Benjamin - Die Eisernen Sechs

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Summary

!Leseprobe! Leonora Chisholm wächst im schönen Somerset auf, auf Schloss Verne, dem Stammsitz des Marquess of Verne. Leonora ist jung, schön und ungestüm – und für ihre Ideale kämpft sie bis zum Letzten. Deshalb ist es für sie selbstverständlich, dass sie ihrem Vater in der Not beisteht und ihm hilft. Hineingeboren in eine Epoche, die den Frauen strengste gesellschaftliche Regeln auferlegt, schlüpft sie in Knabenkleider, um in der Rolle des "Leo" als Pferdetrainer für das Gestüt zu arbeiten. Ausgerechnet jetzt kehrt ihr Herr, der junge und gutaussehende Marquess of Verne auf das Schloss zurück, um sich dort von einer Duellverletzung zu erholen. Gegen seinen Willen fühlt sich Benjamin Derbourne zu dem frechen Stallburschen hingezogen und zweifelt bald an seinem Verstand. Doch auch Leo verliert ihr Herz, und in einer seltsamen Nacht voller Zauber, Versunkenheit und Liebe lässt sie ihre Maske fallen.

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Kapitel 1

Die Nacht, in der das Schicksal seinen Lauf nahm – auf höchst wundersame Weise, möchte ich anmerken -, war eigentlich eine von der Sorte, in der man am besten im Haus blieb, wenn es sich ermöglichen ließ. Denn das Wetter spielte völlig verrückt und sandte einen seltsam heftigen Sturm über das Land, wie man ihn selten im Empire erlebte. Schon gar nicht um diese Jahreszeit.

Heulend und pfeifend jagte der Wind durch die Gassen Londons. Klagend fuhr er um die Häuserecken, beutelte die Bäume, bis sie ihr Laub widerwillig freigaben und hielt die meisten Londoner davon ab, einen Fuß vor die Tür zu setzen. Jaulend hatte der Sturm ein Lied angehoben, das eine gruselige Klage mitteilte und jeden frösteln ließ, der es vernahm.

Die räudigen Straßenköter und die mageren Streunerkatzen hatten sich in ihre Verstecke zurückgezogen, und selbst die Vögel duckten sich tiefer als gewöhnlich in ihre Nester. Die Stadt kam einem menschenleer vor, es sah tatsächlich aus, als hätte der Sturmwind Londons Straßen völlig leergefegt. Selbst die Zecher, die sonst betrunken nach Hause taumelten, fehlten in dieser Nacht. Das schlechte Wetter hielt sie länger als gewöhnlich in den schäbigen Pinten fest.

Die Böen vertrieben nicht nur die Nebelschwaden, die normalerweise um diese Zeit von der Themse aufstiegen, sie jagten auch flatternde Fetzen vor sich her, die sie irgendwo aufgesammelt hatten und ließen trockenes Laub vom letzten Jahr in der Luft tanzen. Hie und da richteten sich kleine Sandwirbel auf, trudelten über das Pflaster wie Balletttänzer – nur um an der nächsten Straßenecke in sich selbst zusammenzufallen.

Schwarze, drohende Wolken eilten tief über den nächtlichen, sternenlosen Himmel und verdeckten den Mond, der ansonsten eigentlich um diese mitternächtliche Stunde die Finsternis hätte etwas erhellen können. Es roch nach Regen, dieser Geruch überdeckte die Fäulnis, die ansonsten über der Stadt hing. In der Ferne grollte schon der Donner, der mit zackigen Blitzen ein nahendes Gewitter ankündigte, das sich entladen würde, sobald der Sturm sich verzogen hatte.

Doch den Mann, der in seiner Kariole saß und düster vor sich hin brütete, den störte dies alles nicht. Es war sowieso fraglich, ob er das Toben der Elemente um sich herum überhaupt wahrnahm, denn er war tief in seine Gedanken versunken.

Den modischen Biberhut tief in seine Stirn gezogen, den schwarzen Kutschermantel eng um sich gewickelt, hielt Benjamin Derbourne – seines Zeichens der Marquess of Verne – die Zügel seines Zweispänners locker in der Hand und überließ es den Pferden, durch die Sturmböen hindurch den Weg in den heimatlichen Stall zu finden. Tapfer kamen die prachtvoll gebauten Vollblüter ihrer Aufgabe nach, sie stemmten den Kopf tief gegen den Wind und setzten Huf vor Huf. Mähne und Schweif flatterten peitschend hin und her, wie kleine Flammenzungen. Doch die edlen Rotfüchse ließen sich nicht beirren, hatten sie doch längst bemerkt, dass ihr Kutscher ihnen heute keine Führung gab.

Der Marquess war nicht betrunken, im Gegenteil – stocknüchtern war er. Doch er hatte sich tief in seine missmutigen Überlegungen verloren, sodass er nicht mehr auf den Weg achtete, den die Pferde nahmen. Ein frustrierter, mürrischer Zug lag um seinen Mund und er hatte die Lippen so fest zusammengekniffen, dass sie nur noch einen schmalen Strich bildeten. In den türkisfarbenen Augen aber brannte die Wut. Heiße, wilde, ja ungezähmte Wut auf sich selbst – und auf den Narren, der ihn in diese unmögliche Situation gebracht hatte, in der er sich momentan befand.

Himmel, wohl zum tausendsten Mal fragte er sich, wie er sich selbst überhaupt in so eine Lage hatte bugsieren können! Wie war es diesem alten Trottel, dem Viscount Malcovich nur gelungen, ihn so weit zu reizen? So weit, dass er sich allen Ernstes hatte hinreißen und dieser lächerlichen Duellforderung nachgegeben hatte? Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte er den Alten nur ausgelacht und mit einer schneidend boshaften Bemerkung abgewimmelt. Schließlich war er für seine scharfe Zunge und seinen beißenden Spott in Adelskreisen berüchtigt. Aber nein, heute hatte der Alte ihn in einem wahrlich schwachen Moment erwischt.

Überhaupt, an diesem Tag war doch alles schiefgelaufen!

Sein Lieblingshengst hatte sich beim morgendlichen Galopp im Park den Vorderlauf verstaucht und war nun für mehrere Wochen nicht mehr einsetzbar.

Seine Köchin hatte gekündigt, weil sie zurück nach Frankreich zu ihrer Familie wollte – und davon hatte er erst erfahren, als er vor dem leeren Mittagstisch saß und kein Essen aufgetragen wurde. Sie war einfach sang und klanglos abgereist und hatte nur eine kurze Nachricht über ihren Verbleib hinterlassen.

Als er dann anschließend spontan Trost bei seiner Mätresse gesucht hatte, fand er diese mit einem anderen im Bett vor – mitten im schönsten Gerangel, und es sprach eigentlich für seine Selbstbeherrschung, dass die beiden noch lebten. Doch mannhaft hatte er den Drang niedergerungen, die beiden augenblicklich ins Jenseits zu befördern und nur die Verbindung gelöst. Mehr noch, er hatte ihrem Liebhaber sogar angeboten, sie samt dem Mietvertrag für das Haus zu übernehmen.

Frustriert hatte er sich danach in seinen Klub verzogen, doch auch dort schien ihm das Glück an diesem Tag nicht hold zu sein. Zuerst hatte er unentwegt beim Kartenspiel nur verloren und bekam ein mieses Blatt nach dem anderen auf die Hand – was ihm schon den Spott seiner Kameraden eingetragen hatte. Und dann war zu allem Überfluss auch noch dieser Alte aufgetaucht, besagter Viscount Malcovich, der behauptete, der Vater seiner Braut zu sein.

Braut?

Welcher Braut, bitte schön? Benjamin war wie vom Schlag getroffen, als ihm der Alte mitteilte, sein eigener Vater hätte diese Verbindung gewünscht, sie wäre schon seit Jahren beschlossen. Nun wollte er den jungen Marquess an seine Pflichten erinnern.

Abgesehen davon, dass Benjamin bis dato noch nie von dieser Angelegenheit gehört hatte und auch nichts von so einem Abkommen wusste, fühlte er sich auch nicht an ein Versprechen gebunden, das sein mittlerweile seit Jahren verstorbener Vater angeblich gegeben hatte. Dennoch war er neugierig genug, um nach dem Namen seiner angeblichen Verlobten zu fragen, und selbst jetzt, in seiner düsteren Weltuntergangsstimmung kam ihm noch ein Lachen aus, als er nur daran dachte.

Crystal Malcovich – seine Braut? Mitnichten, danke nein! So schonend wie möglich hatte er dem Vater der betreffenden Dame versucht klarzumachen, dass er nie und nimmer daran denke, seine Tochter zu ehelichen. Als dieser immer noch stur auf das angebliche Eheversprechen pochte, hatte er schließlich doch die Geduld verloren und Malcovich mit groben Worten darüber aufgeklärt, dass er nicht im Traum daran denke, "gebrauchte Ware" zu ehelichen. Crystal Malcovich war nämlich das, was man gemeinhin in der besseren Gesellschaft als "sehr willig" bezeichnete. So viel er wusste, hatte sie schon etliche Junggesellen des ton mit ihrer Gegenwart beehrt, und dies sogar oft über Nacht. Sie scherte sich keinen Deut um die Tatsache, dass sie damit ihren Ruf irreparabel schädigte. diese Frau sollte er – Benjamin – zu seiner Marchioness nehmen? Niemals!

Nein, das sollte sich der Alte gleich wieder aus dem Kopf schlagen. Nur sah der das leider überhaupt nicht so. Wütend und aufgeregt hatte der alte Viscount versucht, ihn bei seiner Ehre zu packen – umsonst. Mal abgesehen von der Tatsache, dass er kein sehr gutes Verhältnis zu seinem verblichenen Vater, dem früheren Marquess, gehabt hatte und sie getrennte Wege gegangen waren, fühlte er sich überhaupt nicht an einen Vertrag gebunden, den sein Erzeuger angeblich für ihn ausgehandelt hatte.

Crystal Malcovich war einfach indiskutabel.

Doch was hatte ihm dieser Weigerung letztendlich eingebracht? Ein Duell!

Alles war so schnell gegangen, dass er jetzt im Nachhinein gar nicht mehr wusste, wie die ganze Sache so weit hatte eskalieren können. In der einen Sekunde hatte er noch stolz und trotzig vor dem geifernden Alten gestanden, und schon in der Nächsten hatte ihm dieser die Duellforderung entgegen geschleudert. Und dies vor all seinen Freunden und dem ganzen Klub!

Das Ganze war so lächerlich!

Aber so sehr er es auch drehen und wenden mochte, er hatte einfach keine andere Wahl gehabt, als die Forderung anzunehmen – wollte er nicht sein Gesicht verlieren. Außer sich vor Wut hatte ihm der Viscount seine Sekundanten genannt, Benjamin dann die seinen und zum Glück hatte dann sein bester Freund, der Duke of Davenport diese leidige Duellangelegenheit für ihn geregelt.

In wenigen Stunden war es soweit. Im Morgengrauen würde man sich an der alten Duelleiche einige Meilen vor der Stadt treffen. Als Waffen hatten sie Pistolen gewählt. Benjamin war mit allem einverstanden gewesen, er wollte es nur so schnell es ging, hinter sich bringen – und das mit so viel Anstand wie möglich. Er würde der Etikette entsprechen und tun, was er seinem Ruf schuldig war.

Nur – was kaum jemand wusste, er hatte eine furchtbare Abneigung gegen Duelle und das ganze Darum herum. Er fand es überflüssig und dumm, barbarisch und sinnlos. Nutzloses Blutvergießen, denn in seinen Augen wurde niemandes Ehre durch so etwas wie ein Duell wieder hergestellt. Bis jetzt war es ihm auch hervorragend gelungen, solchen Situationen aus dem Weg zu gehen. Dies lag weniger an einem tadellosen Lebenswandel,, sondern vielmehr an seiner angeborenen Vorsicht. Vermutlich aber auch daran, dass er als ausgezeichneter Schütze und Fechter galt …

Zudem war er das, was man gemeinhin einen Roué nannte. Er gehörte einer bestimmten Clique junger Männer an, die die Klubs und Gesellschaften Londons unsicher machten und für ihren Übermut, ihre Ausgelassenheit, aber auch für ihre Arroganz berüchtigt waren. Sie nahmen sich die Frauen, wie sie sich ihnen anboten – und verließen sie ebenso schnell wieder, ohne einen weiteren Gedanken an sie zu verschwenden. Sie bewegten sich hart an der Grenze des Erlaubten und schlugen auch des Öfteren gerne mächtig über die Strenge. Sie waren alles Müßiggänger, leichtsinnige junge Kerle – und alle so reich, dass sie gar nicht wussten, wohin mit ihrem Geld. Sie vertrieben sich die Zeit mit unsinnigen Mutproben, Wetten und Kämpfen bei Gentleman Jack, dem bekannten Faustkämpfer und Box-Champion. Sie hielten sich teure Vollblüter, noch teurere Mätressen – und sie waren allesamt überall gefürchtete und bekannte Schützen, Fechter, Reiter und Kartenspieler.

Normalerweise war es tatsächlich so, dass alleine schon der Ruf eines Roué genügte, damit man seine Ruhe hatte, und dies war Derbourne bisher auch ganz recht gewesen. Hatte er doch das Leben in vollen Zügen genießen können und trotzdem eine gewisse Narrenfreiheit gehabt.

Bis jetzt. Bis dieser alte Narr vor ihn hingetreten war und ihm ein Duell aufgezwungen hatte, das er gar nicht wollte!

Es war beileibe nicht so, dass Benjamin Angst hätte, dazu war er sich seiner Qualitäten als Schütze einfach zu sicher. Aber es widerstrebte ihm zutiefst, sein Können an einen so alten, gebrechlichen Mann wie diesen Viscount zu verschwenden. An einen Mann, der seiner Ansicht nach überhaupt keine faire Chance in diesem Kräftemessen um die angebliche Ehre seiner Tochter hatte. Das war schlicht und einfach unsportlich, befand Derbourne.

Doch was blieb ihm anderes übrig, als zum Duell zu erscheinen? Die Sekundanten hatten alles festgelegt, und nun wurde von ihm erwartet, pünktlich an der Eiche zu erscheinen und seine Kugel auf den Alten abzufeuern. Es war vermutlich allen klar, dass er nicht danebenschießen würde. Er hatte noch nie danebengeschossen.

Nur – Himmel, wer mochte schon einen Mann erschießen, der bereits so alt war, dass er aussah wie sein eigener Geist? Das war nicht fair, und es widerstrebte ihm zutiefst – völlig unabhängig von der Tatsache, dass er dessen Tochter nie auch nur angerührt hatte!

Doch was sollte er machen? Ihm fiel einfach kein Ausweg aus dieser Misere ein.

Er wurde aus seinen grimmigen Gedanken aufgeschreckt, als die Pferde vor dem Stadthaus der von Verne in der Courzon Street anhielten und duldsam die Köpfe senkten, sodass ihm die Zügel aus der Hand gezogen wurden. Müde hob er den Blick, dann seufzte er.

Das Wetter passte perfekt zu seiner Stimmung. Immer noch tobte der Sturm, als hätte man sämtliche Dämonen der Hölle befreit. Doch es half alles nichts. Wollte er nicht als Feigling dastehen – und ein solcher war er nun wirklich nicht! -, dann musste er dieses Duell ausfechten. So sehr er jetzt auch murrte und es ihm widerstrebte, er wusste genau, dass er das letzten Endes auch tun würde. Obwohl es ihm lieber gewesen wäre, die Sache anders zu bereinigen. Doch er hatte schon alles versucht was unter Gentlemen möglich war, und die einzige Möglichkeit, das Duell zu verhindern wäre es gewesen, Crystal zu heiraten. Das jedoch kam überhaupt nicht in Frage!

Es war also müßig, solchen Gedanken länger nachzuhängen …

Mit einem geschmeidigen Satz sprang er aus der Kariole und eilte die Marmorstufen zum Eingang seines Haues hoch. Wie immer hatte sein Butler erahnt, dass er um diese Zeit heimkommen würde und öffnete beflissentlich die Tür, noch bevor er anklopfen konnte. Mit einem Nicken überreichte Benjamin ihm Mantel und Hut, dann zog er sich in sein Arbeitszimmer zurück. Es blieb dem Butler überlassen, dafür zu sorgen, dass Pferd und Kutsche in den Stall gebracht wurden. Aber auch dies hatte der gute Mann schon vorher geahnt und so brauchte er nur den Stallburschen rufen zu lassen, damit das Gefährt und die Tiere versorgt wurden.