Der Kollaps
Der Kaffee war längst kalt geworden. Beeke Nordahl starrte auf die blinkenden Zahlen ihres Bildschirms, aber die Daten verschwammen vor ihren müden Augen zu einem unverständlichen Wirrwarr. Schon wieder Überstunden. Schon wieder ein Abend, an dem sie die letzte Person im Büro war, umgeben von leeren Schreibtischen und dem schwachen Summen der Klimaanlage.
“Nur noch diese eine Berechnung”, murmelte sie zu sich selbst und rieb sich die brennenden Augen. Die Worte klangen hohl in der Stille des verlassenen Großraumbüros. Draußen war Kiel längst in die Dunkelheit des Novemberabends gehüllt, und das schwache Licht der Straßenlaternen warf lange Schatten durch die bodentiefen Fenster.
Beeke lehnte sich in ihrem Bürostuhl zurück und betrachtete ihr Spiegelbild im schwarzen Bildschirm. Eine blasse, hagere Frau von Anfang vierzig blickte ihr entgegen, mit dunklen Ringen unter den Augen und Haaren, die schon seit Stunden aus dem hastig zusammengebundenen Zopf rutschten. Wann hatte sie das letzte Mal richtig geschlafen? Wann das letzte Mal ein warmes Essen zu sich genommen, das nicht aus der Mikrowelle kam?
Die Antworten auf diese Fragen wollte sie nicht finden.
Stattdessen zwang sie sich, wieder auf den Monitor zu schauen. Quantenfluktuationen in supraleitenden Magnetspulen – ihr Spezialgebiet, theoretisch. Praktisch fühlte es sich an, als würde sie durch Nebel stapfen, ohne zu wissen, wohin sie ging. Die Zahlen tanzten vor ihren Augen, verloren ihre Bedeutung, wurden zu abstrakten Symbolen ohne Zusammenhang.
Konzentrier dich, befahl sie sich. Du brauchst diesen Job. Du brauchst das Geld. Du brauchst...
Aber was brauchte sie wirklich? Diese Frage stellte sich ihr in letzter Zeit immer öfter, und jedes Mal wich sie ihr aus. Die Antwort war zu schmerzhaft, zu endgültig. Sie brauchte ein Leben. Ein echtes Leben, nicht diese endlose Aneinanderreihung von grauen Tagen, die ineinander verschwammen wie Aquarellfarben im Regen.
Ein scharfer Schmerz durchzuckte ihren Kopf, so plötzlich und heftig, dass sie zusammenzuckte. Die Zahlen auf dem Bildschirm begannen zu flackern – oder bildete sie sich das nur ein? Die Migräne hatte in den letzten Wochen zugenommen, ein weiteres Symptom ihrer Erschöpfung, das sie tapfer ignorierte.
Einfach weitermachen, dachte sie. Immer weitermachen.
Aber ihr Körper hatte andere Pläne. Das Flackern wurde stärker, und mit Entsetzen bemerkte sie, dass es nicht der Bildschirm war – es war ihre Sicht. Schwarze Punkte tanzten am Rand ihres Blickfelds, wurden größer, vereinten sich zu einem wachsenden Schatten.
“Nein, nicht jetzt”, flüsterte sie und griff nach dem Schreibtischrand, aber ihre Finger fanden keinen Halt. Die Welt begann sich zu drehen, langsam zuerst, dann immer schneller. Das Summen der Klimaanlage wurde zu einem dröhnenden Brausen, das ihren Kopf zu spalten drohte.
Sie spürte, wie sie vom Stuhl rutschte, spürte die Kälte des Linoleumbodens gegen ihre Wange. Irgendwo in weiter Ferne hörte sie ein seltsames Geräusch – ein tiefes, vibrierendes Summen, das nicht von der Klimaanlage stammte. Es klang wie... wie Energie. Wie pure, rohe Energie, die durch das Gewebe der Realität selbst strömte.
Das ist nur die Migräne, versuchte sie sich zu beruhigen, aber die Gedanken kamen zäh und verzerrt, als würde sie durch dicken Honig denken. Halluzinationen. Stress. Du brauchst nur Schlaf.
Aber das Summen wurde lauter, durchdringender. Es schien nicht von außen zu kommen, sondern von innen, aus ihren Knochen heraus, aus dem Mark ihrer Seele. Und mit dem Summen kam etwas anderes – ein Ziehen, als würde sie von unsichtbaren Händen ergriffen und in eine Richtung gezerrt, die es gar nicht geben durfte. Nicht nach oben oder unten, nicht nach links oder rechts, sondern... anderswo.
Die Dunkelheit schloss sich um sie wie warme Watte, aber es war keine gewöhnliche Bewusstlosigkeit. Beeke spürte, wie sie fiel – nicht durch den Raum, sondern durch etwas anderes. Durch Schichten der Existenz, die sie nicht benennen konnte. Vorbei an Bildern, die zu schnell vorbeizogen, um sie zu erfassen: Gesichter, die ihr bekannt und doch fremd waren, Landschaften unter fremden Sternen, Gebäude aus Materialien, die es nicht geben durfte.
Das ist nur ein Traum, sagte sie sich, aber auch dieser Gedanke fühlte sich falsch an. Träume waren chaotisch, zusammenhanglos. Das hier hatte eine Struktur, eine Logik, die sie nicht verstand, aber spüren konnte.
Und dann, plötzlich, hörte das Fallen auf.
Stille. Vollkommene, absolute Stille, wie sie sie nie zuvor erlebt hatte. Nicht einmal das Summen der Klimaanlage war zu hören, nicht das ferne Rauschen des Verkehrs, nicht ihr eigener Herzschlag. Als wäre sie in einem luftleeren Raum, in einem Vakuum zwischen den Welten.
Der Gedanke kam aus dem Nichts, aber er fühlte sich richtig an. Absolut richtig, auf eine Weise, die ihr Angst machte.
Langsam, ganz langsam, kehrte das Bewusstsein zurück. Aber nicht das gewohnte Gefühl des Aufwachens in ihrem eigenen Körper, in ihrer eigenen Welt. Es war, als würde sie sich Schicht für Schicht wieder zusammensetzen, wie ein Puzzle, dessen Teile nicht ganz passten.
Da war Licht. Sanftes, warmes Licht, das nichts mit den grellen Neonröhren ihres Büros gemein hatte. Es schien von überall und nirgendwo zu kommen, hüllte sie ein wie eine Decke.
Da waren Geräusche. Kein mechanisches Summen, sondern etwas Organisches – ein sanftes Pulsieren, wie ein riesiger, langsamer Herzschlag. Und dahinter, ganz leise, etwas, das wie Musik klang, aber nicht aus Instrumenten stammte.
Da waren Gerüche. Nicht der abgestandene Bürogeruch aus Kaffee, Papier und Desinfektionsmittel, sondern etwas Frisches, Lebendiges. Wie ein Wald nach dem Regen, aber mit einem Hauch von etwas anderem – etwas Fremdem, das sie nicht einordnen konnte.
Und da war die Erkenntnis, noch bevor sie die Augen öffnete, dass sie nicht mehr in Schleswig-Holstein war. Nicht mehr in Kiel. Vielleicht nicht einmal mehr auf der Erde.
Die Angst kam wellenförmig, vom Magen nach oben steigend, und drohte sie zu überwältigen. Aber zusammen mit der Angst kam etwas anderes – ein Gefühl, das sie fast vergessen hatte: Neugier. Zum ersten Mal seit Monaten, vielleicht Jahren, wollte sie wirklich wissen, was als nächstes passieren würde.
Beeke Nordahl öffnete die Augen.
Der Raum über ihr war nicht der graue Büroalltag, den sie erwartet hatte. Stattdessen blickte sie auf eine Decke, die zu leben schien – durchzogen von sanft pulsierenden Adern aus blau-weißem Licht, die organische Muster bildeten, wie die Nervenbahnen eines gigantischen Gehirns. Das Licht war so schön, so beruhigend, dass sie einen Moment lang einfach nur starrte und vergaß zu atmen.
Dann setzte sie sich ruckartig auf.
Sie lag auf etwas, das sich anfühlte wie eine Mischung aus Bett und Lebewesen – warm, nachgiebig, und es schien sich an ihre Körperform anzupassen. Der Raum um sie herum war klein, aber nicht beengend, mit geschwungenen Wänden, die das sanfte Licht reflektierten. Überall wuchsen kleine, kristalline Strukturen aus den Oberflächen, die wie gefrorene Musik aussahen.
“Das ist nicht real”, flüsterte sie, aber ihre eigene Stimme klang anders – klarer, irgendwie resonanter. “Das kann nicht real sein.”
Als würde der Raum auf ihre Worte reagieren, öffnete sich lautlos eine Wand – einfach so, als wäre sie nie da gewesen. Dahinter stand eine Gestalt in einem fließenden, weißen Gewand, das zu schweben schien.
Es war eine Frau, aber anders als jede Frau, die Beeke je gesehen hatte. Ihre Haut hatte einen leichten, perlmuttartigen Schimmer, und ihre Augen waren zu groß, zu dunkel, zu wissend. Sie lächelte mit einer Wärme, die Beeke bis ins Herz traf.
“Willkommen”, sagte die Frau mit einer Stimme wie Musik. “Mein Name ist Dr. Elena Vasquez. Und Sie, Beeke Nordahl, sind gerade durch einen Dimensionsriss gefallen.”
Beeke starrte sie an, unfähig zu sprechen, unfähig zu denken. Die Worte ergaben keinen Sinn, aber gleichzeitig erklärten sie alles.
“Das ist nicht möglich”, brachte sie schließlich heraus.
Dr. Vasquez’ Lächeln wurde noch wärmer. “Vor einer Stunde hätten Sie recht gehabt. Aber wie Sie bereits gelernt haben, ist das Unmögliche nur eine Frage der Perspektive.”
Sie trat näher, und Beeke bemerkte, dass ihre Bewegungen eine seltsame Anmut hatten, als würde sie durch Wasser gleiten.
“Sie sind nicht mehr in Ihrer ursprünglichen Dimension, Beeke. Sie sind hier. Bei uns. Und auch wenn das jetzt überwältigend erscheinen mag – das könnte der erste Tag des Lebens sein, auf das Sie schon immer gewartet haben.”
Beeke blickte in diese unmöglichen dunklen Augen und spürte, wie sich etwas in ihrer Brust löste, das dort viel zu lange gefangen gewesen war. Vielleicht war es Hoffnung. Vielleicht war es einfach nur der Mut, endlich zu träumen.
“Wo bin ich?“, flüsterte sie.
“Willkommen”, sagte Dr. Vasquez leise, “im Jahr 2387.”