Patient 666

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Summary

Auf Amazon erhältlich ❗️Leseprobe❗️ Triggerwarnung: Dieses Werk behandelt eine Vielzahl sensibler und potenziell belastender Themen. Dazu zählen unter anderem: • Psychische Erkrankungen wie Schizophrenie, Persönlichkeitsstörungen und depressive Episoden • Gewalt in körperlicher und psychischer Form • Tötungshandlungen sowie deren emotionale und soziale Folgen • Vernachlässigung, familiäre Konflikte und instabile Lebensumstände • Innere Zerrissenheit, Identitätsprobleme und Realitätsverlust Inhalt: Zum Sterben zurückgelassen – doch Angelina will die tote Seele heilen. Nach ihrem Abschluss als Psychiaterin tritt Angelina ihre erste Stelle in einer geschlossenen Anstalt an. Dort begegnet sie ihm: Patient 666. Ein Mann, den alle aufgegeben haben. Für die Ärzte ist er der Teufel in Menschengestalt – kalt, gewalttätig, unheilbar. Doch Angelina sieht mehr. Hinter dem Wahnsinn spürt sie ein Echo von Menschlichkeit. Während alle anderen ihn meiden, wagt sie sich näher. Ein Spiel mit dem Feuer beginnt – zwischen Angst, Hoffnung und der dunklen Seite der Seele. Kann man retten, was längst verloren ist?

Status
Complete
Chapters
7
Rating
5.0 5 reviews
Age Rating
18+

Verschlossene Türen

Michigan, 2019


Ich stehe auf der Bühne. Die Abschlussfeier ist beinahe vorbei. Es riecht nach Blumen, nach Papier, nach dem leichten Nervenkitzel von Neuanfang. In der ersten Reihe sitzen Dozentinnen, Kommilitonen, Menschen, die diesen Weg mit mir gegangen sind. Jetzt ist es still. Man hat mich gebeten, ein paar Worte zu sagen. Ich atme ein, spüre mein Herz in der Brust. Nicht vor Angst – sondern vor Bedeutung. Und dann beginne ich.

»In den letzten Jahren haben wir gelernt, wie der Mensch funktioniert – biochemisch, psychologisch, theoretisch. Wir haben Begriffe kennengelernt, Diagnosen auswendig gelernt, Fälle studiert. Aber das, was uns bevorsteht, lässt sich nicht in Büchern nachschlagen.« Ich lasse meinen Blick schweifen. Viele sehen mich an, manche lächeln, andere wirken nachdenklich.

»Denn wir werden Menschen begegnen, die zerbrochen sind – nicht nur an der Welt, sondern an sich selbst. Und manchmal werden wir dastehen, mit all unserem Wissen, und nichts sagen können. Es wird nichts geben, das man – behandeln kann. Nur etwas, das man aushalten muss. Mittragen. Mitfühlen.« Ich merke, wie der Raum sich verändert. Die Aufmerksamkeit ist da – echt, unverstellt.

»In einer Welt voller Stimmen, Ängste und innerer Abgründe ist es ein stiller Akt von Mut, wenn jemand überhaupt noch gesehen werden will. Und unsere Aufgabe wird sein, genau das zu tun: sehen. Nicht nur Symptome. Nicht nur Störungen. Sondern Menschen. In ihrer tiefsten, oft unbequemsten Wahrheit.« Ich halte kurz inne. Dann beende ich meine Rede mit leiser Stimme.

»Und vielleicht werden wir dabei auch uns selbst sehen – ein Stück ehrlicher, ein Stück menschlicher. Danke.« Es ist still. Und dann brandet Applaus auf. Ich lächle, verbeuge mich leicht und gehe zurück an meinen Platz.

Nach der Abschlussfeier habe ich keinen Umweg gemacht, kein Glas mit den anderen getrunken. Ich wollte allein sein – mit mir, mit dem Moment, mit dem, was kommt. Es war ein langer Weg bis hierher. Viele Jahre des Lernens, Zweifelns, innerer Risse und leiser Fortschritte. Jetzt bin ich fertig. Dr. Angelina Levin. Psychiaterin. Das Wort hallt in mir nach, als müsste ich es noch verinnerlichen, damit es wirklich mir gehört. Ich sitze am Fenster mit einer Tasse Kamillentee in den Händen, den Blick auf die dunkle Straße gerichtet. Die Stadt ist ruhig heute, fast schläfrig. Der Regen hat aufgehört, aber das Pflaster glänzt noch feucht in der Straßenbeleuchtung. In meiner Tasche liegt die Mappe der Klinik. Ich hole sie heraus, lege sie vor mich auf den kleinen Esstisch und blättere erneut durch die Seiten.

»Station C – geschlossener Bereich«, lese ich leise.

Fallzahlen. Sicherheitsprotokolle. Der Wochenplan. Alles klar und nüchtern formuliert. Der Grund, warum ich mich für diese Psychiatrie entschieden habe, liegt darin, dass sie ausschließlich Mitarbeiter suchen, die bereit sind, konstant zu arbeiten – von Montag bis Sonntag, mit 45 Urlaubstagen und einer täglichen Arbeitszeit von 8 Stunden. Das sind die Bedingungen. Ja, ich habe diese Entscheidung bewusst getroffen. Denn hinter den vergitterten Fenstern sehe ich, dass die Menschen dort mehr Hilfe benötigen als die meisten anderen. Und doch verbirgt sich hinter jeder Zeile eine Realität, die nicht in Worte passt. Ich sehe mir das Teamfoto auf der letzten Seite an – blasse Gesichter, ernste Blicke. Nichts Aufgesetztes. Nur Wirklichkeit. Ich schließe die Mappe. Mein Blick wandert zurück zum Fenster. In mir regt sich eine Mischung aus Anspannung und etwas, das sich beinahe, wie Ehrfurcht anfühlt. Nicht Angst. Nicht Freude. Sondern ein tiefes Wissen darum, dass etwas beginnt, das mich verändern wird. Ich schreibe ein paar Zeilen in mein Notizbuch: Dann lösche ich das Licht. Im Dunkeln, eingehüllt in Decke und Gedanken, finde ich langsam in den Schlaf.

Ich wache auf, bevor der Wecker klingelt. Die Sonne streift zaghaft durch die Gardinen, wie ein Besucher, der sich nicht aufdrängen will. Draußen ist es still. Ich bleibe noch einen Moment liegen und höre meinem eigenen Atem zu. Heute ist der Tag. Nach der Dusche stehe ich vor dem Kleiderschrank. Die Entscheidung habe ich gestern schon getroffen, aber ich treffe sie noch einmal: das weiße Hemd – schlicht, professionell. Der Stoff liegt glatt auf der Haut. Der schwarze Rock, knielang, enganliegend, dazu eine dunkle Strumpfhose. Klassisch. Neutral. Klar. Meine braunen Haare binde ich zu einem strengen Zopf. Der Pony fällt weich über meine Stirn, fast wie ein Gegengewicht zum Rest meines Auftretens. Im Spiegel sehe ich jemand, der ruhig wirkt – aber nicht leer. Ich mustere mich lange. Versuche, meine eigene Unsicherheit nicht wegzuschieben, sondern ihr Raum zu lassen. Ich darf nervös sein. Es wäre beunruhigend, wenn ich es nicht wäre. Ich trinke einen Kaffee, esse nur eine halbe Scheibe Brot. Mein Magen ist zu wach, um hungrig zu sein. Dann ziehe ich meinen Mantel an, nehme die Mappe und verlasse die Wohnung. Der Weg zur Klinik fühlt sich länger an als sonst. Jeder Schritt ist ein Schritt in ein neues Leben. Das Klinikgebäude erhebt sich sachlich vor mir. Kein Ort für große Gesten. Glas, Beton, klare Linien. Es sieht aus wie viele andere Kliniken – und ist doch etwas anderes. Ich spüre es, noch bevor ich durch die Tür trete. Eine Schwere liegt in der Luft. Nicht bedrückend, sondern ruhig – wie eine Stille, die nicht leer ist, sondern tief. Die Dame am Empfang begrüßt mich mit einem aufrichtigen Lächeln. Kein überschwänglicher Ton, sondern Wärme, die auf Erfahrung basiert. Ich nenne meinen Namen, Angelina Levin. Sie nickt, telefoniert kurz.

»Sie werden gleich abgeholt. Willkommen, Frau Dr. Levin.« Ich höre meinen Namen, verbunden mit meinem neuen Titel, und es klingt immer noch fremd. Als würde ich ihn erst jetzt zum ersten Mal wirklich hören. Ein Mann in einem dunkelblauen Kittel kommt auf mich zu.

»Dr. Elias Johnson, Oberarzt der Station. Freut mich Sie kennenzulernen.« Er reicht mir die Hand. Er ist älter – aber äußerst attraktiv. Er hat volles, weißes Haar, glatt zurückgestrichen. Ein scharf geschnittenes Gesicht mit markanter Kieferlinie, hohe Wangenknochen, stechend klare Augen – grau, fast silbern. In seiner Haltung liegt keine Arroganz, aber absolute Kontrolle. Er spricht ruhig, mit einer Stimme, die kein Wort zu viel verwendet. Er trägt seinen Kittel offen, darunter ein grauer Rollkragenpullover. Elegant, zurückhaltend, irgendwie kühl. Er weiß, dass er auffällt – aber er braucht es nicht zu zeigen.

»Schön, dass Sie da sind. Kommen Sie, ich stelle Ihnen das Team vor.« Wir gehen durch einen langen Flur. Hinter den Türen höre ich vereinzelt Stimmen – einige laut, einige flüsternd. Kein Schreien, kein Drama, aber etwas brodelt unter der Oberfläche. Ich spüre es, ohne es benennen zu können. Es ist eine andere Welt. Ich betrete den Raum mit geradem Rücken, die Mappe fest unter dem Arm. Der Geruch von Kaffee, Desinfektionsmittel und alten Akten liegt in der Luft. Es ist ruhig. Nur Stimmengewirr im Hintergrund, irgendwo auf Station. Vor mir: das Team. Drei Männer in weißen Kitteln, eine stämmige Pflegekraft in Dunkelblau. Zwei Frauen stehen abseits beim Fenster, nebeneinander – ihre Körperhaltung verrät Vertrautheit, ihre Mienen Beobachtung. Alle schauen auf. Nicht feindlich. Nicht offen. Nur erwartend. Ich bleibe kurz stehen, lasse die Sekunden wirken, dann trete ich einen Schritt vor.

»Guten Morgen. Ich bin Dr. Angelina Levin. Fachärztin für Psychiatrie, Schwerpunkt forensische Therapie. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit – und darauf, Teil dieses Teams zu sein.« Meine Stimme ist ruhig, klar. Das Lächeln gezielt dosiert. Kein Signal von Schwäche, aber auch keine gespielte Nähe.

»Willkommen im Maschinenraum. Sie lernen gleich, wer hier welche Schrauben dreht«, sagt Dr. Johnson. Ein kurzer Anflug von Humor – nicht herzlich, aber funktional. Der Erste, der sich regt, steht in der Nähe der Kaffeemaschine. Ein Pflegekraft. Groß, bullig, mit kräftigen Armen, die im Stehen locker verschränkt sind. Rasierter Schädel, markantes Kinn, ruhige Augen. Seine Stimme ist tief, leicht rau.

»Ich bin Nathan. Nachtdienst. Krisensicherung. Wenn jemand austickt, stehe ich zuerst da.« Er hebt nur leicht die Hand. Keine Geste zu viel. Dann spricht der Mann neben ihm – drahtig, trainiert, dunkle Locken.

»Jeremy. Assistenzarzt. Ich koordiniere Medikation, Protokolle, das, worauf keiner Lust hat. Aber ich mag Ordnung. Meistens.« Sein Blick bleibt kurz bei mir hängen, dann wieder auf seinen Kaffee. Der Dritte – blass, schmal, fast unbeweglich. Er trägt den Kittel wie eine Rüstung. Die Stimme trocken.

»Simon Charlie. Diagnostik. Ich arbeite mit Zahlen. Und mit Menschen, wenn’s sein muss.« Keine weitere Mimik. Nur ein sachlicher Tonfall. Als wäre er selbst Teil der Akte. Dann bewegt sich die Frau mit dem kantigen Gesicht, die beim Fenster stand. Attraktiv, straffer blonder Dutt, volle Lippen, wacher Blick.

»Catherine Gellert. Verhaltenstherapie. Ich arbeite mit denen, die die Grenzen nicht mehr kennen – oder nie welche hatten.« Ihre Stimme hat Kante. Wie ihre Haltung. Neben ihr nickt die Zweite. Weicher im Gesicht, dunkle Augen, olivfarbener Teint. Sie trägt den Kittel offen über einem hellen Pullover.

»Amira Basri. Traumatherapie. Ich höre viel. Spreche, wenn’s nötig ist.« Die Stille danach ist dicht. Niemand spricht von Willkommen. Keiner stellt Fragen. Aber sie wenden sich auch nicht ab. Sie nehmen mich zur Kenntnis. Und das ist der erste Schritt.

»Die anderen Ärzte werden Sie im Laufe des Tages kennenlernen«, sagt Dr. Johnson.

»Genau. Und wenn du einen Arzt plötzlich nicht mehr siehst, dann hat er wahrscheinlich gekündigt oder wurde von Patient 666 ge…« Jeremy kommt nicht dazu, seinen Satz zu Ende zu führen, da Dr. Charlie ihm den Mund zuhält.

»Wie respektlos ist es, Dr. Levin zu duzen?!«, bemerkt er mit einem Lächeln.

»Das ist kein Problem. Man kann mich gerne duzen«, antworte ich.

»Wenn das unser einziges Problem ist, na dann«, sagt Dr. Gellert und wendet sich mit einem Augenrollen von uns ab.

»Ich bringe Sie jetzt in Ihr Büro. Heute lernen Sie erst einmal den Ablauf kennen. Morgen übernehmen Sie Ihre ersten Fälle«, sagt Dr. Johnson. So gehen wir raus.

»Kannst du nicht einmal deinen Mund halten?! Du hättest sie fast vergrault! Wir sind jederzeit auf Hilfe angewiesen!« Dr. Basris Stimme ist hinter mir zu hören. Ich drehe den Kopf und sehe, wie sie an Jeremys Haaren zieht.

»Ach, komm schon, Amira. Als ob das Mädchen Patient 666 zähmen könnte. Sie hat gerade erst ihren Abschluss gemacht! Viel mehr sieht sie aus wie eine Babysitterin im Teenageralter als wie eine Ärztin«, entgegnet Dr. Gellert.

»Du bist doch nur neidisch, weil da jetzt jemand anders ist, der eine natürliche Anziehungskraft mitbringt. Gib’s zu!«, lacht Jeremy.

»Kommen Sie?« Mit Dr. Johnsons Worten folge ich ihm wieder.

»Sind Sie aufgeregt? In der Praxis sieht alles immer anders aus als das, was man lernt«, redet er. Ich schmunzle leicht, mehr mit dem Mundwinkel als mit den Augen.

»Ich denke, wenn man nicht aufgeregt ist, hat man die falsche Haltung. Ich weiß, was ich kann. Aber ich weiß auch, dass ich hier vieles neu sehen werde«, antworte ich. Er nickt zustimmend.

»Das ist eine kluge Antwort. Viele kommen mit Haltung – und gehen mit Demut.« Er wirft einen kurzen Blick in Richtung Flur.

»Heute wirst du einiges hören. Vielleicht auch sehen. Es ist kein Ort für Perfektion – aber für Haltung, das auf jeden Fall«, sagt er.

»Ich bin nicht hier, um perfekt zu sein. Nur echt. Und klar«, rede ich. Sein Blick ruht kurz länger auf mir.

»Guter Anfang. Ich bin gespannt, wie Sie sich schlagen werden.« Er weiß, wo er hingehört. Und er will wissen, wo ich stehe. Wir gehen weiter, durch einen Sicherheitstrakt mit zwei schweren Türen. Ich höre das Summen des Türöffners, das Klacken der Mechanik. Dann stehen wir in einem etwas ruhigeren Bereich. Die Station C. geschlossener Bereich. Mein Büro ist klein, aber hell. Ein Fenster mit Blick in den Innenhof. Ein Schreibtisch, ein Computer, ein leerer Aktenschrank. Auf dem Tisch liegt bereits ein Ausdruck: die Liste der Patienten, mit denen ich in der kommenden Woche arbeiten werde. Ich setze mich. Der Stuhl knarrt leise. Ich lege die Mappe neben den Ausdruck. Draußen im Hof geht eine Patientin langsam im Kreis. Immer wieder dieselbe Richtung, derselbe Schritt. Ich beobachte sie, ohne zu starren. Und frage mich, wann ich ihr begegnen werde. In meinem Kopf ist es still. Kein Chaos, kein Lärm. Nur dieses eine Gefühl, das sich festsetzt wie ein stiller Schwur: Ich bin hier. Und ich bleibe.

Ich sitze noch nicht lange in meinem neuen Büro, als es an der Tür klopft. Dr. Johnson steckt den Kopf herein, diesmal begleitet von seinem Kollegen. Jeremy.

»Ich zeige Ihnen die Station, Frau Dr. Levin. Damit Sie ein Gefühl für die Räume bekommen, bevor Sie morgen offiziell einsteigen«, sagt er. Ich nicke, nehme meine Notizen mit, folge ihm auf den Flur. Die Luft riecht nach Desinfektionsmittel und etwas anderem – einem Geruch, den man nicht benennen kann. Vielleicht nach Angst, nach Stillstand, nach Zeit, die anders tickt. Wir gehen an geschlossenen Türen vorbei. Auf manchen stehen nur Nummern, auf anderen auch Namen. Man hört vereinzelt Stimmen – ein Radio, Schritte, Murmeln. Wir gehen Seite an Seite durch den Hauptflur. Dr. Johnson bleibt ruhig, professionell. Aber sein Ton hat diese merkwürdige Mischung aus Gewöhnung und unausgesprochener Vorsicht.

»Der Aufsichtsdienst beim Frühstück, Mittagessen und Abendessen wechselt täglich. Jeder übernimmt mal. Auch Sie«, redet er. Ich nicke.

»Die Patienten holen sich ihr Essen selbst, an der Theke«, fährt er fort.

»Doch es kommt vor, dass Patienten mit akuter Schizophrenie den Bezug zur Realität verlieren. Dann müssen Sie manchmal eingreifen – ruhig, mit der Hand führen. Manche weigern sich zu essen. Und wenn man sie allein lässt… verhungern sie lieber, als dass sie das Tablett anfassen«, sagt er.

»Wenn Sie keinen Aufsichtsdienst haben, ist es Ihnen überlassen, was Sie mit der Zeit machen. Frühstücken im Wahnsinn…« Ein kurzes Lächeln huscht über seine Lippen.

»…oder einfach in Ihrem Büro entspannen. Lesen. Berichte schreiben. Durchatmen«, redet er weiter. Ich nicke wieder, mein Blick schweift an die Fenster – doch sie sind vergittert. Von innen.

»Nach dem Frühstück beginnen die ersten Einzelsitzungen. Sie können selbst entscheiden, welche Räume Sie dafür verwenden. Der Therapieraum, der Entspannungsraum… oder auch der Sportraum, falls es Ihnen um körperliche Aktivierung geht.« Er bleibt stehen, sieht mich an.

»Sie haben Freiheiten. Sie tragen Verantwortung. Und manchmal… hilft es, zu improvisieren.« Dann geht er weiter. Ich folge ihm – durch einen Flur, in dem die Wände weiß, sind, doch alles, was hier geschieht, dunklere Farben trägt.

»Wenn Sie möchten, können Sie jederzeit eine Gruppentherapie ansetzen. Spontan oder geplant. Manche reagieren auf Struktur. Andere… warten nur darauf, dass Sie ihnen zu nahekommen.« Ein kurzer Seitenblick. Keine Warnung. Nur ein Fakt. Ich frage nicht weiter. Nicht jetzt. Denn ich spüre: Die eigentlichen Regeln dieses Ortes lernt man nicht durch Worte. Sondern durch Fehler. Dann, plötzlich, bleibt mein Blick an einer Tür hängen. Nummer 666. Schwarz auf weiß, nichts Besonderes. Und doch spüre ich, wie sich in mir etwas zusammenzieht.

In dem Moment höre ich es: dumpfe Schläge, etwas Hartes gegen Holz, gefolgt von einem wütenden Schrei. Etwas fällt – Glas? Metall? Es klingt, als würde drinnen die Welt zerbrechen. Noch bevor ich fragen kann, was los ist, höre ich, wie jemand von innen gegen die Tür springt. Ein dumpfer Aufprall. Noch einer. Ich bleibe stehen. Dr. Johnson redet weiter, aber ich höre nicht, was er sagt. Mein Blick bleibt auf der Tür. Dann ruft eine Stimme über den Flur…

»Dr. Johnson! Patient 666! Er dreht wieder durch!«

Dr. Johnson dreht sich sofort um, seine Miene ändert sich nicht – keine Überraschung, nur Reaktion.

»Kümmert euch um Patient 666! Wenn er nicht hört – gebt ihm die Spritze!«, ruft er. Ich sehe, wie zwei Pfleger sich in Bewegung setzen, einer trägt bereits einen kleinen silbernen Koffer bei sich – ich weiß, was darin ist. Notfallmedikation. Die Schreie hinter der Tür verstummen kurz, dann wieder ein lautes Poltern. Ich sehe, wie sich die Tür leicht wölbt unter dem Aufprall. Mein Körper bleibt ruhig, aber mein Herz schlägt schneller. Ich weiß, was in solchen Momenten zu tun ist – theoretisch. Aber es ist etwas anderes, wenn man davorsteht. Wenn man das Atmen, das Wüten, das rohe Menschsein nicht nur hört, sondern spürt.

»Das passiert hier oft. Er hat Schübe. Lässt sich nicht immer vorhersagen. Kann gefährlich enden, wenn wir nicht schnell reagieren«, redet er. Ich nicke langsam. Sage nichts. Mein Blick gleitet ein letztes Mal über die Tür mit der Zahl 666, dann folge ich ihm weiter den Gang hinunter. Er zeigt mir den Aufenthaltsraum – hell, mit einfachen Möbeln, einem Fernseher, ein paar Pflanzen, die mehr symbolische Funktion haben als dekorative. Zwei Patienten sitzen dort, schweigend, ihre Augen leer oder in sich gekehrt. Aber mein Kopf ist noch bei der Tür. Bei den Schreien. Bei dem, was sich dort entladen hat. Und ich frage mich, wer dieser Mensch ist. Was in ihm tobt. Und ob ich – irgendwann – dort reingehen werde. Dr. Johnson führt mich in einen der Therapieräume. Der Raum ist hell, steril, fast nüchtern.

»So sehen unsere Therapieräume aus.« Seine Stimme ist ruhig, doch ich merke, dass er genauer beobachtet, wie ich mich bewege. Er bleibt stehen und zeigt mit einer Hand nach unten.

»Das Wichtigste ist: Wenn Sie mit Patient 666 im selben Raum sind – halten Sie sich immer hinter dieser Markierung auf«, sagt er. Ich senke den Blick. Eine rote Linie zieht sich quer durch den Raum, etwas breiter als nötig, aber eindeutig: Grenze. Warnung. Entscheidung.

»Diese Linie gibt’s in jedem Raum. Sie trennt Sie von ihm – und im Ernstfall… von dem, was übrigbleibt.« Er hält inne.

»Patient 666 ist der einzige Patient, vor dem Sie sich wirklich in Acht nehmen sollten. Die anderen mögen gefährlich sein, aber bei ihm… da reicht ein einziger Fehler«, erklärt er. Ich sehe ihn an. Er schaut nicht übertrieben dramatisch – sondern erschöpft. So spricht nur jemand, der etwas gesehen hat, das Worte nicht mehr beschützen.

»Er ist zwar fixiert.« Ein kurzer Blick zur Wand, zur Decke, zu den Verankerungen.

»Aber… er schafft es. Immer wieder. Er sprengt Ketten, und wir wissen bis heute nicht, wie genau. Manchmal… ist es, als würde er warten, bis jemand den Atem anhält – und dann passiert es.« Er geht einen Schritt zurück. Seine Hand ruht kurz auf der Türklinke.

»Bleiben Sie immer hinter der Linie. Und glauben Sie nie, dass er schläft, nur weil er die Augen geschlossen hat.« Dann geht er. Die Tür schließt sich leise. Ich bin allein. Aber nicht wirklich. Ich sehe auf die Linie. Rot. Still. Wie ein Flüstern auf dem Boden. Ich stelle mich davor. Nicht drüber. Noch nicht. Doch in meinem Innern zieht sich etwas warm zusammen.

Nicht Angst. Nicht Respekt. Etwas anderes. Etwas, das flüstert: Grenzen verlieren erst an Bedeutung, wenn man spürt, dass man sie überschreiten will. Der Rest des Rundgangs vergeht wie in Nebel. Ich sehe Flure, Räume, Menschen. Ich höre Namen, Funktionen, Anweisungen – aber in mir hallt nur die Zahl: 666. Zurück in meinem Büro, lasse ich mich langsam auf den Stuhl sinken. Ich öffne meine Notizen, doch meine Gedanken schweifen ab. Immer wieder sehe ich die Tür vor mir. Und das, was dahinter war – oder besser: was dahinter tobt. Ein leises Klopfen holt mich zurück. Eine Frau tritt ein, etwa Anfang 30, attraktiv, mit ernsten Augen. Ich habe sie bei der Vorstellung nicht gesehen.

»Ich dachte, ich komme mal vorbei. Ich bin Tina Brown. Die Stationsleiterin. Man hat Sie ja gleich bei Ihrer Ankunft in die Hölle geführt.« Sie ist charmant.

»Patient 666?«, frage ich. Sie nickt, setzt sich mir gegenüber, faltet die Hände auf dem Tisch. Dann sieht sie mich an – nicht mitleidig, nicht prüfend. Nur ehrlich.

»Ich will ehrlich mit Ihnen sein, Doktor Levin. Viele hier sprechen nicht gern über ihn. Manche tun so, als gäbe es ihn nicht. Andere wechseln den Flur, wenn er transportiert wird. Und ich kann es niemandem verdenken«, sagt sie. Ich sage nichts. Ich warte. Und sie fährt fort.

»Er hat schon mehreren Ärzten ins Gesicht gebissen. Einem hat er das Auge rausgerissen – mit bloßen Fingern. Eine Kollegin hat er angegriffen, ihr fast die Nase abgerissen. Und das alles in Momenten, wo niemand mit einer Eskalation gerechnet hätte. Er ist… still, bis er es nicht mehr ist.« Ihre Worte lassen mich schwer schlucken. Ich spüre, wie sich mein Magen verkrampft, aber ich lasse mir nichts anmerken.

»Was ist mit seiner Diagnose?«, frage ich. Sie atmet tief durch.

»Offiziell? Paranoide Schizophrenie, kombiniert mit dissozialen Persönlichkeitszügen, massiven Gewaltimpulsen. Aber ehrlich gesagt – nichts davon reicht aus, um zu beschreiben, was in ihm steckt. Es ist, als würde da etwas anderes arbeiten. Etwas, das nicht auf Medikamente reagiert. Etwas, das… nicht menschlich funktioniert«, erzählt sie. Ich runzle leicht die Stirn. Nicht aus Skepsis, sondern weil ich weiß, dass es solche Menschen gibt. Menschen, die durch jedes Raster fallen.

»Hat er jemals etwas über seine Vergangenheit erzählt?«, frage ich. Frau Brown schüttelt langsam den Kopf.

»Nichts, was verifizierbar wäre. Nur Bruchstücke. Lügen. Oder Wahrheiten, die man nicht glauben will. Aber eines ist sicher: Er ist nicht tauglich für die Welt da draußen. Nicht heute. Nicht morgen. Wahrscheinlich nie.« Sie sieht mich an, lange.

»Ich sag das nicht, um Ihnen Angst zu machen. Aber ich weiß, dass man als Neue manchmal denkt, man könne noch etwas retten. Ihn… können Sie nicht retten. Nur sich selbst.« Der Satz bleibt im Raum wie eine kalte Hand auf der Brust. Ich danke ihr, ruhig. Und nachdem sie gegangen ist, bleibe ich noch lange sitzen, ohne mich zu bewegen. Ich denke an den Schrei, an das Poltern, an die Tür mit der schwarzen Zahl. Und ich weiß: Früher oder später werde ich ihm begegnen.

Nicht weil ich es muss.

Sondern weil ich es will.