Der freundliche Boss
Marek
Tick. Tick. Tick.
Selbst dieses jämmerliche Ticken der scheußlichen Wanduhr mit den pinken Swarowski-Blüten bohrt sich heute wie ein rostiger Nagel in mein Ohr. Jeder Schlag trifft einen Nerv. Wer zur Hölle kauft so einen Kitsch freiwillig? Ich sitze in meinem Büro – meiner letzten Zuflucht vor dem Chaos da draußen. Die Klimaanlage summt dumpf, verteilt kühle Luft, die wie abgestandenes Wasser schmeckt. Was für ein beschissener Tag. Zwei meiner Leute haben sich krankgemeldet – „Sonnenempfindlichkeit“. Übersetzt: zu warm, um den Arsch hochzukriegen. Weicheier. Und dann beschließt die halbe High-Society unseres Kundenstamms heute, persönlich aufzutauchen. Jeder einzelne von ihnen verpackt in einer Wolke aus zu teurem Parfum und noch teurerem Ego.
Ich war der Türöffner, der Lächelnde, der charmante Gastgeber. Smalltalk über Golfplätze, Luxus-Hundesitter, Yachten – immer nah dran am Kunden, als könnte ich sie mit meinem Schatten vor dem Weltuntergang retten. Diese Plastik-Barbies auf High Heels – lackiertes Lächeln, chirurgisch gezogene Taille, Augen wie frisch polierte Glasperlen. Sie tun, als würde die Stadt ihnen gehören. Ich kann den Geruch ihres Parfums immer noch in meiner Nase spüren – süß, chemisch, wie Zuckerwatte über einem Müllhaufen.
„Ja, was ist dir denn heute für ’ne Laus über die Leber gelaufen?“ Seine Stimme reißt mich raus. Daniel steht in der Tür, die Hände locker in den Taschen, das spöttische Grinsen genau richtig dosiert, um mir einen Grund zu geben, ihn rauszuwerfen. „Andere Kerle wären froh, wenn sie so viele Weiber am Tag um sich hätten wie du – und dann auch noch mit prall gefüllten Konten.“
„Du weißt genau, dass ich auf diese überteuerten Plastikpüppchen einen Scheiß gebe.“ Er lacht. Langsam, genüsslich, als wollte er mich reizen. „Schon gut, Tiger. Dein Geschmack ist … speziell.“
Er lässt sich auf die schwarze Ledercouch fallen, klopft mit der flachen Hand auf das Polster neben sich. „Husch, husch, ab ins Körbchen.“ Ich weiß, was er will – und ich lasse es zu, weil es funktioniert. Langsam gehe ich rüber, lege meinen Kopf in seinen Schoß, meine Beine hängen über der Lehne. Die Couch riecht nach Leder und seinem Rasierwasser. Seine Finger finden sofort den Punkt an meinen Schläfen, drücken mit diesem perfekten Maß zwischen Schmerz und Erleichterung. Mein Körper gibt nach, der Knoten in meinem Nacken lockert sich.
„Du brauchst Ablenkung“, murmelt er. „Und du brauchst ’ne neue Platte. Die hier leiert.“ Er grinst. „Bitte. Du bist wie ein Druckkochtopf. Irgendwann fliegt dir der Deckel weg.“
Ich richte mich auf. Der Raum ist still, nur das tiefe Brummen der Klimaanlage im Hintergrund. „Ich kann mit diesen Püppchen nichts anfangen, Dani. Dünn, operiert, schablonenhaft – immer bereit, auf Befehl zu lächeln. Die denken, ich bin ihr Daddy Dom. Ich will die nicht.“
„Ich weiß. Du willst die Weichen. Die mit echtem Fleisch.“ „Mit Gewicht. Die was aushalten. Aber die glauben, ich würde sie auslachen, wenn sie sich ausziehen.“
„Weil du aussiehst, als würdest du sie im nächsten Moment ficken oder fressen.“ „Vielleicht beides.“
Er wird ernster. „Du willst keine gespielte Unterwerfung. Du willst, dass sie sich freiwillig ergibt. Weil sie es will.“ Ich nicke. Das ist die verdammte Wahrheit.
Und dann spricht er es aus: „CurvyCharlotte.“ Ich sage nichts, doch mein Magen zieht sich zusammen. Er hat mich längst durchschaut.
„Wer soll das sein?“, frage ich, die Stimme etwas leiser, unsicherer, während mein Herz schneller schlägt. Ein warmes Prickeln steigt in meiner Brust auf, fast so, als würde mein Blut plötzlich in alle Richtungen gleichzeitig fließen. Mein Blick huscht nervös auf den Bildschirm, doch ich kann nicht wegsehen.
Er lehnt sich zurück, das Grinsen auf seinen Lippen ist langsam, fast provokant, und seine Augen fixieren mich mit einer Intensität, die mich kurz erröten lässt. „Das weißt du ganz genau“, sagt er leise, und seine Stimme hat etwas Verlockendes, das sich wie Samt auf meine Haut legt. „Das ist die Figur, auf die du seit Wochen heimlich starrst wie ein sabbernder Hund. Und wenn ich reinkomme, wird sie weggeklickt, als wärst du ein Teenager, den die Mami beim Pornos schauen erwischt.“
Ein nervöses Kribbeln zieht über meine Arme, und ich spüre, wie sich meine Fingerspitzen leicht feucht anfühlen. Ich atme ein, und die Luft fühlt sich plötzlich schwer an, fast elektrisiert.
„Wenn du sie buchen möchtest, dann frage mich doch. Ich mache dir gerne ein Profil. Ich habe sie auch noch nicht angefasst.“ Seine Stimme ist ruhig, aber fordernd, und ich merke, wie mein Herz schneller schlägt, unregelmäßig, fast stotternd.
„Ich schlafe nicht mit Huren“, entgegne ich, die Stimme schärfer, als mir lieb ist. Mein Gesicht wird warm, ein Feuer, das sich aus meinem Nacken über meine Schultern ausbreitet. Ich springe auf, die Knöchel knacken, und greife nach einem Glas Wasser. Das kühle Nass rinnt meinen Hals hinunter, erfrischt mich, aber die Nervosität bleibt – wie ein leises Zittern, das von meinem Brustkorb ausstrahlt. „Ist dir auch so warm?“ versuche ich, meine Unsicherheit zu überspielen, doch meine Stimme klingt brüchig.
Er lächelt spöttisch, ein Funkeln in den Augen. „Dir ist heiß, weil ich dich erwischt habe – und weil ich Recht habe.“ Seine Worte legen sich wie warme Hände auf meine Nackenhaare, lassen sie aufstehen. „Lieber eine Hure vögeln, als eine gebrauchte Figur aus meiner Sammlung, die du noch mehr kaputt machst, sodass ich sie wochenlang wieder zusammensetzen muss.“
Ein Schauer läuft meinen Rücken hinunter. Ich nehme einen weiteren Schluck Wasser, die Kälte rinnt wie kleine Nadeln in meine Brust, beruhigt mich, aber kann das prickelnde Gefühl nicht ganz vertreiben. „Was kann ich dafür, wenn deine sogenannten Subs nichts abkönnen?“, murmele ich leise, die Stimme zwischen Trotz und Unsicherheit, während mein Blick flüchtig auf seine Hände fällt, die locker auf dem Schreibtisch ruhen – so nah, und doch außer Reichweite.
„Nur weil ich meine Frauen wochenlang mit Geduld ausbilde, heißt das noch lange nicht, dass ich ein Sadist bin, nicht wahr? Ach ja – und ein krankhafter Kontrollfreak bin ich auch nicht. Bei mir dürfen die Frauen wenigstens noch atmen.“ Seine Worte sind ruhig, fast süßlich, doch die Dominanz darin lässt mein Herz stolpern, wie ein ungehorsames Tier.
„Jaha“, sage ich genervt, meine Stimme bricht leicht, die Finger noch fest um das Glas gekrallt. Ich sehne mich nach der Tür, nach der kühlen Luft des Flurs, nach etwas Abstand, um das Kribbeln zu dämpfen. „Darf ich eher Feierabend machen? Deine Kundschaft ist ja jetzt endlich gegangen.“
Ich verlasse sein Büro, spüre den warmen Atem des Raums noch auf meiner Haut, die kühle Luft draußen schlägt mir entgegen wie ein sanfter Schlag. Mein Herz beruhigt sich langsam, doch das Kribbeln bleibt – tief in meinem Bauch, zwischen Wärme und Nervosität, eine Mischung aus Erleichterung und dem Wissen, dass er mich mit jedem Wort ein kleines Stück mehr berührt hat.
„Ja ja, geh du nur. Mach dir weiter was vor!“, ruft er mir nach. Seine Stimme hallt nach, dunkel, ein Echo, das mich begleitet, während meine Schritte schneller werden, die Spannung noch immer prickelnd auf meiner Haut.
Ich fahre in den Schwimmbereich, tief im Keller. Die Luft riecht nach Chlor und feuchtem Beton, ein leichter Nebel hängt über dem Wasser, die Lampen tauchen das Becken in ein bläuliches Schimmern. Meine Füße knirschen leise auf dem nassen Fliesenboden, während ich mich aufwärme.
Ich ziehe meine Bahnen, das Wasser umschlingt meine Arme und Beine, doch meine Gedanken sind längst nicht beim Schwimmen. Curvy Charlotte. Ich spüre sie förmlich vor mir – die Wärme ihrer Haut, den Duft ihres Parfums, das leise Zittern unter meinen Fingerspitzen. Mein Herz schlägt schneller, ein prickelndes Feuer steigt in mir auf, bei der Vorstellung, sie zu spüren, sie zu nehmen, bis sie meinen Namen schreit. Jeder Atemzug ist schwer, und das kühle Wasser auf meiner Haut kann das brennende Verlangen nur unzureichend kühlen.
Nach einigen Bahnen steige ich aus dem Wasser. Das Wasser tropft von mir ab, meine Haut kitzelt noch von der Nässe, und ich ziehe meine bequemen Sachen über. Gerade als ich mich abtrockne, piept mein Handy.
„Escortservice Phantasia“, lese ich. Mein Herz setzt kurz aus.
Herzlich Willkommen, Mr. Bankman. Ihre Registrierung und Buchung wurde durch die Bürgschaft eines VIP-Kunden erfolgreich angenommen. Escort: Curvy Charlotte Dauer: Über Nacht Treffpunkt: Ashwood, 21:00 Uhr, Tisch 7 Keine Extrawünsche Safeword: Rubinrot
Verdammt. Daniel hat mir das eingebrockt – und mehr noch: Er hat den ganzen Spaß schon bezahlt. Alles ist vorbereitet, alles ist arrangiert. Keine Ausreden.
Ich fahre wieder nach oben. Mein Büro liegt still vor mir, nur das leise Summen der Klimaanlage begleitet meine Schritte. Daniel sitzt entspannt auf seinem Designerstuhl, die Füße auf meinem Schreibtisch, ein Glas Wein in der Hand, das Licht spiegelt sich in den tiefroten Tropfen.
„Das hat aber lang gedauert“, sagt er, seine Stimme süffisant.
„Wie konntest du nur?“ Ich knurre, meine Hände ballen sich zu Fäusten. „Und was ist das für ein bescheuerter Name?“
Er lächelt. „Ich wollte etwas Harmloses, damit sie nicht sofort wegläuft. Außerdem ist alles schon bezahlt. Dein Abend, dein Vergnügen – alles auf Kosten von mir.“
Ich starre ihn an. „Und was interessiert dich das? Warum beobachtest du sie selbst, statt sie zu buchen?“
„Ich teste, ob Charlotte ihm standhält. Wenn ja, übernehme ich sie. So musst du dir keine Sorgen machen, dass sie kaputtgeht, wenn du sie aushältst.“
Meine Finger klammern sich um die Lehne meines Stuhls. Ein heißer Stich durchfährt meinen Unterleib. Ich will keine unterwürfige Hure, die sofort einknickt. Ich will sie herausfordern, spüren, dass sie kämpft.
„Und was soll das ganze Theater?“ frage ich scharf.
„Ich will wieder teilen, wie früher“, sagt Daniel, das spöttische Lächeln auf seinen Lippen. „Außerdem, wenn du keine Lust auf deinen Lieblingsburger und einen schönen Abend hast, dann nehm ich den wahr,ist alles vorbereitet – vom Tisch im Ashwood bis zum Hotelzimmer im Cityhotel. Extrawünsche inklusive, wenn du verstehst, was ich meine und alles ist bezahlt, also verschwende keine Zeit.“
Ich schüttele den Kopf, aber innerlich brennt es in mir. Der Gedanke, sie zu besitzen, sie einzuschüchtern, sie zu jagen, lässt mich nicht los.
„Gut, ich gehe hin“, sage ich schließlich. „Aber was soll der Scheiß mit dem Safeword? Ich will keinen BDSM-Kram.“
Daniel lächelt spöttisch. „Rubinrot ist nur meine Lieblingsfarbe – und zur Sicherheit, falls du dich mal wieder nicht im Griff hast.“
Am nächsten Tag kriecht die Zeit nur langsam voran. Ich stürze mich in Arbeit, doch Daniels ständige Mails nagen an meiner Geduld. Schließlich werfe ich einen Blick in meinen Schrank – schlicht, elegant, nichts Überflüssiges, nur das, was ich brauche. Mein kleines begehbares Eckchen ist perfekt eingerichtet, von Daniel selbst.
Ein schwarzer, makelloser Anzug hängt bereit, darunter meine Lieblingssneaker, und ein kleiner Zettel steckt daran: „Ich weiß, wie sehr du die Dinger liebst. Und wehe, du machst sie kaputt. Küsschen, Dami.“
Ich muss lächeln, das erste richtige Lächeln des Tages. Arbeit bis zum Abend, dann eine heiße Dusche, das Wasser rinnt über meinen Körper, beruhigt die Anspannung, die in mir brodelt, und gleichzeitig lässt sie das Verlangen nur noch intensiver werden. Ich ziehe den Anzug an, Sneaker dazu, alles sitzt wie eine zweite Haut.
Das Auto fährt durch die Straßen, die Lichter der Stadt spiegeln sich auf der Windschutzscheibe. Mein Herz klopft schneller, ein Kribbeln wandert über meinen Rücken. Ich denke an sie, an die Wärme ihres Körpers, den Kampfgeist, den sie mir hoffentlich entgegensetzen wird.
Im Ashwood angekommen, sehe ich auf die Uhr. Punkt 21:00 Uhr. Ich atme tief ein, spüre die Kälte des Abends auf meiner Haut, das Adrenalin, das durch meine Adern jagt, und trete durch die Tür. Tisch 7 wartet – und mit ihm Curvy Charlotte.