Alte Bekannte
Den Eingang des Berliner Flughafens im Blick lehnte Athena Morris gegen die Seite ihres Wagens. Die Sonnenbrille schirmte ihre Augen vor der Frühlingssonne ab. Zusätzlich konnte sie durch die verdunkelten Gläser alle vorbei wuselnden Menschen beobachten, ohne aufzufallen. Sie tat es als Berufskrankheit ab. Doch innerlich wusste sie, dass man immer auf der Hut sein musste.
Ein Blick auf ihre Armbanduhr verriet, dass sich der Flug verspätete. Zu ihrem Glück verschaffte ihr der Ausweis an der Frontscheibe ihres Wagens ein Sonderrecht. Ansonsten stünde schon längst der Abschlepper vor Ort. Viele Taxis hupten Athena an, doch sie ließ sich davon nicht einschüchtern. Als S.T.R.I.K.E.-Agentin war sie weitaus schlimmere Drohungen gewohnt. Zumindest als sie noch im Außendienst war.
Die Schwarzhaarige verschränkte schnaubend die Arme vor der Brust. Sah sich einmal um. Die Menschen waren so geschäftig wie eh und je. Niemand erzeugte den Anschein, er oder sie würde mit dem Leben nicht klarkommen. Und das alles nur sechs Monate, nachdem die Hälfte der Weltbevölkerung wieder aufgetaucht war. Und sie brachten das Chaos mit sich. Denn kein Einziger rechnete jemals damit, die Verlorenen wiederzusehen. Und doch schien die Welt nach 5 Jahren so zu laufen, als wäre dieser verheerende Schnipser nie geschehen.
Dies geschah gleichwohl nur oberflächlich. Darunter brodelte es gewaltig. Nicht umsonst gab es in sämtlichen Städten eine Widerstandsbewegung. Die Demonstrationen liefen nicht immer friedlich ab. Die Menschen in den Camps des Global Repatriation Council waren aufgebracht. Kein Wunder, zielten die Obersten darauf ab, alle zurück in ihr ursprüngliches Land abzuschieben. Ein unmenschlicher Akt in ihren Augen, doch Athena war allein machtlos dagegen.
Das Öffnen der Schiebetüren brachte ihre Konzentration zurück auf das Wesentliche. Ein Schwall Menschen betrat den Bürgersteig vor dem Gebäude, sahen teilweise erleichtert aus. Athena lächelte, nachdem sie zwischen den Leuten ihren guten Freund Sam Wilson ausmachte. Sie hatten sich am Anfang ihrer Ausbildung bei einem internationalen Einsatz kennengelernt. Seitdem standen sie in engem Kontakt, wenn auch hauptsächlich nur telefonisch.
Zwischen ihrem eigentlichen Wohnsitz in England sowie der derzeitigen Arbeitsstelle in Deutschland und Sams Heimat, den USA, lag ein weiter Weg. Dazu kam, dass der Falke ebenfalls einer der Verschwundenen und erst vor sechs Monaten wieder erschienen war. 5 Jahre ohne ihn. Und von ihren Freunden und Verwandten war er nicht der Einzige. Ihr Bruder war ebenso unter ihnen.
Sie stieß sich von ihrem Wagen ab, setzte die Sonnenbrille auf ihren Kopf und ging auf ihn zu.
„Sam Wilson“, sagte sie gut hörbar.
„Thena“, stellte dieser mit Freude fest und nahm sie in den Arm. „Schön dich zu sehen.“
Ihre Umarmung dauerte länger als normalerweise, doch beide genossen ihr Wiedersehen nach all der Zeit.
Er ließ sie los.
„Du siehst gut aus. Neue Frisur?“, scherzte er und legte sofort sein breites Grinsen auf. Wusste er, dass sie ihre langen schwarzen Wellen immer gleich trug.
„Schleimer“, gab Athena zurück und wandte sich an seine Begleitung. „Hallo James. Ich hoffe, du erinnerst dich an mich.“
Man sah dem hochgewachsenen Mann den Versuch, sie einzuordnen an. Nach wenigen Sekunden erhellte sich seine Miene.
„Natürlich. Wir haben uns in Leipzig gesehen“, erinnerte er sich.
„Richtig. Athena Morris“, stellte sie sich erneut vor und reichte ihm die Hand, welche er prompt ergriff.
„Bucky.“
Sein Händedruck war stramm, das Lächeln freundlich.
Er sah um einiges besser aus. Die langen Haare waren einer modernen Kurzhaarfrisur gewichen, was Athena begrüßte. Ein Drei-Tage-Bart zierte sein Gesicht, welcher ihm gut stand. Alles in allem passte er genau in ihr Beuteschema.
„Schön euch beide wiederzusehen“, lächelte sie.
„Leider sind die Umstände nicht gerade gut“, sagte Sam wehmütig.
„Keine Sorge“, winkte sie ab. „So schlimm wie das letzte Mal wird es schon nicht sein. Aber das könnt ihr mir auf der Fahrt erzählen.“
Am Telefon hatte sich der Falke recht bedeckt mit Informationen gehalten.
Das Gepäck verstauten sie sicher im Kofferraum. Danach setzte Sam sich auf den Beifahrersitz und James machte es sich im Fond bequem. Sie startete den Motor und war froh, dem Flughafenvorplatz zu entkommen. Erst auf der Autobahn richtete sie erneut das Wort an ihren Freund.
„Also, warum wollt ihr mit dem Terroristen reden? Am Telefon hast du ja ein richtiges Geheimnis daraus gemacht.“
Sie sah ihn mit Neugierde von der Seite her an. Konnte sich dennoch keinen Reim darauf machen, weshalb sie freiwillig mit diesem Mann sprechen wollten. Selbst sämtliche Gefängniswärter mieden ihn, waren froh, wenn sie nicht eingeteilt waren, ihm Essen zu bringen. Zu den anderen Gefangenen wurde er nicht gelassen. Er war einer der gefährlichsten Insassen Berlins.
„Hast du schon von den Flag-Smashern gehört?“, sprach Sam.
Sie nickte knapp. Diese Bewegung zählte zu den Widerstandskämpfern aus den Camps. Zumindest waren das die internen Informationen, zu denen sie Zugang hatte. Die Öffentlichkeit erfuhr hiervon nur die Hälfte.
„Wir sind hinter ihnen her. Das Problem ist, dass sie übermenschlich stark sind.“
„Du meinst Supersoldaten-stark?“, warf Athena ein, erahnte die Antwort jedoch.
„Jemand konnte das Serum reproduzieren. Die Anführerin, Karli Morgenthau, kam wohl irgendwie ran und jetzt rennen acht dieser Supersoldaten herum“, erklärte Bucky beiläufig.
„Und weshalb könnte Zemo euch behilflich sein?“, hakte sie nach und nahm die Ausfahrt.
Um die Uhrzeit durch Berlin zu fahren würde die Hölle werden, doch dies war der einzige Weg zum Hochsicherheitsgefängnis.
„Er weiß so einiges über das Serum. Vielleicht weiß er auch, wer dahintersteckt“, sagte James.
Athena schnaubte. Der Kerl saß seit so langer Zeit im Gefängnis, wurde rund um die Uhr bewacht. Sie bezweifelte, dass er überhaupt etwas wusste.
„Zu deinem Glück, Sam, hast du mich vorher angerufen. Ohne eine Genehmigung darf man ihm nicht einmal einen Brief schreiben. Alles wird strengstens kontrolliert“, erklärte sie.
„Und du hast diese Genehmigung für uns?“, wollte der Falke wissen.
„Ich bin eure Genehmigung“, gab sie gelassen zurück. „Aber glaubt ja nicht, dass ihr mich verarschen könnt. So was wie damals kann ich nicht noch einmal gebrauchen.“
Einst, als Sam sie um Hilfe bat, sie sich auf die Seite von Captain America gestellt und somit ihren alten Job bei S.T.R.I.K.E. verloren hatte.
„Ich wurde nach der Sache in Leipzig strafversetzt. Es hat Jahre gedauert, diesen Posten zu bekommen. Es ist nicht der beste Job, aber auch nicht der schlechteste. Und ich kann euch zu jedem Gefangenen Zutritt verschaffen“, erklärte die Agentin.
„Solange es für Zemo reicht, ist das gut genug“, entschied James, der sich zurücklehnte und die Landschaft genoss.
Eine halbe Stunde später betraten die drei das Hochsicherheitsgefängnis des Joint Counter Terrorist Centre. Sterile Wände blickten ihnen entgegen, was das Wohlgefühl sogleich senkte. Athena war es zwar gewohnt, besonders wohl fühlte sie sich dennoch nicht.
Sie kamen an die erste Sicherheitstür. Die Frau zeigte dem Mann hinter der Glasscheibe ihren Ausweis, der sie passieren ließ. Schweigend folgten die beiden Avengers ihr, bis sie den Metalldetektor sahen. Athena blieb stehen.
„Ab hier müsst ihr allein weitergehen. Keine Waffen oder sonstiges“, erklärte sie und deutete auf den Detektor. „Metallarme sind aber erlaubt.“
Sie zwinkerte Bucky zu, klopfte dann kurz auf Sams Schulter: „Wir sehen uns später.“
Damit wandte Athena sich ab und schlug die Richtung des Überwachungsraumes ein. Sie war noch nie in Zemos Zelle gewesen und würde diese weiterhin auch meiden.
Der Sicherheitsbeamte grüßte sie, ohne die Augen von den vielen Bildschirmen zu nehmen. Im Minutentakt wechselten die Bilder, sodass jedes Eck im Gefängnis beobachtet werden konnte.
„Schalten Sie die Besucher auf den Hauptbildschirm“, wies sie den Beamten an, der dem prompt Folge leistete.
Es hatte etwas Gutes, einer höheren Position innezuwohnen. So konnte Athena alles aus sicherer Entfernung im Auge behalten.
Sam und James folgten dem Justizvollzugsbeamten durch die vielen Gänge. Kurz vor dem Eintritt in den eigentlichen Zellentrakt blieben sie stehen. Eine Unterhaltung entstand, die Athena konzentriert verfolgte. Einige Fetzen konnte sie anhand der Lippenbewegungen ausmachen. Eine Fähigkeit, welche sie während ihrer Ausbildung lernte. Der ehemalige Winter Soldier wollte allein mit dem Gefangenen reden. Sam hielt dies für keine gute Idee. Dann folgte Bucky dem Beamten.
Das Bild wechselte zu Zemos Zelle, die James langsam betrat. Der Insasse saß auf dem Bett, nur die Beine waren zu sehen. Alles andere galt dem letzten Rest an Privatsphäre, die er noch besaß. Bucky trat an das Sicherheitsglas heran. Es dauerte ein paar Sekunden, bis Zemo es ihm gleichtat. Ton wurde zu ihrem Bedauern keiner übertragen, dies ließen die Gesetze hier nicht zu. Und die Zelle selbst war zu finster, um Zemos Lippen zu lesen.
Das Gespräch zwischen den beiden verlief beherrscht, sodass die Anspannung der Schwarzhaarigen verschwand. Schließlich verließ James die Zelle. Sie bat den Beamten, Zemo eine Weile auf dem Schirm zu lassen, während der ehemalige Winter Soldier zu Sam zurückkehrte. Sie nickten sich kurz zu, ehe sie dem Justizvollzugsbeamten zurück folgten.
Dann überschlugen sich die Ereignisse. Eine Prügelszene aus dem Aufenthaltsraum wurde auf den Hauptbildschirm gezogen. Es herrschte Durcheinander. Alle Wachmänner des Raumes waren damit beschäftigt, die Insassen zu trennen. Doch immer mehr schlugen aufeinander ein, was es für die Beamten erschwerte.
„Nummer sechs auf den hier und spulen Sie zurück. Ich will wissen, wie das geschehen konnte“, wies sie den Mann an.
Konzentriert beobachtete sie die Aufnahme. James wurde durch den Raum geführt. Eine kleine Geste. Dann hörten die beiden schachspielenden Gefangenen auf. Es sah so aus, als würde der eine etwas in Händen halten. So winzig, dass Athena es nicht erkannte. Wenige Sekunde später schlug er sein Gegenüber. Doch sie hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, denn der Feueralarm wurde ausgelöst.
Athena schnappte sich ihr Funkgerät.
„Schließt sofort alle Ausgänge. Niemand verlässt dieses Gebäude ohne meine Erlaubnis“, donnerte sie unmissverständlich hinein.
Unterdessen beobachtete sie die Bildschirme, ob einer verdächtigen Handlung. Ein Ausbruchsversuch konnte bei dieser Aktion keiner von der Hand weisen.
„Wer ist das?“ Sie deutete auf den rechten Monitor, dessen Bild sofort auf dem Hauptschirm aufploppte. Ein Wachmann war zu sehen, doch etwas erschien seltsam an ihm.
„Menz, so wie es aussieht“, antwortete der Sicherheitsbeamte irritiert.
„Warum schaut er dann so demonstrativ auf den Boden?“
Ihre Frage beantwortete er allerdings nicht und ihr ungutes Gefühl verstärkte sich. Zur gleichen Zeit meldete sich jemand aus dem Funkgerät.
„Agent Morris, eine Zelle ist leer.“
Sie fluchte und fragte nach der Zellennummer.
„2187“, kam die ungute Antwort.
Der Beamte neben ihr holte den Haftraum zurück auf den Hauptbildschirm, doch Athena rannte bereits fluchend aus dem Raum. Die beiden konnten etwas erleben. Gleich nachdem sie Zemo wieder in seine vier Wände verfrachtet hatte.
Ins Funkgerät wies sie den Sicherheitsbeamten an, ihr Menz` genaue Position durchzugeben. Die Frau rannte in die angegebene Richtung, zog auf dem Weg ihre Dienstwaffe heraus.
„Er muss im Lagerraum sein“, kam es aus dem Gerät an ihrem Revers.
Fluchend stieß sie die besagte Tür auf. Hier fehlte es an Überwachungskameras, sodass sie auf sich gestellt war. Konzentriert schlich Athena durch die vielen Regale, lauschte nach jedem Geräusch.
Ihr eigenes Blut rauschte in den Ohren und das Adrenalin ließ ihr Herz rasen. Eine Tür fiel zu, weshalb die Frau erneut das Rennen anfing. Nicht lange und die Agentin erreichte diese schwer atmend. Sie stieß die schwere Metalltür auf und wurde von Sonnenlicht geblendet. Fokussiert sah sie sich um. Blickte in jede Richtung und ging gedanklich mögliche Fluchtwege ab. Doch es war niemand zu sehen und die Wege waren reichlich.
„Verdammt!“, fluchte Athena und nahm das Funkgerät in die Hand. „Gebt sofort eine Fahndungsmeldung raus. Helmut Zemo konnte entkommen. Ich wiederhole, Helmut Zemo konnte entkommen.“
Mit einer entschuldigenden Geste kam Athena eine Stunde später auf die beiden Männer zu.
„Entschuldigt die Unannehmlichkeiten, aber ich konnte niemanden gehen lassen, bis die Sache geklärt war.“
Sam winkte ab: „Das ist dein Job. Unsere Sicherheit.“
Sie sah ihn skeptisch an, schüttelte jedoch gleich darauf lächelnd den Kopf. Sie wollte ihre Vermutung nicht aussprechen. Dennoch lag es nahe, dass sich der Besuch und Zemos Ausbruch bedingten.
Die drei standen vor ihrem Wagen, um das Gepäck entgegenzunehmen.
„Sicher, dass ihr klarkommt?“, neckte Athena die Männer und verschloss das Auto.
„Du hast jetzt Wichtigeres zu tun, als uns eine Stadtführung zu geben“, entschied James und versuchte sich ebenfalls an einem Lächeln.
„Dann schnappt euch mal die Flag-Smashers“, sagte sie und nahm Sam zur Verabschiedung in den Arm.
Dem ehemaligen Winter Soldier gab sie weiterhin die Hand. So vertraut waren die beiden nicht. Aber vielleicht änderte sich dies ja in der Zukunft.
Die Männer verabschiedeten sich von ihr und tigerten zur nächsten von ihr beschriebenen U-Bahn-Station. Athena beobachtete sie genau. Sie würde dahinterkommen, was Sam und James mit Zemos Flucht gemein hatten. Jetzt hieß es nur warten, wohin der Peilsender an Sams Kragen sie schicken würde.








