Schwelende Schuld
Kapitel 1 "Schwelende Schuld"
10 Stunden später – Abgelegene Werkstatt / Safehouse von Scarlett
19:23 Uhr
Der Rauch klebt noch in meinen Lungen. Ich habe geduscht. Zweimal. Ich habe Whisky getrunken. Drei Gläser. Und trotzdem: Ich rieche ihn noch. Meinen Club. Mein Reich. Meine Vergangenheit. Scarlett steht am offenen Fenster. Sie sagt nichts. Seit Stunden. Nur der Wind, der in ihre nassen Haare greift. Ihre Waffe liegt auf dem Tisch. Entriegelt. In Reichweite. Wie immer.
Ich sitze auf einem alten Ledersessel, die Schulter noch verbunden. Der Schmerz hat sich zurückgezogen, aber was geblieben ist, ist schlimmer: Leere. Brennende, hungrige Leere. Als hätte der Brand nicht nur Mauern verschlungen – sondern auch alles, was mich noch festgehalten hat.
„Es war kein Zufall“, sagt sie schließlich. Ich hebe den Blick. Ihre Stimme ist ruhig, aber hart. „Ich weiß.“ Sie dreht sich zu mir. Langsam. Und zum ersten Mal seit der Klinik sehe ich etwas in ihren Augen, das ich nicht deuten kann. Kein Zorn. Keine Ironie. Nur… Schuld? „Jemand wusste, wo du verwundbar bist, Taith.“ Ich nicke. „Und er hat gezielt angegriffen.“
Sie beißt sich auf die Lippe. Ihre Schultern spannen sich. Als würde sie gleich etwas sagen, das sie nicht zurücknehmen kann. „Ich glaube, ich weiß, wer dahintersteckt.“ Ich sage nichts. Ich warte. Und ich spüre, dass das, was jetzt kommt, alles verändern wird.
Ich sehe sie an. Warte. Sie weicht meinem Blick nicht aus. Dann sagt sie es. Leise. Klar. „Es war mein Auftraggeber.“
Ich spüre, wie mein Kiefer sich anspannt. Kein Schock. Kein Wutausbruch. Nur diese plötzliche, brutale Stille in mir, die immer dann kommt, wenn jemand die Wahrheit sagt, die ich längst geahnt habe. „Der Brand… war eine Botschaft“, sagt sie. Ich nicke langsam. „An dich. Oder an mich?“ „An uns.“ Sie tritt vom Fenster zurück. Jeder Schritt kontrolliert, aber innerlich ist sie angespannt – wie ein Tier, das sich selbst nicht sicher ist, ob es gleich beißt oder wegläuft.
„Ich sollte dich töten, Taith. Das war mein Auftrag.“ Ihre Stimme ist ruhig. Kein Zittern. Keine Reue. Nur Wahrheit. Unverhüllt. Unwiderruflich. Ich lehne mich zurück. Die Schulter zieht. Aber das ist jetzt nebensächlich. „Und stattdessen hast du mich gefesselt, geküsst… und mir das Leben gerettet“, sage ich leise. Sie antwortet nicht sofort. Dann: „Ich war neugierig. Dann war ich fasziniert. Und irgendwann… war es zu spät.“
Ich schließe kurz die Augen. Atme aus. „Und jetzt will dein Auftraggeber Rache“, sage ich. Sie nickt. „Weil du versagt hast?“ „Weil ich mich entschieden habe.“
Ein Moment vergeht. Ein leiser, schwerer Moment, der wie Blei zwischen uns hängt. „Wer ist es?“, frage ich. „Ein Name, der in deiner Welt mal sehr laut war. Jetzt ist er nur noch ein Schatten. Aber ein tödlicher.“ Ich hebe die Braue. „Scarlett.“ Sie sieht mich an. Dann sagt sie den Namen. Und in meinem Kopf fällt etwas in sich zusammen. Langsam. Mit einem Echo, das lange nachhallt.
Für einen Moment steht alles still. Mein Atem. Mein Herz. Der Raum.
Nur die Worte hallen nach – in meinem Kopf, in meiner Erinnerung, in einem Teil von mir, den ich seit Jahren versiegelt hatte. Ein Name, der nie hätte zurückkommen dürfen. Nicht hier. Nicht jetzt. Nicht über ihre Lippen.
Ich lehne mich langsam nach vorn, stütze die Ellbogen auf die Knie. Blicke auf den Boden. Nicht, weil ich schwach bin – sondern weil ich sehen muss, wie der Schatten wieder wächst.
„Lange nicht gehört“, murmele ich. Scarlett beobachtet mich. Genau. Wie immer. „Ich hätte nicht gedacht, dass er noch aktiv ist“, fahre ich fort. Sie schweigt. Aber das sagt genug. Nicht nur aktiv. Er plant. Zieht Fäden. Lebt im Dreck zwischen Macht und Mord. „Er wusste, dass du nicht gehorchen würdest, oder?“ „Er hat gehofft, dass ich es nicht tue“, sagt sie leise. „Warum?“ „Weil er wissen wollte, ob ich dich… noch erkenne.“
Ich hebe den Kopf. Sehe sie an. Ein leises Vibrieren zieht durch meine Gedanken.
„Du warst mal sein bester Mann, Taith.“ „Ich war seine Waffe.“ „Du warst mehr.“ Ich schüttle den Kopf. „Das war… ein anderes Leben.“ „Das ist ihm egal.“
Stille. Dann: „Er will nicht nur, dass ich dich eliminiere. Das war der Test. Jetzt will er, dass ich dir zuschaue, wie du alles verlierst. Langsam. Stück für Stück.“
Ich atme einmal tief durch. „Der Club war der Anfang.“ „Ja.“ „Und ich bin der Schlussakt.“ Sie nickt. Nur ein einziges Mal.
Ich erhebe mich. Spüre die Spannung in meinen Schultern. Nicht wegen der Wunde. Sondern wegen dem, was dieser Name in mir losgetreten hat. Erinnerungen. Gerüche. Blut. Schwüre.
„Dann ist es Zeit, dass ich ihn finde.“ Scarlett tritt näher. Ihre Stimme ist ruhig, aber ihre Augen flackern. „Er weiß, dass du das versuchen wirst.“ „Dann soll er wissen, dass ich komme.“
Ein Moment. Nur wir beide. Keine Waffen. Keine Deckung. Nur zwei Menschen, die wissen, dass etwas Unausweichliches vor ihnen liegt.
Sie sagt leise: „Wenn du da reingehst, kommst du nicht unversehrt wieder raus.“
Ich sehe sie an. „Ich bin seit Jahren nicht mehr unversehrt gewesen.“
Ihre Hand berührt meinen Unterarm. Kurz. Aber spürbar. Nicht als Bitte. Nicht als Warnung. Sondern als stilles Zeichen.
Sie steht nicht mehr zwischen mir und meinem Ziel.
Sie steht jetzt an meiner Seite.
20:14 Uhr
Der Name hallt immer noch in mir nach. Ein Echo aus der Vergangenheit, das sich wie Rauch in meiner Lunge festsetzt. Bitter. Schwer. Giftig. Ich sitze auf dem Ledersessel neben der Werkbank. Die Waffe, halb zerlegt, liegt vor mir auf dem Tisch. Aber meine Hände liegen ruhig in meinem Schoß. Ungewöhnlich ruhig. Zu ruhig. Mein Blick: leer. Oder zu voll.
Dann steht Scarlett plötzlich neben mir. Lautlos, wie sie das immer tut. In der Hand: ein kurzes Glas. Goldener Inhalt.
„Whiskey“, sagt sie nur. Ihre Stimme weich, aber klar. „Ich weiß“, antworte ich heiser. Ich nehme es ihr ab, ohne sie anzusehen. Trinke sofort. Kein Zögern. Kein Genuss. Nur Funktion. Das erste Glas brennt. Aber nicht genug. Sie weiß es. Noch bevor ich etwas sage, steht das zweite Glas schon auf dem Tisch. Ich greife danach. Trinke wieder. Länger. Mehr. Sie setzt sich auf die Kante der Werkbank. Nicht weit weg. Nicht zu nah. Aber nah genug, dass ich sie spüre. Ihre Wärme. Ihre Präsenz. Ein Kontrast zu all dem, was in mir friert.
Ich lache leise. Trocken. Fast spöttisch.
„Weißt du, was das Schlimmste ist?“ Sie sagt nichts. „Dass ich seinen Namen gehört habe… und für eine Sekunde nicht wusste, ob ich kotzen oder ihm danken will.“ Ich trinke das dritte Glas in einem Zug. Der Alkohol beginnt zu wirken. Endlich. Nicht viel – aber genug, um meine Gedanken zu verwischen. Meine Stimme wird dunkler. Weicher. Träger.
„Ich hab ihm alles gegeben. Alles. Und er hat mich wie einen Hund zurückgelassen.“ Scarletts Blick bleibt an mir hängen. „Er hat dich geformt. Aber er hat dich nie besessen.“ Ich drehe den Kopf langsam zu ihr. Unsere Blicke treffen sich. Ein Knistern. Mein Grinsen ist schief, alkoholgetränkt und trotzdem… kontrolliert. „Jetzt klingst du wie jemand, der glaubt, sie könnte mich besitzen.“ Sie hebt eine Braue. „Vielleicht will ich das ja gar nicht.“ „Sicher?“ „Sicher.“
Kurze Stille. Die Spannung in der Luft ist nicht laut. Aber sie ist da – spürbar wie Strom unter der Haut. Ich lehne mich zurück, das Glas in der Hand, halb leer. Dann deute ich auf sie. „Du… du bist gefährlich.“ „Weil ich dir den Whiskey bringe?“ „Weil du da bist.“
Meine Stimme senkt sich. Tiefer. Ernster.
„Du bist bei mir… obwohl du mich hättest töten sollen. Und das macht dich nicht schwach. Es macht dich real. Und das ist das Gefährlichste von allem.“
Sie steht langsam auf. Geht zu mir. Bleibt direkt vor mir stehen. Ich sehe hoch. Leicht angetrunken. Aber nicht benebelt. Im Gegenteil: Ich bin so klar, dass es weh tut. Ich spüre sie. Jede Bewegung. Jeden Blick. Sie lehnt sich vor. Greift nach meinem Glas. Ihre Finger streifen meine.
„Kein Whiskey mehr“, sagt sie leise. „Wieso? Willst du mich nüchtern ruinieren?“ Ein kurzes Lächeln zuckt über ihre Lippen. „Nein, Taith. Ich will, dass du dich daran erinnerst.“
Ich starre sie an. Einen Moment zu lang. Dann greife ich nach ihrer Taille. Fester, als ich sollte. Ziehe sie langsam auf meinen Schoß. Ihre Beine schwingen über meine. Sie lässt es zu. Kein Zucken. Kein Widerstand. Ihr Blick bleibt an meinem.
Ich atme tief durch. „Du bist nah.“ „Ich bin genau da, wo ich sein will.“ „Du solltest dich fürchten.“ „Und du solltest mich nicht heiß finden, wenn du trinkst.“
Ich lache leise. Rau. „Fehler Nummer eins, Scarlett: Ich finde dich immer heiß.“ „Und Fehler Nummer zwei?“ Ich beuge mich leicht vor, unsere Nasen fast berührend. „Ich weiß nicht mehr, wann ich aufgehört habe, dich nicht mehr zu wollen.“
Stille. Kein Kuss. Noch nicht. Aber alles in mir schreit danach.
Meine Hand an ihrer Hüfte. Ihre Fingerspitzen über meinem Nacken. Der Alkohol flackert in meinem Blut, aber die Kontrolle… sie ist noch da. Nur anders.
Kalt. Heiß. Wach. Und ich weiß: Wenn sie jetzt bleibt – dann brennen wir beide. Und keiner von uns löscht den anderen.
Ihre Oberschenkel umschließen meine Hüften, ohne Anstrengung. Ohne Hast. Ihre Augen – zwei schwarze Spiegel, in denen sich alles spiegelt, was ich versuche zu unterdrücken. Die Luft zwischen uns ist schwer. Warm. Elektrisch.
Ich bin angetrunken. Nicht hilflos – aber nah dran, die Kontrolle zu verlieren, die ich mir mühsam antrainiert habe. Und das Schlimmste? Ich will sie verlieren. Weil sie da ist. Weil sie nicht geht. Weil sie mich ansieht, als wäre ich beides zugleich: Die Gefahr. Und das Verlangen.
„Du kannst so nicht fahren“, sagt sie leise, ihre Stimme ein Streifen aus Samt. Ich lache heiser. „Ich kann vieles, was ich nicht sollte.“ „Nicht heute.“ „Also… bleib ich hier?“ „Du bleibst hier.“
Sie öffnet langsam die Knöpfe an meinem Hemd. Der Stoff weicht, meine Haut darunter ist heiß, übersät von Narben, Schweiß und Restwärme. Sie beugt sich näher. Ihr Atem streift meinen Hals. Ich spüre ihre Lippen nicht… aber fast. Und das reicht, um mein Herz schneller schlagen zu lassen. Ich gleite mit den Händen unter ihr Shirt. Kein Widerstand. Kein Zögern. Nur Hitze. Haut. Muskeln unter Seide. Sie hebt die Arme, streift das Shirt selbst über den Kopf. Ihr Oberkörper entblößt sich im Halbdunkel der Werkstatt. Nackt. Schön. Und voller Macht.
Sie ist kein Opfer. Kein Spielzeug. Kein Besitz. Sie ist der Sturm. Und ich? Ich lasse mich treffen. Weil ich nicht mehr fliehen will.
Ich ziehe sie näher zu mir. Unsere Lippen treffen sich. Erst flüchtig – dann gierig. Dann tiefer. Ihr Mund schmeckt nach Whiskey, nach Kontrolle, nach Nacht. Unsere Körper pressen sich aneinander. Ihre Hände fahren durch mein Haar, greifen fest, fordernd. Ich lasse es zu. Meine Hände wandern über ihren Rücken, ihre Flanken. Jeder Zentimeter von ihr ist heiß. Straff. Lebendig.
Ich hebe sie hoch, lege sie rücklings auf die alte Couch, die mitten im Raum steht. Sie sieht zu mir hoch. Haar wirr. Lippen halb geöffnet. Und dieses verdammte Glitzern in den Augen, das sagt: Tu’s. Oder tu’s nicht. Aber tu’s ehrlich.
Ich küsse sie erneut. Härter. Dringlicher. Unsere Körper reiben sich aneinander, bis der Stoff zwischen uns brennt. Ich ziehe meine Hose herunter, langsam, aber zielstrebig. Sie tut dasselbe. Ihre Finger sind flink. Geübt. Aber diesmal zittert sie leicht. Nur ein bisschen. Nur so viel, dass ich weiß: Ich bin nicht allein in diesem Feuer.
Wir finden uns. Haut auf Haut. Hitze auf Hitze. Kein Licht. Nur Schatten und Atem. Und dann… bewegt sie sich. Hebt die Hüfte leicht. Ich gleite in sie. Langsam. Tief.
Ein leiser Laut entweicht ihren Lippen. Kein Schrei. Kein Ja. Nur… dieser Moment, in dem man aufhört zu denken. Ich stütze mich über ihr ab, sehe sie an. Sie sieht mich an. Ein kurzer Blick – so direkt, dass ich alles vergesse. Wer ich bin. Was ich war. Was ich irgendwann vielleicht wieder sein muss.
Wir bewegen uns. Gemeinsam. Im Rhythmus, den nur zwei Körper finden, die wissen, was sie tun – und trotzdem zittern, weil es sich zu echt anfühlt.
Ich verliere mich. In ihr. In uns. In diesem Moment, der vielleicht nie wiederkommt – aber den ich nie vergessen werde.
Unsere Körper sprechen. Schreien. Schweigen. Und als alles zu viel wird – zieht sie mich fest an sich. Flüstert: „Bleib.“
Nicht für immer. Nicht für morgen. Nur für jetzt. Und ich tue es.