Sascha Fleischhauer
»Scheiße!!!«, ging es mir ständig durch den Kopf. Als ich fast mit Vollgas durch die Stadt düste. Vollgas war etwas übertrieben, denn mehr als 30 km/h brachte das Ding eh nicht zustande.
Nur noch einmal um die Kurve und ich war bei der Eisdiele angelangt. Eisdiele? Ich schmunzelte. Café. Alessandro bestand darauf, es als ein Café zu bezeichnen, obwohl dort mehr Eis verkauft wurde als Torte oder sonstiger Süßkram. Selbst in der Winterzeit konnte er einen sehr guten Umsatz vorweisen. Wahrscheinlich auch nur wegen Tim, der, von der Damenwelt, ziemlich angehimmelt wurde. Er und ich, wir amüsierten uns immer, wenn er die Zettel oder die Taschentuchschnipsel mit den Handynummern der Mädchen sehr skeptisch betrachtete und am Ende, die Vorboten der Liebe, im Papiereimer landeten. Er verdrossen seine Augen verdrehte und mit seiner eigenen Manier abwinkte. Ich musste mir immer das Lachen verkneifen. Besonders, wenn er mich mit einem seiner ›ich-will-davon-nichts-hören‹ Blicken ansah.
Hastig bremste ich ab und legte meinen Helm auf den Fahrersitz. Blickte kurz zum Himmel und hoffte, dass sich der Frühling nun wirklich langsam einstellte. Besonders hoffte ich, dass der Frühling in diesem Jahr schöner werden würde als im letzten Jahr.
Wild gestikulierend kam Tim schon aus dem Café.
»Wo bleibst denn du? Du weißt doch, dass ich mit Pierre shoppen gehen will!«
»Tut mir leid. Ich habe total verschlafen!«
»Tzz!«, machte er nur und bedachte mich wieder mit so einem Blick, der einen wie einen Glasmensch vorkommen ließ. »Verschlafen? Wohl eher die Nacht durchgepoppt. Du siehst richtig erholt und frisch aus.« Ich spürte, wie mir die Röte leicht ins Gesicht stieg. »HA!«, rief er aus. »Ich habe recht!« Er grinste über sein ganzes Gesicht, verabschiedete sich und ließ mich ohne kurze Einweisung für das Café und seine Gäste stehen.
»Na toll!«, dachte ich mir. »Jetzt weiß ich nicht, wer was bestellt hat.« Tief schnaufte ich ein, betrat das Café und sah, dass es noch gar nicht so voll war. Nur wenige Gäste, die sich das hauseigene Frühstück gönnten. Sofort verschwand ich in die Küche und legte mir meine Schürze an. Da ich daheim nichts gegessen hatte und auch nicht meinen Muntermacher Kaffee eingenommen hatte, nahm ich mir eine Tasse aus dem Schrank und schenkte mir das dunkle Gebräu ein. Schon sah ich, dass ein Gast seine Hand hob, und stellte meine Tasse, die ich gerade zum Mund führen wollte, wieder ab.
Ich ging zu ihm hin und fragte, was er für einen Wunsch hätte. Er wollte nur bezahlen und ich ging zurück an die Kasse. Dort bemerkte ich einen Zettel, auf dem Tim alles aufgeschrieben hatte. Tja, so viel dazu, dass er mir nichts mitgeteilt hatte. Tim war irgendwie immer auf alles vorbereitet. Und ich las, dass Tisch fünf Standard bestellt hatte. Ich schnappte mir den Geldbeutel und rechnete ab.
In der Regel war Samstag immer viel los, nur heute schien es, als ob die Leute alle nicht aus ihren Betten kamen. Ein Wunder wäre es nicht, immerhin hatte der Frühling eingesetzt und die Gefühle erwachten zum Leben. Ein Grinsen stahl sich in mein Gesicht, als ich an letzter Nacht zurückdachte. Hatte ich es wirklich geschafft? Konnte Kyel mich wieder so anfassen wie früher, ohne dass ich mit einem aufkeimenden Ekelgefühl von ihm zurückwich? Ich hoffte es. Ich wünschte es mir. Es war ein Traum, als ich in seinen Armen aufwachte und in sein verschmitztes Gesicht sah. Auch er schien wie ausgewechselt gewesen zu sein. Und dann sein Kuss. So sanft, fordernd und vor allem für mich sehr erregend.
Schock …
Ich spürte, wie es wieder in mir hochkam, und versuchte dieses Gefühl, dieses schreckliche innerliche kalte Gefühl abzuschütteln. Ignorieren, einfach ignorieren. Immer wieder Kyel… nur Kyel und wie sanft er gewesen war. In seinen Augen, stetig immer die Frage aufloderte, ob er, so weit gehen durfte. Ob er mich dort berühren durfte, mich streicheln, mich küssen.
Kyel war nicht er. War in keiner Hinsicht wie Clancy. Clancy hatte mich benutzt. Meinen Körper zu seinem Eigen gemacht. Meine gewissen Stellen, die mich erregten ausgenutzt, zum Spielen herausgefordert, dass ich ja so richtig für ihn abfuhr. Er war nicht darauf bedacht gewesen, mir Vergnügen zu bereiten. Er wollte mich unterdrücken. Er hatte meinen Körper versklavt, nur um sich selbst damit zu befriedigen. Clancy hatte meinen Körper nur für seine eigene Zwecke der Sexualität schamlos ausgenutzt. Seine Berührungen bestanden für mich nur aus Scham und Ekel.
›Es ist mein Körper. Ich entscheide, wer ihn anfasst und was damit passiert und wenn Kyel ihn anfassen will, dann darf er das. Nein, er soll es sogar. Kyel soll mich anfassen. Mehr als sonst und wenn ich immer die Initiative ergreifen muss. Selbst Kyel hat es zu verstehen, dass ich nur ihm gehöre und er mir. Wir gleichberechtigt sind, wir …‹
»Sascha, ich hätte gerne noch einen Kaffee!« Holte mich ein Gast aus meinen Gedanken und ich atmete tief ein. Ich hatte immer noch dieses Gefühl, welches sich allerdings in Wärme und Verlangen für diesen einen einzigen Mann veränderte.
Ich kicherte. Warum kicherte ich? Ich wusste es. Und es war zu schön. Ich freute mich, nur daran zu denken und ja … ja … es war schön und mir war es egal, wenn irgendjemand die leichte Erregung in der Hose sah. Ich war erregt und vor allem war ich geil. Geil auf ihn und ich wusste, dass ich ihn, wenn ich am Abend heimkam, überfallen würde.
Kurz nickte ich dem Gast zu, damit er wusste, dass ich die Bestellung vernommen hatte, und machte mich daran, die Maschine zu betätigen.
Ich hörte das Windspiel, welches vor der Ladentür angebracht worden war und rief.
»Herzlich willkommen im Café Alessandro ...!« Drehte mich um und mir wäre beinahe die Tasse mit dem Kaffee aus der Hand geflogen. Dort stand er … ich musste tief einatmen und die Erregung, die ziemlich angenehm pochte, flatterte meine Wirbelsäule rauf.
War ich froh, dass ich eine Schürze trug, und grinste den neuen Gast an. Er schob seine Sonnenbrille etwas zurecht und setzte sich an den Tresen. Kräftig schluckte ich meinen Kloß runter. Ich fragte mich, warum ich plötzlich so fassungslos war, und das Kribbeln verstärkte sich. Eigentlich wusste ich es. Es waren meine eigenen Gedanken, die mir die Antwort schon vorher beschert hatten.
»Ich komme gleich!«, murmelte ich in meinen nicht vorhandenen Bart und sah, wie seine Mundwinkel zuckten.
»Da bin ich mir sogar fast sicher«, erwiderte er und ich ging mit weichen und schlotternden Beinen zu dem Gast, der sich noch einen Kaffee bestellt hatte. Warum reagierte ich so auf ihn? Und das auf einmal so plötzlich? Ich kam wieder zu ihm zurück und war nicht fähig, irgendein Wort herauszubringen. »Bekomme ich einen Kaffee und als Eis …«, er stockte kurz. »… die Nummer sechs. Bitte!«, bestellte er und ich nickte nur. Dennoch konnte ich mich nicht von der Stelle bewegen und wieder sah ich, dass sich seine Mundwinkel leicht spöttisch noch oben zogen.
»Gott macht mich der Kerl an!«, huschte mir der Gedanken, dorthin, wo ich ihn überhaupt nicht gebrauchen konnte. Und es war ein wahnsinniges Gefühl. »Beruhige dich! Verdammt Sascha beruhige dich!«, betete ich diese beiden Sätze gebetsmühlenartig immer wieder, jedoch funktionierte mein Körper nicht so, wie ich das wollte.
»Kaffee?«, fragte ich nach. Er nickte. Ich räusperte mich leicht und fuhr mir mit der Hand durch die Haare runter zu meinem Hals und berührte mich selbst an meiner Stelle. Auch wenn ich es nicht sah, denn er hatte immer noch die Sonnenbrille auf, wusste ich, dass seine Augen bestimmt kurzzeitig aufgeblitzt hatten. »Die Nummer sechs ist uns leider vorhin ausgegangen. Was kann ich stattdessen bringen?«, fragte ich mit klopfenden Herzen, und wenn ich mich nicht am Tresen festgehalten hätte, wären meine Knie zusammengeschmolzen. Ich sah seine Augen immer noch nicht, aber ich wusste, wie intensiv sie nun waren. Und allein diese Vorstellung reichte aus, um aus mir einen dahinschmelzenden, nach seinen Händen sehnsüchtigen, mit totalem Nachholbedarf bestückten Vollpfosten werden zu lassen.
»Gibt es noch den Sommertraum?«, fragte er stattdessen, ich schluckte noch einmal kräftig und sah, wie er mit dem Zeigefinger auf dem Tresen tippte.
Ich nickte. »Ist wieder zu haben«, gab ich darauf. Er setzte seine Sonnenbrille ab, legte sie auf den Tresen und unsere Blicke trafen sich. Sein meeresblauer Blick drang unaufhaltsam in mich ein. Das Schmunzeln auf seinen Lippen, die mich nicht nur verwöhnten und diese Hände, die sehr ruhig auf der Ablage lagen, ließen mich sonst wo hinschweben.
Irgendetwas stieg in mir hoch, etwas Befreiendes, etwas, wie ein Kichern, ein Glucksen und mir stiegen die Tränen in die Augen. Ich fühlte mich frei. Zwinkerte kurz mit meinen Augen und musterte den Mann vor mir, von unten nach oben. »Wie soll der Sommertraum serviert werden?«, brachte ich kaum noch raus und atmete hörbar scharf ein. Er grinste linkisch.
»Zwei Kugeln Eis nach meiner Wahl. Ich nehme …!« Er blickte runter, und mir kam es so vor, als ob er meine Erregung erblickte »… eine von da und eine von dort. Mit viel geschlagener und cremiger Sahne. Oben drauf eine heiße Kirsche, die mir ein Hochgenuss an Gefühlen nicht nur in meinem Mund beschert und sanft auf meiner Zunge streichelt«, raunte er und ich atmete aus. Ich hatte nicht gemerkt, dass ich die Luft anhielt und meine befreite Seele schrie vor Glück. Wie automatisch nickte ich ihm zu.
Langsam aber stetig umschlich mich ein Gefühl, was ich unbedingt noch loswerden wollte, nur wusste ich nicht, wie ich es ihm mitteilen sollte. Dieser Moment war einfach zu schön, wie ein Déjà-vu.
Innerlich fochten meine Vergangenheit und die Gegenwart einen unerbittlichen Kampf aus. Die Gegenwart mit den meeresblauen Augen gewann, es war so, als ob eine dicke Panzerkette von meinem Herzen gesprengt wurde und ich endlich wieder frei sein konnte, frei für die unendliche Liebe, die ich für meinem Kyel fühlte.
»Kyel … ich habe es … ich kann … Gott ich bin geil und ich ekel mich nicht mehr davor … und …!«, stammelte ich, nicht fähig, ihm dieses Gefühl, was in mir hauste, mitzuteilen. Er lächelte mitfühlend und vor allem sah ich totale Erleichterung.
»Dann wird es Zeit, dass du mir den Sommertraum servierst!« Sein Blick wanderte in Richtung Küche und mir wurde es heiß. Vor allem schien es, als habe er verstanden, was ich sagen wollte.
»Du meinst …!« Sein Nicken unterbrach mich und mein Herz machte Überstunden. »Aber …!« Er schüttelte mit dem Kopf.
»Psst, kein Rückzieher, mein kleiner Orkan«, murmelte er und schnappte sich seine Sonnenbrille, die er sich in die Hosentasche steckte. »Ach und sag jetzt bloß nicht. Ich sei unverbesserlich. Immerhin hast du damit angefangen.«
»Du bist unverbesserlich!«, murmelte ich.
»Nein, nur unendlich froh. Unendlich in dich verliebt und unendlich scharf auf dich.« Eigentlich verkrampfte ich mich immer, wenn er mit so etwas anfing, aber diesmal schien es, als ob ich die Vorfreude persönlich wäre. Ich konnte es nicht mehr erwarten. Alles von ihm zu spüren und ich ging vor.
Noch bevor sich die Schwenktür hinter mir schloss, hatte Kyel mich schon an die Wand gedrückt. Küsste meinen Hals und leckte mit seiner sanften Zunge über meine Stelle. Ich keuchte auf. Darin bestärkt, befreite er mich von der Schürze und öffnete mit seinen geübten Fingern meine Hose.
»Ich will dich, jetzt!«, hauchte er mir ins Ohr und ich schluckte kräftig. »Ich will dich anfassen, dich küssen, dich lecken, dich beißen, dich in meinen Mund versenken, mich in dich versenken und dich in Ekstase versetzen. Jetzt! Alles auf einmal. Sascha ich habe dich so vermisst. Berühre mich. Bitte berühre mich!«, keuchte er und ich spürte seine Härte, als er sich an mich rieb.
Unsere Blicke trafen sich und ich sah seine Angst mit einem Gemisch an Verzweiflung und lächelte ihn an.
»Kyel, ich habe es überstanden. Du hast mir dabei geholfen. Letzte Nacht ist der restliche Schatten abgefallen und ER wird nicht mehr zwischen uns stehen. Dafür danke ich dir so sehr«, murmelte ich und strich mit meiner Hand über seinen Rücken. Hinauf zu seinem Nacken und streichelte an seinem Haaransatz über seine Stelle. Sofort reagierte er darauf und sog scharf die Luft ein. Er lachte leise auf.
»Ich habe dich wieder. Endlich habe ich dich wieder und ich dachte schon, dass ich mich immer noch zurückhalten muss!« Ich schüttelte den Kopf.
»Nein musst du nicht …!«, weiter kam ich nicht. Seine Zunge drang mit voller Wucht in meinem Mund und keiner wollte dem anderen nachgeben. Mein Shirt zog er mir aus der Hose und streichelte mir über die Brust, zwickte rein und regte meine Warze bis auf das Äußerste an. Ich stöhnte in seinem Mund, meine Hände fuhren wieder seinen Rücken entlang und ich drückte ihn an mich.
Irgendwie gelang es ihm, mich von meiner Hose zu befreien, und er knetete mich. Kurz, aber wirklich nur kurz zuckte ich zusammen und sofort rief ich mir ins Gedächtnis, dass es Kyel war, der mich dort unten berührte, mich streichelte und nicht Clancy, der nur darauf geschaut hatte, mich mit kneten und zusammendrücken zu bestrafen. Meine Beine stellte ich etwas weiter auseinander, damit Kyel besser hinkam, und schon spürte ich seinen Finger, der an meinem Eingang rieb.
Plötzlich hob er mich hoch und hievte mich auf den Tisch. Die Zettel, die darauf lagen, flogen in hohen Bogen runter. Tief blickten wir uns in die Augen und ich bedeutete ihm mit einem Nicken, das er weitergehen durfte. Er küsste sich runter und umspielte mit seiner Zunge meinen Nabel. Stupste rein und folgte meinem Flaum weiter nach unten. Über meinen Schaft bis zu meiner Mitte. Kurz leckte er über einen von meinen Hoden und zog daran. Mit der Hand hielt ich mir den Mund zu, damit ich nicht zu laut aufstöhnte. Er kicherte und leckte sofort wieder entschuldigend darüber. Noch eine kleine Zeit lang spielte er damit und endlich spürte ich, wie seine warmen und sanften Lippen mich umschlossen. Seine Zunge meine Spitze umspielte und ab und zu seine Zähne meine Haut reizte.
Ich krallte mich in seine Haare und gab den Rhythmus, den er sich gefallen ließ, vor. Doch bevor ich kam, hielt er inne, hob seinen Kopf und schaute mich an. Stumm fragte er mich wieder und ich nickte. Ohne weiteres Zutun hob er meine Beine und wieder sah ich in seinen Augen, wie in der letzten Nacht, die Fragen aufkeimen.
»Mach schon!«, keuchte ich, kaum noch fähig überhaupt an was zu denken, geschweige denn, etwas zu sagen. Ich nahm meine Beine in die Hand und hob meine Hüfte an.
»Du bist so schön!«, hauchte er und ich schloss meine Augen, als ich ihn in mich eindringen spürte. Keuchend biss ich mir auf die Lippen und genoss nur noch das Gefühl, in das ich mich begeben hatte. Was Kyel mir gab. Nicht nur des Sexes wegen, den wir gerade hatten, sondern seinen Selbstwegen, seinem Charakter, seiner Geduld, die er mit mir hatte, und seiner Liebe, die er mich jeden Tag spüren ließ.
Kyel! Ich liebte diesen Mann.
Lachend kam ich und der Orgasmus war befreiend, es war kein Zwang, keine Bitte und kein Danke. Es war mehr und nur Kyel war dazu fähig.
Als jemand nach einer Bedienung rief, wurde mir wieder bewusst, wo wir uns befanden. Mehr kichernd als grinsend zogen wir uns wieder an und ich ging ins Café. Kyel folgte mir wenige Minuten später und ich stellte ihm seinen bestellten Kaffee hin. Leider verflog meine gute Laune, als Kyel mir eröffnete, dass ein Brief wegen der bevorstehenden Anhörung gekommen war.
›Jetzt, wo fast alles im Nebel versunken ist. Muss ich mich wieder an alles erinnern! Muss ich mich dem wieder stellen! Die dunklen Schatten lauern irgendwo in einer Ecke. Nur darauf wartend, mit aller Gewalt wieder herauszubrechen.‹