Kapitel 1
Kapitel 1
„Anne, komm schon! Du musst mit beiden Augen schießen!“, sagte ihr älterer Bruder Daniel. Ich fokussierte mich auf das Ziel mit beiden Augen. Gut zehn Meter vor mir hatten die Stallburschen Heuballen aufgestapelt. Daniel hatte vier rostige Konservendosen daraufgestellt und mir das alte Jagdgewehr unseres Großvaters in die Hand gedrückt. Mein erster, unbeholfener Schuss fuhr zwischen den Dosen hindurch. Der zweite streifte immerhin eine der Dosen, sodass sie ein wenig erzitterte, ohne jedoch umzufallen. „Bruder, ich verstehe nicht, warum ich schießen lernen soll! Ich bin ein Mädchen und dazu gerade zehn Jahre alt!“ „Anne, ich kann nicht immer auf dich aufpassen. Ich bin zwar dein großer Bruder, aber du weißt, es gibt Situationen, da muss ich auf Mission für unser Land! Du musst lernen, dich zur Wehr zu setzen. Auch als Frau muss man sich verteidigen können. Das Leben ist nicht fair und kann manchmal richtig hart sein!“ Ich schüttelte den Kopf. Mein Bruder meinte es sicherlich gut, doch ich hielt seine Bemühungen für überzogen. Vor einigen Wochen hatte er begonnen, mir das Schießen beizubringen. Daneben wollte er mich für Kampfsport begeistern und brachte mir ein paar „Moves“ zur effektiven Selbstverteidigung bei. Ich lernte die Schwachstellen der männlichen Anatomie kennen und wusste, wo ein Tritt landen musste, um einen Gegner schnell außer Gefecht zu setzen. Meinem Bruder zuliebe gab ich mir alle Mühe als Kampfsportschülerin und Hobby-Schützin. Leider sah ich Daniel in letzter Zeit nur noch selten. Seitdem er als Bundeswehrsoldat in eine Spezialeinheit berufen wurde, fand er kaum noch freie Zeit für sich und die Familie. Manchmal war er monatelang weg, auf Mission irgendwo im Ausland: Baltikum, Naher Osten, Afrika. Wenn er dann mal für ein, zwei Wochen zuhause war, nahm er sich Zeit, um meine „Ausbildung fortzusetzen“, wie er es zu nennen pflegte. Unseren Eltern war es egal. Ich stand von klein auf im Schatten meines großen Bruders. Die Eltern investierten all ihre Zeit in den Bauernhof. Daniel war als Erstgeborener ihr ganzer Stolz, wurde gehegt, gepflegt und gefördert, um nicht zu sagen gehätschelt. Doch eins musste man ihm lassen: Er hatte etwas aus sich gemacht: Einser-Abitur, Studium und Offizierskarriere bei der Bundeswehr, schließlich Qualifikation für die Spezialeinheit, die nur die „Besten der Besten“ erreichten. Ich war wohl nicht geplant, ein „Unfall“ und dann auch noch ein Mädchen. Meine Eltern hatten mich von Anfang an spüren lassen, dass ich aus ihrer Sicht zu „nichts zu gebrauchen“ war. In ihrer antiquierten Weltsicht hatten Mädchen keinen Platz. Sie brachten nicht die nötige Kraft auf, um auf dem Acker oder im Stall wirklich von Nutzen zu sein. Meine Mutter verbrachte den lieben langen Tag mit Kochen und Backen. Sie war eine unterwürfige Ehefrau und tat alles, was mein Vater von ihr verlangte. Ich war das fünfte Rad am Wagen und traute mich kaum, eigene Bedürfnisse, geschweige denn Wünsche anzumelden. Es war mein Bruder, der mir ab und zu neue Kleider kaufte oder mir etwas Taschengeld zukommen ließ, mit dem ich mir neues Schulmaterial leisten konnte. In der Schule kam ich gut voran, schrieb Bestnoten und hatte viele Freunde. Ich bewunderte die Lehrkräfte, besonders jene, die ihren Beruf mit Herz und Seele ausübten. Vermutlich war dies mit ein Grund, weshalb ich mir schon früh über meinen eigenen Berufswunsch klar wurde: Ich wollte selbst eine gute und engagierte Lehrerin werden. „Anne, konzentriere dich jetzt endlich!“, ermahnte mich Daniel auf unserem improvisierten Schießstand. Morgen hatte er Geburtstag, schon seinen fünfundzwanzigsten. Wieder fixierte ich die Dosen und zielte über Kimme und Korn. Mein Atem ging gleichmäßig und beim nächsten Ausatmen schoss ich. Der Schuss traf eine der Dosen mittig. Seit einigen Tagen verzeichnete ich echte Fortschritte. „Sehr gut, Schwesterchen! Ich denke, es ist genug für heute. Lass uns was essen gehen!“. Wir gingen in die Küche, wo der Esstisch bereits gedeckt war. Ich setzte mich neben Daniel und wartete, bis ich an der Reihe war. Vater bekam sein Essen immer zuerst, danach mein Bruder, dann Mutter und schließlich durfte ich als Letzte meinen Teller füllen. Es gab frisch gebackenes Bauernbrot und der Tisch war reich gedeckt mit Wurst, Käse und verschiedenen Brotaufstrichen; dazu Gemüse wie Gurken, Karotten, Tomaten und Paprika aus eigenem Anbau. Ich hatte einen Bärenhunger und verschlang mein Essen in Rekordzeit. Dann machte ich mir noch ein Brot zurecht, um es für später mit auf mein Zimmer zu nehmen, als die sonore Stimme meines Vaters mich schreckte. „Du hilfst nicht auf dem Hof, kannst aber essen für zwei! Sollen wir dich ein Leben lang durchfüttern?“ Dabei schaute er mich hasserfüllt an. Ich legte die Hände in den Schoß und senkte mein Haupt, als hätte ich etwas getan, wofür ich mich schuldig fühlen müsste. „Vater, Anne ist auch deine Tochter! Ich liefere regelmäßig Geld nach Hause ab. Da sollte doch wohl Kost und Logis für meine jüngere Schwester gedeckt sein!“, sagte Daniel nun mit aufgebrachter Stimme in Richtung des Vaters. Mutter blickte betreten zu Boden und legte mir unmerklich eine neue Brotscheibe auf den Teller. Ich blickte sie an, dann meinen Vater und zum Schluss meinen Bruder. Daniel strahlte mich an und nickte mir ermutigend zu. Ich liebte meinen Bruder und hatte mitunter das Gefühl, dass er alles war, was mir von meiner „Familie“ noch übriggeblieben war. Wir teilten uns ein Zimmer, trotz unseres erheblichen Altersunterschieds von fast 15 Jahren. Es machte uns nichts aus. Am nächsten Tag trafen wir uns am frühen Nachmittag wieder in der Scheune zu den obligatorischen Schießübungen. Danach stand eine Trainingseinheit in Selbstverteidigung auf dem Programm. Daniel zeigte mir, wie ich mich mit einem Messer gegen Angreifer wehren oder einen Erwachsenen durch einen Tritt in die Beine zu Fall bringen konnte, obwohl ich noch ein Kind war. Anfangs musste ich mich jedes Mal überwinden. Doch je mehr Fortschritte ich machte, desto mehr Freude bereitete mir das gemeinsame Training. Vielleicht lag es auch schlicht daran, dass ich so die gemeinsame Zeit mit meinem Bruder genießen konnte. Es war unklar, wann er für die nächste Mission berufen würde. Wenn der Befehl kam, ging es immer recht schnell. Er packte seinen Armeerucksack und war für die nächsten Wochen oder gar Monate weg von zuhause. Ich saß tagelang am Briefkasten und hoffte auf Post von ihm. Er bemühte sich, mir regelmäßig aus dem Ausland zu schreiben, doch die Post benötigte manchmal mehrere Wochen, bis seine Briefe ankamen. Jedes Mal war ich froh und erleichtert, wenn ich seinen Brief in Händen hielt. Es war schließlich ein Lebenszeichen! Meine größte Angst war, dass er von einem Einsatz nicht mehr zurückkehren würde. Die Wochen und Monate vergingen, ohne dass er einen neuen Einsatzbefehl erhielt. Wir kosteten jede freie Minute unserer gemeinsamen Zeit aus, trainierten täglich und erzielten merkliche Fortschritte. Mein junger Körper wurde stärker, Ausdauer und Fitness verbesserten sich spürbar. Der Muskelkater wurde zum täglichen Begleiter, bis ich ihn kaum mehr spürte. In früheren Tagen hatte ich nach dem Training erhebliche Probleme, auch nur meine Schultasche zu tragen. Jetzt war ich im Sportunterricht allen Mädels voraus und konnte sogar mit den Jungs konkurrieren. Es kam der Tag unseres monatlichen Kinobesuchs. Bereits im Vorschulalter hatte mein Bruder diesen regelmäßigen Kinotag eingeführt und sich, wann immer möglich, daran gehalten. Ich kannte sämtliche Kinderfilme meiner Generation sowie etliche Dokumentationen über Tiere und Naturphänomene. Heute lief der erste Teil der Harry-Potter-Reihe mit dem Titel „Harry Potter und der Stein der Weisen“. Ich war begeistert! Der Film hatte mich im positiven Sinne aufgekratzt und ich war froh, dass wir nach dem Kino nicht gleich nach Hause gingen. Wir fuhren zum nächstgelegenen McDonalds und Daniel spendierte mir ein „Happy Meal“. Ich genoss jeden Bissen und verschlang regelrecht die Tüte salziger Pommes. Als wir wieder im Auto saßen, eröffnete Daniel mir die traurige Wahrheit. „Anne, ich bin zu einer Auslandsmission einberufen worden. Das ist unser letzter gemeinsamer Abend. Morgen geht mein Zug zur Kaserne und schon übermorgen werde ich im Flieger nach Afghanistan sitzen.“ „Wie lange wirst du weg sein“, fragte ich mit banger Erwartung auf seine Antwort. „Der Einsatz ist auf eine Dauer von mindestens zwei Jahren angelegt“, sagte Daniel. Sein betretener Gesichtsausdruck zeigte, dass er wusste, wie sehr mir seine Offenheit wehtun würde. Und tatsächlich wurde mir augenblicklich schlecht. Die Vorstellung, zwei Jahre ohne meinen Bruder auskommen zu müssen, verursachte mir Übelkeit. Ich musste an mich halten, um das gerade verdrückte Essen nicht gleich wieder herauszuwürgen. Und dann auch noch Afghanistan. Ich wusste so gut wie nichts über dieses Land, nur dass es irgendwo am Ende der Welt lag. Daniel nickte mir aufmunternd zu. „Ich werde dir schreiben, Kleines, so oft ich kann!“, sagte er und streichelte mir über den Kopf. Am späteren Abend gingen wir schweigend zu Bett. Ich hatte Mühe einzuschlafen. Es war mir ein Rätsel, wie mein Bruder so schnell einschlafen konnte, in dem Wissen, dass er tags darauf tausende Kilometer weit weg in den Krieg ziehen musste. Am nächsten Morgen ging alles recht schnell. Daniel packte seine sieben Sachen und verbrachte noch eine gute Stunde mit mir am Schießstand in der Scheune. Als die Abreise näher rückte, verabschiedete er sich von den Eltern und nahm ihnen, wie schon die letzten Male, das Versprechen ab, sich gut um mich zu kümmern. Dann flossen Tränen und als ich ihn ein letztes Mal umarmte, war es so, als wollte ich ihn nie wieder loslassen. Ich blickte seinem Auto nach lange nach, bis es schließlich hinter dem Horizont verschwand.