Kapitel 1 Sonnenstrahlen über dem Comer See
Die sanfte Brise, die durch das geöffnete Fenster wehte, brachte den Duft von frischem Kaffee und die leisen Geräusche der geschäftigen Via Roma mit sich. Isabella schloss kurz die Augen, ein Lächeln auf den Lippen, und spürte noch immer die Wärme der italienischen Sonne auf ihrer Haut. Sie war gerade erst in ihr kleines, aber elegantes Büro zurückgekehrt, das sich in einem historischen Gebäude unweit des Comer Sees befand, und noch immer schwebte sie auf einer rosaroten Wolke. Der Urlaub mit Massimo war alles gewesen, was sie sich erträumt hatte – und noch viel mehr. „Na, du Träumerin! Wieder im Hier und Jetzt angekommen?“, erklang Annas fröhliche Stimme. Ihre beste Freundin und Assistentin, Anna, stand im Türrahmen, die Hände in die Hüften gestemmt, ein wissendes Grinsen im Gesicht. Anna war das genaue Gegenteil von Isabellas klassischer Eleganz: Ihre kurzen, feuerroten Haare waren wild zerzaust, ihre leuchtend grünen Augen funkelten vor Energie, und sie trug meist lässige Jeans und bunte Oberteile, die ihre kreative Seele widerspiegelten. Isabella lachte und öffnete die Augen. Ihr eigenes dunkles, glänzendes Haar fiel ihr sanft über die Schultern, als sie den Kopf schüttelte. „Fast! Es war einfach magisch, Anna. Du hättest Massimo sehen sollen. Er hat sich selbst übertroffen!“ Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, die Erinnerungen fluteten nur so durch sie hindurch. „Stell dir vor, eines Abends haben wir ein Boot gemietet, nur für uns zwei. Er hatte eine Flasche unseren Lieblingswein und diese kleinen italienischen Gebäckstücke dabei. Wir sind einfach auf den See hinausgefahren, während die Sonne langsam hinter den Bergen versank und alles in Gold tauchte. Und dann hat er einfach angefangen, mir die schönsten Gedichte vorzulesen – die ich ihm vor Jahren mal geschrieben hatte, und von denen ich dachte, er hätte sie längst vergessen!“ Isabella seufzte wohlig. „Und am letzten Abend… Anna, er hat das ganze Dach eines kleinen Restaurants reserviert, nur für uns! Mit Blick über den See und Kerzenlicht überall. Es war einfach perfekt.“ Sie sah Anna strahlend an, ihre sonst so tiefbraunen Augen leuchteten vor Glück. „Er weiß einfach immer, wie er mich überraschen kann. Ich habe mich noch nie so geliebt gefühlt.“ Anna schmunzelte. „Klingt ganz nach unserem Massimo. Er hat eben ein Händchen dafür, Frauen zu verwöhnen. Du siehst jedenfalls erholter aus, als ich dich je gesehen habe.“ Isabella nickte. „Das bin ich auch. Es war eine Auszeit, die wir beide dringend gebraucht haben. Er war in letzter Zeit so eingespannt mit seinen Geschäften, und ich… ich habe mir einfach gewünscht, wieder mehr Zeit mit ihm allein zu verbringen. Es war, als wären wir wieder frisch verliebt.“ Sie stand auf und ging zum Fenster, blickte auf die belebten Straßen. „Manchmal vergesse ich, wie glücklich ich bin. Ein wunderschönes Zuhause, meine eigene kleine Werbeagentur, und dann Massimo… er ist einfach alles für mich.“ Gerade als Anna etwas erwidern wollte, klopfte es leise an der offenen Tür. Marco, ein junger und ehrgeiziger Junior-Kreativer mit einer Vorliebe für zu enge Anzüge und einer ständig zerzausten Haarpracht, steckte den Kopf herein. „Entschuldigung, Isabella, Anna. Ich wollte nur kurz fragen, ob du schon die Entwürfe für die Rossi-Kampagne gesehen hast? Ich bin ziemlich sicher, dass wir hier einen Volltreffer haben!“ Isabella lachte. „Immer noch so ungeduldig, Marco? Gib mir noch zehn Minuten, dann schaue ich sie mir an. Ich bin gerade erst wieder angekommen und muss noch ein paar Urlaubserinnerungen loswerden.“ Marco grinste entschuldigend. „Kein Problem, nimm dir Zeit! Aber sie sind wirklich gut, versprochen.“ Er zog seinen Kopf zurück, und die Tür schloss sich wieder einen Spalt. „Na, dann“, sagte Anna mit einem Augenzwinkern, „bevor der nächste Horden von hungrigen Kreativen über uns herfällt, solltest du dich vielleicht doch deinem Posteingang widmen, Chefin.“ Isabella seufzte gespielt. „Du hast ja recht. Aber ein bisschen träumen darf man doch noch, oder?“ Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und öffnete ihren Laptop, die strahlenden Erinnerungen an Massimo und den Comer See noch fest in ihrem Herzen. Gerade als Isabella sich in die E-Mails stürzen wollte, die sich während ihres Urlaubs angesammelt hatten, vibrierte ihr Handy auf dem Schreibtisch. Ein Blick auf das Display ließ ihr Herz höherschlagen: Massimo. Ein breites Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, und sie nahm den Anruf mit einem leisen Kichern entgegen. „Hallo, mein Lieber. Vermisst du mich schon? Ich bin noch keine Stunde hier und ertrinke schon in Arbeit“, sagte Isabella liebevoll, während Anna, die gerade Kaffee holte, vielsagend die Augen verdrehte. Massimos tiefe, beruhigende Stimme war wie eine sanfte Welle, die vom anderen Ende der Leitung zu ihr drang. „Schon? Ich habe dich vermisst, seit du heute Morgen das Haus verlassen hast, mia cara. Ich wollte nur sichergehen, dass du gut in der Agentur angekommen bist und dieser Marco dich nicht schon wieder mit seinen 'genialen Ideen' überfällt.“ Ein leises, fast schon besitzergreifendes Knurren lag in seiner Stimme, das Isabella nur zu gut kannte. „Bin ich“, erwiderte sie, „und ja, Marco war schon hier. Aber keine Sorge, ich habe ihn auf später vertröstet. Du bist ja nur eifersüchtig, weil er so enthusiastisch ist und du weißt, dass er mich zum Lachen bringt.“ Isabella neckte ihn, ein spitzbübisches Lächeln auf den Lippen. „Sag mal, du bist doch sicher schon wieder im Büro, oder?“ „Natürlich. Die Arbeit ruft. Aber ich wollte mich vergewissern, dass meine Königin auch sicher auf ihrem Thron sitzt – und niemand sonst ihr zu nahekommt“, neckte er zurück, doch die unterschwellige Ernsthaftigkeit war für Isabella spürbar. „Ich muss jetzt weitermachen. Wir sehen uns heute Abend, ja? Ich freue mich schon darauf, von deinem Tag zu hören.“ „Ich mich auch. Pass auf dich auf, Liebling. Ich liebe dich“, flüsterte Isabella. „Ich dich auch, mehr als alles andere“, Massimos Stimme war warm und voller Zuneigung, bevor er auflegte. Isabella legte das Handy mit einem zufriedenen Seufzer beiseite. Die Gewissheit, dass Massimo nur einen Anruf entfernt war, erfüllte sie mit einem Gefühl der Sicherheit. Mit neuer Energie stürzte sie sich in die Aufgaben des Tages. Kampagnenkonzepte wurden überarbeitet, Präsentationen finalisiert und kreative Briefings vorbereitet. Die Stunden verflogen wie im Flug, während Isabella, ganz in ihrer Arbeit versunken, ihr Gespür für Ästhetik und ihre scharfe Denkweise in jedes Projekt einfließen ließ. Die Werbeagentur „Creare“, ihr Baby, florierte unter ihrer Führung, und der heutige Tag war keine Ausnahme. E-Mails wurden beantwortet, Telefonate geführt, und in hitzigen Brainstorming-Sessions mit ihren Kollegen wurden neue Ideen geboren. Sie verlor sich ganz in der Dynamik des Büros, der kreativen Energie, die jeden Winkel erfüllte. Die Sonne war längst untergegangen und hatte den Comer See in ein tiefes Violett getaucht, als Isabella endlich ihren Computer herunterfuhr. Müde, aber zufrieden, packte sie ihre Tasche. Die Straßen vor dem Büro waren nun stiller, nur noch vereinzelt passierten Autos das alte Gebäude. Sie freute sich auf das warme Abendessen, das Massimo sicher schon vorbereitet hatte, und auf einen gemütlichen Abend zu zweit. Gerade als sie die Bürotür schließen wollte, zerriss ein plötzliches, schrilles Klingeln die Stille der Nacht. Es war ihr Handy. Der Ton war ungewöhnlich scharf, eindringlich – kein vertrauter Klingelton, sondern eine Art Weckruf, der sie jäh aus ihren friedlichen Gedanken riss. Isabellas Hand zitterte leicht, als sie nach dem Gerät griff. Der Anrufer war eine unbekannte Nummer. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, obwohl sie nicht wusste warum. Warum diese plötzliche Beklemmung? Es war nur ein Telefon. Ein Anruf. Nichts Besonderes. Doch dieses Mal war es anders. Eine leise, unbestimmte Angst kroch in ihr hoch, eine Ahnung, die keinen Namen hatte, aber sich wie ein fester Knoten in ihrem Magen festsetzte. Sie atmete tief durch, versuchte, die seltsame Panik zu unterdrücken, und starrte auf das Display, wo die unbekannte Nummer bedrohlich aufleuchtete. Mit zitternden Fingern drückte sie auf das grüne Symbol. „Isabella Moretti?“, fragte eine tiefe, raue Männerstimme. Der Tonfall war ungewohnt ernst, beinahe mechanisch, und ließ Isabellas Herz in ihrer Brust pochen. Die Nummer gehörte nicht zu Massimos Geschäftspartnern, die sie kannte, und auch nicht zu einem ihrer Freunde. „Ja, das bin ich“, antwortete Isabella, ihre eigene Stimme klang dünner, als sie es gewollt hatte. „Wer spricht da?“ Eine kurze Pause entstand, die sich wie eine Ewigkeit anfühlte. Dann sprach die Stimme weiter, nun mit einer Spur von Bedauern, aber noch immer diese unerschütterliche, beängstigende Ruhe: „Mein Name ist Paolo. Ich bin ein... Angestellter von Herrn Moretti.“ Paolo. Der Name ließ Isabellas Magen noch fester zusammenziehen. Sie kannte ihn nur zu gut. Massimos engster Vertrauter, seine rechte Hand, wie Massimo es nannte, wenn Paolo wieder einmal für die Firma bei ihnen zu Hause war. Angeblich, um „wichtige Dokumente“ zu besprechen oder „strategische Pläne“ zu schmieden. In Wahrheit war er Massimos Mann für die dunklen Angelegenheiten, der Mann, der die Fäden der Unterwelt zog. Isabella war ihm oft begegnet, und jedes Mal hatte sie sich unwohl gefühlt. Massimo hatte immer versucht, ihr das Unbehagen zu nehmen, hatte versichert, Paolo sei „ein guter Mann, nur etwas wortkarg“. Er hatte oft liebevoll ihre Hand gedrückt und ihr versichert, dass sie absolut sicher sei, solange er da war. Doch trotz all dieser Liebe und ihrer Gewissheit über Massimos Schutz, hatte er es nie geschafft, ihr das unbestimmte, tiefe Gefühl der Beunruhigung in Paolos Nähe zu nehmen. „Paolo? Ist etwas passiert? Ist mit Massimo alles in Ordnung?“, fragte Isabella, die Panik kroch nun mit kalten Fingern an ihrem Hals hoch. Ihre Kehle schnürte sich zu. Sie spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde und ihre Hände schweißnass wurden. Wieder diese kurze, unerträgliche Stille. „Frau Moretti…“, Paolos Stimme war jetzt sanfter, fast flehend. „Ich habe schlechte Nachrichten. Es gab einen… Zwischenfall. Herr Moretti… er war in einen sehr schweren Unfall verwickelt.“ Isabellas Welt schien sich um sie selbst zu drehen. Die warmen Erinnerungen an den Comer See, an Massimos Lachen, an seine Liebkosungen – alles zerfiel in tausend Scherben. „Unfall? Was für ein Unfall? Ist er im Krankenhaus? Ich komme sofort! In welchem Krankenhaus ist er?“ Ihre Fragen überschlugen sich, doch ihr Gehirn weigerte sich, die volle Tragweite von Paolos Worten zu erfassen. „Frau Moretti, bitte. Bleiben Sie ruhig“, sagte Paolo, seine Stimme wurde wieder fester, fast befehlend. „Es tut mir sehr leid, Ihnen das sagen zu müssen. Aber… Herr Moretti hat den Unfall nicht überlebt. Er… er ist tot.“ Die Worte trafen Isabella wie ein Schlag. Die Welt verstummte. Der Atem blieb ihr in der Kehle stecken. Die Luft entwich aus ihren Lungen. Tot? Massimo? Ihr Massimo? Der Gedanke war absurd, unmöglich. Vor wenigen Stunden hatten sie noch miteinander gesprochen, er hatte sie geneckt, ihr seine Liebe versichert. Das konnte nicht sein. Das Handy glitt ihr aus der tauben Hand und fiel mit einem leisen Klappern auf den Teppich. Die letzten Worte Paolos hallten in ihrem Kopf wider, immer und immer wieder, bis sie jeden Gedanken, jede Erinnerung übertönten. Tot. Er war tot. Und mit ihm zerbrach nicht nur Isabellas Herz, sondern auch die heile Welt, die sie zu kennen glaubte.