Die Begegnung
Luana
"Lu, du musst aufwachen schätzchen." Mit sanfter Stimme weckt mich meine Mutter aus dem Schlaf. Allein das ist schon sehr verdächtig - Maria war noch nie so zärtlich zu mir.
"Wir haben Besuch, den ich dir gerne vorstellen möchte. Ich habe dir etwas zum Anziehen hingelegt. Kämm dir bitte noch die Haare, bevor du zu uns ins Wohnzimmer kommst, mein Engel." Damit verschwindet sie, und mir ist sofort klar: Es ist besser, zu tun, was sie sagt.
Ich richte mich auf, noch ganz benommen, und ziehe das weiße, luftige Kleid an, das bis zu den Knien reicht. Dann fahre ich mir mit der Bürste durch die Haare und verlasse mein Zimmer etwa fünf Minuten später. Müde trotte ich die Treppe hinunter. Erst jetzt bemerke ich, dass es draußen noch stockdunkel ist. Es kann unmöglich schon morgen sein.
Am Eingang zum Wohnzimmer bleibe ich stehen. Ein Mann sitzt Maria gegenüber auf unserer Ledersofalandschaft, zwischen ihnen der Couchtisch mit einer Vase voller wilder Blumen. Der Raum wird nur schwach von der Stehlampe links neben dem Mann beleuchtet. Ich bleibe wie angewurzelt stehen. Mein Bauchgefühl verrät nichts gutes.
Maria dreht sich in ihren Sitz zu mir um. Erst funkelt sie mich böse über die Schulter an, sodass der Mann es nicht sehen kann. - Dann lächelt sie plötzlich und dreht sich beim sprechen zurück.
"Lu, das ist Alec, ein alter Freund. Geh bitte und begrüße ihn, wie es sich gehört, anstatt nur herumzustehen"
Mir wird schlecht, aber tue, was sie verlangt.
Mit vorsichtigen Schritten gehe ich auf diesen Mann zu. Er ist groß, schlank, wirkt fast ein wenig einschüchternd. Dunkelbraunes, kurzes Haar, sehr blasse Haut. Als ich näher komme, erkenne ich seine markanten Gesichtszüge. Sein Blick verrät nichts - doch seine Augen.... Blau wie der Ozean. Wunderschön und tief. Ich kann kaum wegsehen.
"Hey ich heiße Lu. Freut mich, sie kennen zu lernen", sage ich leise sehr zögerlich und strecke meine Hand entgegen.
Er lächelt - nur ganz kurz -, dann ergreift er meine Hand. Sein Griff ist kalt und fest.
Ich will am liebsten fliehen - Doch zeitgleich fühle ich mich sicher und geborgen.
"So, jetzt musst du aber wieder ins Bett. Verabschiede dich brav", ruft Maria freundlich - aber mit diesem gewohnt kaltem Unterton.
Warum zur Hölle musste ich überhaupt aufstehen? Musste ich mich wirklich nur zeigen? Ich nicke stumm, drehe mich um und gehe zur Tür. Kurz schaue ich noch einmal zurück und winke. Alec sieht mir direkt in die Augen - ohne zu blinzeln. Ich spüre seinen Blick noch bis ich außer Sicht bin. Der Kerl jagt mir einen Schauer über den Rücken.
Maria
Ich wartete noch einen kleinen Moment, bis ich sicher bin, dass Lu zurück in ihrem Zimmer ist. "Mr Royce, ich habe ihnen gezeigt, was ich hier alles an Wert zu bieten habe. Kommen wir nun zum Geschäftlichen?"
"Maria, wozu wollen sie denn überhaupt das V-Blut haben? Und wie haben sie überhaupt von der Existex erfahren?" Diese Fragen kommen mir plausibel vor, und versuche, ruhig eine Antwort zu finden. Ich genehmige mir einen Schluck Wasser - zum Nachdenken.
"Nun, ich möchte Leben. Seit einer Weile weiß ich von den Ärzten, dass ich Krebs habe - eine Form die man nicht behandeln kann." Niedergeschlagen berichte ich dem Vampir die Sachlage.
"Maria, ich verstehe sie, aber ich kann doch nicht jedem ein Heilmittel geben. Zumal wir Vampire nicht gejagt werden wollen. Wie können wir Sicher sein, dass keine fragen gestellt werden?" Er sagt es so beiläufig - ohne verziehen einer Miene.
Ich habe Angst vor dem Tod und würde ihm alles geben. Einfach, damit ich leben kann.
"Den einwand verstehe ich gut. Mein Krebs ist noch im frühstadium - es wäre nicht verwunderlich für Ärzte, wenn dieser plötzlich verschwindet. Bieten kann ich allerdings nicht viel." Bei der Aussage lasse ich noch ein paar Krokodilstränen fallen.
"Was genau können sie mir denn geben Maria?" Seine Augen leuchten in einem düsteren rot auf - kalter Schweiß krabbelt meinen Rücken hinab.
"Meine Tochter. Ich kann ihnen meine Tochter geben," kommt es aus meinem Mund.
"Sie wollen mir ihre Tochter geben. Sie ist wirklich niedlich, aber sehr jung. Wie alt genau ist das Mädchen?" Für einen Moment schließt er die Augen.
"Vierzehn ist sie. Im Dezember wird sie fünfzehn." So sehr hoffe ich, dass er sie einfach mitnimmt - und ich einfach leben kann. Ohne Kind.
"Okay, wir machen das so: Ich akzeptiere ihre Tochter im austausch für das Blut. Doch ich nehme sie noch nicht mit. In so jungem Alter trenne ich Kind und Mutter nicht. Ich übernehme ab heute die kosten von Lu - für ihre Bildung, Kleidung und alles, was sie braucht. Ihnen sollte allerdings bewusst sein, dass Lu jetzt mein Kind ist - und Sie sich entsprechend um sie kümmern müssen."
Das klang eher wie ein Befehl. "In Ordnung, Mr. Royce. Lu ist ab heute Abend ihr Kind, und ich kümmere mich um sie. Gibt es etwas, worauf ich achten sollte?"
"Nein. Ab und an werde ich mal vorbeischauen und nach Lu sehen. Die Zeit wird zeigen, wann ich sie mitnehme." Mit diesen Worten stand er auf, drehte sich um - und verschwindet.
Die Tür steht noch offen. Mein Blick gleitet durchs Wohnzimmer, während ich aufstehe, um sie zu schließen. Nachdem sie sicher verriegelt ist, atme ich tief durch - und entdecke auf dem Tisch ein kleines Fläschen. Das Blut.
Meine Beine tragen mich wie von selbst dorthin. Geistesabwesend schraube ich das Fläschchen auf und kippe es mit Vergnügen hinunter. Ich bin frei vom Kind - und kann endlich mein Leben neu beginnen. Ganz ohne Verantwortung.