Was, wenn die Flicken nicht passen?
Als der alte Kombi in die Einfahrt rollte, war es still im Auto. Kein Streit, keine Musik, nicht einmal ein mĂźdes Seufzen. Nur das leise Rattern des Motors und das Knistern der Spannung, die Ăźber den Vordersitzen hing wie Nebel vor einem Sommergewitter.
Greg drehte das Radio leise herunter, obwohl es schon kaum zu hĂśren war. âNa, Mädelsâ, sagte er mit einem Grinsen, das ein bisschen zu sorglos wirkte. âBereit fĂźr das Abenteuer Patchwork?â
June sah nicht von der Fensterscheibe auf. Sie hatte die Nachbarschaft schon seit drei StraĂen beobachtet: perfekt geschnittene Hecken, Einfamilienhäuser mit sauberen Vorgärten, kein MĂźll, keine Graffitis. Die Autos standen ordentlich nebeneinander, als hätte jemand sie ausgemessen. Ganz anders als die Altbauwohnung, in der sie aufgewachsen waren. Dort, wo das Leben manchmal laut, manchmal chaotisch, aber immer irgendwie echt gewesen war.
âPatchwork ist, wenn man aus Flicken etwas SchĂśnes macht, oder?â, fragte Mira von der RĂźckbank. âWas, wenn die Flicken nicht zusammenpassen?â
Greg lachte leise. Aber June spĂźrte, dass selbst er keine echte Antwort hatte.
Es war Gregs Entscheidung gewesen, zu Helen zu ziehen. âLangfristige Stabilitätâ, hatte er gesagt. âFĂźr euch beide.â
June freute sich fßr ihren Vater. Wirklich. Zehn Jahre lang hatte er niemanden an sich herangelassen, seit ihre Mutter sie verlassen hatte. Einfach so, ohne Erklärung, ohne Nachricht, ohne ein letztes Wort. Da war June gerade sechs gewesen. Und Mira noch zu klein, um sich wirklich zu erinnern. Aber June erinnerte sich. An das leere Frßhstßcksglas. An Greg, der stundenlang ins Telefon starrte. An das Schweigen.
Jetzt hatte er wieder jemanden. Und June gÜnnte es ihm. Eigentlich. Wäre es nur nicht ausgerechnet Helen gewesen.
Die Direktorin ihrer Schule. Die Frau, deren Stimme im Lehrerzimmer klang wie eine Durchsage ßber das ganze Gebäude. Die Frau, die ßber Gremien, Pläne und Bewertungen sprach wie andere Menschen ßber Familienfeste. Und die jetzt, ganz offiziell, Teil ihrer eigenen Familie war.
Mit ihren perfekten Kindern. Leyla, beliebt, zuverlässig, organisiert. June mochte sie sogar. Irgendwie. Auch wenn sie kaum Kontakt hatten. Man grĂźĂte sich. Mehr nicht. Und Noah. Jeder kannte Noah. FuĂballstar. Schulidol. Der mit den perfekten blonden Haaren, dem schiefen Grinsen und den Augen, die immer zu wissen schienen, dass man hinsah. Er hatte vermutlich keine Ahnung, dass June Ăźberhaupt existierte.
Und das war ihr auch gerade recht. Sie zog es vor, unauffällig zu bleiben. Keine Angriffsfläche. Kein Risiko.
Ganz anders als Mira. Ihre kleine Schwester war Licht in Bewegung. Offen, laut, neugierig. June liebte das an ihr und beneidete sie dafßr. Diese Fähigkeit, sich einem neuen Raum einfach hinzuwerfen, als hätte sie nie etwas anderes gekannt.
Stattdessen saĂ sie da, in diesem Auto, das nach Umzug roch und nach Abschied. Und dachte daran, wie ausgerechnet die Frau, die frĂźher schon ihr Leben kontrolliert hatte, nun auch Ăźber ihr Zuhause bestimmen wĂźrde.
Helen stand bereits in der Tßr. Gerader Rßcken, streng zusammengebundene Haare, die Arme ßber der Brust verschränkt. Ihre Tochter Leyla lehnte an der Wand daneben. Wie ihr Bruder hatte sie glänzend blonde Haare und gehÜrte zu den beliebten Schßlern der Schule. Wahrscheinlich war das vor allem Noah zu verdanken. June war ßberzeugt, dass Leyla sich nichts aus der Beliebtheit machte. Sie wollte einfach nur sich selbst gefallen.
âIhr seid spätâ, sagte Helen, als Greg ausstieg.
âVerkehrâ, antwortete er und umarmte sie. Helen lieĂ es zu. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es war genau die Art von Umarmung, die June erwartet hatte. Korrekt, kontrolliert, kalkuliert.
âWillkommenâ, sagte Leyla und umarmte Greg und die Schwestern. âIch hoffe, der Abschied war nicht zu schwerâ, sagte sie zu June, die nur leicht nickte.
June bemerkte Leylas bemĂźhten Ton. Es war keine Ăźberschwängliche Umarmung, aber sie war ehrlich gemeint. Inmitten all der Unsicherheit war es ein kleiner Moment, der Wärme in sich trug. Ein Versuch, der ankam. Und June schätzte ihn. So sehr sie sich auch vorgenommen hatte, auf Abstand zu bleiben, ein Teil von ihr registrierte das BemĂźhen, sie willkommen zu heiĂen. Vielleicht nicht ganz zu Hause, aber zumindest nicht unerwĂźnscht.
Der Hausflur war lang, sauber und ein kleines bisschen zu still. June war oft in Helens Nähe gewesen, bei Schulfesten, Elternabenden, Konferenzen, aber noch nie in ihrem Haus. Alles hier wirkte so angepasst. Glatte Oberflächen, kalte Farben, keine Fotos an den Wänden, kein Zeichen von Chaos oder Kindheit. Nur Struktur. Ordnung. Disziplin. Genau das, wofßr Helen auch in der Schule stand.
Eine Sache, die Helen nicht kontrollieren konnte, war der Autounfall vor drei Jahren. Ihre Cousine und deren Mann waren auf dem Weg zu einem Konzert gewesen, als es passierte. Die Kinder hatten bei Helen Ăźbernachtet, so wie schon oft, wenn ihre Eltern abends unterwegs waren. Doch diesmal kamen die Eltern nicht zurĂźck. Innerhalb eines Tages war aus einem ruhigen Haushalt ein ĂźberfĂźllter geworden. Helen hatte die beiden Kinder aufgenommen, ohne zu zĂśgern. Vielleicht, weil es niemand sonst tat. Vielleicht, weil es von ihr erwartet wurde. June wusste es nicht. Und vielleicht wusste Helen es selbst auch nicht genau.
Was June aber spĂźrte, war die Konsequenz daraus. Die strenge Ordnung, die klaren Regeln, die minutiĂśse Planung, all das schien wie ein unsichtbares GerĂźst, das Helen aufgestellt hatte, um das Chaos drauĂen zu halten. Um zu funktionieren. Um alle unter ein Dach zu bringen, ohne dass etwas zusammenbrach. Vier Kinder groĂzuziehen, zwei davon nicht ihre eigenen, und gleichzeitig eine Schule zu leiten, das lieĂ keinen Raum fĂźr Spontanität. Ordnung war Helen nicht nur wichtig. Sie war notwendig.
June kannte ihre neue Mitbewohnerin Lisa natßrlich vom Sehen, vom Flßstern auf den Gängen, von der Rangliste der besten Schßler. Lisa war in derselben Stufe wie Noah und immer auf Platz eins. Und June? Eher irgendwo in der Mitte, zwischen nicht auffällig und ganz okay. Sie hatten nie miteinander gesprochen. Zu unterschiedlich, zu wenig Berßhrungspunkte.
Ein Paar Schuhe klackten oben auf der Treppe. Lisa. Ihre kupfernen Haare lagen wie immer perfekt Ăźber ihrer Schulter, ihre Kleidung war makellos gebĂźgelt, ohne eine einzige Falte. June sah an sich herunter, auf ihren groĂen, verwaschenen Hoodie, und bemerkte wieder, wie verschieden ihre Welten waren.
In der spiegelnden Glasfläche eines Schranks sah June ihr eigenes Spiegelbild. Ihre dunkelbraunen Haare lagen wirr ßber ihren Schultern, der Pony leicht verschoben. Ein paar Strähnen klebten noch vom Schlaf. Unter ihren Augen zeichnete sich ein Schatten ab, und der Eyeliner vom Vortag hatte sich in zwei blasse Linien verwandelt, die mehr an Mßdigkeit als an Rebellion erinnerten. Ihre Jogginghose hatte einen kleinen Kaffeefleck auf dem Oberschenkel und ein kaum zuzuordnendes etwas am Knie. Sie sah aus wie jemand, der nicht eingeladen worden war, sondern vergessen wurde zu fragen. Und vielleicht war das genau das, was sie gerade fßhlte.
âHeyâ, sagte Lisa, als sie die beiden Schwestern sah. Keine Umarmung, kein Lächeln, aber immerhin keine Abweisung. âWillkommen im System Helen.â
âHiâ, antwortete June zĂśgerlich. Lisa war nicht unhĂśflich, nur effizient. Ihre Worte wirkten wie akkurat gesetzte PuzzlestĂźcke. Nicht zu viel, nicht zu wenig.
âWir sehen uns ja fast jeden Tag in der Schuleâ, fĂźgte Lisa hinzu.
âJaâ, sagte June, obwohl sie es natĂźrlich ganz genau wusste.
âGenau. Wir teilen uns jetzt das Bad. FrĂźh aufstehen hilft.â
Dann wandte sie sich Mira zu. âUnd du bist in Emilias Klasse, oder?â
Emilia war die kleine Schwester von Lisa, genau wie Mira vierzehn Jahre alt.
âJa. Also⌠so ungefährâ, sagte Mira und wirkte plĂśtzlich etwas kleiner, als sie war.
Mira schnupperte auffällig. âRiecht wie in so einem schicken Hotelâ, flĂźsterte sie.
âOder in einem Krankenhausâ, murmelte June zurĂźck. Mira kicherte.
Da kam Emilia den Flur entlang gerannt. Lockenmähne, groĂe Augen, pinkes Glitzeranime-Shirt, voller Energie.
âMira! Du wohnst jetzt wirklich hier?! Das ist sooo cool! Dann kĂśnnen wir Hausaufgaben zusammen machen! Oder Ăźber die Mathelehrerin lästern!â
âNur wenn du mir hilfst, die zu Ăźberlebenâ, sagte Mira trocken.
June beobachtete sie. Auch Emilia kannte sie vom Sehen. Oft hatte sie sich Ăźber deren unerschĂśpfliche Energie gewundert. Jetzt waren sie plĂśtzlich Familie.
âNoah kommt späterâ, warf Lisa noch Ăźber die Schulter ein. âTraining wie immer.â
âOb das hier auch nach Neonfisch riecht?â, murmelte Mira, als sie hinter June die schmale Treppe hinaufstieg. Ihre Stimme hallte leise an der kahlen Wand entlang. Emilia war inzwischen in ihr Zimmer verschwunden â wahrscheinlich, um den Algenfressern von den NeuankĂśmmlingen zu erzählen.
Helen hatte das Zimmer oben am Ende des Flurs fĂźr sie vorbereitet. FrĂźher war es ihr BĂźro gewesen, hatte Greg auf der Hinfahrt erklärt, als sie Ăźber die Zimmeraufteilung gesprochen hatten. âGroĂ genug fĂźr zweiâ, hatte er gesagt. âUnd mit einem schĂśnen Fenster. Lichtdurchflutet.â
June hatte bei dem Wort âlichtdurchflutetâ schon geahnt, was sie erwartete. Ein Raum, wie man ihn in Immobilienportalen anpreist. Kein Ort zum Ankommen, eher eine funktionale ĂbergangslĂśsung.
Sie griff zur TĂźrklinke, zĂśgerte kurz, dann Ăśffnete sie.
Das Zimmer war rechteckig und hell, das stimmte. Klares, fast klinisches Licht fiel durch das breite Fenster. Zwei Betten standen an gegenĂźberliegenden Wänden, ordentlich bezogen mit weiĂen Laken, glatt wie in einem Hotel, in dem niemand schläft. Dazwischen ein schmaler Teppich in blassem Blaugrau, so akkurat ausgerichtet, dass June ihn am liebsten schief getreten hätte. Zwei identische Schreibtische aus hellem Holz, zwei leere BĂźcherregale. An den Wänden: nichts. Kein Poster, keine Klebespuren, kein Nagel, nicht einmal ein winziges Loch. Nur makellose, glatte Fläche.
Ein einziger Gegenstand erinnerte an die Vergangenheit des Raumes: ein abschlieĂbarer Aktenschrank in der Ecke. Auf dem obersten Fach klebte ein Etikett. âJahresplan 2022â. Wie ein Mahnmal aus einer anderen Zeit.
âWowâ, sagte Mira leise. âGemĂźtlich wie ein Zahnarztwartezimmer.â
June trat langsam ein. Der Boden fĂźhlte sich seltsam stumm an unter ihren Schuhen. Die Luft roch nach Papier, nach Tonerstaub, und nach dem Reinigungsmittel, das Helen offenbar in FĂźnf-Liter-Kanistern kaufte.
Sie lieà ihre Tasche auf eines der Betten fallen, das Geräusch viel zu laut fßr die Stille im Raum. Dann setzte sie sich auf die Kante, vorsichtig, als kÜnnte sie etwas stÜren.
âSieht aus, als dĂźrften wir hier nicht atmen, ohne vorher die Hausordnung zu unterschreibenâ, murmelte sie.
Mira war schon dabei, die Jalousien hochzuziehen. âOkay, das Fenster ist echt groĂâ, sagte sie. âMan kann fast den Sportplatz sehen. Da unten trainiert Noah manchmal, oder?â
June zuckte mit den Schultern. âBestimmt.â Ihre Stimme klang, als käme sie von irgendwo anders. Sie hatte das GefĂźhl, ihr KĂśrper sei hier â aber ihr Kopf noch unterwegs, auf dem Gehweg zwischen alter Wohnung und dieser VorstadthĂślle, in der sogar die Teppiche Regeln hatten.
Mira lieĂ sich aufs andere Bett fallen und sah zur Decke. âIch finde, wir brauchen Lichterketten. Und Poster. Vielleicht ein Teppich, der nicht aussieht wie aus einem Konferenzraum.â
June grinste schief. âUnd ein TĂźrschild mit âBitte nicht mit Hausschuhen betretenâ.â
Einen Moment lang war es still. Nicht unangenehm. Nur neu.
Dann fragte Mira: âDenkst du, es wird komisch mit den anderen?â
âKomisch? Definitiv. Kompliziert? Wahrscheinlich. Katastrophal? Hoffentlich nicht.â
June schßttelte den Kopf, aber das Lächeln blieb auf ihren Lippen hängen. Vielleicht war das der wahre Anfang. Nicht die Umarmung an der Tßr. Nicht das sterile Zimmer. Nicht das perfekte Haus.
Sondern dieser Moment. Zwei Schwestern. Auf zwei fremden Betten. In einem alten BĂźro, das lernen musste, ein Zuhause zu werden.



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Definitiv eine Szene mit Konfliktpotential, aber auch mit Raum zur Entwicklung.