Turm der Träume

All Rights Reserved ©

Summary

Träume ziehen uns seit jeher in ihren Bann und so auch das mysteriöse Traumkind, dass in eine Welt voller Wunder und Fantastereien eintaucht. Doch ist alles so wie es scheint? Oder schleicht etwas im Verborgenen umher im Versuch das Traumkind und dessen Gefährt:innen von der unumstößlichen Realität fern zu halten. Zu gut der letzt: „Träume schenken einiges und verbergen doch viel mehr, schlussendlich bleibt einem nichts als das gelbe Schimmern im Schlaf.“

Status
Ongoing
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
13+

Glasbrücke



„Träume sind Geschichten, die wir uns selbst erzählen, um die vermeintliche Wirklichkeit nach unseren Gedanken zu leben“




Ich bin müde. So müde, dass mein Körper sich nicht mehr rühren will, weder um sich umzudrehen noch eine andere Schlafposition einzunehmen. Es fühlt sich an, als hätte ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr richtig geschlafen. Meine Augenlider sind schwer und beginnen sich Stück für Stück zu schließen. Schon greifen die Wimpern der jeweilig entgegengesetzten Lider ineinander und erschaffen so die Illusion von Gitterstäben, durch die ich meine Umwelt nur noch in einem undurchdringlichen Schleier erkennen kann. Schatten scheinen mich zu umtanzen. Oder sind es doch nur die Blätter der Bäume vor meinem Fenster, die das Mondlicht einzufangen versuchen? Wie stetig wachsende Arme schleichen die Schlieren haften Schatten durch das wellige Glas hindurch, weiter über meine hölzerne Fensterbank. Dort stürzen sie an der Wand hinab und kriechen über den matt glänzenden Parkettboden, eine dunkle Schneise hinter sich herziehend. Beim Teppich angelangt schlängeln sie sich geschmeidig zwischen dessen weichen Fasern hindurch bis sie an das Fußende meines Betts gelangen. Hier wandern sie das lackiert im Mondlicht glänzende Holz hinauf, wo sie schlussendlich auf der mich einhüllenden Decke zum Rasten kommen. Seltsamerweise wirken die Schatten so, als würden sie versuchen das warme Stück Stoff anzuheben, um zu mir zu gelangen. Doch diese Vorstellung ist sicher nur Einbildung meines müden Verstandes.

Ich beginne zu grübeln und beobachte die schatten weiter durch die immer schmaler werdenden Schlitze, die die Öffnungen zwischen meinen Augenliedern darstellen. Je länger ich versuche einen klaren Gedanken zu fassen, desto mehr drifte ich ab und merke, dass ich in diesem Zustand nicht mehr dazu imstande bin. Nach und nach immer weiter löst sich mein Bewusstsein von den Überlegungen, weg von den Schatten, der Nacht, die draußen herrscht. Es macht sich auf den Weg in eine andere, eine fantastischere Welt. Eine Welt, in die es mich jede düstere Nacht zieht, deren elysische Anziehungskraft ich aber jeden Tag wieder vergesse, bis ich meine Augen wieder schließe und einschlafe.

Weich ist das Bett, in dem ich liege. Meine kuschlige, aus Flicken zusammengenähte, Decke umhüllt mich wie ein Kokon und schützt mich vor der Kälte, die von außen an mich herandringt. Wie fröstelnde Finger kriechen sanfte Luftzüge zwischen die Falten des Stoffs auf der Suche nach einer Öffnung, wobei sie nach mir zu greifen scheinen und versuchen die Geschichte des draußen herrschenden kalten Winters, in meine bedeckten Ohren zu flüstern. Aber heute weigere ich mich zuzuhören. Ich möchte nicht daran denken und auch nicht lauschen, denn diese Geschichte habe ich schon allzu oft gehört. Sie erzählt von eisigem in die Knochen eindringenden Frost, Dunkelheit, die alles umhüllt und das Licht der Sonne nur selten hindurchbrechen lässt. Von weichem Schnee der dich wie eine Sirene in Sicherheit wiegt und zu sich ruft, um mit ihm zu spielen, dich in ihm zu wälzen und dort schlussendlich auszurasten. Eine tückische Schönheit, die verlockend und doch trügerisch sein kann.

Wie ich so an den Winter denke, tauchen unweigerlich Bilder von wunderschönen Bäumen auf, die ihr sattes Grün in unschuldiges Weiß eingetauscht haben. Auf ihren dünnen, verzweigten Ästen erblühen einzigartige Eisblumen, die das Licht ihre Umgebung einfangen und in viele verschiedenen Fragmente und Spiegelbilder zersplittern lassen. Unter ihnen hängen Eiszapfen in jeder Länge und Form herunter, als wären sie die Tannenzapfen dieser traumhaften Gewächse. Vom Fenster her weht erneut ein winterlicher Luftzug zu mir her, der mich ein weiteres Mal frösteln lässt und die Bäume in meinen Gedanken ins Wiegen versetzt. Ein Schauer kriecht als Antwort auf den ungebetenen Gast über meinen Körper und alle Glieder, wobei sich meine Haare aufstellen und mich mit einer Gänsehaut zurücklassen. Ich ziehe die Bettdecke noch etwas enger um mich, sodass es keine Öffnung mehr gibt, durch die mich die kalten Finger des Winters mehr kitzeln können. Es lässt mich ein weiteres Mal froh über meine warme Decke sein, die mich um schmiegt, und meinen Polster, der meinen Kopf schützend sanft in sich einbettet. In diesem Kokon verpuppt, liege ich eingewickelt da und treibe immer weiter ab von der Realität. Meine Augenlieder sind über meine Gedanken hinweg vollends zugefallen und meine Wimpern sind nun wie das Burgtor, welches die wache von der träumenden Welt trennt und mich so auf meine Reise in neue Abenteuer schickt.

Lauschend was mir die Nacht zu erzählen versucht, in Form des Windes, der meine Vorhänge flattern lässt, wie den Flügelschlag von in eine unbekannte Welt ziehender Vögel, schwinden meine Gedanken dahin und gleiten in ein fernes Land der Fantasie. Auch die Zikaden lassen ihre zirpenden Fanfahren erklingen, als möchten sie ihren davonziehenden gefiederten Freundinnen und Freunden ein letztes Lied zum Abschied darbieten. Begleitet von diesen Klängen, zeichnen sich weitere weniger greifbare Bilder vor meinem inneren Auge ab. Ich vermute, dass mein Geist sich vorzustellen versucht, wie die unbekannten Vögel davonfliegen und die Zikaden winkend und im Chor singend ihr Auf Wiedersehen kundtun. Es ist zwar noch undeutlich, aber ich möchte fast meinen, dass es wie in einem alten Märchen ist, in dem die Zurückbleibenden von den Zinnen der Stadtmauer hinunterrufen und die Davonziehenden im Licht des Sonnenuntergangs verschwinden. Vereinzelt rinnen Tränen über Gesichter, Taschentücher werden geschwenkt und mit der Zeit wird die Musik immer leiser, bis sie für die Verabschiedeten in der Ferne vollends verstummt ist. Fast schon eine klischeehafte Verbildlichung davon, wie fantastisch die Vorstellungskraft sein kann.

Erleichternd ist es doch einfach hier in meinem angenehm weichen Bett liegen und verweilen zu können, geschützt durch Decke und Polster, wie durch Schild und Helm. Meine Gedanken wandern immer weiter in andere Gefilde. Langsam, aber stetig lösen sie sich von der wachen Welt und tragen mich weiter und weiter fort. Wie ein eigenes, selbstständiges Paar Schuhe oder Beine fühlen sie sich an, die mehr mich kontrollieren als ich sie. So werde ich zu ihrem passiven Mitreisenden, was Spannung auf den Weg in mir erwecken, den sie mir scheinbar zeigen wollen. Mit jedem weiteren Geistesschritt verwandelt sich meine Matratze zunehmend in eine formlose fluffige Wolke. In meiner Vorstellung greift sie sich wie weiche, leicht feuchte Watte an. Warum? Die Antwort ist: So stelle ich mir immer Wolken vor, wenn ich an sie denke, sie beim Spazieren gehen oder aus dem Fenster blicken sehe. Gewitterwolken zum Beispiel sind in meiner Vorstellung immer wie nasse, graue Tafelschwämme, wie man sie aus Klassenräumen kennt. Wenn sie niesen müssen, schleudern sie grelle Blitze in alle Richtungen und lassen dumpfe Donner durch den Himmel grollen. Immer wenn ein solcher „Nieser“ in der wachen Welt passiert, flüstere ich leise „Gesundheit“ oder „zum Wohl“ und schaue zu ihnen hinauf. Durchaus ein absurder Gedanke, das weiß ich selbst, doch es bringt mich immer und immer wieder zum Kichern, was mir bereits das eine oder andere Mal Ärger eingebracht hat.

Zur Aufklärung muss ich dazusagen, dass ich mir bewusst darüber bin, wie Wolken funktionieren. Dass sie sich in Wahrheit nicht nach nasser Watte anfühlen oder dass Gewitterwolken auch nicht krank sind, wenn es blitzt und donnert. Aber meine Fantasie redet mir solche Späße immer wieder ein. Vielleicht ist es, um meinen schnöden Alltag spannender und aufregender zu machen oder der tristen, grauen Welt ein wenig mehr Magie zuzugestehen, als die meisten es wohl tun würden. Am Ende zählt doch einfach, dass uns unsere Vorstellungskraft all das möglich macht, was von der wachen Welt verwehrt wird.

Bei diesen Gedanken bleiben meine Augen weiterhin geschlossen und allmählich entspannt sich der Rest meines Körpers. Mit dem Rücken liege ich bereits auf der weichen Traumwolke unter mir, die zuvor noch mein Bett gewesen ist, und starre in die Dunkelheit, die sich um mich ausgebreitet hat. Es ist keine Dunkelheit, vor der man sich fürchten müsste – zumindest fürchte ich mich nicht vor ihr – denn es gibt eine einfache Erklärung dafür: Die Leere, die mich immer zu dieser Zeit umgibt, stellt einfach nur den Warteraum und Übergang in eine Welt voller Fantastereien dar, die mir jede Nacht wundervolle Geschichten bringt.

Und da beginnt es schon. Licht und Farbenspiele fernab von jeglicher Realität bilden sich im Schwarz hinter meinen geschlossenen Augenliedern ab. Weiße Punkte flackern auf, wie die funkelnden Sterne am Firmament auf der anderen Seite meines Fensters, die gemeinsam mit dem Mond den Nachthimmel erhellen. Manche von ihnen bewegen sich hin und her und ziehen einen feinen Schweif hinter sich her. Sie wirken wie kleine tanzende Sternschnuppen oder verführerische Glühwürmchen auf einer taubedeckten Wiese bei Mitternacht. Wieder ein paar andere dieser weißen Flecken verharren aber an Ort und Stelle. Zunächst scheinen sie sich nicht zu verändern, aber das ist eine trügerische Beobachtung. Wenn man nämlich genau hinschaut, werden sie ganz langsam und kaum merklich größer. Am besten lässt es sich mit einem winzigen Sprössling vergleichen, der über die Zeit immer weiter aufkeimt und schlussendlich zu einer wunderschönen Blume heranwächst oder irgendwann als mächtiger Baum in den Himmel ragt. Manche von ihnen nehmen auch andere, teilweise sonderbare Formen an, die fantastischer nicht sein konnten. Sie vermengen sich dabei auch immer weiter mit dem Farbenspiel um sie herum. Es ist fast so, als würde ich durch ein Kaleidoskop blicken, das sich ständig verwandelt und verändert. Je länger sich mir dieses wirre Bild zeigt, desto mehr merke ich wie es sich auf meine Gedanken auswirkt. Denn diese beginne bereits durcheinander zu irren. Mal zeigt sich mir eine Erinnerung an einen vergangenen Schultag, mal aber auch eine Fantasie der Zukunft wie sie sich mein Gehirn in seiner Langeweile zusammenspinnt und mir als Tagtraum wie ein Fernsehprogramm unter Tags in meine Gedanken spült. In solchen Momenten scheine ich für eine kurze Zeit durch einen winzigen Spalt in diese Welt fernab der Realität Einblick zu erhaschen. Man könnte meinen ich hätte die Tür dorthin nicht sorgsam verschlossen, aber ich glaube eher, dass etwas von der anderen Seite die Tür einen Spaltbreit öffnet, um zu mir hinauszulugen. Irgendwann schaffe ich es sicher Mal zurückzuschauen und „Haha erwischt!“ zu rufen. Das irritierte Gesicht, wenn es denn eines gibt, würde ich gerne sehen, aber leider ist es mir bisher noch nicht gelungen.

Nach und nach werden die Bilder wieder klarer. Das wild tanzende Farbenspiel und die weißen Blitze fügen sich aus ihren eigentümlichen Bewegungen in eine immer deutlichere Umgebung zusammen, die sich wiederum auf die Innenseite meiner Augenlieder projiziert. So stelle ich es mir zumindest vor. Ein Filmprojektor der Fantasie, der seine Vorstellung auf die Leinwände meiner Augenlieder wirft. Sozusagen die Traumvorstellung im Kino des Morpheus dessen einziger Gast ich jede einzelne Nacht bin.

Noch muss sich mein Blick an die unwirkliche Umgebung anpassen. Es ist gar nicht so leicht wie man sich das vielleicht vorstellen mag. Zwischen Realität und Fantasie liegen viele Welten an, die sich die Sinne und Wahrnehmungen einzeln anpassen müssen. Sonderbare Schlieren ziehen sich durch mein Blickfeld und machen es mir unmöglich die sich erst bildende Welt klar zu erkennen. Ein, zwei schlieren streichen an meinen Wangen vorbei und geben mir so schon einen kleinen Vorgeschmack auf das, was auf mich zukommen wird. Die Welt um mich herum setzt sich nun endlich aus den zuvor wirren Farben zusammen. Auf mich wirkt es fast so, als würden sie wie Pinselstriche oder leichte Tücher aus meinen Augen herausgleiten.

Ein paar Mal muss ich blinzeln um alles wahrhaftig und wie es sich endgültig geformt hat in mich aufnehmen zu können. Mich umgibt ein weiter offener Raum. Er erscheint wie ein Himmel bestehend aus allen Farben, die mir bekannt und unbekannt sind. Wolken, mal rosenrot wie bei einem Sonnenuntergang oder schlohweiß wie Watte gleiten um mich herum und kitzeln mich mit ihrer weichen Wattigkeit. Wirbelnd und gleitend in anmutigen Spiralen und Pirouetten ziehen sie im leeren Raum umher, einen Freudentanz tanzend alle in eine Richtung. Ihnen folgend richtet sich mein Blick ihnen hinterher. Auf ihrem Weg schließen sich ihnen weitere Wolken, in mannigfaltigen Farben, an, wodurch sie mein Sichtfeld frei machen. Und so eröffnet sich vor mir eine durchsichtige Brücke wie aus Glas, die sich weit in di unendlich wirkende Ferne erstreckt. Auf den ersten Blick ist sie beinahe unsichtbar. Zu mindestens so durchlässig wie die kristallenen Eiszapfen, die mir meine Gedanken zuvor auf den Schneebäume gezeigt haben. Aber die filigranen Ornamente und fein säuberlich gestalteten Verzierungen, in denen sich die Farbenpracht dieser Welt brechen, lassen sie doch deutlich erscheinen und für mich sichtbar werden.

Mein Blick folgt den Mustern an den Rändern und so auch dem Verlauf der gläsernen Brücke. Wegweisend führen sie zu etwas hin, das mir erst jetzt auffällt. Zuvor muss es hinter den farbenprächtigen Wolken verborgen gewesen sein und danach sind meine Augen von den schönen Verzierungen gefesselt gewesen. Aber nun schaue ich zu dem Ding, das sich dort vor mir in der Ferne aufbäumt. Es ist von gewaltiger Größe. Wie eine Säule inmitten dieser weiten und endlos scheinenden Welt. Egal ob ich nach oben sehe oder durch die gläserne Brücke und Ornamente hindurch spähe, reicht dieses Ding am Ende des Weges bis in das Uneinsehbare hinein. So weit, dass man weder das Fundament noch die Spitze sehen kann. Irgendwann verliert es sich in der Entfernung so weit, dass es unerkennbar schmal wird. Wahrlich ein eigentümlicher Anblick. Vertraut und doch unbekannt. Ich würde es als einen Turm im weitesten Sinne der Bedeutung dieses Wortes beschreiben und benennen. Eine andere Bezeichnung wirkt mir hier nicht passend.

Die Wolken, die ich zuvor bei ihrem anmutigen Tanz beobachtet habe, versammeln sich nun um den vor mir liegenden Turm. Im Vergleich zur Wand hinter ihnen, an der sie sich entlang schmiegen, wirken sie winzig, was das ganze Gebilde erst in richtiges perspektivisches Verhältnis setzt. Manche von ihnen drehen und winden sich immer noch wie zuvor in ihrem Tanz. Andere wiederum sind bereits zur Ruhe gekommen und gleiten entspannt um den Turm herum. Alles an diesem Anblick macht mich neugierig und verführt mich dazu näher darauf zu zugehen und ihn zu erkunden. Die Ornamente und schimmernden Reflexionen der Brücke laden einen förmlich dazu ein sie zu betreten und über sie zu dem mysteriösen Turm zu spazieren.

Mit unersättlicher Neugier mache ich also den ersten Schritt. Beim Heben meiner Beine und den Bewegungen, die mein Körper dabei macht, merke ich sofort, dass sich alles an mir anders anfühlt als gewöhnlich. Jede Bewegung ist auf einmal federleicht. Aber nicht auf eine solche Weise so, als könnte mich ein plötzlicher Windhauch von der Brücke in das mich umgebende Bunt schleudern und davontragen. So wie eine schimmernde Seifenblase, die vom Wind erfasst wird und in den fernen Himmel hinaufsteigt. Nein es ist etwas anderes. Schwer beschreibbar. Nicht einfach nur leicht. Nein eher erleichtert. Frei, als hätten sich die Flügel des inneren Selbst an mir entfaltet und mich leichtfüßig und zwanglos werden lassen. Diese Unbeschwertheit entflammt eine innere Wärme die durch mich hindurchströmende Freude und Ruhe angefacht wird und sich weit in meinem Innersten ausbreiten, bis sie den hintersten Winkel meines Selbst ausgefüllt hat.

Mit dieser Empfindung kommt die Ferse meines ersten Fußes auf der dezent fragmentierten gläsernen Oberfläche auf. Kaum merklich findet ein feines Knistern zwischen meinen nackten Fußsohlen und der durchsichtigen Glasbrücke statt. Ich muss schmunzeln, denn es kitzelt mich wie kleine Finger zierlicher Hände, die nach mir greifen und mich weiter vorantragen wollen. Ein Gefühl, das ich tatsächlich nicht als unangenehm in irgendeiner Weise wahrnehme. Was ich anfangs nach dem ersten Schritt noch nicht bemerkt habe, ist das Geräusch, das von der Brücke ausgeht, sich jetzt allerdings in meine Wahrnehmung drängt. Es ist ein wunderschöner und doch subtiler Klang, der im Hintergrund der Gesamtatmosphäre mitschwingt und so seinen Beitrag zur faszinierenden, wie auch einladenden Energie dieser Szenerie leistet. Schwierig ist es ebenfalls ihm einen mir bekannten Ton, Klang oder anderwärtigen Geräusch zuzuordnen, da er weder vergleichbar mit der klirrenden Tonalität von Glas, einem anmutigen Glockenspiel, noch irgendeinem anderen aus der wachen Welt ähnlich ist. Zumindest keinem, der mir einfallen würde oder an den ich mich erinnern könnte. Mystisch. Einladend zu Abenteuern. Das ist für mich die Botschaft, die er zu vermitteln versucht. Fantasien und Welten, die nur darauf warten von mir gesehen zu werden. Womöglich der ursprünglichste Ruf zum Abenteuer. Mit jedem weiteren Schritt baut sich diese Melodie immer weiter und weiter um neu Klänge und Noten aus, wie das Anfangssymposium einer Oper oder eines Konzerts. Ein antreibender Rhythmus der mir einen Schritt nach dem andern einflößt. So präsent und eindringlich sie auch ist verschwindet sie aber gleichzeitig auch, mit zunehmend zurückgelegter Distanz, immer weiter in den Hintergrund und ist nicht mehr so prägnant wie der aller erste Ton, der durch den ersten meiner Schritte ausgelöst wurde. Einzig verbleibt sie nun als eine sehr ambiente und überaus passende Hintergrundmelodie zu dieser Umgebung. Reizvoll und doch sanft.

Nach einigen Schritten, wie viele es genau waren kann ich nicht genau sagen verändert sich die Brücke. Nicht etwa in ihrem Aussehen, sondern wie sie den Weg gestaltet, der von meinem ursprünglichen Startpunkt hinter mir bis zu dem sonderbaren Turm, der vor mir liegt, führt. Denn statt das sie einen geraden Pfad hin zu dem dunklen Bauwerk bildet, wie ich es zu Beginn angenommen habe, macht sie Bögen nach oben und unten. Dabei verschlingt sie sich in ihrer eigenen Wegführung in sich selbst und dreht sich wie ein Korkenzieher ein. Sehr abstrus und kaum greifbar für meinen Verstand. Eindeutig etwas bei dem sich die Frage eines tieferliegenden Sinns gar nicht zu stellen braucht und in keiner Weise mit Aspekten der wachen Welt zu vergleichen ist da es jeglichen Gesetzen der Natur und Logik widerspricht und so in keiner Weise real existieren könnte. Aber da ich hier mehr oder weniger offensichtlich in einer Traumwelt bin stellt sich dir Frage von Realismus und dessen Möglichkeiten nicht. Es erinnert mich ein wenig an die skurrilen Räume und paradoxe Geometrie in den Kunstwerken von Escher. Stiegen und Brücken, die in alle Richtungen schauen und in einer Weise ineinandergreifen, wie auch übergehen, was nur durch die künstlich herbeigeführten Illusionen seinerseits möglich ist. Manchmal gehe ich plötzlich nach rechts oder links geneigt oder spaziere unvermittelt vertikal nach oben. Wahrlich eine skurrile und verwirrende Erfahrung. Das Sonderbarste daran ist aber, dass der Turm sich dabei perspektivisch nie verändert, sondern immer in der Mitte meines Blickfeldes bleibt. Räumlich gesehen mehr als widersprüchlich. Für mich ist diese Feststellung allein daran festmachbar, da sich der farbenprächtige Himmel oder wie man es noch nennen möchte neigt, wenn ich mich scheinbar auf der Glasbrücke neige.

Nach vielen Bögen und Spiralen bin ich dem Turm vor mir doch sehr nahegekommen, wodurch er noch gewaltiger und monolithischer auf mich in dieser Umgebung wirkt. Einzigartig hervorstechend in der Farbenpracht um ihn herum, dennoch wirkt sein Erscheinungsbild in keinster Weise fehl am Platz, sondern sogar auf eine seltsame Art und Weise unumstößlich passend. Während mein Blick über ihn schweift, zieht eine rosa gelbe Wolke auf geradem Wege zwischen mir und dem Turm vorbei und streift mich dabei sanft, als wollte sie mich auf etwas aufmerksam machen. Mein Blick folgt ihr wie bei einer Aufforderung auf ihrem Flug hinterher. Sie schwebt und gleitet auf ihre ganz besondere Weise stätig in einer zunehmenden Distanz von mir weg auf zielgerichtetem Pfad in Richtung Turm, da bemerke ich etwas Sonderbares. Hinter ihr offenbart sie eine merkwürdige Form in der Fassade des Turms. Zuerst kann ich mir keinen Reim darauf machen, was genau es ist, denn noch bin ich zu weit entfernt, um es klar erkennen zu können. Je näher ich komme, desto mehr festigt sich der schattenhafte Umriss. Mit jedem gehobenen und abgesetzten Fuß und jedem gemachten Schritt wird es für mich deutlicher und deutlicher. Von der Form erinnert es jetzt entfernt an ein Schlüsselloch. Nicht eines dieser modernen, wie sie bei den meisten modernen Türen verbaut sind, sondern mehr wie eines dieser alten Schlüssellöcher, deren Schlüssel noch recht simpel sind. Solche, die in Büchern und Filmen, geheimnisvolle Schatztruhen oder verwunschene Spukhäuser verschlossen halten und durch die eine jede Person – besonders Kinder – gerne spähen, um die Geheimnisse, die sich dahinter verbergen zu ergründen. Allein die Gedanken daran, was es verschlossen halten könnte, reizen mich umso mehr schnell zu dem monolithischen Turm zu gelangen.

Das vermeintliche Schlüsselloch muss von einem gewaltigen Ausmaß sein, denn ich bin immer noch eine weite Distanz von ihm entfernt und ich kann die klare Form schon sehr deutlich erkennen. Links und rechts des Schlüssellochs zeichnen sich nun auch zwei kleinere, dunkle Punkte ab. Deutlich erkennbar sind diese von dieser Entfernung allerdings noch nicht und erst als ich ihnen schon recht nahekomme, stellen sich als Körper mit Gliedmaßen und Torso heraus. Da sie sie sich nicht bewegen halte ich sie für Skulpturen oder Statuen wie Gargouille auf alten Kirchen. Bei einem flüchtigen Blick könnte man meinen, dass es sich bei den Gestalten um Menschen handelt, allerdings haben sie eine unnatürlich krumme Haltung und Körperform. Dazu kommt, dass ihre Hälse viel länger als bei einer Person sind, die ich draußen in der wachen Welt am Gehsteig sehen würde. Auch ihre Köpfe wirken sehr klein im Verhältnis zum Rest ihres Körpers und sind vergleichsweise fast genauso breit wie ihr Hals, sodass ich kaum erkennen kann, wo das eine beginnt und das andere aufhört. Unproportional durch und durch, an Menschen erinnernd ihnen aber doch sehr fern. Trotz der Tatsache das ich immer näher auf sie zu komme rühren sie sich in ihrer gekrümmten Haltung nicht, weswegen sich mir immer noch nicht erschlossen hat, ob es sich um Lebendige Wesen oder aus Stein gemeißelte Kunstwerke handelt. Da ihre Körper und damit auch ihre Gesichter, von mir abgewandt, neben den beiden Seiten des Schlüssellochs zusammengekauert knien, könnte man meinen, dass sie schlafen. Zumindest kommt es mir so vor, denn auf meine Anwesenheit zeigen sie keine Reaktion, als würden sie mich nicht wahrnehmen.

Nur noch ein paar wenige Schritte trennen mich von dem großen Schlüsselloch vor mir. Zudem kann ich nun auch besser erkennen, wie es sich von der Struktur des Turms abhebt. Grob und nichtssagend, wirkt dessen sonst schwarze Fassade, doch hat sie dabei auch etwas Mystisches an sich. Auch scheint sie nicht starr wie Stein zu sein, sondern bewegt sie sich kaum merklich. Hypnotisch würde ich fast meinen. Alles daran wirkt unlogisch und abstrus, als würde sie sich gleichzeitig in Wirbeln verlieren, auseinanderdriften und wie Gebirge auftürmen, doch bleibt sie dabei glatt ohne einen ersichtlichen Makel. Ob sich diese strukturellen Erscheinungen unter der obersten Fassadenschicht bewegen und sie wie eine Samtdecke verformen, oder ob sie selbst die Oberfläche der dunklen Wand sind. Im Gegensatz dazu sticht der Rahmen des Schlüssellochs bunt und vielseitig an dem ewiglangen Gebäude hervor. Er setzt sich aus verschiedenfarbigen Holzarten zusammen, die sich in ihrer Maserung und Faserstruktur mal mehr und Mal weniger voneinander unterscheiden. Außerdem sind sie auf die verschiedensten handwerklichen Arten in den Ramen verarbeitet. Die einen sind schön fein säuberlich ornamentiert oder glattgeschliffen und mit einer passenden Farbe bestrichen oder haben selbst eine eigentümliche Farbe. Andere wirken wiederum wie Bäume und deren Äste die zwischen den unterschiedlich verzierten Teilen hervor wachsen. Ein schöner Kontrast stelle ich fest, den ihre groben und doch anmutigen Rinden, die die ungezügelte Natur, aus der sie stammen dürften, widerspiegeln, zu den akribisch bearbeiteten Holzstücken darstellen. An einigen von den verwinkelt wachsenden Ästen und Zweigen sprießen sogar Blätter mit den verschiedensten Pigmenten und Flecken, die beinahe die Farbenpracht der Umgebung widerspiegeln, heraus. Ich nehme einen Lichtblitz wahr der die Aufmerksamkeit meines zuvor schweifenden Blicks auf eine Stelle am oberen Bogen zieht. Was ist das gewesen? Meine Sinne fokussieren sich auf den kleinen Bereich, den ich für den Ursprung des Aufflackerns halte, da sticht mir einer der vielen Äste ins Auge. Eine Eisblume. Sogar ein Eiszapfen schimmert zwischen den kristallenen Blütenblättern hervor und bricht in sich das Farbenmeer hinter mir fast schon in einen Regenbogen. Er sieht den Bäumen, an die ich beim Einschlafen gedacht habe, verdächtig ähnlich. Ob es der Ast von einen von ihnen ist? Durch die mannigfaltig verarbeiteten Holzteile und das hervorsprießende Astwerk steht diese vielseitige Schlüssellochfassung einige Zentimeter von der widersprüchlichen, dunklen Mauer hinter sich ab. Innerhalb des eingerahmten Bereichs ist etwas Schimmerndes nach hinten versetzt verborgen gewesen, wodurch sich eine Art Eingangsbereich vor mir auftut.

Erst wie ich direkt vor dem vermeintlichen Schlüsselloch, mit den beiden Gestalten zu beiden Seiten, die mindestens dreimal so groß waren wie ich, stehen bleibe entpuppt es sich als ein gewaltiges Tor. Es ragt vor mir auf und scheint aus demselben schimmernden Material zu bestehen wie die Glasbrücke. Der einzige Unterschied ist, dass sie im Gegensatz zur Brücke vollständig mit Verzierungen und Ornamenten bedeckt ist. Außerdem reflektiert es die Umgebung wie ein Spiegel. Natürlich wirft die Toroberfläche nicht nur ein Bild vom Farbenspiel rings um mich zurück, sondern auch eines von mir selbst. Mein Blick wandert, bis ich eine Gerade Sichtlinie auf das Tor vor mir habe. Was ich da sehe, verwirrt und überrascht mich auf mehreren Ebenen. Erst jetzt bemerke ich, dass ich, bessergesagt mein Traumkörper nicht im Entferntesten so aussieht wie mein Ich in der wachen Welt. Alle meine Eigenschaften in diesem Spiegelbild sind die einer leeren Puppe, einem undefinierten Avatar gewichen. Glatt und bleich, wie die Leinwand eines Bildes mit der man eine Schaufensterpuppe bespannt hat. Mein Kopf ist eine einfache konturlose Kugel ohne Nase, Ohren, Augen, Mund oder Haaren, die mir irgendeine Form der Visuellen Identität gegeben hätten. Wie kann ich sehen oder hören? Überhaupt wie kommen alle meine Sinneswahrnehmungen in dieser Welt zustande, wenn die dafür notwendigen Sinnesorgane abwesend zu sein scheinen. Ich sollte wohl erschrocken sein, mich wundern, warum ich gerade diese Gestalt in dieser Traumwelt angenommen habe. Aber wenn ich genauer darüber nachdenke, fällt mir in Wahrheit gar nicht ein, wie ich in der wachen Welt aussehe. Mein Körper, alle meine physischen Eigenschaften sind mir einfach entfallen. Weder Haar noch Augenfarbe wollen mir einfallen. Ich schaue in meine blasse Handfläche und versuche mir meine echte Hand vorzustellen, aber es will sich keine Erinnerung festigen. Das Einzige, worüber ich mir im Klaren bin, ist dass ich sicher keine Bowlingkugel als Kopf und den fasrigen Stoff einer Leinwand als Haut habe, wenn ich wach bin. Aber egal wie sehr ich versuche mich zu erinnern möchte mir nicht mehr einfallen.

In meinen Gedanken vertieft und über diese mysteriöse Entwicklung grübelnd, schrecke ich unvermittelt auf als sich die beiden Gestalten neben mir zu bewegen beginnen. Ich habe fest damit gerechnet, dass es sich bei ihnen nur um Statuen oder Wasserspeier handelt, wie man sie von alten Gebäuden kennt, aber da habe ich mich offensichtlich getäuscht. Von rechts bewegt sich das eine Wesen, mit dem Kopf noch abgewandt, auf mich zu. Mit einer gratzielen Wellenbewegung kommt dieser an einem überproportional langen Hal endgültig auch zum Vorschein und offenbart was sich mir zuvor verborgen hat. Kurz bin ich verwirrt, denn es zeigt sich mir ein Anblick, denn ich wahrlich nicht erwartet habe. Dann muss ich leise lachen. Man fragt sich vielleicht warum, aber naja wie soll ich es beschreiben. Ich habe nicht damit gerechnet, dass mich plötzlich ein riesiges Glupschauge mit langen schimmernden Regenbogenwimper anstarren würde. Vom Rest des unproportionalen Körper mit dem überdimensionierten Brustkorb und Stummelbeinen ohne erkennbare Füße hätte ich au vieles getippt wie das Gesicht oder der Kopf aussehen würden aber das… ja das hätte ich ehrlicherweise nie erraten. Zunächst ist das Auge an dem sich geschmeidig bewegenden Hals noch misstrauisch und schaut mich prüfend zusammengekniffen an. Doch binnen kürzester Zeit nimmt es einen freundlichen leicht die Lider zusammengekniffenen Ausdruck an. Zumindest nehme ich es als freundlich wahr. Langsam aber doch beruhigt sich mein leises Lachen wieder, dass sich von Belustigung in Nervosität gewandelt hat, während mich das Glupschauge überall betrachtet, um sich vermutlich ein Bild von meinem gesamten Auftreten, wie auch Aussehen zu machen. In dieser sonderbaren Situation bin ich so sehr auf das Auge und seine Bewegungen fokussiert, dass ich nicht bemerke, wie sich das andere Wesen von links angenähert hat und mit einer hellen und freundlichen stimme in mein Ohr spricht:

„Ohhh Traumkind, dich haben wir schon Ewigkeiten nicht mehr außerhalb des Turms gesehen. Du bist größer geworden oder nicht? Ist es denn wirklich schon so lange her? Hmm…“

Bei diesen unerwarteten Worten wende ich mich abrupt um und beginne beinahe wieder zu lachen. Denn vor mir schwebt ein riesiger, an einem ebenso langen Hals, wie der des Auges, verwachsener Mund mit blauvioletten und dazu noch vollen Lippen, der mich angrinst. Von rechts stößt nun das Auge zum immer noch lächelnden Mund dazu. Eigentümlicherweise bewegt sich der Mund unter das Auge, als würden sie gemeinsam versuchen ein rudimentäres Gesicht zu bilden. Es wirkt auf eine seltsame Art unnatürlich natürlich muss ich gestehen. Als würden sie meine Verwirrung spüren neigt sie das Auge leicht schräg und dass Lächeln der Lippen erschlafft, zunehmend.

„Was ist? Hat es dir die Sprache verschlagen?“,

fragt der Mund wobei sich seine Lippen überaus – sagen wir mal ausdrucksstark – bewegen und dahinter glänzend schwarze Zähne offenbaren. Im Mundraum schlackert indes eine feucht glänzende türkise Zunge herum, wobei sie die Laute erzeugt, beziehungsweise formt, die schlussendlich zu gesprochenen Worten werden.

Fast synchron neigen sich das Auge und der Mund in eine Richtung, als würden sie mich fragend und erwartungsvoll anschauen. Die Wimpern des Auges klimpern ungeduldig und unterstreichen so das seltsame Gesamtbild dieser Situation auf, die mir keine Antwort einfallen will. In einer langsamen, aber gleichmäßigen Bewegung kommen sie näher auf mich zu.

„Nun?“,

meint der Mund und macht eine auffordernde Nickbewegung in meine Richtung. Ein Blick vom Auge zum Mund hinunter verrät mir, dass es auch etwas verwirrt, über meine Sprachlosigkeit, ist.

„Ich … äh… wer seid ihr eigentlich?“,

kommt gestammelt aus mir heraus. Ich weiß zwar nicht, wie ich ohne einen eigenen Mund sprechen kann, aber was will man sagen, das ist eine Traumwelt. Die beiden verharren kurz in ihrer Bewegung und verarbeiten, was ich gerade zu ihnen gesagt habe. Für wenige Sekunden herrscht ausdruckslose Stille auf beiden Seiten, dann beinahe wieder synchron zucken sie – wie ich deuten würde – überrascht zurück. Wenn ich es nicht anders wüsste, würde ich meinen, dass es Empörung ist, die ich aus ihrem Verhalten lesen kann. Und mit dem, was der Mund danach auf mein Gesagtes erwidert, bin ich mir sicher, dass sie in der Tat beleidigt sind.

„Nein wirklich! Zz Zz Zz Zz Zz Zz…!“

Der Mund schnalzt mit der Zunge gegen die Rückseite seiner Zähne, um seine Empörung zu unterstreichen und dem ganzen zusätzlichen Ausdruck zu verleihen.

„Ich will es fast schon eine… mhh… ja eine Frechheit nennen! Wie kann man sich, denn nicht an uns erinnern! So oft wie du schon hier ein- und ausgegangen bist müsste man meinen, dass wir schon sowas wie Freunde und Freundinnen geworden sind. Nicht wahr…?“,

pure Enttäuschung und Empörtheit liegt in der Stimme des Mundes. Das Auge schüttelt sich geneigt und traurig hin und her als könne es nicht glauben, was es da hört, und stimmt dem Mund damit gleichzeitig noch in dessen Aussage zu.

„Ähm… das tut mir wirklich furchtbar leid. Entschuldigt, aber… darf ich trotzdem wissen was euer Name sind?“,

frage ich mit Pieps leiser Stimme und schaue dabei verlegen auf den Boden. Der Mund atmet sanft, aber offensichtlich gewollt, laut hörbar aus und das klimpert ein weiteres Mal, auf eine etwas andere Weise mit den Wimpern.

„Hm… na gut, wenn du dich wirklich nicht mehr erinnern kannst, glauben wir dir das einfach Mal. Darf ich vorstellen, das da über mir ist Wimper und mein Name ist Lippe. Ich hoffe die Namen merkst du dir von jetzt an.“,

meint Lippe schnippisch und streng zugleich, wobei sie sich etwas von mir abwendet,

„Wir beide bewachen das Tor zum Turm, genauer gesagt zum Turm der Träume, den du ja wohl hoffentlich nicht übersehen hast.“

„Ouh, nett euch …wieder… ähh…kennen zu lernen?“,

antworte ich unsicher auf die Vorstellung von Lippe. Aus der Reaktion ihrerseits schließe ich, dass ihr der unsicher fragende Charakter meiner Aussage nicht gefällt, sie es aber für den Moment herunterschluckt und einfach in Gedanken übergeht,

„lasst ihr mich durch das Tor in den Turm? Oder muss ich hier draußen warten? Ich meine es ist zwar interessant hier, aber spannend würde ich was anderes nennen.“

Diese Worte betrachtet hätte ich es im Nachhinein auch besser ausdrücken können, aber Lippe scheint auch das bewusst zu überhören.

„Naja wir kenne dich ja und haben dich schon unzählige Male ein und ausgelassen. Da werden wir heute auch nicht anders verfahren.“

„Vielen Dank ihr beiden!“,

kommt es mir überglücklich über die Lippen.

Lippe grinst unweigerlich, versucht sich aber schnell wieder unter Kontrolle zu bringen, da sie mich vermutlich noch mit der Kalten Schulter beglücken möchte. Wimper hingegen zwinkert mir freudig zu, als sie sich auseinander bewegen und mit ihren langen Dünnen armen in Richtung Tor greifen. Auf der Oberfläche, zwischen den ganzen Verzierungen leuchten zwei Felder auf, in die die Hände der beiden Torwachen mit den dürren, dunklen Fingern, perfekt hineinpassen. Mit einem kristallenen, klimpernden Geräusch des sich öffnenden Eingangs, verstummt die Melodie, die sich die ganze Zeit im Hintergrund ausgetobt und ich schon längst ausgeblendet habe. Ein mystischer Windhauch bricht durch den Spalt, der sich zwischen den beiden Torhälften immer weiter auftut. Durch ihn kann ich nur Dunkelheit und gähnende Leere erkennen und nichts weiter. Ich bin schon gespannt auf das, was mich dahinter erwartet. Mit einem weiteren kristallenen Klimpern rasten die Tore in einer voll aufgeschwungenen Position ein und offenbart hinter sich das Innenleben des mysteriösen Turms der Träume.

Von links und rechts wenden sich Lippe und Wimper ein letztes Mal für den Moment zu mir hin.

„Viel Spaß, Traumkind!“

sagt Lippe grinsend und schnalzt zum Abschied mit der Zunge, wohingegen Wimper aufgeregt blinzelt und mir mit seinen Fingern zuwinkt. Ich hebe nur die Hand, wende mich wieder dem Eingang zu und durchschreite den schlüssellochförmigen Torbogen, hinein in die ungewisse Dunkelheit. Wie zu meiner eigenen Absicherung werfe ich einen flüchtigen Blick zurück und sehe noch undeutlich, wie die beiden Torwachen ihr provisorisches Gesicht formen und sie dann hinter den sich schließenden Toren verschwinde. Ich meine Lippe noch sagen gehört zu haben: „Wer ist hier eine beleidigte Leberwurst?! Treib’s nicht zu weit Wimper…“, aber vielleicht war das auch nur Einbildung.

Für einen kurzen Moment wird es stockduster und nichts ist mehr zu erkennen. Dass ich auf einer Art Plattform oder Balkon stehe, kann ich dem äußeren Erscheinungsbild des Turms entnehmen, denn, wie ich von draußen noch weiß, reicht er unendlich weit nach unten in die farbenfrohen Tiefen und hinauf, vorbei an den verschiedensten Wolken, die ihn umkreisen. Langsam taste ich mich also in der undurchsichtigen Finsternis nach vorn, um im besten Fall ein Geländer und im schlimmsten Fall einen Abgrund ertasten zu können. Doch da ist nichts dergleichen direkt vor mir. Stück für Stück kriechen meine Finger und Handflächen weiter und ziehen dabei meinen Körper immer weiter hinter sich her, wobei ich nur einen winzigen Schritt nach dem anderen mache. Plötzlich stößt mein Fuß gegen etwas hartes vor mir, dass weder meine linke noch meine rechte Hand vorher zu fassen bekommen haben. Aus Reflex zuckt mein gesamter Körper zusammen und macht einen Satz zurück und erstarrt in einer, die Hände vor dem Körper positionierten Abwehrhaltung. Stille. Keine Reaktion und dann erstrahlt ein blendend helles Licht, ausgehend von der Stelle, an der ich mit dem Fuß gegen etwas geprallt bin. Die zuvor in Schatten gehüllte Umgebung wird in einen grellen undurchsichtigen weißen Schleier gehüllt, durch den ich ebenso wenig hindurch spähen kann, wie durch die Finsternis zuvor.