Der letzte Wächterorden

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Summary

Liva wurde in der Welt der Menschen geboren, doch aus verzweifelter Hoffnungslosigkeit übergaben ihre Eltern sie als Wechselbalg den Arenari - einem Volk von uralten Mächten und dunklen Legenden. Doch das Schicksal hatte andere Pläne: Statt von den Arenari aufgenommen zu werden, fand Liva ihren Platz bei den Aerathari, dem ehrwürdigen Orden der Wächter, Hüter der letzten Überreste der Aenari. Die Aenari, einst von Elion, dem Gott der Schöpfung, ins Leben gerufen, bewahrten ein Fragment des Herzens der Erde - ein funkelndes, lebendiges Echo der Schöpfung selbst. Dieses magische Leben war nicht bloß ein Teil von Liva. Es war in ihr Schicksal eingewoben, wie ein unsichtbares Band, das sie zu einer Schlüsselgestalt zwischen den Welten und dem Erbe der Erde machte. Als ein brutaler Überfall fast alle Aerathari vernichtet, liegt es an Liva, das zerbrochene Herz zu bewahren. Doch ihr größter Feind sind nicht die dunklen Mächte, die sie umgeben sondern das Dunkel, das in ihr selbst wohnt und sie mit sich zu reißen droht. Auf ihrem Weg muss Liva nicht nur gegen äußere Bedrohungen kämpfen, sondern auch gegen die Schatten ihrer eigenen Seele und entdeckt Geheimnisse, die ihre Bestimmung für immer verändern werden.

Status
Ongoing
Chapters
13
Rating
5.0 1 review
Age Rating
18+

Prolog - Das Flüstern der Ewigkeit

Varius hetzte durch den Wald. Eiskristalle tanzten in der Luft und kündigten einen herannahenden Schneesturm an. Schon seit Tagen warteten die Menschen in der Stadt auf seine Ankunft und beobachteten, wie sich die Wolken immer bedrohlicher über die Bergkuppen wälzten, wie eine Meereswelle, ausgelöst durch ein Beben.Er konnte den Winter bereits riechen. Ein kaum zu beschreibender Geruch, der in der Nase brannte: frisch, schneidend und bitterkalt. Varius wusste, dass am nächsten Morgen, wenn die Nacht sich gelegt hatte und der Tag den Schleier der Dunkelheit vertrieb, die Heidesträucher unter einer feinen weißen Decke verborgen liegen würden.

Deshalb musste er sich beeilen, bevor ihn die Kälte packen und mit sich reißen würde.Bevor die Nacht über ihn hereinbrach, ihm die Sinne raubte und er zum Opfer der Natur wurde.Der junge Mann stolperte durch den dichten Wald, seine Beine kaum noch in der Lage, ihn zu tragen. Schon viel zu lange war er unterwegs. Seit Tagen kämpfte er sich bereits durch diese unbekannte Umgebung, ohne zu wissen, wohin genau sein Weg ihn führen sollte.

Der Wind griff nach der Kapuze seines dunkelgrünen, wollenen Umhangs, die er tief ins Gesicht gezogen hatte, und zerrte daran, als wolle er sie ihm entreißen.Die Eiseskälte nagte an der Spitze seiner Nase, an seinen Wangen , selbst seine Ohren blieben nicht verschont.Leicht fröstelnd versuchten seine Finger, deren Spitzen bereits taub geworden waren, dem Wind zu trotzen und zogen den Stoff fester über die geröteten Züge seines Gesichts.Dennoch schafften es die kleinen Kristalle - geformt in einer Schönheit die beinahe übernatürlich wirkte und von der jeder einzelne einzigartig erschien - auf seine Haut zu kriechen.Dabei presste Varius das kleine Bündel, das sich geschützt unter seinem Mantel befand, fester, fast verzweifelt, an sich, während er weiter durch das knorrige Dickicht eilte.

Immer wieder glitt sein Blick unsicher umher, selbst über seine Schultern hinweg, als müsse er sich vergewissern, dass ihn niemand verfolgte.Je tiefer er ins Dickicht des Unterholzes eindrang und je weiter er sich in dem dunklen Wald verlor, desto langsamer wurden seine Schritte.Sein Herz pochte heftig gegen seine Brust, weniger wegen der Anstrengung als vielmehr aufgrund der Nervosität, die langsam durch seine Adern kroch und seinen Geist vergiftete wie ein lähmendes Toxin.

Als er sich durch ein Dickicht aus Ästen kämpfte und sich vor ihm eine mächtige Buche auftat, blieb er stehen.Ehrfürchtig betrachtete er den breiten, von Moos bewachsenen Stamm, der von einem Blitz gespalten worden war, als hätten die Götter selbst ihre Wut an ihm entladen.Zu seinen Füßen hatte sich eine schützende Kuhle gebildet.Das Laub hatte der Baum bereits begonnen abzuwerfen, und die kahlen Äste wirkten wie lange, dürre Finger, die sich nach dem ausstreckten, was er in seinen Armen hielt.Bewegten sich die Äste etwa in seine Richtung?Oder war es nur Einbildung? Ein Trugbild, genährt von Erschöpfung und einem Körper, der ihm nicht mehr gehorchen wollte?

Zögernd trat der junge Mann näher, löste das Bündel aus seinem Mantel und bettete es behutsam in die Mulde.Ein Baby, eingehüllt in eine braune Wolldecke. Seine Mutter hatte sie selbst gestrickt, liebevoll Masche für Masche ineinander verwoben, um den Kind damit Wärme zu schenken.Sie hatte sich so sehr auf dieses Kind gefreut. Neun lange Monate auf seine Ankunft gewartet.

Doch je näher der Winter rückte, desto größer wurde ihre Angst.Ein Krieg war über das Land hereingebrochen und hatte unzählige Opfer gefordert.Varius und seine Frau mussten fliehen. Vor der Krone, ihren Soldaten und den dunklen Gestalten, die mit ihnen ins Land gekommen waren.

Nun hatten sie kein Zuhause mehr.Und das Kind würde den Winter in ihrer Obhut wohl nicht überleben.

Mit tränenverschleierten Blick betrachtete er seine Tochter ein letztes Mal. Das kleine Näschen, die zarten Linien ihrer rosa schimmernden Lippen und ihre Äugeln, gefärbt in ein sattes Blau mit goldenen Sprenkeln darin. Er strich ein letztes Mal über das blonde Haar, das Haar ihrer Mutter, und küsste das kleine Mädchen sanft auf die Stirn. Sie griff nach seinen Haaren, als wollte sie sich an ihren Vater festhalten, verhindern, dass er sie hier alleine zurückließ. Das Baby quengelte, als seine Lippen sich von ihr lösten und er einen Schritt zurücktrat.

„Lebe wohl, mein Herz.”

Varius – einst ein stolzer, ehrfürchtiger Mann – war nun bis in sein Innerstes gebrochen.Er drehte sich um und ließ den Blick noch einmal durch das Waldstück vor ihm schweifen.Er blickte vorbei an den Stämmen der meterhohen Koniferen, betrachtete das Gestrüpp, dessen verfärbte Blätter sich sanft im Wind wiegten.

Er wusste, dass er in diesem Teil des Waldes nicht allein war.Er spürte die Augen, die ihn aus der Dunkelheit heraus beobachteten.

Dennoch trat er, scheinbar furchtlos, vor, auch wenn seine Hände zu Fäusten geballt waren, um das Zittern seiner Finger zu verbergen.Mit fester Stimme sprach er in die schweigende Tiefe des Waldes:

„Ihr wurde der Name Livarra gegeben.Bitte... schenkt ihr ein Leben.“

Seine Worte hallten durch die Stille, bevor sie vom Heulen des herannahenden Sturms verschluckt wurden.

Doch der Wald schwieg. Kein Laut, kein Rascheln drang zu ihm durch.Und doch wartete Varius einen Moment länger, als hoffe er auf ein Zeichen.Sie mussten doch hier sein... oder nicht?Sie würden seiner Tochter doch helfen... oder?

Ehe seine Zweifel Wurzeln schlagen konnten, ehe seine eigenen Gedanken Zwietracht säen konnten, seufzte Varius leise.Ein letztes Mal ließ er den Blick zu dem kleinen Mädchen schweifen, dessen Aufmerksamkeit still auf seiner Gestalt ruhte.

„Wenn ihr sie nehmt, tut es mit Güte. Wenn ihr sie wandelt, tut es mit Gnade. Und wenn ihr sie verlasst, lasst sie sanft schlafen”, murmelte der Mann vor sich hin. Dabei schien sein Innerstes in tausend einzelne Bruchstücke zu zerbersten.

Schließlich wandte er sich ab und suchte seinen Weg zurück durch den aufziehenden Sturm.

Ein wachsames Augenpaar im Unterholz folgte den Mann dabei über die kleine Lichtung, bis der Mann schließlich zwischen den Büschen und aus dessen Blickfeld verschwand. Obwohl es noch hell war, schafften die ausladenden Äste der mächtigen Koniferen eine Dunkelheit unter den Bäumen.

Erst nachdem noch einige Minuten verstrichen waren und der junge Mann, dessen Gestalt in einen dunkelgrünen verschlissenen Wollmantel gehüllt und wohl kaum noch ausreichend Wärme spenden konnte, mit Sicherheit verschwunden war, traten die Augenpaare, die einem Wächter gehörten, aus dessen Versteck.

Sein Name war Arwan.Seit der junge Mann den Wald betreten hatte, folgte der Wächter dem Vater und beobachtete ihn aus der Ferne, geduldig, mit wachsamem Blick. Noch nie zuvor hatte sich ein Mensch in diesen Teil des Waldes verirrt. Für gewöhnlich ging es gegen ihre Instinkte, sich so weit hineinzutrauen. Kein Mensch mit einem rationalen Verstand wagte es sich durch dieses Dickicht zu kämpfen und sich hier her zu wagen.

Lautlos löste Arwan sich aus seinem Versteck und trat auf die verlassene Lichtung hinaus. Kein Laut begleitete seine Schritte, nur das leise Flüstern des Windes zwischen den Bäumen. Auch an seiner Gestalt zerrte die Eiserne Kälte, doch seine zum Teil aus dicken Leder und warmen Tierfell bestehende Kleidung, schenkte ihn Schutz. Vorsichtig näherte sich Arwan der Senke in der Mitte der Lichtung, einer flachen, mit Moos ausgekleideten Kuhle, in deren Innerem er den leblosen Körper eines Kindes erwartete. Frisch geboren, vermutlich erst wenige Tage alt.

Ein Wechselbalg, dargebracht für die Aenari.

War ein Kind zu schwach oder zu krank für die Welt der Menschen war, wurde es von Gläubigen den Feenvölkern übergeben, in der Hoffnung, sie könnten ihm neues Leben schenken. Nicht aus Grausamkeit, sondern aus jener stillen Verzweiflung, die in Liebe wurzelt.

So wurden die Schwächsten zu den Erwählten, und der Tod war nicht das Ende, sondern der Beginn eines anderen Pfades.

Um die Kuhle war ein Kranz aus Silberblatt gelegt. Ein uraltes Zeichen, das die Aenari rufen sollte. Drei Tropfen Milch und ein Streifen Mondgras lagen auf einem flachen Stein daneben: Gaben aus der Menschenwelt für die Anderswelt.

Meist lagen die Kinder regungslos da, in Leinentücher gewickelt, kaum mehr als ein Hauch von Leben. Die Haut war fahl wie die Asche vergangener Nächte, die Lippen blass, die Augen geschlossen.

Doch dieses Kind war nicht tot.

Dieses atmete. Nicht schwach und unregelmäßig, sondern schwer und stetig.

Es weinte nicht und doch war es eindeutig noch am Leben.Als Arwan in die Kuhle blickte, fuhr er erschrocken zurück. Das Kind regte sich, wandte langsam den Kopf und sah ihn an.

Helle Augen, klar wie zu gefrorenes Wasser, ruhten auf ihm. Kein Schreien verließ dabei dieses kleine Wesen, nicht ein einziges Wimmern kam über dessen Lippen. Nur ein stilles Lächeln umspielte dessen Züge.

Wie gebannt trat Arwan näher.Warum weinte es nicht?Warum hatte es denn keine Angst?

Das Mädchen streckte ihm die kleinen Finger entgegen, als hätte es auf ihn gewartet. Vorsichtig, fast widerwillig, hob er es auf und schlug die Decke zurück.

Ja. Es war ein Mädchen.

Er sollte es zurücklegen.So war es Brauch: Die Aenari würden nur jene empfangen, deren Zeit in dieser Welt bereits vorüber war.Die Kälte sollte ihren Teil vollenden.

Arwan hob den Blick zum Himmel. Schnee fiel in feinen Kristallen herab, langsam und lautlos. Sie legten sich auf die feinen Fasern der bräunlichen Decke, wie zerbrechliche Boten einer Entscheidung. Der Wind ließ in diesem Moment Milde walten, doch in seinem Flüstern lag die Stille eines Urteils.

Er könnte das Kind hier sterben lassen und in wenigen Stunden zurückkehren.Dann würde es den Aenari würdig sein.

Erneut legten sich eine eisernen Iriden auf das Kind in seinen Armen.

Es lebte. Und nicht nur das...es war stark. Es war kein Wechselbalg. Kein gebrochener Körper, dem man Erlösung schenken musste.

Warum hatte ihr Vater sie hergebracht?

Der Wächter sah sich um. Doch da war nichts, nur der Wald, der wie ein stilles Siegel vor ihm lag. Der junge Mann von vorhin war fort und hatte das Kind seinem Schicksal überlassen.

Arwan zögerte. Dann schloss er die Augen, atmete einmal tief durch und entschied.

Er wickelte das Mädchen unter seinen Mantel, dicht an die Brust, spürte den starken Herzschlag gegen seine Haut.

Dann drehte er sich um und lief.Durch den Schnee, durch den stummen Wald, fort von den uralten Pfaden. Fort von der Lichtung, auf der das Kind dem Tod übergeben worden war.