Das Geheimnis des Seelenfängers

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Summary

Eine Brüder-WG klingt in der Theorie manchmal besser als in der Praxis. Als wär das Studium nicht schon anstrengend genug, muss Mickey sich auch noch sieben Tage die Woche mit seinen übertalentierten Brüdern rumschlagen. Als einziger normaler Mensch unter den Fünflingen versucht der Jüngste sich zu behaupten. Als das Rich Kid ihm dann auch noch die Kontaktdaten seines Drogendealers zusteckt und immer mehr übernatürliche Wesen wie vom Erdboden verschluckt verschwinden, läuft alles nur noch drunter und drüber, und die Theorie wird zunehmend schöner als die Praxis.

Genre
Fantasy
Author
Kaya Jane
Status
Ongoing
Chapters
4
Rating
n/a
Age Rating
16+

01| Das Schicksal der Haralds

Meine Familie hatte schon immer Geheimnisse. Die meisten Vorschulkinder lernten das Alphabet, oder wie man bis zehn zählt. Mir wurde beigebracht zu lügen.

Rote Flecken auf dem T-Shirt? Definitiv Ketchup! Kratzer am Arm? Zu viel mit der Nachbarskatze gespielt. Ich hasste es zu lügen, aber die Wahrheit wäre noch viel schwieriger zu erklären gewesen. Mit vier konnte ich vielleicht noch erzählen, dass meine Brüder ihren Becher Blut umgeworfen, oder ein viel zu verspielter Wolf seine Krallen zu weit ausgefahren hatte, spätestens mit sieben hätte jedoch das Jugendamt vor unserer Tür gestanden.

Das Leben mit übertalentierten Brüdern war nicht gerade einfach und das WG-Leben umso weniger. Jerry schuldete mir echt was, so oft, wie ich mir schon Ausreden für seine Hyperaktivität ausdenken musste. Unsere Brüder WG hatte mich in den vergangenen zwei Monaten fast um den Verstand gebracht, so oft, wie etwas kaputt gegangen war. Eine Schreibtischlampe, zwei Kissen und seit letzter Woche auch noch das Badezimmerschloss. Wenn wer etwas zerstören konnte, dann waren es meine Brüder. In der Hinsicht war auf sie Verlass.

Und doch war ich jedes Mal wieder aufs Neue überrascht. So auch, als ein lauter Knall durch den Altbau hallte und mich aus meiner Trance vor dem Brezelofen zerrte.

„Mickey, gehst du bitte nach vorne, ich muss eben eine Bestellung besprechen.” Clair stand im Eingang zur Backstube und hielt eine Hand vor das Telefon. Mit einem Nicken wies sie Richtung Theke und war schon wieder verschwunden, bevor ich überhaupt auch nur die Chance gehabt hatte, zu protestieren.

Genervt verdrehte ich die Augen. Ich hasste Kunden und vor allem hasste ich den alltäglichen Krapfen-Berliner-Streit mit Frau Hugenbichler. Hoffentlich war die Bestellung nicht zu groß. Wirklich Bock hatte ich nicht nächste Woche schon um fünf Uhr hier einzutrudeln... So toll fand ich Clair’s dann doch nicht. Das einzig Gute an diesem Job waren die kostenlosen Brötchen. Die Kunden dagegen waren schlimmer als in jedem Supermarkt. Konnte ich doch nichts dafür, dass ein Brötchen jetzt verdammte fünfundfünfzig Cent kostete!

Sobald ich vorne war, klingelte auch schon das Glöckchen über der Eingangstür. Lieber würde ich jetzt in der Backstube die Brezeln im Ofen beobachten und an meinem Handy scrollen, als die Studentin vor mir zu bedienen. Forschend betrachtete sie die Backwaren auf der Theke bis ihr Blick schließlich auf mich fiel.

Ein freundliches Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. „Mickey? Ich wusste gar nicht, dass du hier arbeitest. Beim Bäcker hatte ich dich irgendwie nicht erwartet.” Sie legte ihren Kopf leicht schief und musterte mich. Was sollte das denn jetzt heißen? Leider schien sie mich auch noch zu kennen, denn ich hatte nicht den blassesten Schimmer, wer sie war.

„Äh.” Nicht wissend, was für eine Antwort sie jetzt von mir erwartete, wischte ich mir das Mehl von der violetten Schürze. So hatten meine Hände wenigstens etwas zu tun. Das war ja mal wieder einfach mein Glück.

Beim längeren Betrachten tauchte ihr Gesicht in meinen Erinnerungen zur Erstiwoche auf, ihr Name jedoch nicht. Ich hatte mit ihr auf der Stadtrallye nur wenig Kontakt gehabt, und das vielleicht auch etwas zu betrunken.

Vage erinnerte ich mich daran, wie wir am Sammelplatz ineinandergelaufen waren. Mit zwei Bier, einem Wodka-O und einigen an Shots intus, war das aber auch alles, was ich noch wusste. Dass ich wohl beim Asiaten Nudeln bestellt und die Hälfte der Box beim Torkeln einfach verloren hatte, wurde mir nur von Jihe erzählt. Die war vernünftig genug gewesen, nach einem Shot aufzuhören.

„Mariella? Wir haben zusammen unser Kogniseminar?” Die Studentin vor mir zog mich zurück in die Realität. Hinter die Verkaufstheke. In den Smaltalk. Sie schnaubte. Ob das nun aus Belustigung oder Ärgernis war, konnte ich nicht wirklich deuten. Richtig erwarten, dass man jeden in seinem Studiengang kannte, konnte sie von mir aber auch nicht. Befreundet war ich mit zweien, Namen kennen tat ich vielleicht von zwanzig von den insgesamt über 100 Psychologiestudierenden aus unserem Semester. Und das, wenn‘s hoch kam.

Ich räusperte mich „Mariella. Sorry, ich bin nicht so der beste mit Namen und meine Aufmerksamkeit gilt da eher dem Freiser.” Ich wollte mit der Hand durch meine Haare gehen, hielt jedoch in der Bewegung inne. Es war vielleicht nicht die beste Idee, als Bäckereiverkäufer seine Handflächen mit Schuppen und Kopfhautsekreten zu beschmieren.

„Was kann ich dir geben?” Wieder in meine professionelle Rolle schlüpfend und die Schalen des Studenten irgendwo in meinem Hinterkopf vergrabend, zog ich einen Plastikhandschuh über. Während der Arbeit wollte ich mit meinen Gedanken ganz weit weg vom Freiser sein. Es schauderte mir schon, wenn ich nur an dieses grimmige Gesicht mit der Hexagonbrille dachte. Sein Kugelschreibergeklicke verfolgte mich bis in meine Albträume.

„Äh, ja...” Ich schien sie mit meinem plötzlichen Themenwechsel etwas aus der Bahn geworfen zu haben. Smaltalk war nicht wirklich mein Lieblingszeitvertreib. Vor allem nicht mit Leuten, die ich nicht kannte. Die Sekunden der Stille zwischen uns wurden langsam awkward.

Stände statt Mariella einer meiner Brüder vor mir, würde das hier gerade ganz anders aussehen. Aber ich konnte eine Kundin schlecht anmeckern, dass sie sich jetzt endlich mal entscheiden und auf die Preise schauen soll. Würde ich nicht bei Clair arbeiten, würde meine WG sich wohl nur von Toastbrot ernähren. Wie aufs Stichwort hallte erneut ein dumpfer Knall durch die zitternden Wände des Altbaus. Das war garantiert Jerry. Es war immer Jerry. Wer sonst machte so viel Scheiße im Leben, wie das Mittelkind?

„Was war das?” Alarmiert schoss Mariellas Blick zur Holzdecke.

„Keine Ahnung. Das kommt bestimmt aus den Wohnungen über uns. Vielleicht renoviert ja gerade jemand.” Ich zuckte mit den Schultern. Niemand renovierte. Frau Hugenbichler war dazu viel zu alt und die Familie mit dem Kleinkind hielt um diese Uhrzeit Mittagsschlaf.

„Vielleicht.” Skeptisch betrachtete mich meine Kommilitonin und kniff die Augen leicht zusammen. Dann schüttelte sie den Kopf und gab ihre Bestellung ab.

Ich schaute ihr nur verwirrt hinterher als sie klingelnd die Bäckerei verließ. Hatte ich irgendetwas im Gesicht? Clair riss mich aus meinen Gedanken. „Du kannst Feierabend machen. Schließen kann ich auch alleine.”

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Genervt genug von den heutigen Griesgramen zog ich die Schürze aus und verschwand nach oben in die WG.

Ich wollte nicht wirklich wissen, was heute schon wieder kaputtgegangen war. Das war einfach nur anstrengend. Manchmal fragte ich mich, wie die vier, aber vor allem Thobias und Jerred, es schafften so viel Chaos anzurichten.

Aber dann erinnerte ich mich wieder, mit wem ich hier verwandt war. Das war jetzt schon das fünfte Mal seit unserem Einzug, dass irgendetwas laut knallte und schon im Flur hätte ich den Mittleren aus dem Fenster werfen können.

„Fuck?” Jerry hielt in seinem Gehetze inne und starrte mich an. Ein paar Mal blinzelte er, dann räusperte er sich. „Ich dachte, du wolltest einkaufen gehen?” Er hob seine Nase ein wenig an und versuchte vergeblich mahnend auf mich hinabzuschauen.

Genervt kickte ich meine schwarzen Vans in die Ecke und verschränkte die Arme. Stumm starrte ich meinen Bruder an.

Dieser schluckte nur. “Hey, Mickey! Ich hab ’ne Idee! Lass uns doch zusammen einkaufen gehen!”

Blinzeln. Tief durchatmen. Kopf leicht schief legen und genervt auf die Innenseite der Wange beißen. Das funktionierte immer.

Jerry machte einen gequälten Gesichtsausdruck, als ich nicht antwortete und begann zu zappeln.

Sagte ich doch. Das funktionierte immer!

„Ach komm schon, Mickey!” Mein Bruder startete einen erfolglosen Versuch die Kiste in seiner Hand so zu verlagern, dass ich nicht hineinschauen konnte.

Zu blöd nur, dass der abgebrochene Kopf meiner Schreibtischlampe zehn Zentimeter über den Rand des zerfledderten Kartons hinausschaute und mich tot angrinste.

„Jerred?” Ich zog eine Augenbraue hoch. Zumindest versuchte ich es.

„Toby war’s!” Als würde ich ihn mit einer Waffe bedrohen, schoss sein ausgestreckter Zeigefinger unter dem Karton hervor und deutete mit aller Willenskraft ins Wohnzimmer. Dabei verlor die Box das Gleichgewicht und fiel krachend zu Boden.

„Gar nicht wahr! Du warst doch derjenige, der meinte, dass wir das in Mickeys Zimmer machen müssen!”

Mein Blick richtete sich auf den aufgebrachten Lockenschopf, der aus dem Wohnzimmer gesprungen kam.

Wie ein besessenes Känguru hüpfte der Dritte im Bunde zu uns herüber und zog sich dabei seine heißgeliebten, pinken Wollsocken mit fein gesticktem Erdbeermuster an, die sich stilistisch so schön mit seiner von Schnallen und Ketten überzogenen Hose bissen.

„Aber nur, weil Briley mir die Idee in den Kopf gesetzt hat!” Anklagend drehte Jerry sich um neunzig Grad und zog den vierten Bewohner unserer Brüder-WG mit in die Konversation.

Erschrocken schnappte unser Ältester nach Luft. „Jetzt willst du mir das auch noch in die Schuhe schieben, ja?”

„Äh.” Sich ein Lachen verkneifend begann Jerry zu grinsen.

„Ich schieb dir gleich was in die Schuhe! Und zwar verbranntes Hundefutter!” Briley ließ eine Dose Feuchtfutter aus dem Regal schweben und gab Jerry damit einen Klaps gegen den Hinterkopf.

„Also echt, Jerry mit Kevin auf eine Stufe zu stellen, ist doch echt erniedrigend!“, mischte ich mich lachend ein und streichelte unseren Beagle, der auf Aussprache seines Namens fröhlich mit dem Schwanz wedelnd angelaufen kam. „Für Kevin natürlich”, fügte ich hinzu, und knuddelte genannten Vierbeiner durch.

Eingeschnappt japste der Werwolf, zu dessen Füßen noch immer die Leichenteile meiner geliebten Schreibtischlampe lagen, nach Luft.

„Wieso seid ihr nur immer so gemein?” Schmollend schob Jerry seine Unterlippe vor.

„Wieso müsst ihr immer alles kaputt machen?!“, schoss es als Antwort aus mir heraus. „Du hast Harald, den Fünften geköpft!”

„Dann kaufen wir halt Harald, den Sechsten.“, meinte Jerry augenrollend.

Augenblicklich wurde ich wieder ernst. “Harald, dem Ersten, hast du seinen Lifesupport gekillt, Harald, dem Zweiten, hat Matt den Hals gebrochen, Harald, den Dritten, hat Briley in eine Kugel aus Harz eingeschlossen und Harald, den Vierten, hat Toby lebendig auf dem Wertstoffhof vergraben!”

Leicht bebend atme ich einmal tief durch. „Jetzt, wo ihr alle mal dran wart, gehts in die nächste Runde, oder wie?” Böse starrte ich den Mittleren von uns Fünfen an.

„Mickey, langsam solltest du dich mit dem Schicksal der Haralds abgefunden haben.” Die Tür zum Bad neben uns öffnete sich und Matt kam heraus.

Gespielt trauernd senkte er seinen Kopf, wobei ihm ein amüsiertes Schnauben entfuhr, was sich anhörte, wie ein Ballon, der an Luft verlor, und legte mir eine Hand auf die Schulter.

„Ey, ihr seid echt alle solche Arschlöcher.” Seufzend nahm ich die leere Einkaufstüte in die Hand und ging in die Küche, um sie dort im Schrank zu verstauen.

„Ach, komm schon, Mickey. Es tut uns doch echt schrecklich leid!” Toby sah mich reuevoll an.

„Und darf ich denn wenigstens erfahren, wieso Harald, der Fünfte, nun dran glauben musste?” Ein leichtes Grinsen schlich sich wieder auf meine Lippen.

Lockenschopf vier suchte Blickkontakt zu Lockenschopf drei. „Der Köter denkt immer noch, er wäre stärker, als ich.”

„Hör auf mich Köter zu nennen, du Möchtegern Fledermaus!”

„Wen nennst du hier Möchtegern?” Toby legte sich jauchzend eine Hand übers Herz.

Während die beiden weiter zankten und mir dabei ihre Perspektiven ihres aus dem Fugen geratenen Armdrückens erzählten, überfiel ich den Kühlschrank.

In diesem Haushalt musste man sich alles irgendwie sichern. Das hielt mich bei meinem Verlangen nach Vanillejoghurt aber nicht im Geringsten davon ab, den fein säuberlich mit ‘Jerred’ bekrakelten Becher zu öffnen.

Klappernd suchte ich nach dem letzten Teelöffel, bevor ich mich dann doch dazu entschied lieber einen Suppenlöffel zu nehmen, statt Besteck zu spülen, und drehte mich wieder zu den beiden Streithähnen um.

Vor mir flog eine kleine, schwarze Fledermaus fiepend um Jerry herum und wollte gerade ihre Krallen in den dunklen Locken des Mittleren verknoten, als ich mich räusperte. Im Hintergrund rollte gerade irgendein Besitzer loser Ring über das Wohnzimmerparkett und erfüllte die kurzen Sekunden der Stille.

Aufmerksam hielten die Streithähne in ihren Positionen inne. Während Toby wild mit seinen Flügeln schlug, um in der Luft auf der Stelle zu bleiben, wollte mir Jerry den Joghurtbecher klauen. „Ich hab den extra beschriftet!”

„Ich hab auch extra mein Zimmer, und trotzdem seid ihr da rein um meine Lampe unter die Erde zu befördern”, brummte ich desinteressiert und löffelte den Vanillejoghurt weiter, „Denkst du da interessiert mich deine Sauklaue?”

„Aber in deinem Zimmer ist der Einfallswinkel vom Mond so viel besser!“, murmelte der Mittlere und schaute ertappt zur Seite.

„Ja, und genau deswegen hab ich damals das Zimmer bekommen! Weil ihr sonst alle noch verrückter werden würdet, als wir es hier eh schon alle sind.” Ich verdrehte die Augen und warf den leeren Joghurtbecher in den Mülleimer.

„Kann halt nicht jeder so besonders sein, wie wir. Sorry, Mickey.” Neckend lehnte Matt sich über den Tresen und klaute sich den letzten Apfel aus dem Obstkorb.

„Kann halt nicht jeder so empfindlich sein”, entgegnete ich nur und lief um den Tresen herum in mein Zimmer.

Doch als ich die Holztür öffnete und in mein Zimmer trat, knirschte es verächtlich unter meinen Hausschuhen.

Mit den Nerven ringend atmete ich einmal tief durch und drehte mich im Türrahmen um. Finster schaute ich Jerry, der gerade mit seinem rechten Arm nach dem Ring unter dem Sofa fischte, und Toby, der noch immer in unserer offenen Küche stand, an.

„Licht auslassen?“, fragte Toby schluckend und verzog die Mundwinkel zu einer zahnigen Grimasse.

Mit Wucht ließ ich meine Wut am Lichtschalter aus und warf einen Blick auf meine zersplitterte Tischplatte.

„Oh, Matt, was glaubst du, wer zuerst stirbt?” Briley ließ eine Packung Popcorn aus der Küche zu sich herüber schweben und lehnte sich an die Wand vom Flur. Wo hatte der die denn jetzt schon wieder her?

Matt teleportierte sich neben den Kinobesucher und griff großzügig in die kleine Box. „So, wie ich unsere kleine Maus einschätze, setzte ich auf Jerry.”


„Fuck, ey! Wie kann ein Mensch nur so viel Kraft haben?” Grummelnd stieß Toby sich vom Sofa ab und kam schwankend zum Stehen.

„Wie könnt ihr überbegabten Volltrottel überall Glassplitter in meinem Zimmer liegen lassen?!” Wütend zischte ich und hob drohend erneut das neongrüne Sofakissen in meiner Hand, das sich so schön mit der braun karierten Couch biss.

Unsere Wohnung war wohl eine eher untypische typische Erststudenten-WG. Alles war kunterbunt zusammengewürfelt; schließlich musste für die einst komplett leere Wohnung eine komplett neue Möblierung her.

Oder eher gebraucht von Ebay Kleinanzeigen, Flohmärkten, und alten Möbelstücken, die unsere vorausschauenden Eltern bei jeder Neuanschaffung im Keller aufbewahrt hatten. Schließlich war es nicht gerade billig seinen Fünflingen eine Bleibe fürs Studium zu finanzieren. Erstrecht nicht, bei den Genen meiner Brüder. Ich war einfach nur froh, dass Mum Oma Romina überzeugen konnte, uns in einer ihrer Immobilien unterzubringen. Sonst wäre zusätzlich zu all dem auch noch monatlich Miete fällig.

Toby hob abwehrend die Hände und räusperte sich einmal. „Denkst du nicht, dass der blaue Fleck am Arm reicht?” Schmollend legte er einen Zeigefinger auf seinen linken Oberarm, wo ich ihn kurz zuvor geboxt hatte.

„Wenn das ’nen blauer Fleck wird, was ist dann bitte mit mir, hm?” Ein triefend nasser Jerred kam aus dem Bad geschlurft. Seine Haare waren vollgesogen mit Wasser und sein schwarzes T-Shirt klebte so an seinem Oberkörper, dass seine Bauchmuskeln zum Vorschein traten.

Ich schnaubte. Leicht eifersüchtig war ich deswegen schon auf ihn. Er tat nicht mal was dafür, und doch war er durchtrainiert. Scheiß Wolfsgene. Seine Schuld, wenn er ins Bad flüchten musste. Wenn er sich schon so freiwillig in der Badewanne versteckte...

„Macht euch nicht lächerlich.” Matt schluckte seine Portion Popcorn hinunter, „Keiner von euch wird deswegen krank, oder irgendwelche Schäden davontragen.”

Briley nickte und fuhr sich einmal seufzend durch die Haare. Jetzt wurde es ernst. Wenn er das tat, dann war mit ihm nicht mehr zu spaßen. „Ihr müsst echt vorsichtiger sein, wie oft muss ich euch das noch sagen?”

Und da war er. Der große Bruder in Briley. Obwohl wir beide nur fünfzehn Minuten auseinander lagen, sah er mich manchmal an, als wäre ich ein hilfloses Baby umgeben von betrunkenen Teenagern.

„Ja, aber wir haben das doch nicht mit Absicht gemacht!“, murmelte Jerred und zog sich sein patschnasses Shirt aus.

“Das ändert nichts daran, dass ihr erstens Mickeys Sachen kaputt gemacht habt, und zweitens die Scherben habt liegen lassen. Ihr wisst beide, dass das unvorsichtig ist. Ich habe euch nicht grundlos gebeten die Scherben zuerst zu beseitigen.” Tief durchatmend verschränkte Briley die Arme.

So ernst wie er gerade schaute, könnte ich wohl nicht mal im Gericht reinblicken. Und das, obwohl wir praktisch das gleiche Gesicht hatten. Gut, dass er Jura studierte, und nicht ich.

Ich verdrehte genervt die Augen. Mir wäre es lieber gewesen, wenn Briley versucht hätte die Ratte und den Köter gänzlich davon abzubringen mein Zimmer zu verwüsten, statt ihnen im Nachhinein eine Predigt zu halten.

„Ich mochte meine Glasplatte...“, murmelte ich betreten und scharrte mit dem Fuß über den weinroten Teppich unserer Zirkusbude.

Kurz herrschte Stille.

„Sorry, Mickey.”

„Ja, es tut uns leid.” Jerry ließ seinen Ring, auf dem ein kleiner Wolf prangte, in einer der vielen Taschen seiner doch noch überraschend trockenen Hose verschwinden. Dann hielt er kurz inne. „Das ändert aber nichts daran, dass du meinen Joghurt gegessen hast!”

„Du hast meinen fucking Schreibtisch zerstört!” Anklagend ging ich in den Ausfallschritt.

„Gar nicht wahr!”

„Und ob du das warst!”

„Toby und ich waren das zusammen!”

„Das ändert doch nichts daran, dass du mit beteiligt warst!”

„Das wird mir hier echt zu viel.” Grummelnd packte Matt Jerry und Toby am Kragen und verschwand mit einem leisen Puff.

Eigentlich war es mehr ein Geräusch, das Wind, der um den Dachstuhl eines Hauses pfiff, glich. Doch jedes Mal, wenn Matt vor mir im Nichts verschwand, konnte ich nicht anders als an Comicwolken zu denken.

Nicht mal drei Sekunden später vernahm ich das Geräusch erneut, wurde am Arm gepackt und mitgezogen. „Uäh!” Schwankend versuchte ich mein Gleichgewicht zu finden, scheiterte jedoch und trat Matt hinter mir volle Kanne auf seine neuen Schuhe.

Murrend schaute ich auf meine abgeranzten Gummihausschuhe, die wir vor gut fünf Jahren in genau diesem IKEA gekauft hatten. Das einst knallige Korall hatte sein Leuchten verloren und war stattdessen mit weißer und grüner Wandfarbe versehen.

„Ey, Junge, hättest du uns nicht mal vorwarnen können!” Mit großen Augen zeigte Toby auf seine pinken Wollsocken, woraufhin ich in schallendes Gelächter ausbrach.

„Ha ha!“, sagte ich ihm ins Gesicht.

„Sag du mal gar nichts. Wenigstens hast du ein trockenes Shirt und Socken an.” Schnaubend räusperte Jerry sich und verschränkte die Arme vor seinem nassen Oberkörper.

Kichernd hielt ich mir eine Hand vor den Mund, um nicht noch lauter zu werden.

„Jerry?” Briley zog seine Sweatjacke aus.

“Hm?”

„Das nennt man Karma.” Mit diesen Worten warf er dem Mittleren seine Jacke zu und lief zwischen den hohen Regalen entlang in Richtung Kasse.

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