Prolog - Live dabei
Ich habe keine Ahnung, wie ich hier gelandet bin. Nicht im metaphorischen Sinn. Sondern ganz real. Mitten auf der Bühne. Vor tausenden Menschen. In einem Kleid, das eher nach Date aussieht als nach Rockkonzert. Im Scheinwerferlicht. Neben einem Typen, den halb TikTok vergöttert und der aussieht, als wäre er aus einem Rockstar-Baukasten entsprungen – Lederjacke, Tattoos, dieser Blick.
Die Gitarre in seiner Hand ist echt. Der Schweiß auf seiner Stirn ist echt. Das Publikum ist echt. Und ich? Ich bin ein einziger Witz auf zwei Beinen mit einem Livestream im Hintergrund, der genau jetzt durch die Decke geht. »Lia Harper stürmt die Bühne bei Jaxen Stone?« Nein. Ich bin gestolpert. Gestolpert über ein Kabel, über meine Social-Media-Karriere und über den Moment, in dem aus einem Job eine Katastrophe wurde.
Vor genau vier Minuten war ich noch Backstage. Kein Star, kein Groupie, kein VIP – einfach nur gebucht von einer Kosmetikmarke, die irgendwas mit Festival-Feeling und Lipgloss launchen wollte. Ich sollte Reels drehen. Stimmung einfangen. Einen Clip vom Auftritt. Dass ich plötzlich auf der Bühne stand, war ein Unfall. Wörtlich. Ich wollte eine bessere Perspektive, rutschte aus – und landete mitten im Rampenlicht. Buchstäblich. Ich weiß noch, wie die Kamera meines Handys aus der Hand glitt, die Taschenlampe an war, und ich für ein paar Sekunden alle anstrahlte wie ein Reh auf der Autobahn.
Er sah mich zuerst. Jaxen. Statt Security zu rufen oder mich runterzuschicken, grinste er nur, griff sich ein zweites Mikrofon und sagte: »Ladies and Gentlemen, das ist Lia Harper. Influencerin. Moderatorin. Und – wie es aussieht – heute mein Special Guest.« Er sagte das nicht böse. Nicht mal ironisch. Er sagte es, als wären wir in einem Team. Als wäre ich für diese Bühne gemacht. Die Crowd drehte durch. Ich stand da, starrte ihn an, dann ins Publikum, dann wieder zu ihm. Und sagte gar nichts. Mein Kopf war leer. Mein Feed dafür voll.
Als ich das Mikro nahm, zitterte meine Hand. Ich sagte ein paar Worte, irgendeinen dämlichen Satz, an den ich mich später nicht mal mehr erinnern konnte. Alles verschwamm. Licht. Bass. Lachen. Und dazwischen: dieser Blick von ihm. Neugierig. Durchdringend. Wie ein Versprechen. Oder eine Warnung. ›Das hier wird viral gehen‹, sagte er leise, nur für mich hörbar. ›Aber nicht so, wie du denkst.‹
Und er hatte recht. Denn was danach kam, war mehr als ein Clip. Mehr als ein Trend. Es war der Anfang von allem.