Der Vertraute

All Rights Reserved ©

Summary

Gebeutelt vom Schicksal wächst Haldor bei einem kaltherzigen und grausamen Vater auf. Doch auf seinem Weg wird er auch von Freunden begleitet. Reichen diese Freundschaften aus, oder wird er an seinem Schicksal zugrunde gehen?

Status
Ongoing
Chapters
34
Rating
5.0 1 review
Age Rating
18+

1.

Flammen und Rauch stiegen in die Luft. Die gequälten Schreie der Sklaven, die von den Vampiren zusammengetrieben wurden, schallten durch das Dorf. Tod und Verderben lag in der Luft. Überall verstreut lagen tote Leiber. Der Angriff war ein voller Erfolg gewesen. Wer gerade keine Sklaven vor sich hertrieb oder die letzten Gegner zur Strecke brachte, zog brandschatzend durch die Häuser, auf der Suche nach weiteren Vampiren oder Sklaven. „Hier ist noch einer“, rief ein Krieger und zerrte einen Jungen von vielleicht drei Jahren aus dem Haus. „Die Eltern haben ihn in einem geheimen Keller versteckt, aber das wird dem Burschen nichts nützen.“ Er lachte kalt und zog seinen Dolch. Mit vor Schreck geweiteten Augen sah der Vampirjunge den Mann an. Dann begann er zu schreien und zu kämpfen. Mit all seiner Kraft trat das Kind dem Krieger gegen das Bein, riss sich los und versuchte Abstand zwischen sich und seinen Gegner zu bringen.

Die Augen des Mannes leuchteten freudig auf. „Er will also spielen. Das macht das Ganze doch gleich viel spannender.“ Entspannt lehnte er sich gegen den Türrahmen und wartete ab, um dem Jungen einen Vorsprung zu lassen. Als das Kind ein gutes Stück gelaufen war, richtete er sich schließlich auf. Noch bevor er loslaufen konnte, kam das Kind jedoch abrupt zum Stehen und stolperte gegen einen weiteren Krieger, der alle anderen um Längen überragte. „Nicht so schnell, Kleiner“, sprach dieser das Kind an, packte den zappelnden Jungen am Kragen und entblößte ein breites Grinsen. Unterdessen war der erste Krieger dazu getreten. „Ich wollte sein erbärmliches Leben gerade beenden, Jarl“, setzte er an zu erklären. Der so Angesprochene lachte auf und schob das zappelnde Kind am gestreckten Arm weiter von sich weg. „Aber dann ist er dir entkommen. Richtig?“ Der Krieger senkte entschuldigend das Haupt. „Mit Eurer Erlaubnis werde ich es jetzt beenden.“

Nachdenklich blickte der Jarl auf das Kind, das immer heftiger um sich trat. „Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Der Bursche gefällt mir. Er beweist großen Kampfgeist. Ich werde ihn mitnehmen. Mein Weib schafft es ohnehin nicht, mir einen Nachfolger zu schenken. Drei Töchter hat sie mir geboren, aber keinen einzigen Sohn. Ich bin ihrer daher schon lange überdrüssig. Nein. Ich werde den Jungen als meinen Sohn annehmen und ihn zu meinem Nachfolger erziehen. Das nutzlose Weib wird mir dann nicht länger zur Last fallen. Der Krieger zog skeptisch die Augenbraue nach oben. „Mein Jarl. Ich will Euch nicht widersprechen, doch ich bezweifle, dass der Knabe mit dieser Idee einverstanden sein wird.“ Die Augen des Jarls wurden dunkler. „Du willst mir nicht widersprechen? Dann tu es auch nicht! Der Junge wird sich an mich gewöhnen. Dafür werde ich schon sorgen. Und jetzt geh und hol mir Fesseln und einen Strick.“


Gefesselt und am Ende seiner Kräfte saß der Junge am Feuer. Er hatte an diesem Tag alles verloren. Seine Eltern, seine Geschwister, seine ganze Familie. Und nicht zuletzt seine Freiheit. Auch seine Freunde lebten nicht mehr. Er hatte ihre toten Körper gesehen, als der fremde Jarl ihn wie ein Stück Vieh am Strick durch das Dorf geführt hatte. Anfangs hatte er sich noch gewehrt, doch jedes Mal hatte der Fremde daraufhin kräftig am Seil gezerrt. Die Schlinge hatte sich zugezogen und ihm die Luft abgeschnürt. Und auch jetzt, wo der Vampir dicht neben ihm auf einem Stuhl saß, war der Strick maximal gespannt. Wann immer das Kind vor Müdigkeit und Erschöpfung in sich zusammensackte oder auch nur die kleinste Bewegung machte, brachte ihn ein Ruck an der Schlinge und der Druck an seinem Hals wieder zur Besinnung. Immer häufiger, immer stärker schwankte das Kind, unfähig die Augen länger offen zu halten. Und dann schloss der Knabe ein letztes Mal die Augen, sank in sich zusammen. Der fremde Vampir grinste zufrieden. Dieses Mal gab er dem Zug nach. Dieses Mal ließ er es zu, dass der Junge sich hinlegte und schlief.

* * *

Als der Morgen dämmerte, wurde der Junge von einem seltsamen Wiegen, einem Schwanken geweckt. Mit noch geschlossenen Augen lächelte er. „Muss ich schon aufstehen, Mama?“ Im nächsten Moment riss er bleich vor Schreck die Augen auf. Unbekannte Geräusche drangen an sein Ohr. Das Knarren von Holz. Das Flattern von Segeltuch im Wind. Wasser, das gegen Holzplanken schlug. Hektisch sah das Kind sich um, bis sein Blick auf den fremden Vampir fiel, der ihn kalt und streng ansah. Panisch schrie der Knabe auf, doch als er sich aufsetzen wollte, wurde er von einem Seil, das quer über seinen Hals lief, zurückgehalten. Er wimmerte, als ihm alles wieder einfiel. Seine Mutter war nicht da. Nie wieder würde sie ihn im Arm halten. Nie wieder würde sie ihn sanft in ihren Armen wiegen. Haltlos begann er zu weinen. Ein Klatschen ließ ihn aufschreien. Reflexartig wollte er sich an die schmerzende Wange greifen, doch auch seine Hand war gefesselt. Stattdessen sah ihn der Fremde aus vor Wut blitzenden Augen an. „Hör auf zu weinen. Du bist ein Mann und kein Mädchen. Mein Sohn weint nicht.“

Starr vor Schreck sah der Junge ihn an, wagte es nicht, erneut zu weinen. Lediglich ein gequältes Schluchzen drang aus seiner Kehle. Das Gesicht des Kriegers entspannte sich. Zufrieden beugte er sich zu dem Kind hinab, das ihn ängstlich ansah. „Wer bist du?“ Die Stimme des Kindes war kaum mehr als ein Flüstern. Erneut klatschte es, als der Vampir dem Kind eine weitere Ohrfeige verpasste. Der Junge schrie vor Schmerz auf. Gleich darauf biss er sich jedoch auf die Lippe, um das aufkommende Weinen zu unterdrücken. Der Blick des Kriegers war kalt geworden. „Du wirst mich respektvoll ansprechen. Versuch es noch einmal.“ Der Knabe schluchzte. Ein panisches Wimmern erklang, als der Mann über ihm erneut die Hand hob, doch sofort versuchte das Kind erneut, das Weinen zu unterdrücken. Der Vampir ließ die Hand sinken. „Also?“ Der Junge schluckte schwer. „Wer seid Ihr?“ Mit einem Grinsen setzte der Krieger sich auf die Bettkante. „Na bitte. Es geht doch. Warum nicht gleich? Und zu deiner Frage: Ich bin dein Vater.“

Entsetzt schüttelte das Kleinkind den Kopf. „Nein. Du bist nicht mein Vater!“ Er hatte noch nicht ausgesprochen, als es ein drittes Mal klatschte. Plötzlich schwebte das Gesicht des Kriegers nur noch wenige Zentimeter über dem des Jungen. Seine Augen leuchteten bedrohlich rot auf. „Was habe ich dir gerade über Respekt gesagt?“ Das Wimmern blieb dem Jungen im Hals stecken. Der Vampir beugte sich noch tiefer, als er keine Antwort erhielt. „Wie sollst du mich ansprechen?“ Starr vor Entsetzen sah der Kleine den Älteren an, bevor er schließlich den Kopf zur Seite drehte und die Augen zusammenkniff. Der Jarl stieß ein kehliges Knurren aus und griff grob nach dem Kinn des Kindes. „Du hast mich anzusehen, wenn ich mit dir rede, Junge!“ Flatternd öffnete der Knabe die Augen. „Und jetzt sag erneut, was du sagen wolltest. Aber dieses Mal korrekt.“ Der Knabe zitterte vor Angst. Doch noch größer war die Furcht, was geschehen würde, wenn er der Aufforderung nicht nachkäme. „Ihr seid nicht mein Vater“, flüsterte er daher nur.

Abrupt löste sich der feste Griff um sein Kinn. Der Jarl lächelte ihn kalt an. „Doch. Ab diesem Moment BIN ich dein Vater. Deinen echten Vater habe ich eigenhändig getötet. Er hat gejammert und um sein Leben gefleht, wie ein feiges Weib. Er war deiner nicht würdig. Du hast niemanden mehr, außer mich. ICH werde fortan dein Vater sein und dich nach meinem Willen formen. Füge dich meinem Willen und dir wird es gut ergehen. Widersetze dich mir und ich werde dir die Lektionen mit Gewalt einprügeln. Es liegt allein bei dir. Aber bedenke: Du hast niemanden mehr außer mir.“ Der Jarl richtete sich zu seiner vollen Größe auf. „Und jetzt sage mir, wie du heißt.“

Voller Furcht, und unfähig, auch nur ein Wort zu sprechen, blickte das Kind zu dem imposanten Mann empor, der weiterhin nichts als Kälte und Grausamkeit ausstrahlte. Die Stille dehnte sich aus. Mit jedem Augenblick, der verging, wurde der Blick des Jarls bedrohlicher. Langsam und drohend hob er erneut die Hand. Voller Panik versuchte der Junge erneut, nach hinten auszuweichen, jedoch ohne Erfolg. Erneut wimmerte er und blickte wie gelähmt zu der erhobenen Hand. Die Finger zuckten leicht. Gleich würde die Hand erneut herabsausen und schmerzhaft seine Wange treffen. „Haldor“, schrie er voller Angst. „Ich heiße Haldor.“

Die Gesichtszüge des Jarls entspannten sich, machten Platz für ein zufriedenes Lächeln. Langsam ließ er den Arm sinken. Haldors Körper zitterte unkontrolliert, als der Jarl ihm beinahe zärtlich über den Kopf strich. „Na? War das jetzt so schwer, mein Kleiner?“ Die Hand glitt weiter, strich sanft über die gerötete Wange und löste ein Brennen aus. Haldor zuckte zusammen. „Shhh, Haldor. Es ist alles gut. Ich lasse dich jetzt erst einmal allein und komme später wieder. Und wenn du brav bist, binde ich dich dann vielleicht los.“r zu schreiben...