Kapitel 1 – Die erste Nacht
Ich war spät angekommen. Der Tag war lang gewesen – zu viele Stunden auf der Autobahn, zu wenig Schlaf in den Tagen davor. Jetzt war ich endlich in Portofino, ein Traumhaft schöner Ort.
Portofino ist ein malerisches Fischerdorf an der italienischen Riviera, südöstlich von Genua gelegen. Entlang der charmanten Piazzetta – einem kleinen, gepflasterten Platz mit Blick auf den Hafen – reihen sich pastellfarbene Häuser, exklusive Boutiquen und gemütliche Fischrestaurants. Im Hafen schaukeln elegante Super-Yachten im Wasser. Ein Spazierweg führt hinauf zum Castello Brown, einer Festung aus dem 16. Jahrhundert, die heute ein Museum mit Kunstwerken und einem atemberaubenden Panoramablick über das Dorf und das Ligurische Meer beherbergt.
Ich schloss die Tür hinter mir, ließ die Koffer im Flur stehen und trat barfuß auf den kühlen Boden der Wohnung. Der erste Schritt in ein neues Leben – oder zumindest weg vom alten.
Die Wohnung war klein, aber modern und gut gelegen: ein Schlafzimmer mit einem schlichten Bett, einem Kleiderschrank und einem großen Fenster mit Blick auf den Park. Das Wohnzimmer war offen geschnitten, mit einer hellen Einbauküche in Weiß und Grau. Das Bad – minimalistisch, mit freistehender Dusche und flachen, grauen Fliesen.
Es war still. Keine Großstadtgeräusche, kein Klackern von Absätzen auf Asphalt. Nur das entfernte Rauschen des Meeres, vermischt mit dem Zirpen von Grillen aus dem Park.
Ich trat ans Fenster. Die Dämmerung hatte sich über den Ort gelegt, weich wie ein Tuch. Von hier oben sah ich die Dächer der Nachbarn, vereinzelte Lichter in den Fenstern. Ich fragte mich, ob jemand mich beobachtete.
Ein unangenehmer Gedanke. Ich schob ihn weg und endscheide mich unter die Dusche zu gehen.
Ich duschte lange, ließ das warme Wasser über meine Schultern laufen, bis sich meine Haut weich anfühlte und mein Kopf langsam zur Ruhe kam. Der Dampf hing in der Luft, die Fliesen waren glatt unter meinen Füßen. Ich schloss die Augen, atmete tief ein.
Zurück im Schlafzimmer fiel mein Blick auf den leeren Kleiderschrank. Ich beschloss, erstmal aus dem Koffer zu leben – wie jemand, der sich nicht sicher ist, ob er bleibt.
Bevor ich mich ins Bett legte, schenkte ich mir in der Küche ein Glas Wein ein – fruchtig, leicht, kalt. Ich nahm es mit, ließ das Licht aus und ließ mich langsam ins Bett sinken.
Das Laken war frisch, die Kissen kühl.
Neben mir lag ein Buch, ein Thriller, den ich in einem der kleinen Läden hier gekauft hatte. Ich schlug die erste Seite auf, nahm einen Schluck, schloss kurz die Augen. Lass mich versinken, dachte ich. Wenigstens für ein paar Stunden.
Und es funktionierte. Der Text zog mich hinein, ließ mich alles um mich herum vergessen. Ich verlor mich zwischen Mord, Verdacht, Täuschung.
Irgendwann – das Glas war leer, das Buch auf meiner Brust – fielen mir die Augen zu. Ich spürte noch, wie mein Körper schwer wurde. Der Schlaf kam schnell.
Ich fühlte mich… sicher.
Und wusste doch nicht, dass ich längst nicht mehr allein war.