Prolog: Die Legende der Drachenflut
Es begann mit Feuer.
Nicht dem Feuer, das in den tiefen Essen der Schmieden loderte, nicht dem, das in den Herden der Menschen Wärme spendete. Es war das Feuer, das Sterne formte und Welten zerschlug. Das Feuer der Drachen. Sie waren die ersten Hüter der Elemente, gebunden an den Atem des Windes, das Grollen der Erde, den Tanz der Wellen und die wütende Glut, die tief im Herzen der Welt schlummerte.
Die Drachen waren keine Herrscher, keine Tyrannen, wie es die Chroniken der Menschen später erzählten. Sie waren Bewahrer. Wächter eines Gleichgewichts, das älter war als die ersten Könige, älter als die ersten Kriege. Doch die Menschen sahen in ihrer Macht nicht die Ordnung, sondern eine Bedrohung.
Und so begannen die Lügen.
Die Götter hätten den Drachen ihre Macht genommen. Die Elemente hätten sich gegen sie gewandt. Doch es war nichts weiter als ein gut getarnter Verrat. Die Fürsten der alten Königreiche hatten sich verbündet, ihre Magier hatten die Luft vergiftet, ihre Schwertmeister Klingen aus verdorbenem Silber geschmiedet, das selbst die mächtigsten Schuppen durchtrennte. Die Menschen, klein, schwach und zahlreich, hatten getan, was sie am besten konnten – sie hatten gefürchtet. Und aus dieser Furcht heraus hatten sie zerstört.
Die letzten Drachen wurden nicht einfach besiegt. Sie wurden verbannt.
In einer einzigen Nacht – einer Nacht, in der die Sterne blutrot brannten und die Erde selbst zu schreien schien – schufen die größten Zauberer ihrer Zeit eine Flut, die die Himmel ertränkte. Die Meere stiegen, verschlangen Städte und Küsten, während die Drachen, einst fliegende Feuer Stürme am Firmament, in die tiefsten Abgründe der Ozeane stürzten.
Dort, in der bodenlosen Schwärze unter den Wellen, wo kein Sonnenstrahl je reichte, wurden sie gefangen. Ihre Flügel verstummten, ihre Stimmen erloschen. Doch ihre Herzen – ihre Herzen brannten weiter.
Bevor der letzte von ihnen fiel, sprach der Drachenkönig eine Prophezeiung aus.
„Wenn die Fluten sich erheben und der Himmel brennt, wird die letzte Flamme die Welt neu entfachen.“
Die Worte hallten durch die Zeit, von Generation zu Generation weitergegeben, bis sie nichts weiter waren als ein Märchen. Eine alte Geschichte, um Kinder zu erschrecken, um Schriftrollen zu füllen, um in den Schenken über Feuer und Wein geflüstert zu werden.
Doch Legenden sind kein bloßer Staub der Vergangenheit. Sie sind Scherben einer Wahrheit, die zu groß ist, um sie zu vergessen.
Denn unter den Wellen – tief in der Finsternis, wo die Menschen nicht sehen können – bewegte sich etwas. Langsam. Unerbittlich.
Etwas, das lange geschlafen hatte.
Etwas, das erwachte.