Des Glückes Schmied
Es war Freitagabend. Die Nervosität breitete sich in Ben aus wie ein Waldbrand im Hochsommer. Seine Hände waren kalt und feucht, und während sein Herz mit schnellen, starken Schlägen versuchte, das Hemd zu durchbohren, lief Ben in seinem Wohnzimmer auf und ab. Händereibend und schwer atmend blickte er im Sekundentakt auf die Uhr, wissend, wie wichtig die nächsten Stunden für ihn werden würden.
Dieses Gefühl spürte er schon lange nicht mehr in seiner Brust, es war fast vergessen. Ein Gefühl, als wäre es eine Mischung aus der Vorfreude eines Kindes auf Heiligabend und einer anstehenden Abschlussprüfung. Doch am wichtigsten war, dass er sich seit langer Zeit mal wieder lebendig fühlte, was eine gewisse Wärme und Zuversicht mit sich brachte und ihm ein vorsichtiges Lächeln ins Gesicht zauberte.
Wieder der Blick auf die Uhr. „16:53 Uhr“, murmelte Ben mit einem tiefen Ausatmen vor sich hin. Er blickte an sich hinunter und strich sich einen Fussel von der Hose, den man noch nicht einmal mit einer Lupe hätte entdecken können. Doch es sollte alles perfekt sein, ER wollte perfekt sein.
Gerade, als er sich nochmals vorsichtig über die Schultern strich und das Hemd glattzog, klingelte es an der Tür und Ben schreckte hoch. Nahezu im Sprint eilte er zur Tür, bremste davor abrupt ab, richtete ein letztes Mal sein Hemd und öffnete vorsichtig die Tür.
„Hi“, begann Ben vorsichtig den Satz. „Bitte, komm rein. Bier ist im Kühlschrank“.
Es war sein bester Freund Alex, der entgeistert im Türrahmen stehen blieb und Ben vom Scheitel bis zur Sohle scannte. Zur Seite gegelte Haare, ein rot-schwarz kariertes Hemd, schwarze Jeans, Lackschuhe und ein stechendes, in den Augen brennendes Parfüm, womit man jegliche Körperbehaarung hätte entfernen können.
„Alter“, begann Alex mit abfallender Stimme. „Ich dachte, du hast ein Date mit einer scharfen Frau und nicht mit einer Axt? Hast du einen neuen Job als Holzfäller und musst nebenbei anschaffen gehen? Was ist das denn für ein Aufzug?“.
Ben wurde zunächst blass im Gesicht und blickte in den Spiegel, der neben seiner Wohnungstür an der Wand hing. Gerade als Ben Luft holte, um etwas zu seinem Outfit zu sagen, trat Alex ein, stieß ihn leicht zur Seite und ging in Richtung Kühlschrank, um sich eins der versprochenen Biere zu holen.
„Geh dich umziehen. Etwas Normales, sonst gibt´s auf die Nuss!“, rief er mit strengem Ton, während man noch das Zischen vom Bier und den Bügelverschluss hörte, welcher mit einem Klimpern hinter der Küchentheke verschwand.
Ben ließ die Tür ins Schloss fallen und ging wortlos an Alex vorbei, der sich gerade auf der durchgesessenen Couch gemütlich gemacht hatte und am Bier nippte.
Wenige Sekunden später stand Alex auf, schlenderte durch die Wohnung und schaute sich um. Seit dem Einzug vor 4 Jahren hatte sich kaum etwas verändert. Eine kleine Essecke für 2 Personen, darunter ein bläulich verwaschener Teppich, der schon bessere Tage gesehen hatte. Daneben eine Kommode, auf der unter anderem noch ein altes, leicht eingestaubtes Festnetztelefon stand.
„Der hebt echt alles auf.“, dachte sich Alex, während er lachend den Kopf schüttelte und weiter ging. Er blieb vor einer Vitrine stehen, in der Ben Souvenirs aus verschiedenen Ländern, die er bereiste, Pokale und Medaillen aufbewahrte. 2. Platz in einem Hallenturnier, Aufsteiger 2017, Torschützenkönig in der Kreisliga und eine Auszeichnung für besonderes Engagement im Verein „SV Thornwood 05“. So lächerlich die ein oder andere Auszeichnung auch schien, für Ben bedeuteten sie sehr viel. Fußball war schon immer seine Leidenschaft gewesen. Er verbrachte viel Zeit mit extra Training, egal wie sehr auch seine Muskeln brannten und wie schwer die Knochen wurden, der Ehrgeiz trieb ihn stets weiter an. Und so war er maßgeblich am Aufstieg im Jahr 2017 beteiligt gewesen, als er das 2:1 in der 83. Minute schoss und somit sein Team an die Spitze der Tabelle katapultierte.
„Die Geschichte erzählt er so oft, eine seiner Lieblingsgeschichten“, dachte sich Alex und bewegte sich mit seinen quietschenden Schuhen zurück zum Couchtisch. Er griff nach seiner Flasche, die auf dem Tisch einen nassen Ring hinterließ und trank erneut. Beim Trinken fiel ihm etwas Neues auf.
Zielstrebig ging er mit dem Bier in der Hand zur Wand neben dem Schlafzimmer, an der nun verschiedene Fotos hingen. Neugierig studierte er die Bilder, die Bens Leben wie in einem Kurzfilm zeigten. Eines stach ihm besonders ins Auge.
Alex stellte sein Bier in einem Regal ab, wo sich nun der nächste nasse Abdruck auf dem Holz bildete. Mit beiden Händen griff er nach dem Bild, welches sein Blick auf sich gezogen hatte und nahm es von der Wand. Es war ein Bild aus der 2. Klasse, auf dem Ben und Alex gemeinsam im Unterricht saßen und scheinbar gespannt dem Unterricht folgten, beide mit einem unschuldigen Lächeln auf den Lippen.
„Du warst früher schon so ein Idiot!“, rief er Ben zu, noch bevor die Melancholie in Alex breit machen und er zu sehr in früheren Zeiten versinken konnte.
In dem Moment öffnete sich die Tür des Schlafzimmers und Ben betrat den Raum, während er noch den oberen Knopf seines Hemds zuknöpfte.
„Was meinst du?“, fragte er sichtlich gestresst, während er Alex mit dem Bild in den Händen im Wohnzimmer antraf.
„Du hast dich früher schon für jeden verdreht und verbogen“, fuhr Alex fort.
„Ich weiß, du hast viele schlechte Erfahrungen gemacht.“, sagte Alex mit beruhigender Stimme, während er an Ben herantrat und ihn an beiden Armen packte, um ihm ein Gefühl von Sicherheit zu geben. „Und ich weiß auch, dass du hohe Erwartungen an diesen Abend hast. Aber wenn du dich anziehst wie ein Clown, dich verhältst wie ein kleines Mädchen auf dem Schulhof und dich verstellst, dann wird das heute Abend in die Hose gehen.“
Gerade als Ben den Blick senken wollte, wurde der Griff etwas fester und Alex rüttelte ihn ein wenig. „Du schaffst das! Sei du selbst und lass deine Vergangenheit vergangen bleiben.“
Er schenkte Ben ein neckisches Grinsen, klopfte ihm auf die Schulter und fügte hinzu: „Ach und nebenbei bemerkt, dieses Hemd und die Schuhe sind der Hammer. Nur über die Frisur und das Gesicht lässt sich streiten.“, und damit beendete Alex seinen Versuch, Ben das nötige Selbstvertrauen einzuflößen, trank aus und ging zur Tür, um sie für Ben zu öffnen.
Alex deutete mit einer Geste zur Tür, als wollte er ihn hinaus bitten. Ben sammelte sich kurz, ging nochmal in sich und begab sich dann auf den Weg zum Taxi, welches bereits vor dem Haus auf ihn wartete. Seine Körpersprache war nun eine andere und auch sein Blick hatte sich verändert. Ben wirkte entschlossen, selbstbewusst und wusste offensichtlich, was er wollte. Die Worte von Alex hatten ihre Wirkung gezeigt. Auch wenn diese manchmal sehr hart und direkt waren und sich nicht selten unter der Gürtellinie bewegten, brachte er damit die Probleme auf den Punkt, statt sie nur zu umschreiben. Diese ehrliche und loyale Art schätzte Ben an ihm und bezeichnete sie selbst als “wertvollstes Gut“, auch wenn sich Alex damit bei anderen schnell mal unbeliebt machte.
Mit den Worten ,,Viel Glück, schreib mir wie es war“ verabschiedete Alex seinen besten Freund ins Taxi, welcher die Worte kurz abnickte, während er sich in das Auto setzte und die Tür zuknallte.
„Nach Oakhaven bitte“ sagte Ben dem Fahrer, während er sich anschnallte und ihm der unangenehme Geruch von ausgedrückten Zigaretten in die Nase stieg.
Das Taxi verließ Thornwood. Die Landschaft zog vorbei, aber Bens Gedanken blieben gefangen. Erinnerungen, Zweifel, Hoffnungen – alles vermischte sich in seinem Kopf. Er dachte an die Worte von Alex und die bevorstehende Begegnung.
Dann, ein Vibrieren. Eine Nachricht von Elena. “Ich stand nun vor dem Restaurant. Etwas aufgeregt war ich schon, aber ich freute mich auf das Essen mit dir. Bis gleich! Liebe Grüße Elena”.
Ben lächelte, während er die Nachricht las und die App öffnete, über die sie sich kennengelernt hatten. Auch wenn der Taxifahrer scheinbar sehr erbost auf einer anderen Sprache mit jemandem telefonierte, ließ sich Ben die Laune nicht verderben. Schließlich hatte er einen wunderschönen und sympathischen Grund, nicht aus der Haut zu fahren.
Ben klickte auf Elenas Profil, um sich die Bilder und das “Über mich“ nochmal vor Augen zu führen. 4 Bilder hatte sie preisgegeben, eines schöner als das andere. Auf einem hing sie lachend an einer Kletterwand, auf zwei weiteren trug sie schöne Sommerkleider und saß im Park und auf dem letzten saß sie mit Kaffee zu Hause und machte dieses “Duckface“. Auch wenn Ben diese Art Bilder nicht sonderlich mochte, passte es zu ihrem blonden Haar und den Sommersprossen, die sich kaum sichtbar über Nase und Wangen verteilten.
Er las weiter im Profil.
Eine Frau, welche die Natur und warme Sommernächte liebte. Eine Frau, welche gern wandern ging aber auch mal zur Couch Potato werden konnte, vor allem an verregneten Tagen liebte sie das Angebot verschiedener Streamingdienste.
Noch bevor Ben die Analyse des Profils abschließen konnte, rief der Fahrer ihm zu: „Das macht 27,80 €“.
Ben gab 30 € und ließ den Rest als Trinkgeld da. Als sich der Fahrer lachend bedankte, war sich Ben nicht mehr so sicher, ob es nicht vielleicht nur 17,20 € für die Fahrt waren. Aber egal, er stand nun da, wo er sein wollte.
Das Restaurant war nur wenige Meter von ihm entfernt und das Herz begann wieder schneller zu schlagen. Er schrieb ihr, dass er das Restaurant sah und jeden Moment da war, kann sie aber nirgends sehen. Nur einen großen stämmigen Mann, der gerade sein Handy aus der Hose zog und lachte, während er auf das Display schaute.
Ben wurde auf einmal heiß, hatte man ihn reingelegt? Wurde er schon wieder belogen? War er zu gutgläubig? Gerade, als die Zweifel begannen größer zu werden, ging der Mann paar Schritte zur Seite und begrüßte einen anderen.
Ben atmete auf und erstarrte zugleich als er sah, dass ihm eine blonde Frau im süßen Sommerkleid mit Schleife zuwinkte, die gerade noch von einem Riesen verdeckt wurde. Das war sie, kein Zweifel.