Prolog
Elisabeth
Ich saß am Schreibtisch, umgeben von meinem vertrauten Arbeitszimmer. Die alten Bücherregale an den Wänden ragten wie Skelette in die Höhe. Die ledergebundenen Bücher, die kreuz und quer im Regal standen, schienen im schwachen Lichtschein zu flüstern und zu rascheln. Aber dennoch strahlten sie eine beruhigende Wirkung aus.
Doch ich war alles andere als ruhig. Mit zitternder Hand tauchte ich die Feder in die Tinte und wollte sie gerade aufs Papier setzten, als ich ein leises Geräusch vernahm und zusammenfuhr.
Die Tinte sprizte auf den vor mir liegenden angefangenen Brief und es bildeten sich leichte Tintenkleckse darauf. Vorsichtig nahm ich ein Tuch und versuchte sie wegzutupfen, als das Geräusch erneut ertönte.
Es war ein leises Knarren, wie das Ächzen eines alten Holzbodens wenn jemand darüber läuft. Ich hielt inne und lauschte angestrengt in die Dunkelheit des Zimmers. Das Geräusch kam von der anderen Seite des Raumes, nahe dem Fenster. Mein Blick ruhte einen Moment dort, aber es war nichts zu entdecken. Die roten Vorhänge hingen reglos herab, nur vor dem Fenster bewegte sich der dort stehende Baum im Wind.
Ich atmete tief ein und versuchte, mich zu beruhigen. Es war wahrscheinlich nur das alte Haus, was die Geräusche verursachte.
Ängstlich blickte ich mich ein letztes Mal um, ehe ich mich wieder dem Brief vor mir zuwandte. Ich wusste, dass ich nicht länger warten konnte. Ich musste den Brief schnell zu Ende bringen und ihn abschicken. Die Feder kratzte über das Papier, als ich die letzten Worte schrieb. Meine Hand zitterte jetzt stärker, als ich den Brief nahm, in der Mitte faltete und in den bereitliegenden Umschlag steckte. Jetzt musste ich ihn nur noch zur Post bringen.
Ich stand auf und ging zur Tür, aber meine Augen blieben auf den Raum hinter mir gerichtet. Die Schatten schienen sich zu verdichten, wie eine drohende Präsenz, sie rückten immer näher und ich hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Mein Herz schlug schneller, als ich mich erneut umsah und die Schatten sich auf mich zu bewegten, wie lebende Wesen. Ich musste hier weg! Vorsichtig schob ich mich weiter zur Tür und betätigte die Klinke, den Blick immer noch auf den Raum gerichtet. Als sich die Tür öffnete, hörte ich das Geräusch erneut. Diesmal war es lauter, schien näher zu sein.
Ruckartig drehte ich mich um und rannte los, den Brief sicher in meiner Hand. Ich wusste nicht, wer oder was mich verfolgte, aber ich wusste, dass ich Evelyn warnen musste. Was in diesem Haus vorging, war nicht mehr normal.
Mit zitterndernden Knien stolperte ich die Treppe ins Erdgeschoss hinunter, hielt unwillkürlich den Atem an und erst als die Haustür hinter mir ins Schloss fiel, atmete ich erleichtert auf. Fürs Erste hatte ich es geschafft, auch wenn ich wusste, dass es noch schlimmer kommen würde.
Schon seit Wochen sah ich überall geisterhafte Schemen, vor allem im Haus, und hatte das Gefühl, dass die Menschen mich beobachten würden. Alle sagten, ich bilde mir das bestimmt nur ein, denn mein Mann war erst vor Kurzem gestorben und ich lebte alleine. Doch ich wusste, dass dies nicht der Wahrheit entsprach, denn mein Mann hatte ein Geheimnis gehabt, was ich nun an seiner Stelle hütete und irgdjemand oder irgendetwas schien dahinter her zu sein.
Doch damit konnte ich mich auch noch später befassen, also machte ich mich auf den Weg. Die ganze Zeit über war ich angespannt und zuckte bei jedem noch so kleinen Geräusch zusammen. Es war, als würde etwas in meinem Nacken lauern und nur darauf warten, zu zuschlagen. Als ich den Brief in den Briefkasten steckte, entspannte ich mich zum ersten Mal an diesem Tag etwas. Es war geschafft, der Brief würde bald zu Evelyn kommen und sie wäre gewarnt. Das war im Moment alles was zählte.
Ich lächelte leicht und wandte mich wieder um, doch je näher ich dem Haus kam, umso unruhiger wurde ich wieder. Schließlich blieb ich unschlüssig vor dem Haus stehen.
Mein Blick wanderte an der Fassade entlang und ich betrachtete es. Das Haus hatte meinem Mann gehört und war nach seinem Tod auf mich übergegangen. Es bestand aus zwei Stockwerken mit mehr Zimmern, als wir je gebraucht hatten. Deshalb standen auch einige leer und ich wusste gar nicht mehr, was sich in ihnen befand. Doch ich hatte mich immer wohl im Haus gefühlt, bis mein Mann starb und ich alleine war. Die ersten Tage waren schwer und ich fühlte mich einsam, zurückgelassen. Manchmal glaubte ich, meinen Mann zu hören, aber das war natürlich nur Einbildung. Nach einer Woche begann es dann. Immer wieder hörte ich Geräusche, als würde jemand Fremdes sich im Haus aufhalten. Es knarrte die Treppe, Türen waren offen, die ich vorher geschlossen hatte. Immer wieder passierten merkwürdige Dinge, die mir aber niemand glauben wollte. Schon bei dem Gedanken daran, bekam ich eine Gänsehaut und blickte unsicher auf das vor mir aufragende Haus. Jetzt, am späten Nachmittag, wirkte es fast bedrohlich, wie es da hoch vor mir aufragte und es war, als würde es mich beobachten.
Ich schüttelte den Kopf, aber das Gefühl, beobachtet zu werden, blieb. Es war ein leichtes Kribbeln im Nacken, erst kaum wahrnehmbar, aber es wurde stärker. Ich blickte mich um, doch die Straße war menschenleer. Dann sah ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung an der Seite der Hauswand. Mein Blick wanderte zurück und ich lauschte, aber alles blieb still. Nur die Blätter eines Baumes raschelten im Wind. Ich atmete langsam aus und bewegte mich dann vorsichtig auf das Haus zu. Schließlich war es mein Haus und ich sollte keine Angst davor haben, es war ja schließlich nur ein Haus!
Mit Bedacht setzte ich jedoch einen Schritt vor den anderen und versuchte die aufkommenden Gefühle nicht an mich heran zu lassen. Dann stand ich auch schon vor der Haustür und legte meine Hand auf die Klinke. Das leichte Zittern konnte ich aber nicht verbergen. Ein letztes Mal atmete ich tief ein und drückte die Klinke nach unten. Gerade als die Tür sich öffnete, spürte ich eine Bewegung hinter mir. Wieder ein Prickeln in meinem Nacken. Ich wollte mich umdrehen, wollte irgendetwas machen, aber wie aus dem Nichts traf mich ein Schlag auf den Kopf und alles wurde schwarz. Das Letzte was ich sah, war die Tür...








