In der Tiefen Nacht
Ich erwache und weiß nicht, wo ich bin. Mir ist nur eine stark verschwommene Erinnerung an einen längst vergangenen Traum geblieben. Doch auch diese Erinnerung verblasst immer weiter und ich vergesse, woran ich gedacht habe. Und stehe da, umgeben von der Dunkelheit, in der meine Vergangenheit verblast, war.
Es war dunkel. So dunkel, dass man kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Rings um mich tiefe Schwärze, die mich in eine ungewisse Welte der Leere einhüllte. Wenn ich den weichen Boden unter meinen Füßen nicht gespürt hätte, wäre ich von der Orientierungslosigkeit vollends übermannt worden. Doch die sanften Halme der Wiese zwischen meinen Zehen und die dumpfe Feuchtigkeit des klammen Taus, der sich an ihnen bei jeder Bewegung absetzte, gab mir eine gewisse Sicherheit und Ruhe, an der ich mich festhalten konnte. Trotz alle dem gab es mir nur einen gewissen Anker, um mich daran festzuhalten, statt im Unbehagen zu versinken.
Die, mich umgebende Luft war dick und frostig. Sie schien an mir zu zerren, mich festhalten zu wollen in diesem und vergangenen Momenten. Meine Bewegungen ließ sie schwerfällig scheinen, als wäre mein Körper alt und ohne Kraft. Es überkam mich die Erschöpfung einer ewigen Zeit und Lebens, dass sich einem lang ersehnten Ende zuwandte. Durch tiefe Atemzüge spürte ich, wie die eisige Luft in meiner Nase stach, als sie diese durchströmte. Wie ein Schwarm winziger, aus Eis geformter Nadeln fühlte es sich an, als mich ein jeder Atemzug durchströmte. Diese feinen Kristallgebilde schienen in der Luft zu schweben doch spürte ich sie nur wenn sie in meine Nase eindrangen, nicht aber in der Luft, die den Rest meines Körpers umgab.
Dabei sollte ich erwähnen, dass dies, auch wenn es schmerzhaft als auch unangenehm klingen mag, dies keineswegs der Fall war. Ganz im Gegenteil hatte es sogar etwas Erfrischendes an sich. Als würden sie in meine Energiebahnen eindringen und auf diese Weise zu einer weitläufigen, inneren Entspannung führen. Meinen Geist beruhigen und abkühlen. Sicherheit spendend in dieser so unbekannten und doch verwirrend vertrauten Umgebung.
Ich tat einen tiefen Atemzug, soweit mein Körper dies zuließ. Voll bis es mir schwer viel noch mehr aufzunehmen. Die eingeatmete, kalte Luft hielt ich eine Zeitlang in mir und hatte vor sie durch mein Innerstes zu wärmen. Zunächst schien alles zu bleiben, wie es war, als könnte ich nichts ausrichten. Doch dann passierte es. Wärme. Kälte. Sie vermischten sich, nein sie tauschten Plätze. Strichen aneinander vorbei. Ich fühlte nach wie die Kälte aus meinem tiefen Atemzug wich und stattdessen in mein inneres eindrang, wo sie sich nach und auflöste und verblasste. Ein Teil meiner Wärme hingegen entwich aus mir und durchflutete die Luft in mir. Anfangs schien mir dieses Gefühl unvergleichlich. Nur ein einziger Vergleich manifestierte sich nach und nach in meinem Geist. Es war fast so, als würde sich neues oder auch altes Leben in ihr rühren und wieder erwachen. Als hätte meine Wärme, mein Innerstes die Kraft etwas zu beleben. Ein wahrlich faszinierendes und wohliges Gefühl, nach dem sich mein Körper gesehnt hatte, ohne dass ich es wusste.
Mit meinen Augen geschlossen und den Kopf langsam nach hinten geneigt atmete ich die jetzt wohlig warme Luft langsam, aber zielgerichtet, wieder aus. In meiner Vorstellung drang mein Atem wie eine luftige Wolke aus meinem Mund und wuchs an Größe, je länger mein Atem anhielt. Ein kleiner Raum des Lebens wie ich mir einredete. Um mich herum war die Luft nun etwas wärmer geworden als zuvor und bettete mich wohlig ein. Als mein Atem jedoch versiegte verlor die Wolke mit ihrer Wärme an Kraft und wurde von der umgebenden Kälte durchdrungen. Ich stellte mir vor, dass die kleinen feinen Nadeln, die ich mir zuvor vorgestellt hatten, nun die Wärme wie kleine Krieger oder Gewalt angriffen und für ihr reich des Frostes einnehmen wollten. mit jedem verstrichenen Moment wuchs ihr gebiet immer weiter an und die kleinen Bastionen der Wärme und des durch mich entstandenen “Lebens” vergingen nach und nach. So wie die Wolke entstanden war so war sie bald sowohl um mich herum als auch in meinen Gedanken verschwunden. Ich war wieder allein. Umgeben einzig von tiefer undurchdringlicher Leere. Wahrlich ein schmerzlich einsames Dasein.
Bei diesen Gedanken öffnete ich meine Augen wieder und richtete meinen Blick gen Himmel doch nichts als weite Dunkelheit erstreckte sich weiterhin ringsum mich. In meine Gedanken drangen Lichter, Schimmer, die mir vertraut vorkamen. Ein Leuchten, das einst dieses Ödland des Nichts beleuchtet hatte. mein Geist konnte die einzig und allein einem Wort, einem Gedanken zuordnen: den Stna. Sie schienen wie ausgelöscht, doch wusste ich nicht, wann dies geschehen war, allerdings kamen in mir auch keine Erinnerungen auf in denen sie noch erstrahlten. Wahrlich beunruhigend war dieses Gefühl der bewussten Amnesie, die sich immer weiter durch meinen Geist grub und mein Wissen verschwinden ließ.
Erst jetzt fiel mir auf, dass mich nicht nur die undurchdringliche Dunkelheit beunruhigte. Nein ein wichtiger Aspekt war mir bisher entgangen. Das Lied, das ewige Lied, das die drei Geschwister sangen war verstummt. Jene Melodie, jener Gesang, jenes Spiel, die definierten, wie die Wirklichkeit sich entfaltet und gestaltet. Es erklang am Beginn der Zeit, der Entstehung von allem Greifbarem und Belebenden. Weder ein Funken Licht noch der Klang eines Tones war in der durchdringenden Leere wahrnehmbar. Wie ein Kosmos, dessen Sinne und Aspekte nach und nach in Vergessenheit gerieten.
Mir war, als wäre ich über das Ende des Epilogs einer Geschichte gewandelt, an die ich mich nicht mehr erinnern konnte. War ich in einem dichten Wald, dessen Bäume und Kronen so verwuchert waren, dass nichts durch sie hindurch drang? Oder hing eine undurchdringliche Wolke im Himmel, die sich in alle Richtungen und sogar über den Horizont hinaus erstreckte? Etwas, was weder Sichtbares noch Hörbares an mich dringen ließ. Ich wusste es nicht, doch viel mir auf, dass nicht nur das ewige Lied verstummt war. Nein, es waren alle Geräusche verklungen. Weder das Pfeifen des Windes noch ein Flüstern der Blätter drang zu mir.
Bei jedem weiteren Schritt wurde mir zunehmend bewusster, dass auch das Gras keine Geräusche machte, kein Rascheln, kein Streichen. Die Abstinenz der Klänge führten mich zu einem Gedanken, dessen Überprüfung ich nur wenige Momente später beschlossen hatte. Ich hob meine Arme, die mir durch die Dunkelheit verborgen waren und führte sie schnell zusammen. Meine zuvor kühlen Handflächen trafen aufeinander, so stark, dass sie infolgedessen brannten. Jedoch bestätigte sich so auch mein Gedanke, denn trotz des heftigen Aufeinanderprallens meiner Handflächen war ihnen kein Ton entwichen. Alles verweilte in Stille. Auf mich wirkte dies zu meinem Erstaunen weder beängstigend noch beunruhigend. Die Stille ließ mich kalt.
Diese Erkenntnisse musste ich erst verarbeiten so überwältigend wirkten die vergessenden Erinnerungen auf meinen Geist. Langsam neigte ich meinen Kopf wieder vor und versuchte mich umzusehen, drehte und wendete mich in alle Richtungen, doch alles blieb dunkel und still. Obwohl ich mir bereit darüber im Klaren war, dass mich nichts Sichtbares umgab, versuchte ich einen Blick auf das zu erhaschen, an was ich mich zu erinnern versuchte. Etwas von dem ich wusste das es da war doch für meine Erinnerung nicht mehr greifbar ist. Meine Füße waren schon nass von den viele Schritte, die ich tat, um mich meiner Umgebung gewahr zu machen. Durch meine Fußsohlen und angewinkelten Zehen merkte ich, wie durch mein häufiges hin und her Schreiten die Wiese unter mir schon niedergetreten war und den Boden nun abflachte. Glatt und gefühlstaub war der Untergrund, auf dem ich mich nun bewegte. Hie und da versuchten einzelne Halme das Wagnis sich wieder aufzurichten, doch konnten sie dem versehentlichen, blinden Einwirken meiner Füße kein zweites Mal standhalten und verweilten Stattdessen flach in Stille auf dem Boden. Sie wussten das ihre Versuche vergebens waren und so blieben immer mehr und mehr von ihnen liegen, wohingegen immer weniger versuchten sich wieder aufzurichten. So entschwand mit jedem meiner Schritte die weiche Sanftheit unter mir immer weiter und wich einer flachen unangenehmen Härte und Monotonie, die so nichtssagend war wie die tiefe Dunkelheit, die mich umgab. Schleichend überkam mich die Erkenntnis, dass sich nun auch der letzte Anker in dieser Welt, der mich an die Realität band, löste und mich allein in diesem aspektlosen Kosmos treiben ließ. Meine Sinne und mein Geist verwelkten mit jedem weiteren Gedanken.
Mir war zunehmend so, als würde die Kälte um mich herum anwachsen. Ob dies auf meinen schwindenden Atem zurückzuführen war oder die Welt um mich herum zunehmend auskühlte vermochte ich nicht zu deuten. Auch das Abstumpfen meiner Sinne könnte der Grund dafür sein, doch wollte ich mich keinen Spekulationen hingeben, da diese zu nichts führen würden. Die Ungewissheit drängte mich Schritte zu tun und einen Spaziergang auf der Wiese zu machen. So begann ich mich von der Stelle, an der ich meine Augen zuvor geöffnet hatte, in einer ungeraden Linie weg zu bewegen. Eine lange Zeit schritt ich voran. Schritt um Schritt trugen mich meine Beine voran, obgleich es sich weder wie ein Vorankommen noch ein Zurückschreiten anfühlte. Ich merkte die Veränderungen, welche ich noch wahrnehmen konnte. Jedoch machte es mehr den Eindruck auf mich, als würde sich die Welt um mich bewegen als ich mich durch die Welt. Ein manches Mal drehte ich mich in die eine Richtung und ging meinen Weg weiter, ein anderes Mal tat ich dies in die andere Richtung. Unwissend wohin mich dies führen würde. Jedoch fühlte sich ein jeder dieser Schritte neuer und unbekannter an, aber auch wie die Antwort auf eine Frage, die ich einst hatte und eine die ich in der Zukunft stellen würde, deren Antwort denselben Ursprung und dieselbe Lösung hatten.
Die Tropfen des Taus auf den Grashalmen, die sich bei jedem Aufkommen meiner Füße auf dem Boden zur Ruhe legten, spritzten auf meine Beine aber auch in die Umgebende Wiese wodurch die Last der Tropfen auch diese Halme zum Niederlegen brachten. Wie ein wachsender Kataklysmus breitete sich diese Schwere von mir, auf den Tau und weiter von diesem über die gesamte Wiese aus. Jeder Schritt wurde monotoner je weiter ich ging. Das Gras dessen Halme sich zuvor so individuell und einzigartig zwischen meinen Zehen angefühlt hatten, verschwammen miteinander und ich erkannte sie nurmehr als den Boden unter meinen Füßen. Egal in welche Richtung ich ging, welches Streifen der Halmspitzen über meine Fußsohlen glitt oder das Auf- und Absetzen der Schritte änderte sich nichts an der stetig wachsenden Taubheit meiner Wahrnehmung. Bald empfand ich den Boden nur mehr als glatt selbst der Tau, der zuvor noch umhergespritzt war und mir die Welt näherbrachte, hatte sich zur ruhegelegt. Nur noch vereinzelte Tropfen trafen mich, rannen an mir herab und verschwanden im Boden und hinterließen eine Leere in mir, als würde ein jeder von ihnen einen Teil meines Selbst mit sich nehmen.
Mir kam der ertaubende Spaziergang wie eine Ewigkeit vor und meine Gedanken verfielen der Monotonie meiner Schritte und Glattheit meiner Umgebung. Es war, als wäre ich einer der Grashalme, der unter meinen Füßen zur ruhe kam. Doch da spürte ich etwas Neues und Unbekanntes zwischen meinen Zehen. Dieses Gefühl holte einen Teil meiner ertaubten Gedanken wieder zurück. Ich blieb stehen und neigte meinen Kopf hinunter, um zu sehen was da war, doch mein Blick durchdrang die Dunkelheit nicht. Da ich das Ding, das da lag, nicht erspähen konnte beugte ich mich zu meinen Füßen herab um das Unbekannte, doch vertraut wirkende Objekt aufzuheben. Einzelne Halme streiften meine Hand und Finger kurz bevor ich mein Ziel erreichte und es zu fassen bekam. Das Neue fest und sicher im Griff richtete ich mich wieder vom Boden auf. Zwischen meinen Fingern wendend befühlte ich die Oberfläche und die Umrisse jenes Dings. Es war rund und lag unbekümmert in meiner Hand. Auf der einen Hälfte wirkte sie Rau mit Unebenheiten, als würden kleine Splitter fehlen oder Zacken aus ihr hervorragen. Die andere Hälfte hingegen war glatt ohne die kleinste Unebenheit oder die Spur eines Kratzers. Sie war makellos. Eine Tatsache war jedoch sehr verwunderlich an meinem Fund. Was diese Kugel so seltsam machte, war, dass egal wie ich sie zwischen den Fingern wandte und drehte, die makelhafte und die makellose Seite immer an derselben Stelle blieben. Die eine gen Himmel die andere gen Boden. Die Kugel fest umschlossen schritt ich nun mit neuen Gedanken weiter voran, vergessend was vorher war.
Während meiner Wanderung befühlte ich sie weiter in meiner Hand, wobei mir erst nach einiger Zeit bewusstwurde, dass die Kugel, im Gegensatz zur restlichen Dunkelheit, nicht kalt und feucht war. Stattdessen entströmte ihr ein einzigartiges Gefühl von Wärme was mir bekannt vorkam, aber wie vergessen in meinen Gedanken schien. Und trotz der Tatsache, dass sie eine Langezeit in der mit Tau bedeckten Wiese gelegen haben muss, war sie staubtrocken und zeigte keinerlei Anzeichen von Nässe und Klamm. Wohlig und einladend lag sie in meiner Hand, was mir das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit vermittelte. Wahrlich etwas, was ich bisher auf meiner Wanderung nicht wahrgenommen hatte.
Von der neu entdeckten Wärme ließ ich mich nicht beirren und ging weiter meinen intuitiven Pfad weiter. Diese Wohligkeit erinnerte mich auch daran, dass ich zuvor eine andere Wahrnehmung meiner Umgebung gehabt hatte als ich durch die Dunkelheit geschritten war. Jedoch wusste ich nicht mehr, wie sich diese angefühlt hatte. Mit diesen Gedankengängen, die durch mein Bewusstsein schwirrten, schritt ich voran. Ich drehte und wendete mich in alle Richtungen, dabei wuchs die Distanz meines zurückgelegten Weges stetig. Mit jedem Schritt nahm so auch die Monotonie dieser Welt und meiner selbst immer weiter zu.
Schritt um Schritt ging ich und spürte etwas, was ich auf meiner Wanderschaft noch nicht gespürt hatte. Denn der Boden, der zuvor nur glatt und hart gewesen war, wich einem sanften und weichen Boden, als würden einzelne Halme aus dem Boden emporwachsen und nach meinen Füßen greifen. diese Individualität war mir unbekannt und doch vertraut von dem Vorangegangenen Untergrund, auf dem ich gewandelt war. Seit ich während meiner Wanderschaft erwacht war ist dies das einzig neue, dass ich in meiner Welt des einsilbigen Tastens spüren konnte. Jede Bewegung ließ mich einen Schauer der Individualität und Vielfalt spüren. Bei jedem Schritt, den ich tat, spritzte auch etwas auf mich, das meine ertaubte Wahrnehmung veränderte. Als wären die getroffenen Teile meines Körpers verändert und auf eine einzigartige Weise belebt worden. Das, was mich da traf schien ebenfalls auf einer Wanderung zu sein, so wie ich es war. Alle jedoch in dieselbe Richtung. Nämlich gen Boden, wo sie zudem herzukommen schienen. Hinter sich ließen sie einen Weg auf mir, der sich anfühlte, als wäre etwas von mir Verlorengegangen. Es schien mir vertraut von meinem eigenen Pfad, den ich durch diese Welt zog. Wie als wäre ich selbst auch nur ein Tropfen aus seiner eigenen kleinen Reise.
Mit jedem Schritt, den ich nun weiter auf diesem unbekannten Boden machte, schien meine Welt surrealer zu werden. Immer weniger schien mir vertraut zu sein, immer weniger dieser Monotonie.Etwas veränderte sich. Zuvor war da nichts um mich herum, aber in meiner Wahrnehmung tat sich etwas in der Einsamkeit auf.
Es fiel mir nicht ein. Ich kenne es. Etwas nach dem ich gesucht hatte. Etwas, was mir fehlte aber, dass ich auf meiner Reise vergessen hatte. Schwach. Es ist schwach. Aber es wird stärker? Wie habe ich es genannt? Woher kenne ich es? Etwas, was früher für mich bedeutsam war oder war es so? Meine Gedanken strudeln sich. Sie lassen sich von mir nicht fassen. Weichen von mir und entziehen sich meinem geistigen Griff. Gedanke um Gedanke. Wissen um Wissen. Erinnerung um Erinnerung. Alles schien zu schwinden und sich von meinem inneren, wie äußeren Selbst zu lösen und für diese Ewigkeit zur Ruhe zu legen.
Weiter. Immer weiter. Meine Beine trieben mich stetig voran. Sie schritten unentwegt auf die Quelle des Lichts zu. Licht? Was ist Licht? Ist es das wonach ich suchte? Ist es das unter mir? Das, was mich umgab? oder gar das, was mir Unbekannt war und wohin mich mein Weg führte?
Wieso sehe ich das Licht so schlecht und warum höre ich nichts? Aber was ist dieses Sehen und dieses Hören überhaupt, dass meine Gedanken plötzlich durchströmt? Egal. Alles ist egal. Ich lasse mich einfach dorthin tragen, wo mein Ziel ist. Der Ort an den es mich zieht. Die Quelle des Lichts; der Ursprung der Wiese; das Ende des Klangs. Einst hatten diese Dinge, an die ich mich zuletzt erinnern konnte, einen Sinn. Aber dieser, nun ja, sind nun im Strudel der Vergessenheit. All diese Bezeichnungen sind nun bedeutungslos, denn das Ende meiner Reise ist in Sicht. Ich spüre es. Mein Ende gilt dem Anfang von etwas Neuem. Etwas Jungem. Etwas, was mich unweigerlich erfreut.
Das Gleißen vor mir wurde immer heller. Animiert und angeregt, wie in Trance öffnete sich etwas an mir. Es erstrahlte um ein Vielfaches mehr als das Licht, auf das ich mich zubewegte. Ich sah alles um mich herum. Meine Gedanken waren wie beruhigt. Sie entwichen mir nicht mehr. Waren für mich noch einmal greifbar. Ich war wieder ich im Strudel meines verwelkenden Geistes. Ein letztes Aufflammen vor dem Ende.
Der Tau funkelte im gleißend weißen Licht und ließ die schwarze Wiese unter meinen Füßen schimmern. Weit reichte das Leuchten nicht. Es strahlte nur so weit, dass ich die Ränder der Wiese erkennen konnte und somit auch das Ende meiner Welt. Nur einen Teil der niedergetretenen Halme, doch die weit darüberhinausgehenden Teile waren bereits vergessen und vergangen. Ich vermochte nicht zu erkennen weswegen die Halme und das Gras dort so aussahen. Flach. Eben. Monoton. Doch gab es noch diesen kleinen Fleck, der sowohl unberührt als auch still und starr im Licht schlief. Wartend auf meine Ankunft.
Ich wandte mich wieder dem unbekannten und doch behaglichen Lichtquell zu und ging voran. Nach wenigen Schritten erstrahlte etwas an mir, ich sah an mir herab und sah meine Hand, aus der ein Leuchten drang. Es war dem Licht vor mir sehr ähnlich. Nein, es glich dem Licht, als wäre es dasselbe, doch getrennt voneinander. Meine Hand setzte sich unbewusst in Bewegung. Langsam hob ich sie vor mein Gesicht und öffnete sie. Da auf meiner Handfläche kam eine Kugel, hinter meinen Fingern, zum Vorschein. Eine Kugel, die mir nicht im Entferntesten bekannt vorkam. Wie war sie in meine Hand gelangt? Es schien eine wichtige Frage zu sein, doch die Antwort... . In ihrem eigenen Licht und dem vor mir betrachtete ich sie genauer. Ich wollte wissen, was sie war, wie sie sich mir zeigte.
Schwarz, wie die mich umgebende Wiese schimmerte sie in vertrautem Glanz. Aber sie war auch durchzogen von weißen Adern. Ein Weiß wie jenes grelle, einladende Leuchten, das vor mir lag und mich sanft umhüllte. Eine der Hälften war rau und etwas uneben. Als würden Splitter fehlen oder Zacken aus ihr hervorragen. Wahrlich ein Synonym für etwas Makelhaftes. Die andere Hälfte hingegen war glatt ohne die kleinste Unebenheit oder die Spur eines Kratzers. Makellos. Es war die einzige Beschreibung die mir für sie passend erschien. Was diese Kugel jedoch so seltsam für mich machte, war, dass egal wie man sie zwischen den Fingern wandte, die makelhafte und die makellose Seite immer in dieselbe Richtung blickten. Die eine gen Himmel die andere gen Boden.
Je näher ich dem Lichtquell kam, desto mehr schien sich das Licht auf die Kugel in meiner ausgestreckten Hand zu fokussieren. Als würde es an ihr ziehen und zerren. Weder versuchte ich mich gegen diesen Zug zu wehren, noch versuchte ich es zu verhindern. Es schien mir richtig zu sein, als hätte mich die Kugel dort hingeführt. Die Antwort auf die Frage? Immer heller wurden die Strahlen, die sich auf mich richteten. Meine Umgebung jedoch blich immer weiter aus und verschwand zunehmend in der Dunkelheit. Die Welt wurde immer kleiner und kleiner. Durch den steigenden Fokus des Lichts auf meine Hand war auch die Quelle der Strahlen immer besser zu sehen. Vor mir wuchs ein gewaltiger Monolith aus dem Boden. Er schien weiß und glatt zu sein aber war dennoch nicht so makellos, wie die eine Hälfte der Kugel, die ich zuvor ausführlich betrachtet hatte. Bruchstücke und Splitter fehlten. Kaum merklich nur erkennbar durch die vereinzelten, dunklen Schatten, die sie warfen und den Monolithen hinauf und hinunter krochen. Jeder Schritt näher ließ sie sich bewegen, als wären sie lebendig. Sie schrumpften nicht. Nein, im Gegenteil. Immer weiter wuchsen sie. Bedeckten mehr und größere Fläche des Monolithen. Stellenweise war er auch von Schwarzen Adern durchzogen, so wie die Kugel von weißen. Diese dunklen Linien schienen sich zu sammeln und sich an einer Stelle zu konzentrieren. Dem Ursprung des Lichts.
Der Ursprung des Lichts war eine kugelförmige Einbuchtung im Monolithen, bei näherer Betrachtung war es wie eine perfekte Fassung für die Kugel die starr in meiner ruhigen Hand lag. Durch die Linien, die dort hinführten, wirkte es wie ein Herz dessen adern sich über den gesamten Monolithen ausbreiteten. Wie gesteuert bewegte ich sie Richtung Einbuchtung, ohne darüber nachzudenken, was dies bewirken würde. Es vermittelte mir das Gefühl eines Abschlusses, der die Saat für etwas Neues darstellte. Die Gegensätze der weißen Adern der Kugel und die schwarzen des Monolithen zogen sich an. Als ich die Kugel nach und nach in die Fassung einbrachte, begann das Licht langsam zu versiegen. Die Letzten strahlen, die zwischen der Kugel und Fassung hervorbrachen, wirkten wie abschließende Blicke auf ein vergangenes Leben dessen Erinnerungen schon lange in Vergessenheit geraten waren und dessen letzten Gedanken in wenigen Momenten zu Ende gedacht werden würden. Das Licht Versiegte. Und so auch der Quell dieser Welt mit einem Letzten Blick.
So stand ich nun in der Dunkelheit. Unter mir spürte ich den Boden, doch die Wiese schien zu schwinden. Der Untergrund unter meinen Füßen löste sich auf, so wie mein Wissen um diesen.
Ich fiel nicht herab. Ich war einfach. Ich vergas. Alles war einmal und wird nun nicht mehr sein.
Mit meinem letzten Blick sah ich ein gleißendes Licht, um ein Vielfaches heller als das zuvor, gepaart mit unendlicher Dunkelheit. Mit dem Gedeihen dessen, was ich nun sah, schwand mein Ich. Denn meine Erinnerung war Teil einer Welt, die in einer Zeit lag, lange vergessen vor dieser neuen.
Ein leises Flüstern. Das erste Geräusch in dieser jungen Welt:
“Igrr thr Ga’ul mhar gnn ta rhr Thäückhl rrl”
Und so begann etwas Neues nach dem Ende von etwas längst Vergessenen.