Das Schicksal von Valyrien - Band 2

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Summary

Linnea hat genau eine Bestimmung: Die Rettung von Valyrien. Zusammen mit ihrem Seelengefährten Sorius bestritt Linnea bereits einige Abenteuer und Herausforderung, aber durch die neue und unerwartete Fügung des Feindes landet Linnea zurück in der uns bekannten Welt, ohne ihre Bestimmung vollends zu erfüllen. Vor ihr liegen zunächst unüberwindbare Hindernisse und auf ihr Erbe des ewigen Winters und den Dämon in ihrem Blut hat sie keinen Zugriff. Wenigstens hat sie nun ihre beste Freundin Aya wieder. Aber werden beide zusammen einen Weg finden, um die Welt von Valyrien zu vor dem Untergang zu retten?

Status
Complete
Chapters
121
Rating
5.0 12 reviews
Age Rating
18+

Kapitel 1: Der Blick ins Ungewisse

Uns trennen Welten, aber ich werde immer einen Weg suchen, um zu dir zurückzukehren. 

• Linnea •

Mittwoch, der 24,06.2026 in Oldenburg-Alexandersfeld.

Mit einem ziemlich großen Schreck stelle ich fest, dass mir diese Situation hier wahnsinnig bekannt vorkommt: Ich sitze am Frühstückstisch und warte auf meine beste Freundin Aya, weil wir vor unserer Reise nach Sylt gerne noch zusammen frühstücken wollen, bevor es zum Hauptbahnhof in Oldenburg geht.

Und doch ist nichts, wie es war.

Schon gar nicht wie vor einem Jahr, denn es ist nun fast ein ganzes Jahr her, seit ich wieder in Deutschland gelandet bin. Meine Fähigkeiten der Luftmagie oder der Eismagie spüre ich nicht, genauso wenig wie meine Fähigkeit zur Schattenmagie. Von Assael, dem Dämonenprinz in meinem Blut, ganz zu schweigen.

Ob er noch da ist, oder nicht, weiß ich nicht.

„Aya? Wo bleibst du denn? Wenn der Scheiß Corona Test jetzt positiv ist, raste ich aus!“, brülle ich durch die neue 3 Zimmer Wohnung, die Aya und ich seit einem halben Jahr als beste Freundinnen WG besuchen.

Vor allem aber auch aus anderen Gründen, wie ich sehe, weil Aya nun ihren Kopf mit den roten Augen seitlich am Türrahmen vorbei streckt und lächelnd meinen Blick erwidert.

Sie hat ihre farbigen Kontaktlinsen noch nicht eingesetzt, wie es scheint.

Und dass sie vor einer großen Reise unbedingt einen Corona Test machen will liegt daran, dass sie vor ein paar Jahren mal unwissend mit Corona in den Urlaub gefahren ist und der Ausbruch dort sie richtig lahmgelegt hat. Es war wohl schrecklich und sie wäre lieber zuhause gewesen.

„Chill mal, alles im Lot und ich komme gleich! Meine Locken brauchen noch einen Moment!“, frohlockt sie mit einem breiten Grinsen und ich sehe ihr hellbraunes Haar in einem rosa Knäuel eingerollt auf ihrem Kopf ruhen.

Sie ist absoluter Fan von diesen trendigen Lockenwicklern aus Stoff, die sie gleich im 4er Pack in den Modellen Hellgrau und Rosa gekauft hat. Nach ihrem Satz, bei dem sie nicht auf eine Antwort wartet, verschwindet sie zurück in das gemütliche Badezimmer. Schmunzelnd halte ich inne und warte nun mit dem kleinen Frühstück, allzu lange kann das ja nicht mehr dauern.

Meine Gedanken schweifen aber zu dem ab, was vor knapp einem Jahr geschehen ist und wie mein Leben seither aussieht.

Es ist ein Leben ohne Sorius oder all die anderen lieb gewonnenen Personen aus Valyrien, weil ich keinen Kontakt und keine Möglichkeit für ein Portal gefunden habe. Aya hat mir viel dabei geholfen und wir haben viele Recherchen betrieben, aber dieses Thema ist hier nicht gerade weltbekannt.

Die anderen Menschen mit den Nachnamen Sommer und Winter sind wohl nie wieder zurückgekommen. Und falls doch, haben sie es nicht an die große Glocke gehängt.

Nach unserem letzten Sylt Urlaub, den wir dieses Jahr zu Ehren wiederholen wollen, hat mich schon bald der ernüchternde Alltag eingeholt. Ich bin seit August letzten Jahres wieder eine ganz normale Tischlerin, verdiene meine Brötchen und habe zumindest meine Familie wiedergesehen. Meiner Mutter und meinem Bruder Christian habe ich nichts von alledem erzählt, was passiert ist. Und ich habe mir schnell angewöhnt täuschend echte Kontaktlinsen in Grün zu tragen. Auch Aya trägt nussbraune Kontaktlinsen, seit ich sie Anfang Oktober letztes Jahr zum Vampir gemacht habe.

Seitdem hat Aya einen Quereinsteiger Arbeitsplatz bei der Blutspende und schafft es regelmäßig frische Blutspenden mitgehen zu lassen, während sie geschickt die Zahlen frisiert. Was wir machen, wenn sie damit auffliegt und die Regierung auf waschechte Vampire in der Gesellschaft aufmerksam wird, weiß ich noch nicht. Im Januar haben Aya und ich die Gelegenheit ergriffen und uns für das Zusammenziehen entschieden, weil das Vieles vereinfacht.

Vor allem bleibt mehr Geld übrig, wenn man sich die Miete teilt. Aktuell hat jeder ein kleines Sparkonto. Wenn wir unsterblich sind, kann das nicht schaden.

Es vereinfacht aber auch andere Dinge.

Besonders meine Abende, an denen ich bittere Tränen weine, weil ich meinen Seelengefährten Sorius so sehr vermisse. Das Band spüre ich noch immer, aber es ist, als führe es auf eine Wand zu, die ich so nicht durchschreiten kann. Es beginnt sich auf meiner Seite zumindest einsam zu fühlen und ich meine wahrzunehmen, wie das sensible Gespür darin allmählich nachlässt. Wie, als wenn man eine Pflanze nicht gießt. Ich habe Angst vor dem Tag, an dem es womöglich abstirbt oder komplett gefühllos wird, wie als wenn man querschnittsgelähmt ist.

„Kein Trübsal blasen, das haben wir doch schon besprochen”, höre ich Ayas Stimme, die nun endlich fertig ist und in einem knielangen rein weißen Kleid in die Küche kommt.

Ihre Hand ruht beim Vorbeigehen einen Moment auf meiner Schulter, dann rutscht Aya auf ihren Platz auf der Eckbank in unserer Küche. Die Wohnung ist ein echter Glücksgriff für uns. Solide 3 Zimmer mit netten 72 qm und einem kleinen Balkon. Alles im Januar schön kernsaniert und mit einem hellen, freundlichen Grunddesign. Die Vermieterin hat ein Herz für uns beide, weil wir sie an ihre Jugend mit ihrer besten Freundin erinnern und sie uns deshalb ausgewählt hat.

Und auch wenn Aya halbtürkische Wurzeln hat, werden hier keine ausschweifenden Feste oder Kochgelage veranstaltet.

„Ich träume immer noch von ihm. Von einem verdammten Mann, der nicht mal in dieser Welt existiert und wie ein Traummann aus einem Buch klingt. Das kann ich nicht mal meinen Kollegen erzählen, die lachen mich aus”, schmolle ich drauf los.

„Die heißen Erzählungen sind ja auch mir vorbehalten!“, meint Aya grinsend und schenkt sich einen Kaffee ein, in den sie kurzerhand noch Hafermilch einrührt.

Sie ist noch immer Vegetarier und beäugt auch schon die kleine Auswahl an Käse, bei der sie sich nie entscheiden kann.

„Anderes Thema. Ein weißes Kleid für die Zugfahrt? Bist du dir sicher?“, hake ich schmunzelnd nach.

Auch wenn es ist, wie es ist, würde Sorius niemals wollen, dass ich mich gehen lasse. Umgekehrt will ich das auch nicht. Er soll sich ruhig weiter mit Amillan im Billard messen oder Lukai schief angucken, wenn dem beim Essen mal ein Lächeln herausrutscht. Und falls Nowen endlich Vater geworden ist, soll Sorius das Baby besuchen gehen und sich von Viola vollquatschen lassen. Selbst bei Ivarias soll er einfach zuhause vorbeigehen und ihm und seiner Sippe auf den Geist gehen.

Und er soll für mich das legendäre Kochbuch von Revens Omi hüten.

Übrigens habe ich Xenia Ammerkamp bei Instagram gefunden, die einen großen Suchaufruf nach ihrem Mann Robin gestartet hat. Ich habe mich lange nicht getraut, aber heute will ich auf dem Weg zum Hauptbahnhof eine Kleinigkeit erledigen.

„Was soll schon passieren?“, erwidert Aya mit einem Achselzucken und hat wohl keine Fantasie, was mit einem weißen Kleid auf einer Zugfahrt so alles passieren kann.

Schließlich beenden wir unser gemeinsames Frühstück und ich klopfe die Brötchenkrümel von meiner kurzen Hose in dunklem Mitternachtsblau, was mich an die Haarfarbe von Rhen erinnert. Mein fliederfarbenes Oberteil ist auch frei von sämtlichen Marmeladenflecken, da kann ich stolz auf mich sein.

Ich strecke mich einmal kurz und spüre den Muskelkater des gestrigen Trainings durch meinen Körper schießen. Seit ich hier festsitze kümmere ich mich weiterhin um ein ordentliches Training, um im Fall der Fälle keinen auf den Deckel zu bekommen. Aber mit einem Vollzeitjob schaffe ich nicht das Pensum, wie in Ammathiar oder auf Burg Cronin. Mal davon abgesehen, dass es hier keine Elitekämpfer gibt, die mir einen Bogen in die Hand drücken oder mich mit einem Schwert ärgern wollen.

Es läuft also „nur” auf körperliche Fitness hinaus.

In aller Ruhe waschen wir noch kurz die Sachen vom Frühstück ab und ich schaue mich in der Wohnung dann um, ob auch ja alle Fenster geschlossen sind und auch sonst nichts ist. Sagt es keinem, aber ich habe eine Liste in meinen Handy Notizen und hake nun ab, was ich alles kontrolliert habe. So stehe ich nicht auf Sylt in der Ferienwohnung und frage mich, ob ich nicht zufällig mein backendes Brot im Ofen vergessen habe.

Mit Sack und Pack verlassen Aya und ich schließlich unsere Wohnung und ich halte auf dem Weg zum Hauptbahnhof nun an einem kleinen, gelben Kasten an.

„Bist du dir sicher?“, hakt Aya nach und beobachtet mit neutraler Miene mein Vorhaben.

„Ja. Reven würde wollen, dass Xenia zumindest sowas wie diesen Brief hier bekommt. Und ich habe ja keine Adresse oder sowas hineingeschrieben”, erwidere ich und werfe den neutralen Brief nun in den Schlitz des Briefkastens.

Ich atme erleichtert aus, weil das schon echt lange auf meiner Seele lastet. Der Brief enthält ein paar Informationen, aber nicht speziell die Erwähnung, dass Robin sich nun Ammarehven nennt und in Valyrien König von Schattenhafen geworden ist. Einfach nur ein Hinweis, dass eine sehr verlässliche Quelle weiß, dass es ihm gut geht und er zurückgekommen wäre, wenn er es könnte. Nett ausformuliert und ob sie das glauben wird, ist ihre Sache. Zweifelsfrei kann ich das auch auf Instagram verfolgen, denke ich.

Am Hauptbahnhof machen Aya und ich einen kleinen Schlenker zu einem Zeitschriftenladen und ich bin Opfer einer interessant aussehenden Zeitschrift für Wohntrends geworden. Bei Aya hat es eine Ausgabe über das Weltgeschehen in die Auswahl geschafft, sie entscheidet sich im letzten Moment aber um und wird sich lieber mit Spotify begnügen.

Da der Zug nun aber in 9 Minuten fährt, gehen wir gemütlich zum Gleis.

• Aya •

Ein ganzes Jahr lang kenne ich nun schon diese sagenhafte Geschichte und die ganzen Erlebnisse meiner besten Freundin in Valyrien. Sie hat mir alles erzählt, wirklich alles. Natürlich auch die unbequemen Seiten ihres Abenteuers und bei den Parts mit diesen Anti-Magie-Fesseln will ich garantiert nicht mit ihr tauschen.

Allgemein bin ich froh, dass ich damals wegen Corona zuhause geblieben bin und mir diese Art von Abenteuer erspart geblieben ist. Auf Reisen gehen mag ich sehr gerne, aber ich bin eher ruhiger und zurückhaltender Natur und brauche keine Situationen, die Schlag auf Schlag kommen und mich überfordern. Bis zu meiner Arbeit in der Blutspende war da Dasein als Arbeitslose schon Abenteuer genug.

„Linnea! Hey! Fahrkarte!“, stupse ich sie grinsend an und nicke in die Richtung des Ganges.

Eine Frau mittleren Alters kommt in üblicher Bahn Uniform an und will unser Deutschland Ticket sehen. Linnea gähnt kurz, nimmt einen der Ohrstöpsel aus dem Ohr und öffnet auf dem Smartphone dann auch die Bahn App für das Ticket. Die Frau, die nicht gerade den Preis für die motivierteste Mitarbeiterin bekommt, scannt unsere Tickets und geht dann ohne ein weiteres Kommentar weiter.

Ich werde einen Teufel tun und ihr was sagen. Linnea ist kurz davor „Bitte schön!” hinterher zu rufen, aber mir zuliebe lässt sie das.

In Hamburg müssen wir schließlich umsteigen und karren uns mit dem ganzen Gepäck von einem Zug in den nächsten. Der neue Zug ist leider echt voll und wir bekommen gerade so 2 freie Sitzplätze in einem 4er Abteil. Mit bei uns sitzt ein älteres Pärchen, die mehr unter sich sind. Direkt im 4er Abteil neben uns sitzt aber eine Gruppe bestehend aus 4 Männern in unserem Alter, die offensichtlich auch auf den Weg in den Strandurlaub sind. Über ihnen sehe ich Musikinstrumente in der Gepäckablage verstaut.

„Geht es für euch auch nach Sylt?“, fragt der eine von ihnen, der wie ein blonder Surfer aussieht.

Linnea hat natürlich kein Interesse, bestätigt das einfach nur und will schon zu ihrem Handy greifen, aber ich stupse sie leicht mit meinem Knie an. Sie versteht sofort, dass ich den blonden Surfer heiß finde und gerne näher mit ihm ins Gespräch kommen will. Mit bei ihm ist noch ein braunhaariger Bodybuilder und zwei offensichtliche Brüder mit schwarzen, mittellangen Haaren.

„Und ihr geht nicht nur zur Standparty, ihr seid die Strandparty?“, eröffnet Linnea für mich das Gespräch.

Und schon sind die 4 Männer mitten ins Gespräch integriert, weil Linnea einen siebten Sinn für wirklich lustige Sätze hat.

Die ganze Fahrt über verfallen Linnea und ich ins Gespräch mit denen und ich finde solche Bahnfahrten für sowas gar nicht mal so schlecht, auch wenn ich mich niemals getraut hätte diese Typen anzusprechen. Der blonde Surfer, Moe, weil das cooler als Moritz klingt, schlägt nun etwas vor, bei dem Linnea sich versteift.

„Hättet ihr Lust morgen zu unserem Auftritt zu kommen und danach einen zu trinken? Kann auch ganz ungezwungen sein, einfach nur ein netter Abend mit ein paar Cocktails”, meint Moe mit einem Zwinkern.

Und er hat mich angezwinkert!

Ahhh! Jaaa!

Der Braunhaarige mit dem Namen Holger, was er aus der Mode gekommen findet aber so heißt er nun mal, wirkt auch ziemlich an Linnea interessiert. Meine beste Freundin ist leider auch zu höflich, um den armen Holger ganz auflaufen zu lassen. Die beiden Brüder Felix und Janosch halten sich daraus, sind bei den Cocktails aber nicht abgeneigt. Kurzerhand tauschen wir unsere Handynummern mit den Musikern und ich bin immerhin gespannt, was die so für Musik spielen und ob man sich die anhören kann.

Auf Sylt holen wir die Schlüssel für unsere Ferienwohnung ab, die wir dieses Mal direkt in Westerland gebucht haben. Zwar noch leicht am Rand und in der Nähe des Waldes, aber uns war dieses Jahr nach einer zentraleren Lage. Den genauen Aufenthaltsort haben wir den 4 Männern nicht verraten, da gehen wir lieber auf Nummer sicher. Wobei Linnea echt krasse Kampfsachen gelehrt bekommen hat und in Erwägung gezogen hat hier noch eine Kampfsportgruppe zu suchen.

Daraus ist aber nichts geworden.

Es wäre wohl nicht das gleiche.

Mit einem Lächeln öffnet Linnea die Tür zur Ferienwohnung mit 2 Schlafzimmern, in der wir es uns erst einmal gemütlich machen und unsere Koffer soweit auspacken. Das Wohnzimmer hat eine Kochecke, einen Essplatz, einen Wohnbereich mit Fernseher und sogar eine angrenzende, offene Terrasse. Der Blick direkt auf den Zaun ist zwar nicht das große Highlight, aber ich will des Nachts auch nicht von den Nachbarn angeglotzt werden. Linnea auch nicht, also noch ein Punkt für die Ferienwohnung.

Ich schaue mir gerade in aller Ruhe die Einrichtung der Küche an und nehme eine erste Bestandsaufnahme des Inventars, da höre ich den panischen Schrei von Linnea.