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Zwischen den Zimmern

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Summary

June zieht mit ihrem Vater und ihrer kleinen Schwester Mira in ein neues Haus und mitten hinein in eine neue Familie. Ausgerechnet zu Helen, der strengen Direktorin ihrer Schule, die nun nicht nur den Schulalltag bestimmt, sondern auch das Familienleben. Zwischen weißen Wänden, geteilten Badezimmern und scheinbar perfekten Stiefgeschwistern versucht June, ihren Platz zu finden. Noah, der beliebte Fußballstar und älteste Sohn im neuen Zuhause, scheint dabei das größte Rätsel. Er lebt in einer Welt, zu der June nicht gehört. Eine Welt, in der man gesehen wird. Doch als aus ersten Blicken Gespräche werden und aus Distanzen Nähe entsteht, muss June sich fragen, ob sie wirklich unsichtbar bleiben will. In einem Haus, das mehr Regeln als Wärme kennt, beginnt eine Geschichte über Zusammenwachsen, leise Rebellion und erste Liebe. Zwischen den Zimmern erzählt von Nähe und Abstand, vom Chaos im Herzen und vom Mut, sich selbst einen Platz zu schaffen, auch wenn man ihn nicht angeboten bekommt.

Genre
Young Adult
Author
Marie
Status
Ongoing
Chapters
12
Rating
n/a
Age Rating
13+

Was, wenn die Flicken nicht passen?

Als der alte Kombi in die Einfahrt rollte, war es still im Auto. Kein Streit, keine Musik, nicht einmal ein müdes Seufzen. Nur das leise Rattern des Motors und das Knistern der Spannung, die über den Vordersitzen hing wie Nebel vor einem Sommergewitter.

Greg drehte das Radio leise herunter, obwohl es schon kaum zu hören war. „Na, Mädels“, sagte er mit einem Grinsen, das ein bisschen zu sorglos wirkte. „Bereit für das Abenteuer Patchwork?“

June sah nicht von der Fensterscheibe auf. Sie hatte die Nachbarschaft schon seit drei Straßen beobachtet: perfekt geschnittene Hecken, Einfamilienhäuser mit sauberen Vorgärten, kein Müll, keine Graffitis. Die Autos standen ordentlich nebeneinander, als hätte jemand sie ausgemessen. Ganz anders als die Altbauwohnung, in der sie aufgewachsen waren. Dort, wo das Leben manchmal laut, manchmal chaotisch, aber immer irgendwie echt gewesen war.

„Patchwork ist, wenn man aus Flicken etwas Schönes macht, oder?“, fragte Mira von der Rückbank. „Was, wenn die Flicken nicht zusammenpassen?“

Greg lachte leise. Aber June spürte, dass selbst er keine echte Antwort hatte.

Es war Gregs Entscheidung gewesen, zu Helen zu ziehen. „Langfristige Stabilität“, hatte er gesagt. „Für euch beide.“

June freute sich für ihren Vater. Wirklich. Zehn Jahre lang hatte er niemanden an sich herangelassen, seit ihre Mutter sie verlassen hatte. Einfach so, ohne Erklärung, ohne Nachricht, ohne ein letztes Wort. Da war June gerade sechs gewesen. Und Mira noch zu klein, um sich wirklich zu erinnern. Aber June erinnerte sich. An das leere Frühstücksglas. An Greg, der stundenlang ins Telefon starrte. An das Schweigen.

Jetzt hatte er wieder jemanden. Und June gönnte es ihm. Eigentlich. Wäre es nur nicht ausgerechnet Helen gewesen.

Die Direktorin ihrer Schule. Die Frau, deren Stimme im Lehrerzimmer klang wie eine Durchsage über das ganze Gebäude. Die Frau, die über Gremien, Pläne und Bewertungen sprach wie andere Menschen über Familienfeste. Und die jetzt, ganz offiziell, Teil ihrer eigenen Familie war.

Mit ihren perfekten Kindern. Leyla, beliebt, zuverlässig, organisiert. June mochte sie sogar. Irgendwie. Auch wenn sie kaum Kontakt hatten. Man grüßte sich. Mehr nicht. Und Noah. Jeder kannte Noah. Fußballstar. Schulidol. Der mit den perfekten blonden Haaren, dem schiefen Grinsen und den Augen, die immer zu wissen schienen, dass man hinsah. Er hatte vermutlich keine Ahnung, dass June überhaupt existierte.

Und das war ihr auch gerade recht. Sie zog es vor, unauffällig zu bleiben. Keine Angriffsfläche. Kein Risiko.

Ganz anders als Mira. Ihre kleine Schwester war Licht in Bewegung. Offen, laut, neugierig. June liebte das an ihr und beneidete sie dafür. Diese Fähigkeit, sich einem neuen Raum einfach hinzuwerfen, als hätte sie nie etwas anderes gekannt.

Stattdessen saß sie da, in diesem Auto, das nach Umzug roch und nach Abschied. Und dachte daran, wie ausgerechnet die Frau, die früher schon ihr Leben kontrolliert hatte, nun auch über ihr Zuhause bestimmen würde.

Helen stand bereits in der Tür. Gerader Rücken, streng zusammengebundene Haare, die Arme über der Brust verschränkt. Ihre Tochter Leyla lehnte an der Wand daneben. Wie ihr Bruder hatte sie glänzend blonde Haare und gehörte zu den beliebten Schülern der Schule. Wahrscheinlich war das vor allem Noah zu verdanken. June war überzeugt, dass Leyla sich nichts aus der Beliebtheit machte. Sie wollte einfach nur sich selbst gefallen.

„Ihr seid spät“, sagte Helen, als Greg ausstieg.

„Verkehr“, antwortete er und umarmte sie. Helen ließ es zu. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es war genau die Art von Umarmung, die June erwartet hatte. Korrekt, kontrolliert, kalkuliert.

„Willkommen“, sagte Leyla und umarmte Greg und die Schwestern. „Ich hoffe, der Abschied war nicht zu schwer“, sagte sie zu June, die nur leicht nickte.

June bemerkte Leylas bemühten Ton. Es war keine überschwängliche Umarmung, aber sie war ehrlich gemeint. Inmitten all der Unsicherheit war es ein kleiner Moment, der Wärme in sich trug. Ein Versuch, der ankam. Und June schätzte ihn. So sehr sie sich auch vorgenommen hatte, auf Abstand zu bleiben, ein Teil von ihr registrierte das Bemühen, sie willkommen zu heißen. Vielleicht nicht ganz zu Hause, aber zumindest nicht unerwünscht.

Der Hausflur war lang, sauber und ein kleines bisschen zu still. June war oft in Helens Nähe gewesen, bei Schulfesten, Elternabenden, Konferenzen, aber noch nie in ihrem Haus. Alles hier wirkte so angepasst. Glatte Oberflächen, kalte Farben, keine Fotos an den Wänden, kein Zeichen von Chaos oder Kindheit. Nur Struktur. Ordnung. Disziplin. Genau das, wofür Helen auch in der Schule stand.

Eine Sache, die Helen nicht kontrollieren konnte, war der Autounfall vor drei Jahren. Ihre Cousine und deren Mann waren auf dem Weg zu einem Konzert gewesen, als es passierte. Die Kinder hatten bei Helen übernachtet, so wie schon oft, wenn ihre Eltern abends unterwegs waren. Doch diesmal kamen die Eltern nicht zurück. Innerhalb eines Tages war aus einem ruhigen Haushalt ein überfüllter geworden. Helen hatte die beiden Kinder aufgenommen, ohne zu zögern. Vielleicht, weil es niemand sonst tat. Vielleicht, weil es von ihr erwartet wurde. June wusste es nicht. Und vielleicht wusste Helen es selbst auch nicht genau.

Was June aber spürte, war die Konsequenz daraus. Die strenge Ordnung, die klaren Regeln, die minutiöse Planung, all das schien wie ein unsichtbares Gerüst, das Helen aufgestellt hatte, um das Chaos draußen zu halten. Um zu funktionieren. Um alle unter ein Dach zu bringen, ohne dass etwas zusammenbrach. Vier Kinder großzuziehen, zwei davon nicht ihre eigenen, und gleichzeitig eine Schule zu leiten, das ließ keinen Raum für Spontanität. Ordnung war Helen nicht nur wichtig. Sie war notwendig.

June kannte ihre neue Mitbewohnerin Lisa natürlich vom Sehen, vom Flüstern auf den Gängen, von der Rangliste der besten Schüler. Lisa war in derselben Stufe wie Noah und immer auf Platz eins. Und June? Eher irgendwo in der Mitte, zwischen nicht auffällig und ganz okay. Sie hatten nie miteinander gesprochen. Zu unterschiedlich, zu wenig Berührungspunkte.

Ein Paar Schuhe klackten oben auf der Treppe. Lisa. Ihre kupfernen Haare lagen wie immer perfekt über ihrer Schulter, ihre Kleidung war makellos gebügelt, ohne eine einzige Falte. June sah an sich herunter, auf ihren großen, verwaschenen Hoodie, und bemerkte wieder, wie verschieden ihre Welten waren.

In der spiegelnden Glasfläche eines Schranks sah June ihr eigenes Spiegelbild. Ihre dunkelbraunen Haare lagen wirr über ihren Schultern, der Pony leicht verschoben. Ein paar Strähnen klebten noch vom Schlaf. Unter ihren Augen zeichnete sich ein Schatten ab, und der Eyeliner vom Vortag hatte sich in zwei blasse Linien verwandelt, die mehr an Müdigkeit als an Rebellion erinnerten. Ihre Jogginghose hatte einen kleinen Kaffeefleck auf dem Oberschenkel und ein kaum zuzuordnendes etwas am Knie. Sie sah aus wie jemand, der nicht eingeladen worden war, sondern vergessen wurde zu fragen. Und vielleicht war das genau das, was sie gerade fühlte.

„Hey“, sagte Lisa, als sie die beiden Schwestern sah. Keine Umarmung, kein Lächeln, aber immerhin keine Abweisung. „Willkommen im System Helen.“

„Hi“, antwortete June zögerlich. Lisa war nicht unhöflich, nur effizient. Ihre Worte wirkten wie akkurat gesetzte Puzzlestücke. Nicht zu viel, nicht zu wenig.

„Wir sehen uns ja fast jeden Tag in der Schule“, fügte Lisa hinzu.

„Ja“, sagte June, obwohl sie es natürlich ganz genau wusste.

„Genau. Wir teilen uns jetzt das Bad. Früh aufstehen hilft.“

Dann wandte sie sich Mira zu. „Und du bist in Emilias Klasse, oder?“

Emilia war die kleine Schwester von Lisa, genau wie Mira vierzehn Jahre alt.

„Ja. Also… so ungefähr“, sagte Mira und wirkte plötzlich etwas kleiner, als sie war.

Mira schnupperte auffällig. „Riecht wie in so einem schicken Hotel“, flüsterte sie.

„Oder in einem Krankenhaus“, murmelte June zurück. Mira kicherte.

Da kam Emilia den Flur entlang gerannt. Lockenmähne, große Augen, pinkes Glitzeranime-Shirt, voller Energie.

„Mira! Du wohnst jetzt wirklich hier?! Das ist sooo cool! Dann können wir Hausaufgaben zusammen machen! Oder über die Mathelehrerin lästern!“

„Nur wenn du mir hilfst, die zu überleben“, sagte Mira trocken.

June beobachtete sie. Auch Emilia kannte sie vom Sehen. Oft hatte sie sich über deren unerschöpfliche Energie gewundert. Jetzt waren sie plötzlich Familie.

„Noah kommt später“, warf Lisa noch über die Schulter ein. „Training wie immer.“

„Ob das hier auch nach Neonfisch riecht?“, murmelte Mira, als sie hinter June die schmale Treppe hinaufstieg. Ihre Stimme hallte leise an der kahlen Wand entlang. Emilia war inzwischen in ihr Zimmer verschwunden – wahrscheinlich, um den Algenfressern von den Neuankömmlingen zu erzählen.

Helen hatte das Zimmer oben am Ende des Flurs für sie vorbereitet. Früher war es ihr Büro gewesen, hatte Greg auf der Hinfahrt erklärt, als sie über die Zimmeraufteilung gesprochen hatten. „Groß genug für zwei“, hatte er gesagt. „Und mit einem schönen Fenster. Lichtdurchflutet.“

June hatte bei dem Wort „lichtdurchflutet“ schon geahnt, was sie erwartete. Ein Raum, wie man ihn in Immobilienportalen anpreist. Kein Ort zum Ankommen, eher eine funktionale Übergangslösung.

Sie griff zur Türklinke, zögerte kurz, dann öffnete sie.

Das Zimmer war rechteckig und hell, das stimmte. Klares, fast klinisches Licht fiel durch das breite Fenster. Zwei Betten standen an gegenüberliegenden Wänden, ordentlich bezogen mit weißen Laken, glatt wie in einem Hotel, in dem niemand schläft. Dazwischen ein schmaler Teppich in blassem Blaugrau, so akkurat ausgerichtet, dass June ihn am liebsten schief getreten hätte. Zwei identische Schreibtische aus hellem Holz, zwei leere Bücherregale. An den Wänden: nichts. Kein Poster, keine Klebespuren, kein Nagel, nicht einmal ein winziges Loch. Nur makellose, glatte Fläche.

Ein einziger Gegenstand erinnerte an die Vergangenheit des Raumes: ein abschließbarer Aktenschrank in der Ecke. Auf dem obersten Fach klebte ein Etikett. „Jahresplan 2022“. Wie ein Mahnmal aus einer anderen Zeit.

„Wow“, sagte Mira leise. „Gemütlich wie ein Zahnarztwartezimmer.“

June trat langsam ein. Der Boden fühlte sich seltsam stumm an unter ihren Schuhen. Die Luft roch nach Papier, nach Tonerstaub, und nach dem Reinigungsmittel, das Helen offenbar in Fünf-Liter-Kanistern kaufte.

Sie ließ ihre Tasche auf eines der Betten fallen, das Geräusch viel zu laut für die Stille im Raum. Dann setzte sie sich auf die Kante, vorsichtig, als könnte sie etwas stören.

„Sieht aus, als dürften wir hier nicht atmen, ohne vorher die Hausordnung zu unterschreiben“, murmelte sie.

Mira war schon dabei, die Jalousien hochzuziehen. „Okay, das Fenster ist echt groß“, sagte sie. „Man kann fast den Sportplatz sehen. Da unten trainiert Noah manchmal, oder?“

June zuckte mit den Schultern. „Bestimmt.“ Ihre Stimme klang, als käme sie von irgendwo anders. Sie hatte das Gefühl, ihr Körper sei hier – aber ihr Kopf noch unterwegs, auf dem Gehweg zwischen alter Wohnung und dieser Vorstadthölle, in der sogar die Teppiche Regeln hatten.

Mira ließ sich aufs andere Bett fallen und sah zur Decke. „Ich finde, wir brauchen Lichterketten. Und Poster. Vielleicht ein Teppich, der nicht aussieht wie aus einem Konferenzraum.“

June grinste schief. „Und ein Türschild mit ‘Bitte nicht mit Hausschuhen betreten’.“

Einen Moment lang war es still. Nicht unangenehm. Nur neu.

Dann fragte Mira: „Denkst du, es wird komisch mit den anderen?“

„Komisch? Definitiv. Kompliziert? Wahrscheinlich. Katastrophal? Hoffentlich nicht.“

June schüttelte den Kopf, aber das Lächeln blieb auf ihren Lippen hängen. Vielleicht war das der wahre Anfang. Nicht die Umarmung an der Tür. Nicht das sterile Zimmer. Nicht das perfekte Haus.

Sondern dieser Moment. Zwei Schwestern. Auf zwei fremden Betten. In einem alten Büro, das lernen musste, ein Zuhause zu werden.

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Compelling Plot

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Strong Dialog

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author

Definitiv eine Szene mit Konfliktpotential, aber auch mit Raum zur Entwicklung.

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