Kapitel 1 - Ein Dolch so kalt wie Eis

Die Nacht lag sacht wie ein Seidenschleier über der Welt. Nur hell blitzende Sterne durchbrachen die nächtliche Finsternis und funkelten weit über den rostroten Dünen des Wüstenreichs Rashan wie verlorene Silbergroschen auf schwarz-blauem Chiffon.
Das silberweiße Licht eines schmalen Sichelmondes glitt lautlos über die endlosen, sandigen Weiten und ließ den breiten Fluss, der sich wie eine Schlange durch den Wüstenstaub schlängelte, wie tausend Diamanten funkeln. Auf der Oberfläche seines ewigfließenden Wassers spiegelten sich die gewaltigen, dunklen Mauern der großen, einflussreichen Metropole Pardashir.
Die ausladende Hafenstadt säumte das Westufer des Flusses Amu, welcher hier, am Rande der bekannten Welt, in den Flammenden Ozean mündete. Ihre engen Gassen, die flachdachigen Häuser und ausladenden Marktplätze, auf denen fast täglich Basare stattfanden, umschlossen das Herzstück dieses Emirats, den goldbedeckten Kasran, den riesigen Palast des hiesigen Fürsten, auf dessen alabasterweißen Mauern zahllose gepanzerte Wachen patrouillierten.
Des Tags war die heiße Luft erfüllt mit dem Duft von Kreuzkümmel, Safran, Kardamom und anderen exotischen Gewürzen und die Menschen bewegten sich dicht an dicht über den Markt, wie tanzende Federn im heißen Wüstenwind. Zwischen den Häusern aus Stein und Lehm mischten sich die Rufe der Kaufleute mit der Melodie der Musikanten, während die Frauen ihre Schleier zurechtzupften und die Männer um Vieh oder Geschmeide feilschten.
Jetzt waren die Gassen menschenleer und verlassen.
Das fahle, kalte Mondlicht fiel still und leise durch die kunstvollen Gitter aus filigran geschnitztem Teakholz, welche anstelle von Glas die bogenförmigen Fenster ausfüllten und entfernt an das Wurzelwerk eines Baumes erinnerte. Kunstwerke aus verschlungenen Linien und geometrischen Mustern malten komplexe Schattenbilder auf die bunten, wabenförmigen Steinplatten in den unzähligen Korridoren des prunkvollen Kasran.
Von außen wirkten die riesigen Fenster mit ihren hölzernen Flechtgittern wie ein anmutiger, undurchdringlicher Schleier, hinter dem sich die Bewohner des Palasts verbargen. Ein wahrer Schutzschild aus Handwerkskunst, der Intimität und Diskretion zugleich versprach. Die Muster der Fenster wechselten von Raum zu Raum, jedes einzigartig, als hätten die Handwerker neben Blut und Schweiß auch einen Teil ihrer selbst, ihrer Seele darin hinterlassen.
Keir erinnerte sich noch genau an das Gefühl, als er draußen auf den staubigen Straßen stand; einen Traum im Herzen und den quälenden Hunger im Magen, sehnsuchtsvoll zu den hölzernen Fenstergittern blickend. Er war ein naiver Straßenjunge gewesen, der mit großen Augen den Palast betrachtete und sich wünschte, durch die prunkvollen Korridore zu schreiten oder einen Blick auf die Schönheiten des Harems zu werfen.
In Pardashir, einem Ort an dem man alles erwerben konnte, wenn man nur genug Gold oder vergangene Leben zum Handeln besaß, verbargen sich hinter den bunten Kulissen der Märkte und Feste jedoch auch Armut und Not. Im Schatten der Gassen versuchten Diebe und hungrige Kinder unter Einsatz ihres Lebens genug zu stehlen oder zu erbetteln, um einen weiteren Tag zu überleben. Viele starben, alleine und missachtet, an Hunger oder Krankheiten. Andere wurden in Kerker gesperrt, ausgepeitscht oder von Sklavenhändlern aufgegriffen.
Keir war so naiv zu glauben, dass er unvorstellbares Glück besaß, als er von einem Wesir des mächtigen Emirs auf dem Markt erstanden wurde. Nun würde er als Diener ausgerechnet hinter jenen Mauern leben, welche er so lange bewundert hatte.
“Sei vorsichtig, was du dir wünschst”, so sagte man, “denn du könntest es bereuen...”
Und oh,wiesehr er doch bereute!
Der Kasran war kein Märchenschloss, sondern ein Kerker, und sein Kerkermeister hatte den Palast ebenso sehr in seinem eisernen Griff, wie die gesamte Stadt. Kein Fehltritt blieb ungesühnt, kein geflüstertes Wort ungehört. Der Emir hatte seine Spitzel überall und selbst die Wände raunten dem despotischen Herrscher die Geheimnisse und Komplotte seiner Dienerschaft zu.
Nie hatte er mehr Leid, mehr Kummer verspürt, als in diesen Hallen. Die Bitternis dieser Erkenntnis stach Keir wie eine Klinge in die Brust und sein Herz wurde schwer. Um seinen Schwermut zu verdrängen, umschloss er den Dolch, den er bei sich trug, so fest mit der Hand, dass es schmerzte.
Verborgen in den Schatten, die kühle Mauer in seinem Rücken, betrachtete Keir die Waffe, die sein Schicksal besiegeln sollte. Ihre Klinge war poliert und extrem scharf, ihr Heft gefertigt aus dem Horn oder Geweih eines ihm fremden Tieres aus dem Norden.
Im Gegensatz zu den traditionellen Shamshir, den prunkvollen Krummsäbeln seiner Heimat, war diese gerade und verjüngte sich vom Griff zur Spitze. Ein simples Knotenmuster war im Zentrum der Schneide eingraviert worden.
Der fremd anmutende Dolch blitzte in der Dunkelheit auf wie kaltes Eis, als Keir ihn zur Seite drehte, bis die Reflexion auf der Klinge ihm einen Blick auf den Gang dahinter gewährte. Weder rechts noch links befanden sich Türen, die in andere Räume führten, und während die übrigen Korridore stets mit riesigen Pflanzenvasen oder kunstvollen Kommoden und Teppichen ausgestattet waren, lag dieser vergleichsweise schmucklos da. Nur die hohen Fenster zeichneten Schatten- und Mondlichtmuster an die Wände, welche mit dem goldgelben Schein der Laternen, die an kunstvoll verzierten Haken oder Ketten aufgehängt waren, verschmolzen.
Vor einer mächtigen, zweiflügeligen Tür, welche mit detailreichen Schnitzereien und mit schimmerndem Gold verziert war, standen zwei der Dahyuš - der „Rastlosen” – der Leibgarde des Emirs und bewachten tagein, tagaus das Schlafgemach und die Ruhestätte ihres Meisters. Sie waren weder tot, noch lebten sie. Unfähig, sich ihrem Herrn zu widersetzen, hatte der Emir ihnen den Schlaf und das Träumen genommen und so verharrten sie nun fast bewegungslos, die geröteten Augen stets wachsam auf den Korridor gerichtet, zu beiden Seiten der Pforte.
Zwischen den gewaltigen Fenstern standen insgesamt vier weitere Dahyuš, welche in ihrer Regungslosigkeit fast wie lebende Statuen aussahen.
Die Rastlosen trugen hohe, spitz-zulaufende Helme, die kunstvoll mit Gravuren, Edelsteinen und bunten Federn geschmückt waren und ihre güldenen Schuppenpanzer blitzten und funkelten im flackernden Schein der Lampen.
In seiner Zeit als Sklave am Hofe hatte Keir von dutzenden Versuchen gehört, den Emir zu ermorden: Rivalen aus anderen Emiraten, verzweifelte Sklaven oder Diener, selbst Konkubinen hatten es versucht und waren letztlich gescheitert. Nur wenige hatten den Mut – oder den Wahnsinn -, überhaupt an eine solche Tat zu denken, geschweige denn einen Fuß in den Kasran zu setzen.
Selten war es Attentäter gelungen, in den Palast einzudringen; einige wenige hatten es sogar bis zum Emir selbst geschafft – nur um dann durch die Hand der Dahyuš einen schnellen Tod zu sterben. Aber bis in die Gemächer war noch nie einer von ihnen gelangt. Noch niemand, nicht einmal die Dienerschaft, hatte je diese Schwelle überschritten.
Dies kümmerte Keir jedoch wenig... denn er benötigte diese Pforte nicht.
Leise zog er sich in einen der angrenzenden Korridore zurück und schlich auf eine unscheinbare Türe zu. Vorsichtig und mit ruhigen Händen öffnete er sie gerade weit genug, um durch den schmalen Spalt zu schlüpfen und sie geschwind hinter sich wieder zu schließen.
