PROLOG: DAS VERGESSENE ERBE
Die Nacht war eine lebendige Wunde, aufgerissen von Schatten, getränkt in Blut. Ein dichter Nebel legte sich wie eine uralte, bösartige Präsenz über den dichten Wald, dessen Bäume sich unter dem Gewicht der Finsternis krümmten. Der Geruch von verbrannter Erde und Eisen lag schwer in der Luft, ein metallischer, rostiger Geschmack, der sich in jede Lunge fraß. Der Wind trug das Echo verzerrter Schreie mit sich, das Klirren von Klingen, das markerschütternde Knurren von Bestien. Es war eine Nacht des Todes.
Inmitten dieser unheiligen Szenerie stand eine kleine Hütte, umringt von verwitterten Steinen, als hätte die Natur selbst versucht, diesen Ort zu verschlingen und das darin verborgene Geheimnis auszulöschen. Doch es war nicht die Zeit, es war nicht der Moment. Noch nicht. Der Feind war bereits da.
Drinnen, verborgen hinter brüchigen Holzwänden, zog sich ein Mann mit aschfahler Haut schwer atmend zurück. Sein schwarzes Haar war verklebt von Blut, sein Gewand zerrissen, der einst prächtige Mantel ein Schatten seiner selbst. Die tiefroten Augen – Augen, die Jahrhunderte gesehen hatten – flackerten zwischen Wut und Verzweiflung. Lucan Valerius, einer der letzten wahren Vampire seines Blutes, wusste, dass die Jagd nach ihm nicht aufhören würde. Nicht, solange sein Verbrechen atmete, lebte, existierte. Sein Verbrechen… war sie.
Hinter ihm, von Angst, Schmerz und mütterlichem Instinkt getrieben, stand Selene, eine mächtige Werwölfin, eine Kämpferin, nun geschwächt, verwundet, doch noch immer eine Bestie in ihrem Herzen. Ihr langes, silbernes Haar hing ihr in feuchten Strähnen ins Gesicht, ihre goldenen Augen – einst voller Feuer – jetzt getrübt von etwas, das sie nie gekannt hatte: Furcht. Doch nicht um sich selbst. Ihre zitternden Arme hielten ein Neugeborenes umklammert, ein Wesen, das nie hätte existieren sollen, nie hätte geboren werden dürfen. Elena.
„Sie sind hier,“ flüsterte Selene, ihre Stimme kaum mehr als ein gehauchtes Gebet an Götter, die längst tot waren. Lucan legte eine blutverschmierte Hand auf ihre Wange, seine Kälte fraß sich in ihre erhitzte Haut. „Ich werde sie aufhalten.“ Seine Stimme war eine raue Drohung, ein Versprechen, das er niemals einlösen würde.
Selene schüttelte den Kopf, Tränen mischten sich mit Blut auf ihren Wangen. „Du kannst nicht. Es ist zu spät. Sie haben uns gefunden.“ Ein ohrenbetäubendes Knurren ließ die Wände der Hütte beben. Die Bestien waren draußen. Das Holz splitterte, Schatten bewegten sich vor den rissigen Fenstern. Es gab kein Entkommen mehr.
Ein lautes Krachen ließ den Raum erbeben, und die Tür zersprang in tausend Splitter. Schwarze Gestalten strömten herein, hochgewachsen, grotesk in ihrer animalischen Gestalt. Werwölfe, riesig, mit Reißzähnen, die im Schein der einzigen Kerze glitzerten. Zwischen ihnen schritten Vampire, blass wie Knochen, mit rot glühenden Augen, bereit, das Blut ihres Bruders zu trinken. Sie wollten nicht nur töten. Sie wollten tilgen.
Lucan brüllte auf, seine Krallen fuhren aus, seine Augen brannten in dunkler Entschlossenheit. Der erste Angreifer wurde von seiner Kraft durch den Raum geschleudert, ein zweiter zersplitterte unter seinem Griff. Doch es waren zu viele. Eine Klinge rammte sich in seine Seite, eine weitere durchbohrte sein Bein. Blut spritzte gegen die Wände, tropfte auf den Boden, der zu atmen schien, als würde er sich an dem Leid nähren.
Selene drückte das Baby an ihre Brust. Ihre Tochter. Ihr einziges Kind. Ihr Erbe. Ihr Fluch. Sie wusste, dass es keinen Ausweg mehr gab. In einem verzweifelten Akt zerrte sie einen losen Dielenboden auf und legte Elena in den Spalt, bedeckte sie mit Lumpen und Staub, als könne sie sie vor dem Tod selbst verbergen. Die Kleine weinte nicht, als hätte sie instinktiv verstanden, dass Stille ihr einziger Schutz war.
Ein Schatten fiel über sie. Ein Werwolf packte sie an den Haaren, riss sie hoch. Selene schrie, trat um sich, krallte sich in das Fleisch ihres Peinigers. Doch es war sinnlos. Ein Schwert durchschnitt die Luft. Blut spritzte in einem scharlachroten Bogen durch den Raum. Ihre Knie gaben nach. Sie spürte, wie der Schmerz verschwand. Sie spürte, wie alles kalt wurde.
Ihr Blick verschwamm, doch sie sah noch immer das kleine Bündel unter dem Dielenboden, die einzige Hoffnung in dieser verdammten Welt. Ihre Lippen bebten, während ihr letzter Atemzug von ihren Lippen glitt. „Du bist unser Erbe, unser Fluch – das Blut der Nacht wird dich führen...“
Und dann… Stille.
Das Chaos flaute ab. Die Kreaturen standen keuchend inmitten der Verwüstung. Leichen auf dem Boden, Blut an den Wänden. Der Geruch von Tod war allgegenwärtig. Doch dann – eine Bewegung. Eine Gestalt, verborgen im Dunkeln, die bis jetzt beobachtet hatte.
Ein Mann trat ein, umhüllt von einem Mantel so schwarz wie die Nacht selbst. Seine Augen waren keine derer, die um ihn herum standen. Sie waren anders. Tiefer. Uralter. Er bewegte sich lautlos, fast geisterhaft. Niemand wagte, ihn aufzuhalten.
Er kniete nieder, zog den Dielenboden auf. Darunter – zwei kleine, rot leuchtende Augen, die sich in die seinen bohrten. Ein leises, bebendes Seufzen entfloh seinen Lippen. „Endlich.“
Mit kalten Fingern griff er nach dem Baby, hob es mit einer unnatürlichen Sanftheit aus seinem Versteck. Das Kind, das nicht hätte existieren dürfen, lag nun in seinen Armen. „Deine Zeit wird kommen, Blutgeborene. Und wenn du es tust… wird die Welt brennen.“
Der Schatten wandte sich ab, schritt über die Leichen hinweg, trat hinaus in die regennasse Dunkelheit. Mit ihm verschwand auch das Kind, verschluckt von der Nacht. Die Flammen begannen an den Wänden zu lecken, Rauch stieg in die sternlose Unendlichkeit auf. Die Vergangenheit wurde ausgelöscht. Doch die Zukunft… war geschrieben.
Die Blutgeborene war in die Welt gekommen. Und nichts würde sie aufhalten.