Étienne [Nebengeschichte von 'Liebesbande']

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Summary

Étienne, nach einer gescheiterten Beziehung und einer gerade beendeten Tour, findet sich zurück im Alltag des Lebens. Obwohl er dem nachkommt, was er liebt - der Musik - sind seine Tage trist und die Wunden in seinem Herzen so frisch wie am ersten Tag. Bis Eric unerwartet in sein Leben tritt und ihm zunehmend den Kopf verdreht. Doch Étiennes in neuen Farben erblühende Welt wird von Erics dunklem Geheimnis überschattet, das droht, alles zu beenden, ehe es richtig beginnen kann. Étienne muss eine Entscheidung treffen: Ist er bereit, ein weiteres Mal verletzt zu werden oder zieht er es vor, Eric weit hinter sich zu lassen?

Status
Complete
Chapters
28
Rating
5.0 1 review
Age Rating
18+

Prolog

Seine Finger verkrampften. Je öfter er es versuchte, desto weniger gehorchten sie ihm. Mehr und mehr zog sich eine Starre durch sie hindurch und mit jedem weiteren Versuch wurden seine Fingerkuppen tauber.

Étienne hielt inne. Er schüttelte seine Hand, streckte seine Finger und machte sich wieder ans Werk. Sorgsam berührte er die Saiten seiner E-Gitarre und versuchte es erneut, nach außen hin geduldig, aber seine Frustration wuchs ins Unermessliche.

Denn schon in weniger als dreißig Minuten würde er auf der Bühne stehen und diesen Riff spielen müssen. Doch wie sehr er ihn in den letzten Wochen auch geübt hatte, er wollte ihm trotzdem von fünf Versuchen nur einmal gelingen. Das war ein viel zu schlechtes Ratio, mit dem er sich nicht zufriedengeben wollte.

Schrille, unsaubere Töne dröhnten ihm ins Ohr, woraufhin er einen Wutschrei ausstieß und sein Instrument lieblos neben sich auf die braune Stoffcouch warf.

Étienne stand auf, schritt durch den kleinen Backstage-Bereich, der ausschließlich für ihn und seine Freunde reserviert war und machte sich an der Bar zu schaffen.

Seine Bandkollegen vertrieben sich wahrscheinlich die ihnen verbliebene Zeit mit den anderen Bands, die ebenfalls heute in dem unbekannten Berliner Schuppen auftreten und die Luft zum Pulsieren bringen würden. Networking war allerdings nicht Étiennes Lieblingsbeschäftigung und so überließ er das getrost Emmanuel und co.

Étienne langte nach der ersten Flasche, die er zu fassen bekam – einen Whiskey – und nahm einen ordentlichen Schluck daraus. Er hätte beinahe gewürgt, weil das Zeug zum einen hochprozentig war und zum anderen pisswarm. Aber er hatte keine Lust, nach einem Glas zu greifen und an den Kühlschrank mit dem integrierten Kühlfach zu gehen, um sich Eiswürfel zu holen und ein ordentliches Getränk zu bereiten. Außerdem wirkte der Alkohol auch so. Er lief ihm brennend die Speiseröhre herunter und als sich Étienne daran gewöhnt hatte, folgten zwei, drei weitere Schlucke.

Er ließ sich plumpsend auf einen Hocker fallen, der vor einem rustikalen Schminktisch stand. All das Zeug, das darauf verteilt herumlag, gehörte überwiegend Izumi. Der Kerl war so eitel, dass er sein Aussehen nie dem Zufall überließ. Seine Tobsuchtanfälle, wenn er ein Bild von sich entdeckte, auf welchem er seiner alleinigen Auffassung nach nicht gut getroffen war, waren kaum auszuhalten. Dabei war er rundum fotogen und Étienne hatte bis heute noch kein Bild gesehen, auf dem er nicht gut getroffen war.

Im Gegensatz zu Nathalie, die es allerdings nicht weniger interessieren konnte, wie sie herumrannte. Mit ihren kurzen, fransigen Haaren, dauerhaft abgekauten Nägeln und viel zu weiten, ranzigen Männerklamotten sah sie immer aus, als hätte sie die Dusche drei Wochen lang gemieden und wäre gerade aus dem Bett gestiegen. Zum Glück roch sie nie so wie sie aussah.

Tim und Emmanuel hatten beide einen recht guten Kleidungsstil. Tim liebte seine Lederhosen und engen T-Shirts, was bei seiner muskulösen Figur auch gut aussah und Emmanuel, der Riese unter ihnen, hatte den wohl fürs Auge angenehmsten Stil. Neben Izumis extravaganten Outfits war das auch nicht so schwer.

Beide blieben dem Schminktisch allerdings fern und Étienne machte nur manchmal davon Gebrauch. Etwa, wenn er seine Nägel schwarz lackierte oder einen dunklen Strich über sein Unterlid zog. Letzteres tat er allerdings ausschließlich bei Auftritten. Wenn er privat unterwegs war, beschränkte er sich auf gefärbte Nägel, wenn überhaupt. Sein Körper war nämlich mit all seinen Tattoos schon bemalt und mit dem vielen Schmuck behangen genug.

Étienne blickte in den Spiegel. Der Anblick überraschte ihn längst nicht mehr. Sein braunes Haar lag immer irgendwie auf seinem Kopf, seine Kleidung war überwiegend schwarz und meistens war sie irgendwo zerschlissen, voller Flicken oder hatte einen Schriftzug mit irgendeinem Bandnamen abgebildet. Heute war es sein eigener.

Seine Boots mit den Silberketten und Schnallen waren vielleicht das Auffälligste an seinem Outfit, auch wenn sie nicht mehr die Neuesten waren. Trotzdem gehörten sie zu seinen Favoriten. Er würde sie daher so lange tragen, bis sie ihm von den Füßen fielen. Was, zugegeben, nicht mehr lange dauern konnte.

In weiter Ferne hörte Étienne das Dröhnen von Musik, der Bass war bis zu ihm im Boden zu spüren. Normalerweise mochte er diesen Moment kurz vor einem Auftritt, in dem er noch einmal in sich gehen und sich mental vorbereiten konnte. Heute war er aber alles andere als in freudiger Erwartung und die verrinnende Zeit war ihm der größte Feind.

Shit. Er wusste, dass er den Riff versemmeln würde. Selbst, wenn es ihm gelang, die Menge zu täuschen und seinen Patzer zu überspielen, kratzte es an seinem Ego, zu wissen, dass er ihn nicht hinbekam. War er etwa am Ende seiner Fähigkeiten angekommen? Ging es von hier an nur noch bergab?

Étienne konnte und wollte es nicht wahrhaben. Schon gar nicht, wenn es sogar Tim gelang, die Akkordfolge halbwegs hinzubekommen.

„Scheiße”, fluchte er unzufrieden, nahm einen letzten Schluck des Whiskeys und kehrte zurück zu seinem verlassenen Instrument.

Sobald er sich daran machte, den Riff anzuspielen, gehorchten ihm seine Finger schon wieder nicht, sodass es in einem nicht mit anzuhörendem Desaster endete. Étienne war so wütend darüber, dass ihn nur die Tatsache, dass es sich hier um seine Lieblingsgitarre handelte, davon abhielt, sie zu packen und auf den Boden zu schmettern. Davon abgesehen, konnte das Instrument ja nichts für seine Unfähigkeit.

Entmutigt fuhr er sich mit beiden Händen durch das Haar und warf sich zurück auf die Couch. Bis ihm eine Bewegung im Türrahmen auffiel.

Nachdem Emmanuel und die anderen gegangen waren, hatten sie es versäumt, die Tür hinter sich zu schließen und Étienne war es ehrlich gesagt egal gewesen, ob sie offenstand oder nicht. Die paar Leute, die an seinem Bereich vorbeigekommen waren, hatten ohnehin nur im Vorbeigehen reingelugt und das störte ihn nicht. Aber bisher war niemand stehengeblieben und hatte so auffällig hineingesehen. Bis jetzt.

Étienne beäugte den Blonden Kerl eine Weile und erwartete eigentlich irgendeine Äußerung. Da diese auf sich warten ließ, machte er den Anfang.

„Kann ich dir irgendwie helfen?”

Der Blonde mit den ordentlich frisierten Haaren, den er etwa in seinem Alter schätzte, deutete auf die E-Gitarre. „Ich bin bloß gerade vorbeigekommen und habe das Malheur mit angehört.”

Étienne lächelte verbittert und verdrängte seine kurzaufkommende Überraschung, dass der Kerl eine tiefere Stimme hatte als er angenommen hatte. Dabei war er nicht gerade groß und von sehr schlanker Figur.

„Das tut mir leid.”

„Kannst du den Riff nochmal spielen?” Ohne eine Aufforderung abzuwarten, kam der Blonde in den Raum getreten und blieb vor Étienne stehen, der beide Augenbrauen hob. „Ich habe ihn eben nur gehört, aber ich würde auch gerne sehen, wie du ihn spielst.”

„Das möchtest du dir antun?“, fragte Étienne entmutigt, aber er tat dem Blonden den Gefallen. Was hatte er schon zu verlieren?

Nach einem weiteren Desaster, sagte der Unbekannte:

„Okay, ich glaube, ich weiß, was das Problem ist.”

Das wusste Étienne auch. „Ja, ich greife einfach nicht schnell genug um.”

„Nein, das ist es nicht. Bis zu einem bestimmten Punkt bekommst du es fehlerfrei hin. Aber dann kommt der Bruch, wo du dich abmühst. Danach bist du aber wieder voll drin. Das Tempo ist nicht das Problem. Darf ich?”

Étienne wurde eine ausgestreckte Hand hingehalten.

„Du spielst?“, fragte er überrascht und reichte seine E-Gitarre ohne näher nachzudenken weiter.

„Ein bisschen.” Der Blonde ließ sich neben ihm auf der Couch nieder. „Sieh mal, du setzt deine Finger so auf die Seiten. Das mag zwar für den restlichen Song funktionieren, aber nicht bei dem Riff. Da behindert dich die Haltung eher. Du musst deine ganze Hand anders ausrichten. Dann bekommst du es auch hin. Siehst du?”

Étienne war überwältigt, als er die Akkorde tadellos aufeinander folgen hörte, schneller noch als er sie gespielt hatte und erheblich besser miteinander harmonierend. Die richtigen Stellen klangen gefühlvoll und die richtigen elektrisierend, als würde sich ein Gewitter über sie ergießen. Dann die unfassbar präzisen Bendings, die die E-Gitarre an genau den richtigen Stellen kreischen ließen.

Étienne hatte das Gefühl, mit auf eine Reise genommen zu werden und als der letzte Ton erstarb, blieb er mit Gänsehaut am Körper zurück. So und nicht anders musste der Riff gespielt werden.

„Du bist dran”, sagte der Blonde und reichte ihm die E-Gitarre zurück.

Sobald Étienne seine Stimme wiederfand, wiederholte er: „Ein bisschen?”

Der Kerl hatte ihn nur einmal, vielleicht zweimal spielen hören und sich die Akkorde auf Anhieb gemerkt. Das konnte kein Anfänger. Außerdem hatte er eine so schwere Passage mit einer solchen Leichtigkeit gespielt, dass sich Étienne fragte, wen er hier eigentlich neben sich zu sitzen hatte.

Der Unbekannte lächelte schüchtern. „Ich spiele schon länger nicht mehr aktiv.”

„Und trotzdem erteilst du mir einen Platzverweis. Junge, wenn du mein Selbstbewusstsein kurz vor meinem Auftritt zertrümmern wolltest, ist dir das gelungen.”

„Jetzt versuche es doch erst einmal”, ermutigte ihn der Blonde und griff nach Étiennes Hand, die er entschlossen auf das Griffbrett platzierte. „Vielleicht solltest du vorher deine Ringe abnehmen. Wenn du deine Hand anders ausrichtest, könntest du deine Gitarre zerkratzen.”

Étienne, wenn auch verwundert über die ganze Situation, leistete dem Folge. Er legte die drei silbernen Ringe, die er am Mittel-, Ring- und kleinem Finger getragen hatte, neben sich auf die Couch und machte sich von neuem an den Riff.

„Nein, warte”, unterbrach ihn der Blonde, bevor er überhaupt beginnen konnte und legte beide Hände auf Étiennes Schultern, die er zu drehen begann. „Deine Körperhaltung muss auch stimmen und deine Gitarre musst du auch etwas mehr neigen.”

„Okay”, gehorchte Étienne, der sich vorkam, wie bei einer seiner ersten Stunden mit seinem Gitarrenlehrer, damals als er noch ein kleines Kind gewesen war. Kaum zu glauben, dass er sich als Profi bezeichnete.

„Gut, jetzt versuche es nochmal”, sagte der Blonde, sobald er mit allem rundum zufrieden war. Étienne tat genau das und prompt folgte ein gelungener Durchlauf. „Du hast es geschafft!“, platzte es aus seinem neuen Lehrer hervor, der begeistert aufsprang, doch Étienne konnte es noch nicht fassen.

„Warte”, warf er nicht weniger aufgeregt ein, versuchte sich aber besser zu zügeln. „Das war nur Glück. Ich versuche es gleich nochmal.” Doch wie oft er auch von vorn begann, seine vorherigen Patzer blieben allesamt aus. „Ich fasse es nicht”, gestand er sich schlussendlich ein und schüttelte den Kopf. „Wochenlang habe ich geübt und jetzt kommst du daher und es gelingt mir innerhalb von Sekunden?”

Der Blonde stemmte seine Hände in die Hüften. „Vielleicht sollte ich den Job wechseln und Gitarrenunterricht geben.” Er verengte die Augen und tippte sich ans Kinn, als würde er ernsthaft darüber nachdenken.

„Du solltest vor allem niemals aufhören, Gitarre zu spielen. Ich würde alles geben für dein Talent.”

Étienne war klar, dass es immer jemand gab, der besser war als man selbst, egal in welchem Aspekt. Aber er hatte noch nie eine Person getroffen, die seine Fähigkeiten als Gitarrist dermaßen in den Schatten gestellt hatte. Denn auch wenn er den Riff jetzt hinbekam, hatte er dennoch nicht so vollkommen geklungen wie bei seinem Gegenüber.

Er fühlte sich wirklich wie ein blutiger Anfänger. Eine Erfahrung, die er so noch nie gemacht hatte. Nicht seitdem er der Auffassung war, professionell spielen zu können. Aber das motivierte ihn ungemein, sich zukünftig mehr ins Zeug zu legen.

„Hm”, kam es nur vom Blonden zurück, der kurz überlegte, dann aber sagte: „Ich wünsche dir viel Glück bei deinem Auftritt.” Er winkte zum Abschied und nur wenige Sekunden später befand sich Étienne allein in seinem Backstage-Bereich wieder, verwirrter denn je.

Wer war der Kerl gewesen? Wo war er überhaupt hergekommen? Er hatte nicht einmal die Chance gehabt, sich zu bedanken oder nach einem Namen zu fragen. War er ein Groupie gewesen? Teil einer anderen Band, die heute ebenfalls auftrat oder einer der Angehörigen?

Hätte Étienne mehr Zeit gehabt, hätte er vielleicht in Erwägung gezogen, dem nachzugehen, aber als ihn Emmanuel schon kurz darauf abholte, um ihn auf die Bühne zu eskortieren, schob er seine Gedanken beiseite.

Ebenso den über ihn hereinbrechenden Schrecken, da er erst vor seinem Mikro feststellte, dass er seine gesamte Zeit damit verschwendet hatte, Gitarrengriffe zu üben, statt sich zusätzlich einzusingen. Doch wenn auf Eines Verlass war, dann seine Stimme. Nach ein, zwei Minuten würde es schon gehen.