Gefangen im Zwielicht
Es war ein regnerischer Abend, als ich mich auf den Heimweg machte. Der Regen prasselte unaufhörlich gegen die Windschutzscheibe, und die Scheibenwischer kämpften vergeblich gegen die Wassermassen an. Ich war müde, meine Augen brannten vor Erschöpfung. Ich hatte einen langen Tag hinter mir, voller Meetings und unerledigter Aufgaben. Alles, was ich wollte, war, nach Hause zu kommen und mich ins Bett zu legen.
Die Straße war dunkel und kurvenreich. Die Bäume am Straßenrand warfen unheimliche Schatten, die im Scheinwerferlicht tanzten. Plötzlich sah ich etwas auf der Straße. Es war ein Schatten, der sich schnell bewegte. Ich versuchte auszuweichen, aber es war zu spät. Ich hörte einen lauten Knall, und dann wurde alles schwarz.
Als ich wieder zu mir kam, lag ich in einem Krankenhausbett. Mein Kopf schmerzte, und ich konnte mich kaum bewegen. Ein Arzt, der sich als Doktor Andrews vorstellte, befand sich an meinem Bett und überprüfte meine Vitalwerte. "Sie hatten einen schweren Unfall, Henry", sagte er mit ernster Miene. "Sie haben Glück, dass Sie noch am Leben sind."
Ich versuchte zu sprechen, aber meine Kehle war trocken. "Was ist passiert?", krächzte ich schließlich.
Der Arzt seufzte. "Sie hatten einen Autounfall. Sie sind von der Straße abgekommen und gegen einen Baum geprallt. Sie haben schwere Kopfverletzungen erlitten. Es wird eine Weile dauern, bis Sie sich vollständig erholt haben, und bis dahin, ist Bettruhe angesagt!"
Die nächsten Wochen verbrachte ich im Krankenhaus. Ich hatte ständig Kopfschmerzen und konnte mich kaum konzentrieren. Nachts hatte ich Albträume, die so real waren, dass ich nicht mehr wusste, was Wirklichkeit und was Traum war. Ich sah Schatten, die sich bewegten, und hörte Stimmen, die mir ins Ohr flüsterten.
Eines Nachts wachte ich auf und da sah ich sie das erste Mal, eine Gestalt am Fußende meines Bettes. Sie war groß und in Schatten gehüllt, ihre Silhouette wirkte wie die eines Mannes, der sein Gesicht unter einer Kapuze verbarg. Doch ein Blick auf ihre grell leuchtenden Augen genügte, um zu begreifen, dass diese Gestalt alles andere als menschlich war.
Ich wollte schreien, davonlaufen und mich zugleich auch wehren, aber mein Körper gehorchte mir nicht. Die Gestalt kam näher und beugte sich über mich. "Du gehörst mir", flüsterte sie mit einem Atem, der stark an den Geruch von Verwesung erinnerte, bevor sie verschwand.
Ich war mir sicher, dass ich den Verstand verlor. Ich erzählte den Ärzten von meinen Albträumen und der Gestalt, die ich sah, aber sie sagten, es würde sich nur um eine Nebenwirkung meiner doch durchaus schweren Kopfverletzung handeln. Sie gaben mir Medikamente, die mich schläfrig machten, aber die Albträume hörten nicht auf.
Nach ein paar Monaten wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen. Ich zog in ein kleines Haus am Stadtrand, weit weg von der Straße, die mein Leben für immer veränderte. Aber die Albträume folgten mir. Jede Nacht wachte ich schweißgebadet auf, und erblickte die Gestalt am Fußende meines Bettes.
Ich begann, Tagebuch zu führen, um meine Träume und die Ereignisse des Tages festzuhalten. Ich hoffte, dass ich so herausfinden könnte, was real war und was nicht. Aber die Grenzen zwischen Realität und Albtraum verschwammen immer mehr.
Eines Tages besuchte mich ein alter Freund. Er sah besorgt aus. Meine albtraumhaften Nächte hatten einen deutlichen Tribut gefordert. Meine Haut war blass und fahl, mit tiefen, dunklen Ringen unter meinem Augen, die von schlaflosen Nächten und ständiger Angst zeugten. Mein Gesicht wirkte eingefallen, die Wangenknochen traten scharf hervor, und meine Lippen waren spröde und rissig.
"Henry, du siehst schrecklich aus", sagte er. "Was ist los mit dir?"
Ich erzählte ihm von den Albträumen und der Gestalt, die ich jede Nacht sah. Er hörte aufmerksam zu und runzelte die Stirn. "Heilige Scheiße, Henry, wenn das wahr ist, dann brauchst du Hilfe. Du solltest einen Spezialisten aufsuchen."
Ich nickte, aber wusste, dass kein Arzt mir helfen konnte. Die Gestalt war real, und sie wollte mich holen.
Eines Nachts wachte ich wieder auf und sah die Gestalt am Fußende meines Bettes stehen. Aber diesmal war etwas anders. Sie sah mich an und lächelte mir aller Freundlichkeit entgegen. "Es ist Zeit", sagte sie und streckte mir ihre Hand entgegen.
Die Hand der Gestalt war ein abgemagerter und grotesker Anblick, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Die Haut war dünn und pergamentartig, gespannt über hervorstehende Knochen, die wie die Äste eines toten Baumes wirkten. Jeder Knochen und jede Sehne waren deutlich sichtbar, als ob das Fleisch darüber fast vollständig verschwunden wäre. Die Finger waren lang und spindeldürr, mit scharfen, gelblichen Nägeln, die an die Krallen eines Raubvogels erinnerten.
Als die Hand sich mir immer weiter nährte, fiel mir auf, auf was für einer unnatürlichen Weise ihre Finger sich krümmten. Kein menschliches Wesen hätte nachahmen können, was ich dort in Betracht nahm. Es war, als ob die Hand ein eigenes, bösartiges Bewusstsein besäße, das sie zu unheimlichen, ruckartigen Bewegungen antrieb. Der Anblick dieser Hand ließ mein Herz vor Angst rasen, und ich konnte den Blick nicht von diesem grauenhaften Anblick abwenden.
Ich wusste, dass ich keine andere Wahl hatte. Langsam stand ich auf und folgte der Gestalt aus dem Haus, wenn auch mit großen Abstand und der Bereitschaft, mich zu wehren wenn nötig. Wir gingen durch den Wald, bis wir zu einer Lichtung kamen. In der Mitte der Lichtung stand ein alter, verfallener Brunnen. Die Gestalt zeigte auf den Brunnen und sagte: "Spring hinein."
Ich zögerte, aber die Gestalt packte mich am Arm und zerrte mich zum Brunnen. Die Kraft die auf meinen Arm wirkte, war so enorm, dass jeglicher Gedanke in Bezug darauf mich wehren zu können sofort im Keim erstickt wurde. Und so schloss ich die Augen und sprang wiedereilig in den Brunnen hinein, ohne zu ahnen, was mich auf der anderen Seite erwarten würde.
Als ich die Augen wieder öffnete, lag ich in einem Krankenhausbett. Doktor Andrews stand neben mir und überprüfte meine Vitalwerte. "Sie hatten einen schweren Unfall, Henry", Seine Mimik, Tonlage und selbst die Worte von damals, unverändert. "Sie haben Glück, dass Sie noch am Leben sind."
Ich starrte ihn an, unfähig zu sprechen. War das alles nur ein Traum gewesen? Oder war ich immer noch in meinem Albtraum gefangen?
Die Tage vergingen, und ich begann, mich zu erholen. Die Albträume hörten auf, und ich konnte wieder klar denken.
Einige Monate vergingen, und mein Alltag kehrte zurück. Ich ging wieder zur Arbeit, traf Freunde und versuchte, die schrecklichen Erinnerungen zu verdrängen. Doch dann, eines Nachts, als ich allein in meinem Wohnzimmer saß, spürte ich sie, diese unheimliche Präsenz. Die Gestalt stand in der Ecke des Raumes, ihre Augen leuchteten in der Dunkelheit.
"Nein", flüsterte ich, "du bist nicht real", versuchte ich mir verzweifelt einzureden.
Die Gestalt kam näher, ihr Lächeln wurde breiter. "Du kannst nicht vor mir davonlaufen, Henry", sagte sie. "Du gehörst mir."
Ich sprang auf und rannte aus dem Haus, die Straße hinunter, ohne zu wissen, wohin ich lief. Die Gestalt folgte mir, ihre Schritte hallten in der Stille der Nacht wider. Ich rannte und rannte, bis ich nicht mehr konnte, und schließlich auf dem Bürgersteig zusammenbrach.
"Henry," flüsterte mir die Stimme der Gestalt, kalt und durchdringend. "Du musst aufwachen."
Ich kämpfte darum, die Augen zu öffnen. Meine Lider flatterten, und ich sah die Gestalt über mich gebeugt, ihre Augen unverändert in der Dunkelheit leuchtend.
"Wach auf, Henry," forderte die Gestalt erneut, ihre Stimme wurde drängender.
Mit letzter Kraft öffnete ich meine Augen vollständig. Und dann sah ich es, für den Bruchteil einer Sekunde blickte ich in mein eigenes Gesicht, das mich anstarrte, die Augen weit aufgerissen und voller Verzweiflung. Doch bevor ich reagieren konnte, blitzte ein Messer in der Hand der Gestalt auf.
"WACH AUF, HENRY!", schrie das Abbild meiner selbst und stieß mir die Klinge des Messer tief zwischen meine Rippen.
Ich spürte einen scharfen Schmerz, und die Welt um mich herum verschwamm erneut. Ich fiel zurück in die Dunkelheit, unfähig zu begreifen, was gerade geschehen war. Die Worte der Gestalt hallten in meinem Kopf wider, während ihr grässliches und breites Grinsen das letzte war, was ich sah, bevor ich in Ohnmacht fiel.
Als ich wieder zu mir kam, lag ich erneut in einem Krankenhausbett. Ein mir nur allzu bekannter Anblick, mit einem Unterschied: Der Arzt, Doktor Andrews, der mich bereits zweimal behandelte, war beträchtlich gealtert. Seine Haare waren grau geworden, und tiefe Falten durchzogen sein Gesicht.
"Sie hatten einen schweren Unfall, Henry", sagte er mit ernster Miene, wie auch die anderen Male zuvor . "Sie haben Glück, dass Sie noch am Leben sind."
Ich starrte ihn an, unfähig zu sprechen.
Wie konnte das sein? War ich wirklich wieder hier? Meine Verzweiflung wuchs, und ich spürte, wie meine Psyche zu zerbrechen drohte. Ich musste hier raus.
Ich sprang aus dem Bett und rannte aus dem Zimmer. Doch die Flure des Krankenhauses schienen endlos, ein Labyrinth ohne Ausgang. Ich lief von Tür zu Tür, aber jede führte nur in weitere leere Räume. Es gab keinen Weg nach draußen, keine Möglichkeit zu entkommen, doch noch schlimmer als das, waren die Menschen, die ich ansprach. Sie beachteten mich nicht, als wäre ich unsichtbar, nein, als wäre ich nicht existent!
"Helfen Sie mir!", schrie ich eine Krankenschwester an, die an mir vorbeiging. Doch sie sah durch mich hindurch, als wäre ich nicht da.
"Bitte, ich brauche Hilfe!", flehte ich einen alten Mann an, der im Flur saß. Er reagierte nicht, sein Blick blieb leer.
Schließlich, am Ende eines langen Ganges, sah ich es wieder, dieses Ding. Es stand da und wartete auf mich, breit grinsend und mit weit aufgerissenen Augen, die mich in ihren Bann zogen. Ich wusste, dass ich keine andere Wahl hatte. Ich musste ihm folgen, um Antworten zu finden.
Die Gestalt führte mich durch die Flure, bis wir vor einer Tür mit der Nummer 208 stehen blieben. Sie öffnete die Tür, und ich betrat eine Szene, die jenseits meiner schlimmsten Albträume lag. Das Zimmer war eine groteske und verstörende Mischung aus dem Krankenhauszimmer, in dem ich so oft aufgewacht war, und dem Unfallort, der mein Leben für immer verändert hatte.
Ein Krankenhausbett stand in der Mitte des Raumes, umgeben von medizinischen Geräten, die unheilvoll piepten und blinkten. Die weißen Laken waren zerknittert und blutbefleckt, und mein regungsloser Körper lag auf ihnen drauf, als ob ich in einem tiefen, unnatürlichen Schlaf gefangen wäre. Ärzte in blutverschmierten Kitteln standen um mich herum, ihre Gesichter vor Anstrengung und Verzweiflung verzerrt. Sie kämpften um mein Leben, ohne zu bemerken, dass sie von den Schatten der Bäume umgeben waren, die aus dem Boden des Krankenzimmers wuchsen.
Die Wände des Zimmers pulsierten in einem krankhaften Rhythmus, als ob sie von einem dunklen Herzschlag angetrieben würden. Sie waren bedeckt mit sich windenden Ranken, die sich wie Adern unter der Farbe abzeichneten. Die Decke war ein Gewirr aus Ästen, die sich wie knochige Finger nach mir ausstreckten, bereit, mich in die Dunkelheit zu ziehen.
Direkt neben dem Bett befand sich das Wrack meines Autos, verbeult und zerstört. Die Windschutzscheibe war zersplittert, und Glasscherben lagen auf dem Boden verstreut, glitzerten im unheimlichen Licht der medizinischen Geräte. Der Motorblock war entblößt, und aus den zerrissenen Schläuchen tropfte eine dunkle, ölige Flüssigkeit, die sich mit dem Blut auf dem Boden vermischte.
Bäume wuchsen aus dem Boden des Zimmers, ihre Äste ragten durch die Decke und streckten sich nach mir aus. Die Blätter raschelten unheimlich, obwohl kein Wind wehte, und die Rinde der Bäume schien sich zu bewegen, als ob etwas darunter kriechen würde. Der Boden war eine Mischung aus Krankenhausfliesen und dem feuchten Waldboden, bedeckt mit Laub und Schmutz, durchzogen von Wurzeln, die sich wie Schlangen wanden.
Die Ärzte bemerkten nichts von dem Grauen um sie herum. Sie waren vollkommen auf meinen Körper konzentriert, versuchten verzweifelt, mich ins Leben zurückzuholen. Ihre Stimmen waren ein gedämpftes Murmeln, das sich mit dem Rascheln der Blätter und dem Piepen der Maschinen vermischte.
Ich stand da, unfähig zu begreifen, was ich sah. Die Szene überstieg die Grenzen meines Verstandes, und ließ mich geschockt und sprachlos zurück.
Ich starrte auf meinen eigenen Körper, unfähig zu begreifen, was ich sah. Die Gestalt trat neben mich und flüsterte voller Schadenfreude: "Du bist nie aufgewacht, Henry. Du bist immer noch hier, gefangen zwischen Leben und Tod."
Mein Verstand konnte die grauenhafte Wahrheit nicht fassen. Ich schrie, getrieben von Wut und Frustration, aber niemand hörte mich. Die Gestalt packte mich daraufhin und zog mich näher an meinen regungslosen Körper heran, presste mein Gesicht an das meines sterbenden ich's und lachte spöttisch über den Anblick, den ich abgab.
"Wach auf, Henry", schrie sie, während sie lachte.
"Na los, wach schon auf!"
Und dann, plötzlich, öffnete ich die die Augen und sah das grelle Licht des Krankenhauszimmers. Doktor Andrews stand neben mir, seine Miene ernst wie immer.
"Sie hatten einen schweren Unfall, Henry."
"Sie haben Glück, dass Sie noch am Leben sind."
Aber diesmal wusste ich, dass dies nicht die Realität war, in der ich mich befand. Ich war noch immer gefangen in dem endlosen Albtraum, aus dem es kein Erwachen gab. Doch erkannte ich nun endlich die Grenze zwischen Albtraum und Realität wieder.
- - -
Ich schwöre, dass ich herauszufinden werde, was es mit diesem Wesen auf sich hat, woher es kommt, wie ich seinem Griff entkommen kann, wie ich es töten kann...
Bis dahin werde ich überleben,
oder zumindest alles daran setzen.
"Oh Gott, steh mir bei!"
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Fortsetzung folgt!
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A Deep Voice - Myuu
Eine Geschichte von MoorishMysteries