Verloren

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Summary

Männer werden in Trauer geboren. Manche ertrinken, manche sterben und manche verbrennen. Besiege dich selbst oder werde von der unaufhaltbaren Strömung verzerrt.

Status
Complete
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
16+

Kapitel 1

Verloren

Flammen, Flammen aus der Hölle. Klauen, wie sie mich nach unten ziehen, während ich mich nicht bewegen kann. Das ist etwas, was immer wiederkommt. Ich weiß einfach nicht, was ich noch tun soll“, murmelte ich mit einer Stimme, welche fast schon an die eines Fiebernden grenzte.

Wiederkehrende Motive in Träumen sind ein starkes Zeichen von Traumata, PTBS oder anderen vergleichbaren psychischen Leiden. Etwas, was das Unterbewusstsein nicht loslässt. Ich sehe sowas oft bei meinen Patienten, Herr Durant, und so uncharmant die Lösung jetzt auch klingen mag: Schreiben Sie ihre Gedanken auf, lassen Sie die Trauer zu, vergeben Sie sich selbst und anderen. Vielen hilft es, sich an eine höhere Instanz zu wenden, selbst wenn sie nicht gläubig sind. Wir alle sind unvollkommene Geschöpfe. Kämpfen Sie nicht gegen das an, was Sie sind, sondern lassen Sie sich selbst zu. Versuchen Sie es, und ich verspreche Ihnen, in 99 Prozent der Fälle schlafen die Leute nach höchstens ein paar Monaten wieder wie ein Baby. Hören Sie, schreiben Sie auf, unterdrücken Sie nicht und akzeptieren Sie, dass man im Leben nicht alles kontrollieren kann, und Ihr Schlaf wird sich bessern, das verspreche ich Ihnen.“ Der Therapeut schlug beide Hände auf seine Oberschenkel und stand mit seinem Klemmbrett in der Hand auf.

Wir sehen uns nächste Woche, Herr Durant. Und bitte, versuchen Sie zu tun, was ich Ihnen geraten habe“, sagte er mit einem Elan, welcher unangemessen fröhlich für das Gespräch war, und bat mich fast schon hastig heraus.

Elendige Geldverschwendung“, sagte ich zu mir selbst in Gedanken, während ich den Zettel mit der Nummer des Therapeuten zerknüllte, welchen mir ein Arbeitskollege gegeben hatte.

Die Tage werden immer länger und ich werde immer müder. Seitdem Susan mich verlassen hat, ist es, als sei ich in einem Dauerzustand aus Verzerrung gefangen. Alles ist wie ein Strom, in welchem ich festgehalten werde. Stromschnellen, welche mein Selbst verzehren, meine Gedanken und Seele hinfortgleiten lassen in ihrem unaufhaltbaren Sog, welcher immer voranschreitet und alles mit sich reißt. Als würden Stücke meiner Selbst in der Form von Fäden aus mir herausgesogen werden, bis nur noch etwas Bedeutungsloses zurückbleibt. Ich sehe nicht mehr, alles ist verwischt und verzerrt.

Jeder Mensch bereut irgendwann irgendetwas. Reue ist wie eine Pest, welcher niemand wirklich entkommen kann. Je mehr man es versucht, ihr zu entkommen, desto stärker wird sie irgendwann zurückkommen und einen von innen heraus schmerzhaft auffressen. Und in meinem Fall ist der Grund meiner Reue meine Frau. Ich wünschte, ich hätte noch etwas mehr mit ihr sprechen können. Es ging alles so schnell und ich hatte keine Chance, noch einmal ein paar Worte mit ihr zu wechseln, welche vielleicht die Last gelindert hätten, welche Tag für Tag so schwer auf mir lastet. Es ist schwer, einen klaren Gedanken zu fassen, denn alles gleitet durch meinen Kopf hindurch, angetrieben von dem unerschütterlichen Sog des Stromes, den ich nicht eindämmen kann.

Ich wusste eigentlich genau, was mich erwarten würde. Ich weiß, was mich plagt, ich weiß nur nicht, was ich dagegen tun soll. Er kann mir nicht helfen. Nicht wirklich. Aber ich dachte, er könne mir zumindest meine Schlafprobleme etwas lindern.

Elendiger Betrüger“, hallte es immer noch in meinem Kopf, während ich die Straße hinabging.

Der Besuch bei dem Therapeuten war nicht das gewesen, was ich mir erhofft hatte. Wenn man nicht schläft, stirbt der Körper. Alles verschwimmt und wird durchsichtig. Es ist, als würde ich mich auflösen. Ich muss jedoch weitermachen und kann nicht vollends aufgeben. Ich muss es irgendwie eindämmen, denn ich habe noch Verpflichtungen, die es zu erfüllen gilt, welche mir keine Wahl lassen und mich zwingen weiterzugehen. Also schleppe ich die Hälfte von mir, welche noch übrig ist, weiter, durch die Feuer, welche meine Hoffnung verbrennen. Während ich die Straßen der Stadt hinablief, sah ich Fäden einer Erinnerung, die ich irgendwie aus dem Gewirr meiner Gedanken fischen konnte. Je länger ich die Bäume sah, welche sich mit dichten, kräftig grünen Blättern krönten, kann ich fast wieder die Gerüche des Frühlings riechen, welche Susan so liebte.

Ich war hier oft mit Susan. Manchmal gewährt mir ein Gott, den ich nicht kenne, einen kurzen Blick auf das, was mal war. Um mich an das zu erinnern, an das, was ich verloren habe. Um mich zu verspotten oder doch um mich nicht aufgeben zu lassen – um mir zu zeigen, dass ich es wiederbekommen kann. Ich weiß es nicht, aber so oder so will ich nicht, dass diese Einblicke aufhören. Ich bin diese Straßen oft zusammen mit ihr entlanggewandert, als sie noch voller Leben waren und nicht voller Tod und Verkommenheit. Das Einzige, was ich jetzt noch riechen kann, ist verbrannte Asche, wie sie meine Nase hochkriecht und beschmutzt. Egal was ich tue, der Geruch verschwindet genauso wenig wie die Träume, welche mir meine so notwendige Ruhe stehlen und sie fast schon vor meinen Augen verbrennen. Eines Tages werde ich sie finden und sie überzeugen, zu mir zurückzukommen. Ich bin mir sicher, dass, wenn ich sie nur finden würde, alles wieder gut werden würde. Das Puzzlestück eines Bildes, welches ohne das eine Teil nicht angeschaut werden kann.

„Sie braucht einfach Zeit“, sprach ich zu mir selbst – doch es lindert meine Schmerzen nur wenig, mir dies immer wieder zu sagen.

Je näher ich meinem Ziel kam, desto stärker wurde das Gefühl von Falschheit. Ich schäme mich dafür, es zuzugeben, und ich weiß, dass es objektiv falsch ist, aber ich kann es nicht ändern. Es tut mir leid und ich verspüre Schuld, aber ich kann einfach nicht anders. Tückische Hände schlangen sich um meinen Bauch, während ich kniend mit ausgestreckten Armen meinen Sohn in die Arme schloss. Mein Wunschname für ein Kind war eigentlich schon einmal vergeben worden. Scott war das zweitgeborene meiner Kinder und Nathan, meinen erstgeborenen Sohn, hatte ich seit Jahren nicht mehr gesehen. Susan hatte ihn mitgenommen, als sie mich verließ. Bei der Geburt von Scott gab es Komplikationen, welche dazu führten, dass sie beinahe ihr Leben verlor. Sie war schon immer ein sehr sensibler Mensch gewesen. Zu zerbrechlich für die meisten Dinge dieser Welt, doch ich machte sie komplett. Sie hat es nicht verkraften können, dem Tod so nah gewesen zu sein, weshalb sie mich kurz darauf ohne ein letztes Wort zusammen mit Nathan verließ. Es sind nun fast 5 Jahre vergangen und ich bin allein mit meinem Zweitgeborenen, welcher mich jedoch nur tiefer in das Loch des Leidens zieht. Es nagt an meiner Seele und ich weiß, dass ich nicht so fühlen sollte, aber in Wahrheit denke ich, es ist seine Schuld, dass sie mich verlassen hat. Auch wenn er nichts dafür kann.

Es fällt mir schwer, es zuzugeben, doch ich fürchte mich vor ihm. Er ist nicht das, was ein Kind sein sollte. Ich starrte auf das blasshäutige Wesen neben mir, welches meine Hand hielt, während wir gemeinsam die Straßen entlang liefen. In diesen schwarzen Augen lag etwas, das ich nicht sehen konnte – eine Intention, die ich nicht erkennen konnte, etwas Böses, das einfach da war. Wie ein Dämon, welcher sich versteckt hält. Ich kann es mir jedoch nicht anmerken lassen, und auch wenn es mir schwerfällt, könnte ich es mir nie verzeihen, ihm Unrecht getan zu haben, im Falle, dass ich falschliege. Ich fühle mich schuldig, aber ich kann nicht ehrlich sagen, dass ich ihn liebe.

Seit Tagen verschwinden Dinge im Haus und ich finde Gegenstände an Orten wieder, von denen ich weiß, dass ich sie dort nicht hingelegt habe und an die Scott niemals herangelangt wäre. Draußen war es nicht kalt, aber auch nicht warm, was mich nur noch tiefer in diesen Zustand der Auflösung drang. Gemeinsam gingen wir die Wege entlang, welche uns zu dem mir inzwischen so entfremdeten Zuhause führten, welches sich nun wie ein Käfig anfühlte. Einst war es ein Ort der Wärme und des Glücks gewesen, doch inzwischen war das wärmende Feuer erloschen und hatte eine kalte, düstere Hülle eines Heims zurückgelassen. Es war ein zweistöckiges, weißes Haus mit einer guten Lage gewesen, und ich hätte es sicherlich zu einem guten Preis verkaufen können – doch die langsam schwindende Hoffnung auf Susans Wiederkehr und die unzähligen Erinnerungen brachten mich dazu, an ihm festzuhalten. Vier Schlafzimmer, zwei Bäder, eine kleine Küche, ein mittelgroßes Wohnzimmer mit Anbindung an die Terrasse, ja, sogar ein kleiner Keller und Spitzboden standen verpackt in der weißen Hülle aus Asche in einer ruhigen Ecke der Metropole versteckt. Ich hätte kaum nach mehr verlangen können. Susan verstand sich bestens mit den Nachbarn, wir hatten einen kleinen Garten, welcher mit einer hochgelegten Terrasse hinter dem Haus eine perfekte Umgebung für ein Kind darstellte. Das kleine Waldstück, welches mit einem Zaun von unserem Grundstück abgetrennt war, stellte zudem einen Sichtschutz dar, und dann waren da noch der Geruch der Blüten und das Zwitschern der Vögel, die alles zu einem Paradies verwandelten, wenn die Zeit richtig stand. Ich stand mit dem Besitzer des Waldstücks sogar in Kontakt und spielte mit dem Gedanken, es zu kaufen, jedoch verschwand dieser Wunsch zusammen mit Susan.

Das Haus war dunkel, als ich die Tür öffnete. Scott lief hinein, während ich an der Schwelle verblieb. Ich stand auf den Worten „La chaleur du foyer est le vrai bonheur“. „Wahres Glück ist die Wärme eines Heims“ oder so etwas in der Art. Susan hatte es eigenhändig in die glatte, steinerne Schwelle graviert, und es war seither so ziemlich das einzige, was ich an dem Haus noch mochte. Eine Kälte, die ich kaum beschreiben kann, überkommt mich jedes Mal, wenn ich das Haus betrete. Ein Gefühl von Falschheit und Bedrückung lastet schwer auf den dunklen Dielen und den dicken Wänden. Ich ließ meine Hände über den Türrahmen streichen und schloss hinter mir, mit einem schweren Klingen, die Tür zu meiner eigenen Zelle.

Müde und erschöpft ging ich auf die Terrasse, um dort zu warten, während Scott draußen spielte. Der Gedanke, dass er nur so tut, hatte sich in meinem Kopf festgesetzt und nicht einmal der Schlafentzug konnte ihn verdrängen. Er redet öfters seltsame Dinge, welche ein Kind seines Alters nicht sagen sollte. Dinge, die mir Angst machen und ein Gefühl von Verwundbarkeit in mir auslösen. Die Worte sind wie ein Schauer von Panik, die durch jede Pore meines Körpers dringt, während ich versuche, ruhig zu bleiben. Die Kindergärtnerin erzählte mir, er sei ungewöhnlich ruhig und er verhalte sich so, als sitze er nur seine Zeit ab, um auf mich zu warten, anstatt mit anderen Kindern zu spielen, etwas zu basteln oder zu malen, wie es ein normales Kind tun würde. Die Worte, die er mir vor ein paar Tagen sagte, erklingen immer noch wie ein Wummern in meinem Kopf, wenn ich ihn ansehe. Er sagte, er habe mit einem Jungen namens Nathan Verstecken gespielt. Der Kleine sei zu schüchtern gewesen, um mit mir zu sprechen, und verstecke sich zwischen den Bäumen des Waldstücks. Ich weiß nicht, wie ein Kind seines Alters auch nur die Möglichkeit gehabt hätte, den Namen seines Bruders zu wissen. Ich glaube nicht an einen Zufall eines imaginären Freundes und auch nicht daran, dass er ihn irgendwo aufgeschnappt haben könnte. Nur wenige wissen über meine Umstände Bescheid, und es hätte keine Möglichkeit geben können, dass Scott etwas aufgeschnappt hätte. Ich habe sogar einmal das ganze verfluchte Waldstück abgesucht, doch … nichts.

Seit dem Vorfall sitze ich nun immer auf der Terrasse und habe ein Auge auf Scott, während er spielt, in dem Versuch, das Gefühl, welches seine Worte in mir zurückgelassen haben, irgendwie wieder loszuwerden. Das schwarze Gebräu, welches vor mir stand, vermochte es nicht mehr, mich aufzuwecken, und es fiel mir schwer, meine Augen offen zu halten. „Flammen … Flammen aus der Hölle“, hallte es in meinem Kopf immer und immer wieder, während ich meine Augen zukniff und rieb. Das Kind saß dort und spielte mit sich selbst. Er flüsterte irgendetwas und alles schien still zu werden, als ich es merkte. Ich wurde immer angespannter und versuchte mich zu konzentrieren, um die leisen Worte zu verstehen. Doch als er bemerkte, wie ich ihn mit einer Intensität anstarrte, wie es jemand getan hätte, der dem Tod selbst ins Gesicht blickte, hörte er schlagartig auf und tat so, als sei nichts geschehen. Ich schluckte und meine Hand ballte sich fester um die stählerne Tasse, die ich in den Händen hielt. Dunkelheit verschlang allmählich das so schwammige Licht des Tages und die Atmosphäre im Haus wurde umso bedrückender. Ich wusste bereits, dass mir eine weitere qualvolle Nacht bevorstand, welche von Alpträumen und Unruhe geprägt sein würde.

Ich stand vor dem Spiegel in dem Schlafzimmer, welches eigentlich einmal für Scott vorgesehen gewesen war. Scott schlief in Nathans altem Zimmer, was mir eigentlich irgendwie missfiel, jedoch war ich machtlos, da ich ihm nicht wirklich einen Grund nennen konnte, weshalb er dort nicht schlafen könne. Ich schlief oben in dem Zimmer, in welchem Scott eigentlich schlafen sollte. Ich konnte es einfach nicht mehr in dem Zimmer zu schlafen, welches ich einst mit meiner Frau geteilt hatte. Das vierte Schlafzimmer, im unteren Stockwerk, wurde zu einem Arbeitszimmer umfunktioniert, also bot sich für mich keine Möglichkeit, meinen Schlaf dorthin zu verlegen. Tote, gebrochene Augen starrten mich aus dem Spiegel an und Strähnen dünnen Haares hingen lose über Falten, welche sich über die Zeit auf meinem Gesicht gebildet hatten. Die Nacht erfüllte das Haus mit einer Enge, wie ich sie mir vor ein paar Jahren nie hätte erträumen können. Die Schwärze, die ich sah, wenn ich aus dem Fenster blickte, die Stille der Nacht und das Hämmern meines Kopfes erschufen eine Last, welche mich schon lange nicht mehr einschlafen ließ.

Ich hatte jedes Gefühl für Raum und Zeit verloren, als ich in meinem Bett lag und seit gefühlten Stunden die Decke des kleinen Zimmers anstarrte. Das leise Ticken eines kleinen Weckers war die einzige Konstante, die mir verriet, dass ich nicht, abgesunken, in ein Vakuum aus Existenzlosigkeit war. Und während ich mich, festgesetzt in der Dunkelheit, langsam aufzulösen schien, hörte ich etwas. Ein Flüstern glitt langsam, leise, aber hörbar durch die Flure des Hauses. Ich erstarrte und mein Atem stockte in dem Versuch, Worte aus dem leisen Gerede zu verstehen. Kalter Schweiß überkam mich und ein stechendes Gefühl entbrannte tief in mir drin. Ohne ein Geräusch von mir zu geben, stieg ich wie in Zeitlupe aus dem Bett und bewegte mich langsam auf die Tür zu. Vorsichtig und bedacht darauf, keine Aufmerksamkeit auf mich zu erregen, drückte ich sanft den Griff der Tür herunter. Der Flur war in Gänze von einer Schwärze verschlungen, welche mir jegliche Möglichkeit auf Sicht nahm, und ich tastete mich die Wände entlang, immer näher auf die Quelle des Flüsterns zuschreitend und näher kommend an das Zimmer meines Sohnes.

Plötzlich und ohne Vorwarnung sprang das Licht an, erhellte den Flur und brachte mein Herz kurz zum Stillstand. Ich zuckte schrecklich zusammen. Meine Augen waren von dem Licht überstimuliert worden, was mich für eine Sekunde erblinden ließ. Das Flüstern hatte nicht aufgehört und ich befand mich nun unmittelbar vor dem Zimmer, in welchem einst Nathan gelebt hatte. Der Klang der Worte wiederholte sich. Er musste irgendetwas immer und immer wieder aufsagen. Ich hielt mein Ohr gegen die Tür, hielt inne und lauschte.

Brennen sollst du, kochen sollst du, bluten sollst du, leiden sollst du.

Brennen sollst du, kochen sollst du, bluten sollst du, leiden sollst du.

Brennen sollst du, kochen sollst du, bluten sollst du, leiden sollst du.“

Klang es wieder und wieder und wieder.

Meine Hände zitterten über dem Knauf der Tür. Ich stand für einen Moment einfach dort und atmete leise. Kälte zog sich meinen Rücken hoch und das Gefühl von Wehrlosigkeit schoss wie Gift in meine Adern. Ich ballte eine Faust aus einer der zitternden Hände und öffnete die Tür mit der anderen. Das Kind schlief und das Flüstern war mit dem Öffnen der Tür aus dem Haus verschwunden. Die Stille des Todes wog wie ein schwerer Schleier des Stillstands über dem weißen Gemäuer, und ich stand wie paralysiert im Raum des Wesens, das ich mein Fleisch und Blut nennen sollte. Ich war verloren in Unwissenheit, was ich tun sollte. Das Blut pochte voll Gewalt auf meine Schläfen und ich fiel einen Schritt zurück. In dieser Nacht sollte ich keine Ruhe mehr finden. Ich begab mich zurück in das Zimmer, welches eigentlich dem Dämon gehörte, stets unter dem wachsamen Blick des Schmerzes, welcher mich zu beobachten schien. Ich schloss die Tür hinter mir ab und setzte mich auf das von Schweiß durchnässte Bett. Panik und Paranoia ließen mich nicht einschlafen, obwohl mein Körper so sehnlich danach verlangte. Mit beiden Händen hinter meinem Kopf verschränkt saß ich vorgebeugt auf dem Bett und eine Träne lief mir die Wange herunter, welche sich mit dem Schweiß auf meinem Gesicht vermischte. Das Flüstern war wieder da und die Worte kreisten wie kleine Dämonen um meinen Kopf, welche mich peinigten und quälten.

Ich schlief diese Nacht nicht und harrte die ganze Zeit auf dem Bett aus, was mir wie eine Lebenszeit vorkam, geplagt und gefoltert von den unendlich anzuhaltenden Worten. Das Licht des Tages vertrieb schließlich das Flüstern und ich ging ins Bad, um mich zu waschen und das Kind in den Kindergarten zu bringen. Scott saß in der Küche und aß ein Brot mit Erdbeermarmelade, welche er sich über sein halbes Gesicht verschmiert hatte. Ich sprach nicht wirklich mit ihm, und nachdem ich ihn weggebracht hatte, rief ich meinen Arbeitgeber an, um ihm mitzuteilen, dass ich heute nicht bei der Arbeit erscheinen würde. Mein Chef wusste von meinen Umständen Bescheid und hatte mir gesagt, ich solle mir einfach frei nehmen, wenn ich nicht zur Arbeit kommen könne. Mir war übel und ich schwankte leicht beim Laufen. Meine Augen schmerzten fast so sehr wie mein Kopf und meine Glieder waren schlaff und erschöpft vom chronischen Schlafentzug. Unter den Blicken von etwas, das ich nicht sehen konnte, ging ich rastlos durchs Haus, bis ich den Entschluss fasste, meinen Beobachter zu suchen.

Ich kramte irgendwo eine alte Taschenlampe aus einer Schublade, suchte jeden einzelnen Raum ab, durchsuchte Wandschränke und Schubladen, wühlte in den Sachen des Kindes und stellte alles im Haus auf den Kopf. Nachdem ich vergebens im Dachboden nach Antworten gesucht hatte, trug mich mein Körper langsam Richtung Keller. Es war ein kleiner Keller, abgetrennt durch eine Tür. Es war nicht mehr als eine schmale Treppe, welche in einen kleinen Raum führte, in welchem Heizboiler und ein paar Rohrleitungen die Wände verzierten. Als ich vor der Tür stand, überkam mich plötzlich ein Gefühl der Genugtuung. Es kam mir vor, als müsste ich dort unten den Schuldigen oder die Ursache dafür finden, weshalb ich mich so beobachtet fühlte. Ich schritt langsam die schmale Treppe hinunter und bereitete mich innerlich auf den Anblick vor, welcher sich mir gleich bieten würde, doch … nichts. Ich stand so verloren, wie der ahnungslose Mann, der ich war, dort und ließ die Taschenlampe sinken. Als ich aufschaute, bemerkte ich einen schwarzen Fleck nahe der Decke. Es sah aus wie verkohlt, doch es war nichts von Bedeutung. Nichts war es. Das Gefühl von Genugtuung war erloschen und die Taschenlampe zerbarst in tausend Teile durch die Wucht meines Wurfes. Ich fasste mir wütend an die Stirn und ging schnellen Schrittes wieder hoch.

Ich hatte kurz darauf das ganze verfluchte Waldstück abgesucht, doch hatte ich nichts gefunden, was mir irgendwie Erlösung hätte bringen können. Voll Verzweiflung und mit dem Drang, jene Ursache zu finden, mit welcher Vernichtung ich wieder Schlaf finden würde, lief ich durch das Gestrüpp, bis ich mich schließlich in dem mich verschlingenden Rasenstück meines Gefängnisses befand. Es war an der Zeit, das Kind zu mir in die Dunkelheit zurückzuholen. Die Straßen verschwammen, hinfortgezogen von etwas, das ich nicht aufhalten konnte.

Als ich mich am Abend in dem erdrückenden Raum und vor dem kalten Anblick meiner selbst wiederfand, war ich längst in der Schwärze untergegangen. Schweiß rann mir nun wieder den Körper hinab und ich zitterte, als würde ich erfrieren. Ich wusste nicht, wie spät es war, und die Zeit schien genauso von etwas eingesogen zu werden wie alles, was ich jemals war und je sein würde. Ich erstarrte und lauschte dem plötzlichen Geräusch, welches ich vernahm. Das Geräusch nackter Füße, wie sie sich auf den Dielen des Hauses auf mich zubewegten. Ich sah das Licht, das unter dem Spalt meiner Tür in das Zimmer eindrang. Der Bewegungsmelder war angegangen und ich sah den Schatten der Silhouette, welche nun wenige Meter von mir entfernt stand.

Der Türgriff bewegte sich langsam und es wollte zu mir, doch ich hatte die Tür wie immer verschlossen. Ich saß, beide Arme gegen die Wand hinter mir gepresst, auf dem Boden des Zimmers und versuchte, so weit wie es nur möglich war, von der Tür wegzugelangen.

Dad? Ich hatte einen Alptraum. Kann ich reinkommen?“, sprach die Stimme des Dämons zu mir.

Ich saß regungslos auf dem Boden und mein Herz schlug stark gegen die Innenseite meines Brustkorbs. Ich atmete schwer, doch versuchte es zu kontrollieren, um keine lauten Geräusche von mir zu geben. Für einen kurzen Moment spürte ich den Impuls in mir, zur Tür zu gehen und sie zu öffnen. Jedoch verschwand er wieder, als das Kind weitersprach.

Ich habe geträumt, dass die Klauen ihren Bauch zerkratzt haben. Rote, scharfe Klauen haben den Bauch von Mom aufgeschnitten und sie in die Hölle gezogen, Dad. Alles hat gebrannt und überall war Blut. Sie wird ewig dort sein, Dad. Dad? Bist du da, Dad? Hörst du mich? Siehst du mich?“, ich konnte nun kaum noch atmen und starrte mit weit geöffneten Augen durch die Dunkelheit. Der Lichtspalt erlosch und ich saß für einen unbestimmten Zeitraum in der Dunkelheit meines Geistes und ertrug, wie mein Körper genommen und meine Seele zerrissen wurde.

Als ich erwachte, war das Licht des Morgens wie eine Linderung des Schmerzes. Ich stand von dem harten Boden auf, auf welchem ich gelegen hatte, und spürte, wie mein Körper mich deswegen verabscheute. Ich bin verloren in dem, was mich davonträgt, und egal, wohin ich schaue, gibt es nur unendliche Weiten, aus welchen ich niemals entkommen werde. Der leichte Wind tat mir gut, wie er über mein halb totes Gesicht strich und einen Teil der Verwesung mit sich zu nehmen schien. Ich ging neben Scott, welcher mir um die Beine lief. Hätte ich noch die Fähigkeit besessen, lächeln zu können, wäre dies wahrscheinlich der Moment gewesen, in dem ich es getan hätte. Es roch nach frisch gemähtem Gras und trotz dessen, dass mein Körper schmerzte, fühlte ich mich ein kleines bisschen leichter als sonst. Der Kontrast zwischen Vergänglichkeit und Leben war mir noch nie so sehr aufgefallen wie in jenem Frühling, welcher sich hier vor meinen Augen entfaltete. Das Gefühl letzter Nacht hatte zwar einen bitteren Nachgeschmack zurückgelassen, jedoch war er zur Seite geschoben worden.

Als ich Scott abgeliefert hatte, hörte ich eine Stimme, von welchem Klang ich nur noch blasse Erinnerungen hatte und von der ich nicht gedacht hätte, dass ich sie noch einmal hören würde. Ein Klang aus einer vergangenen Zeit ließ die Furchen in meinem Gesicht verkrampfen und schmerzen.

Stephen! Bist das du?“, rief jemand, etwas entfernt von mir.

Wie lange ist es her?“, sagte sie freudig.

Kate?“, fragte ich, als könnte ich es selbst nicht glauben.

Es muss fast ein Jahrzehnt her sein. Wie geht es dir?“, sagte sie.

Ich wusste nicht, was ich sagte, und es war irgendetwas, das mein Unterbewusstsein automatisch entgegnete. Ich wollte nicht, jedoch überredete sie mich, dass sie mich auf einen Kaffee begleiten könne. Ich wollte nicht in die tote Stadt gehen, also ging ich in das tote Haus, welches ich mein Zuhause nannte, was vielleicht nicht besser war, jedoch war es gewohnter. Sie begleitete mich auf die graue Terrasse und setzte sich zu mir gegenüber.

Wie ist es dir ergangen? Wie geht es dir mit … nun ja … all dem? Es tut mir so leid, was passiert ist. Susan und … du weißt. Ich will nicht sagen, dass ich verstehen könnte, wie du fühlst, aber ich kann es ein bisschen nachvollziehen, wegen dem Tod meines Vaters, weißt du. Ich will nur sagen, ich weiß, wie es ist, jemanden zu früh zu verlieren. Kommst du inzwischen besser zurecht? “, sagte sie mit einer sanften Stimme.

Sicher, was machst du in der Stadt? Ich dachte, du bist nach Kalifornien gezogen“, entgegnete ich ihr.

Ja, das stimmt, ich besuche meine Mutter. Ich will nicht, dass sie für zu lange Zeiträume allein ist. Du siehst … müde aus, geht es dir auch wirklich gut?“, fragte sie vorsichtig und mit etwas Besorgtheit in ihrer Stimme.

„Bestens“, antwortete ich schnell.

Es muss sicher schwer für den kleinen Nathan sein. Wie geht es ihm?“, sagte sie mit einem Ton, welchen ich nicht beschreiben konnte.

Was?“, sagte ich unverständlich und rieb mir mit zwei Fingern den stechenden Kopf.

Nun, es geht ihm gut. Ich schätze, ich hoffe einfach, Susan bald wiederzusehen. Dann wird es ihm und mir besser gehen. Ja“, sprach ich mit etwas gesenktem Kopf und fast zu mir selbst.

Nun … Ich hoffe, das ist noch eine Weile hin, nicht wahr?“, sagte sie, leicht verwirrt, jedoch mit einem bitteren Unterton.

Was? Was redest du hier eigentlich, Kate?“, entgegnete ich mit einem etwas zu lauten Ton.

Was soll das denn heißen? Das mit uns … wir … sind lange vorbei. Mach dir keine falschen Hoffnungen!“, sagte ich, und ich spürte, wie Wut meine Knochen emporstieg.

Während die Worte meine Lippen verließen, stand ich energisch auf und schlug meine Hände auf den Tisch, brachte den Stuhl hinter mir zum Umfallen und Kaffee schwappte aus der Tasse, welche auf dem Tisch stand.

Das meine ich doch gar nicht. Das weißt du. Ich meine, ich wünsche dir nur alles Gute, Stephen. Beruhige dich“, sagte sie, leicht erschrocken und mit einer entschärfenden Stimme. Ich merkte, wie Kate unruhig wurde, doch es war mir egal.

Glaubst du, ich würde sie für DICH verlassen, wenn ich noch einmal die Chance hätte?“, fragte ich sie fast lachend, mit der Überzeugung, dass sie wusste, dass diese Frage nur eine richtige Antwort hatte.

Wenn ich sie finde, werde ich sie überzeugen, zu mir zurückzukommen. Meinen Sohn zurückholen. MEIN LEBEN ZURÜCKHOLEN. DARAN WIRST DU NICHTS ÄNDERN, KATE!“, schrie ich sie nun an.

Wovon redest du da, Stephen?!“, sagte sie entsetzt.

Ihr Gesicht war leicht blass angelaufen und ich sah, wie sie leicht weinte.

Stephen … das Kind ist tot. Es ist schon lange tot. Susan starb bei der Geburt und das Baby ist in ihrem Bauch erstickt. Weißt du das denn nicht mehr? „Gott, Stephen …“, sagte sie schluchzend, mit vorgehaltener Hand vor dem Mund und zitteriger Stimme, als sie die Worte aussprach.

Ich war allein. Meine Augen wurden grau und ich erblindete. Flammen verschlucken mich, während sie alles um mich herum mit sich reißen. Ich kann nichts anderes tun, als es auszuhalten und das Schicksal, welches ich schon so lange durch eine neblige Wand gesehen habe, zu ertragen.