Kapitel 1: Schattenkind
Rückblick: 9 Jahre vor der Gegenwart – Airin, 7 Jahre alt
Der Wind war ein hungriges Tier, das zwischen Bäumen und Felsen kroch.
Airins Schritte waren zu leicht, um Spuren zu hinterlassen – und zu schwer für ihre sieben Jahre.
Ihre nackten Zehen bluteten. Der Wald war still geworden, so unnatürlich still, dass es sich anfühlte, als hielte die Welt selbst den Atem an.
Sie hatte sich verlaufen. Sie suchte die Stimme.
Sie hörte sie in Träumen.
Und heute war sie aufgewacht – mit dem Gefühl, dass jemand nach ihr rief.
„Warum ruft mich niemand, wenn ich wach bin?“ flüsterte sie.
Dann kam der Abgrund.
Der Pfad hatte geendet, ohne Warnung. Nur ein Tritt zu viel, und sie hing mit der linken Hand an einer Wurzel.
Die Tiefe darunter war keine Schlucht. Sie war ein Versprechen. Ein Ruf. Ein Hunger.
Ihre Finger rutschten. Ihr Atem wurde panisch.
In ihren Ohren rauschte das Blut – oder war das eine Stimme? Flüsternd. Leise.
„Du bist nicht allein, kleines Licht.“
Unterwelt – im Palast des Vergessens
Hades stand vor einem Spiegel aus geschmolzenem Obsidian.
In seinen Augen lag keine Panik. Aber etwas hatte sich verändert. Etwas in seinem Schatten zuckte – nicht ängstlich, sondern zornig.
„Sie fällt“, sagte eine Stimme hinter ihm.
„Sie wird gehalten“, entgegnete Hades.
Die zweite Gestalt trat aus dem Dunkel. Eine Frau, deren Gesicht man nicht erinnern konnte – die Erinnerung glitt ab, wie Wasser an Stein.
„Ich kann sie holen“, sagte sie.
„Nicht du“, sagte Hades. „Noch nicht. Du bist zu nah.“
Er hob eine Hand. Die Schatten zitterten. Einer löste sich – formlos, flackernd, doch mit einer Präsenz wie kaltes Eisen.
„Du weißt, was zu tun ist.“
Der Schatten verschwand.
Zurück im Reich der Sterblichen
Etwas griff nach ihr – körperlos, aber unaufhaltsam.
Keine Hand, kein Wind – nur ein Wille, der sie hielt. Und trug.
Sie spürte keine Berührung. Und doch wurde sie getragen.
Der Abgrund verschwand. Die Welt wurde schwarz. Dann warm. Dann still.
Als sie blinzelte, lag sie nicht mehr an der Kante, sondern in einer Felssenke, auf einem Bett aus Moos. Ein schwarzer Rabe saß auf ihrem Bauch – oder saß er da? Vielleicht war er nur ein Schatten, der sich gerade auflöste.
Neben ihr: ein Amulett. Schlicht, silbern, kühl.
Keine Ahnung, woher es kam. Aber als sie es berührte, hörte sie wieder die Stimme:
„Du wirst nicht fallen. Noch nicht.“
Unterwelt – Spiegelhalle
„Du hast dich also doch entschieden“, sagte die namenlose Frau.
Hades nickte. Nur ein einziges Mal.
„Sie wird Fragen stellen“, warnte sie.
„Dann gib ihr Antworten, wenn du musst. Lügen, wenn du kannst.“
Die Frau trat neben ihn, und zum ersten Mal blitzte ein Hauch von Sorge in ihrem Blick.
„Und wenn sie erfährt, wer du bist?“
„Dann hoffe ich… dass sie mir eines Tages verzeiht.“
Stille.
Dann trat sie zurück in die Schatten.
Die Frau, in deren Obhut Airin aufwachsen würde.
Ein Schatten unter Sterblichen.
Und Hades’ einziger Verbündeter in der Welt des Lichts.