen. "Der spürt gar nichts."

"Mach's Maul auf!", forderte Indira außer Puste. Sie stoppte die Angriffe und zirkelte mit ihrem Schlagarm.

Eine Antwort blieb schuldig und eine unheimliche Stille erfüllte die Luft. Gordon hatte genug und die vielen Ströme von Blut, die über sein Gesicht liefen oder schon auf seine Kleidung und zu Boden getropft waren, begann sich langsam zu ihm zurückzuziehen. Es war wie, als spulte er die Zeit zurück und seine Wunden versiegelten sich.

"Was zur?!", raunte Indira leicht schockiert. Ihre Leute reagierten nicht weniger ängstlich und wichen ein paar Schritte zurück. "LASS DAS!" Panisch schwang sie ihre Waffe aufs Neue, doch dieses Mal wurde sie gestoppt. "... wie, wie machst du das?!", fragte Indira. Ihr Arm zitterte stark und obwohl sie all ihre Stärke aufwand, wurde der Teleskopstock mühelos von Telekinese zurückgehalten.


"Keine Fragen mehr von dir", sagte Gordon, wobei seine Stimme verschwamm, mit der einer Frau und nicht nur das. Beim aufstehen, verformte sich sein Körper und aus er wurde sie - es war Kayra persönlich. "Die Zeit für Diplomatie ist zu Ende."

"Heilige Scheiß-!", röchelte Indira, als sie plötzlich von dem Vampir mit einer Hand am Hals gepackt war und hochgehoben wurde.

Einige Schmuggler rannten sofort davon und Kayra sah nicht einmal in deren Richtung, doch sie bewegte ihren Zeigefinger. Wie in einem Horrorfilm, wurde jeder Flüchtige w von ihrer Telekinese durch die Luft geschleudert, in Ecken gezogen und drangsaliert.

Andere Schmuggler zückten Pistolen und UZI's, die sie lauthals schreiend auf die Fremde abfeuerten.

Kayra blieb regungslos stehen, während alle Kugeln mit einer klar sichtbare Schneise an ihr vorbeirauschten, bis alle Magazine leergeschossen waren. "Ich schaffe ein wenig mehr Privatsphäre für uns", sagte sie und schwebte förmlich, obgleich es ein Sprung war, mit Indira hoch hinaus auf einen an der Decke hängenden Übergangssteg.

Die Schmuggler in der Halle konnten kaum folgen und waren kurz davor abzuhauen, bevor sie dann doch ihre Waffen nachluden. Plötzlich trafen drei gezielte Kopfschüsse deren Reihen und sie liefen versprengt, nach Deckung suchend in alle Richtungen.

Der echte Gordon hatte sich in die Halle geschlichen und beschäftigte die völlig unkoordinierte Meute. Seine von Vampirblut verbesserten Reflexe und Schnelligkeit dienten ihm dabei gut, wobei er heute eine normale Schusswaffe führte, statt seines wuchtigen Kalibers.

"Wir brauchen den Mann hinter dem blauen Container lebend", sagte Kayra inmitten der Schießerei, als wäre es ein alltägliches Gespräch. "Er ist ein heiliger Kämpfer."

"Ich werde mein Bestes geben!", versprach Gordon, doch er war nicht unbesiegbar. Immer wieder musste er sich wegducken und vor Beschuss in Sicherheit bringen. "Gott verdammt, ich hätte den zweiten Taco nicht essen dürfen."


"Wa-Was bist du?!", röchelte Indira. Sie strampelte fruchtlos angehoben im einhändigen Griff des Vampirs und zerrte und schlug mit beiden Händen auf dessen Handgelenk. "W-Wer?"

"Wie ich sagte, Kayra", stellte Kayra sich entgegen aller Unhöflichkeit abermals, wenngleich verhalten vor. "Und Sie sind Indira, der Kopf eines beachtlichen Schmugglerrings, der mit den Rittern des Vatikans Geschäfte macht."

"Nie von so einer Bande gehört", behauptete Indira. Die Finger um ihren Hals raubten ihr noch mehr Luft. "Wirklich!"

"Und warum arbeitet dann einer von denen für Sie?"

"Wovon redest du da?!"

"Dort Unten", nickte Kayra ohne hinzusehen zur Seite. Trotzdem sah sie aus den Augenwinkeln genug.

Gordon lieferte sich ein Feuergefecht mit drei Schmugglern, wovon ein dunkelblonder Mann deutlich heilige Magie verströmte. Als der auf einmal eine Schrotflinte auspackte, rannte Gordon so hastig, dass er stolperte und seine Pistole verlor.

Die anderen zwei Schmuggler sahen das als ihre Chance und bewegten sich in seine Richtung, doch sie hatten nicht mit der enormen Schnelligkeit des Blutritters gerechnet. Er tauchte vor ihnen auf und begann eine kurze, aber intensive Schlägerei, bei denen er sie fertig machte.

Der Vatikans-Ritter legte derweil wieder auf den Detektiv an, aber Telekinese riss ihm die Flinte und eine Pistole vom Körper. "Verfluchter Vampir!", keifte er mit Blick zu Kayra.

"Schau lieber zu mir!", warnte Gordon. Er griff sein Ziel mit einem beherzten Tackle an und rammte ihn zu Boden, wo sich die beiden wälzten und schlugen und der Vatikan-Ritter dem schreienden Detektiv in die Hand biss. "DU HURENSOHN, SPUCK DAS AUS!" Gordon gab seinem Gegner eine Platzwunde erzeugende Kopfnuss, doch das brachte nur wenig. So wie der Blutritter durch das Vampirblut stärker als jeder Mensch war, so verhielt es sich mit der heiligen Kraft dem Vatikans-Ritters.

Kayra wusste ganz genau, was Indira als Nächstes vor hatte. Sie spürte ihre feinen Muskelstränge in ihren Armen, wie sie zupften, um Arm und Finger ganz unauffällig zu ihrer hinteren Hosentasche zu schieben. "Nur zu", bot Kayra an. "Ich halte Sie nicht auf."

Ertappt hielt Indira inne. "Keine Ahnung, wovon Sie da reden", raunte sie kleinlaut. Als sie jedoch merkte, dass das ernst gemeint war, huschte ihre Hand nach Hinten. Sie holte einen Kleinkalibrigen Revolver hervor und schoss mit ihm drei Mal in Kayras Augen und Kopf. "FRISS DAS!"

Kayra sah nichts mehr, aber das brauchte sie auch nicht. Sie wollte, dass ihre Gefangene genau das sieht. Die Löcher in ihrem Kopf und den Augenhöhlen, durch die man ihr Inneres Fleisch sehen konnte. "Ja, sehen Sie mich an", lächelte Kayra dunkel. Sie begann ihr Fleisch zu regenerieren, bis ihre Katzen gelben Augen unheimlich aufleuchteten. "Denken Sie gut nach, wie Sie mir antworten."

Indira fror völlig ein, während sie das für sie unmögliche verfolgte. Ihr Körper wurde so schwach, dass sie ihren Revolver fallen ließ. "I-A-Ich, nein. Das ist nicht real. Das ist nicht real!", verleugnete sie mit hochrotem Kopf. "Ich schwör's! Ich hab nie von diesen Rittern gehört und weiß nichts davon, ob der da für irgendwen arbeitet! Doch wenn Sie mir sagen, was Sie suchen, weiß ich vielleicht mehr! BITTE! ALLES, NUR DAMIT ICH HIER RAUS KOMME!"

"Ich suche dasselbe, was uns zu Ihnen geführt hat", sagte Kayra. Sie wusste durch Gordons Arbeit, dass die Schmugglerin in Feierlaune mit ihren Gewinnen geprahlt hatte. "In gewissen Kreisen sprach man von dem Eine-Millionen-Dollar-Splitter Tattoo, korrekt?"

"J-ja! Den Spitznamen hat Marcy erfunden", nickte Indira mit zugekniffenen Augen, wobei sie auf das Handgelenkt des Vampirs klopfte. "Bitte, Luft!"

Kayra belohnte das Ja mit einem etwas lockereren Griff. "Nicht sehr subtil, für einen Schmuggler", meinte sie enttäuscht. "Wenn man rumprahlt, das man für das verschieben von einem Stück Holz eine Millionen Dollar bekommen hat."

"Ist das jetzt WIRKLICH wichtig?"

"Natürlich nicht, Verzeihung", gab Kayra zivilisiert zu. "Also - bringt das Ihre Erinnerungen zurück? Wo ist das Stück Holz?"

"Was spielt das für eine Rolle?!", fragte Indira wimmernd, mit tränenden Augen. "Sie sind irgendein verficktes Steven King Monster und bringen mich sowieso um! Also bringen Sie es hinter sich!"

"Sie haben diese Wahl getroffen, als Sie die Diplomatie ablehnten", erwähnte Kayra nebenher. Der Kampf in der Halle wurde ihr zu laut und sie seufzte mit Klasse. "Herr Mitchell - ich versuche hier eine Unterhaltung zu führen!"

Unten hatte Gordon alle Hände voll zu tun. Körperlich waren beide Männer gleich stark, doch die heilige Macht des Vatikan-Ritters gab ihm einen Vorteil. So schützte er sich mit einem durchsichtigen Schild, der die Wucht von Gordons Attacken milderte. Gleichzeitig erfüllte er seine Fäuste mit einem goldenem Licht, das bei einem Treffer war, als hätte Gordon gerade Bekanntschaft mit einer extrem heißen Herdplatte gemacht. "Ich gebe ja mein Bestes, aber der hier nicht auf unserer Liste!", meinte Gordon angeschlagen. "Etwas mehr Hilfe wäre mir willkommen!"

"Wie Sie möchten", erwiderte Kayra. Mit ihrer freien Hand kanalisierte sie Blutmagie, die ihren Helfer erfüllte. Sie heilte damit seine gröbsten Wunden und vervielfachte die körperlichen Attribute des Detektivs.

"So mag ich das, danke!", grinste Gordon. Jetzt war er ansatzweise auf dem Level eines Vampirs wie Ryan und setzte dem Vatikan-Ritter übel zu. "Und immer schön die andere Wange hinhalten!"

Der heilige Diener gab jedoch nicht auf. Er verwandelte den Schild um seinen Körper in eine nicht tödliche Schockwelle, die den Detektiv gegen eine Kiste zurückstieß. Hinter seinem Rücken, unter der Jacke versteckt, zückte er beim nachsetzenden Angriff plötzlich ein Gladius.

Gordon versuchte den Ritter aufzuhalten, indem er seine Beine zu sich heranzog. Zwar fing er den Angreifer mit ihnen ab, doch der krallte sich an seinen Beinen fest und rammte das Gladius in Gordons rechtes Knie. "DU BASTARD!", brüllte der Detektiv schmerzlich und versuchte das lästig Anhängsel loszuwerden "ICH RAMM DIR DAS SCHWERT GLEICH IN DEN ARSCH!"

Da schnitt der Vatikan-Ritter kurzerhand das untere Bein des Blutritters ab und hob die Klinge, um sie dem Detektiv ins Herz zu hämmern.

Da verlor Gordon jegliche Beherrschung. Blitzschnell machte er einen Sit up vorwärts, bei dem er den Kopf des Angreifers packte und ihm das Genick brach.

Selbst für Kayra war das etwas zu schnell gegangen. "Mitchell!", mahnte sie und schwebte mit Indira in ihrem Arm kerzengerade hinunter. "Ich sagte lebend!"

Verwundet und mit Schweiß nassem Gesicht, fiel Gordon auf seinen Rücken. "Könnten wir uns bitte-", knirschte er leidend und mit einer Flut von Blutverlust. "Bitte erst um ein anderes Detail kümmern?!"

Kayra war verwundert, wie der Detektiv nach dem Verlust eines Beines so verhältnismäßig ruhig bleiben konnte und sie fragte sich, ob er damit schon Erfahrung hatte. "Ihr Glück, dass es in meiner Macht liegt", meinte sie und fixierte Indira. Nein, Kayra würde sich auch heute nicht für einen Trunk aufzwingen, aber sie war die Siegerin des Kampfes. Deswegen fügte sie der Schmugglerin mit ihren Krallen einen kleinen Schnitt am Arm zu, aus dem sie Blut in ihre freie Hand kanalisierte.

Indira fand keine Wort mehr, was wohl kaum verwunderlich war, nachdem was sie alles in den letzten zehn Minuten erlebt hatte. Ihre Augen verrieten ganz klar, dass sie diesen Alptraum nur noch Enden lassen wollte, wobei sie schwächelte und der Ohnmacht erlagt.

Kayra übertrieb es allerdings nicht. Kaum größer als ein Tischtennisball war der Blutballen, der über ihrer Hand schwebte. Sie wandelte den Saft des Lebens sogleich in pure, rötliche Energie um, während sie mit Indira zu Gordon hinabschwebte. Kayra nutzte die gesammelte Energie zum versiegeln von Gordons heftig blutender Wunde und übertrug ihm den Rest zur Stärkung. "Sie werden für die Regeneration eine große Ladung Vampirblut brauchen."

"Eine helfende Hand beim aufstehen wäre mir erst einmal lieber", scherzte Gordon makaber und streckte seine Hand aus. Ihm wurde hochgeholfen und abstützend sah er sich um. "Was für eine Sauerei."

"In der Tat"; seufzte Kayra. Zumindest hatte sie Indira lebend gefasst und fuhr mit ihrem restlichen Plan fort. "Ich schicke Uphill eine Nachricht, dass er seine Razzia durchführen kann. Diese Marcy und ihren Klubfreunde packen wir Oben drauf."

"Sie wissen schon, dass das meinem guten Ruf Schaden wird?", fragte Gordon rhetorisch. "Die werden denken, dass ich damit zu tun habe ... was ich ja habe, aber trotzdem. Die Biker werden mir vermutlich die Hütte und Rübe einschlagen, weil ich gepetzt habe."

"Ich bin stets offen für Ideen", erwiderte Kayra. "Es sei denn Sie sagen, wir lassen Marcy davonkommen."

"Wie wärs zuerst mit einem Telefonat?", schlug Gordon müde vor. "Ich versuche das zu regeln, bevor wir Vitamin B benutzen."

"Einverstanden - wir gehen."

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